Chancen und Grenzen der Patientinnen-Mitbestimmung - Teil 2 - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 22.07.2011

Chancen und Grenzen der Patientinnen-Mitbestimmung - Teil 2
Ilka Fleischer

Dr. Maren Stamer, wiss. Mitarbeiterin in der Arbeits- und Koordinierungsstelle Gesundheitsversorgungsforschung und Mitglied im AK Genderperspektiven Public Health (Uni Bremen), im E-Interview



AVIVA-Berlin: Weltweit gibt ein Viertel der PatientInnen an, dass √Ąrzte/√Ąrztinnen ihre Fragen nicht ausreichend beantworten, sie nicht in die Entscheidungen bez√ľglich der Behandlung miteinbeziehen und medizinische Fachbegriffe verwenden, ohne sie zu erkl√§ren (vgl. Studie von SSI und TRiG). Wie k√∂nnte das patientInnenseitige Bed√ľrfnis nach mehr Information und Partizipation √§rztlicherseits besser erf√ľllt werden?

Maren Stamer: Denkbar ist zum Beispiel, dass zu Anfang der Gespr√§che zwischen √Ąrzten/√Ąrztinnen und Patienten/Patientinnen gekl√§rt wird, welche Themen er√∂rtert werden sollen und welche Fragen bestehen. Gemeinsam festgelegt werden kann in dem Zusammenhang auch, in welcher Reihenfolge die m√∂glicherweise unterschiedlichen Themen oder thematischen Facetten besprochen werden sollen. Vielleicht ist die Verabredung eines Folgetermins erforderlich, da nicht alle offenen Fragen im Rahmen eines Gespr√§chs er√∂rtert werden k√∂nnen. Das Vorgehen erm√∂glicht, dass √§rztliche und patienten-/patientinnenseitige Anliegen dargelegt und miteinander abgestimmt werden. Dies kann dazu beitragen, bestehende Erwartungen angemessener zu ber√ľcksichtigen.

© Grafik: Techniker Krankenkasse



AVIVA-Berlin: Laut der EUROCOM-Studie zur "Arzt-Patient-Kommunikation" in sechs europ√§ischen L√§ndern (1996) dominieren in Deutschland kurze und h√§ufige Gespr√§che zwischen PatientIn und Hausarzt/-√§rztin. Arbeitsbelastung und -unzufriedenheit der √Ąrzte/√Ąrztinnen seien in Deutschland "bei weitem am h√∂chsten". Abgeleitet wird daraus, dass eine Ver√§nderung der Zeittakte ‚Äď f√ľr PatientInnen und √Ąrzte/√Ąrztinnen ‚Äď ressourcensparend und gesundheitsf√∂rdernd sein k√∂nnte. Ist "Zeit" nicht ein entscheidender Faktor bei "SDM"?

Maren Stamer: Sicherlich ist "Zeit" ein entscheidender Faktor in der Gestaltung von Versorgungsprozessen. Im Gespr√§ch zwischen Arzt/√Ąrztin und Patient/Patientin gemeinsam abzuw√§gen und zu beraten, welcher Behandlungsweg sich bezogen auf den einzelnen Menschen als am angemessensten erweist, braucht Zeit. Ein "Mehr" an Zeit f√ľr partizipativ gestaltete Begegnungen erscheint auch deshalb erforderlich, weil ein solches Vorgehen noch keine Tradition hat und insofern f√ľr alle Beteiligten ‚Äď √Ąrzte/√Ąrztinnen wie auch Patienten/Patientinnen ‚Äď noch ungewohnt ist. Vor allem stellt sich die Frage, wie die vorhandene Zeit unter Gesichtspunkten gr√∂√ütm√∂glicher Partizipation bestm√∂glich genutzt werden k√∂nnte. Vielleicht w√§ren seltenere aber daf√ľr l√§ngere Gespr√§che f√ľr beide Beteiligte manchmal w√ľnschenswerter und zufrieden stellender. Jedoch h√§ngen Fragen der H√§ufigkeit und der L√§nge wesentlich auch vom Versorgungsanlass ab, so dass dazu keine abstrakte oder pauschale Antwort gegeben werden kann. Erforderlich erscheint vielmehr eine immer wieder neue Aushandlung des gemeinsamen Vorgehens zwischen den an der Versorgung beteiligten Akteuren/Akteurinnen.


AVIVA-Berlin: Bei SDM liegt auf der Hand, dass es ‚Äď neben dem Faktor "Zeit" ‚Äď eines (gesellschaftlichen und kulturellen) Rahmens bedarf, der das demokratische Miteinander von √Ąrzten/√Ąrztinnen und Patienten/Patientinnen f√∂rdert. Welcher Voraussetzungen bedarf es f√ľr eine Verwirklichung von "SDM" in der medizinischen Versorgung?

Maren Stamer: Neben einer Bef√∂rderung √§rztlicher Gespr√§chskompetenzen, zum Beispiel einer generell st√§rkeren Ber√ľcksichtigung von Kommunikation in √§rztlicher Aus-, Fort- und Weiterbildung, erscheint es mir wichtig, das "Richtig-Falsch-Paradigma" in der Medizin zu hinterfragen und anzuerkennen, dass es ‚Äď von Notfallsituationen abgesehen ‚Äď weitgehend der gemeinsamen Aushandlung √ľber ein bestm√∂gliches Vorgehen bedarf. Dabei muss zugleich gesichert sein und bleiben, dass √Ąrzte und √Ąrztinnen mit dem jeweils aktuellen Fachwissen vertraut sind.

Dem Ansatz der Partizipation ist innewohnend, dass Ver√§nderungen sowohl auf Seiten der √Ąrzte/√Ąrztinnen als auch auf Seiten der Patienten/Patientinnen erforderlich sind. Denkbar w√§ren zum Beispiel Fortbildungen oder Workshops, in denen sich √Ąrzte/√Ąrztinnen und Patienten/Patientinnen gemeinsam dar√ľber austauschen, wie eine Gespr√§chskultur gestaltet sein k√∂nnte, die √ľber eine wechselseitige √úbermittlung von Informationen und der Hoffnung auf ein wechselseitiges Verstehen hinausgeht. Ein Pilotprojekt dieser Art wurde 2009 bereits erfolgreich durchgef√ľhrt.

Weitere Ans√§tze f√ľr eine Verwirklichung von "SDM" k√∂nnten zum Beispiel in der Aufbereitung von zus√§tzlichem Informationsmaterial, in der Entwicklung weiterer Instrumente zur Unterst√ľtzung von Entscheidungsprozessen (siehe Kasten Entscheidungshilfen), in der Durchf√ľhrung weiterer Forschungsprojekte zu dem Thema wie auch in der Ber√ľcksichtigung des Konzeptes "SDM" in Leitlinien liegen.


ENTSCHEIDUNGSHILFEN f√ľr PatientInnen von www.patient-als-partner.de
Brustkrebs:

Brusterhaltende Therapie oder Brustentfernung

Entscheidungshilfe zu Mammographie

Informationen zur Fr√ľherkennungs-Untersuchung mit Mammographie

Darmkrebs Fr√ľherkennung/Vorsorge:

Informationen zur Fr√ľherkennung von Darmkrebs

Geb√§rmutterhalskrebs Fr√ľherkennung/Vorsorge:

Die HPV-Impfung: Soll meine Tochter geimpft werden? Soll ich mich impfen lassen?

Herzkreislauferkrankungen:

Absolute und Relative Risikoreduktion: individuelle Beratung in der Allgemeinpraxis

Depression:

Kurz-Informationen f√ľr Patienten mit depressiven Erkrankungen

Entscheidungshilfe (Decision Aid) f√ľr die Behandlung depressiver Patienten

Demenz:

Therapie von Demenz (Demenzleitlinien)



AVIVA-Berlin: "Patienten-Leitlinien" finden in Deutschland immer mehr Verbreitung. Vor allem aber wird das Internet zunehmend zum "virtuellen Wartezimmer". Nach einer aktuellen repr√§sentativen Gesundheitsstudie der Kommunikationsagentur MSL Germany und des Marktforschungsinstituts SKOP befragen 41 Prozent der deutschen Online-Bev√∂lkerung das Internet vor einem Arzt-/√Ąrztinbesuch und 31 Prozent nach einem Termin Welche M√∂glichkeiten haben PatientInnen dar√ľber hinaus, den SDM-Prozess aktiv mitzugestalten?

Maren Stamer: Die Patienten/Patientinnen-Leitlinien (siehe Kasten oben) sind ‚Äď da, wo vorhanden ‚Äď sicher schon mal ein guter Ansatzpunkt. Eine weitere M√∂glichkeit besteht darin, sich auf das Gespr√§ch mit der √Ąrztin/dem Arzt vorzubereiten, z.B. im Vorfeld Fragen oder Themen zu notieren, √ľber die eine Patientin/ein Patient w√§hrend der Konsultation sprechen m√∂chte. Ein solches Vorgehen wird seit langem von Akteuren und Akteurinnen z.B. im Kontext von Beratungsstellungen und Selbsthilfeverb√§nden empfohlen. Denkbar ist zum Beispiel auch, mit dem Arzt/der √Ąrztin zu vereinbaren, dass - gerade bei Entscheidungen, die als kompliziert erlebt werden - das gemeinsam verabredete Vorgehen (und damit auch der Behandlungsplan) schriftlich festgehalten werden.


AVIVA-Berlin: In den USA, in Gro√übritannien und in den Niederlanden ist das Thema SDM seit Jahrzehnten etabliert und in vielerlei Hinsicht bereits gut implementiert. In unserem Nachbarland wurde z.B. erst k√ľrzlich ein umfangreiches SDM-Portal gelauncht. Welche Best-Practice-Beispiele f√ľr SDM gibt es in Deutschland?

Maren Stamer: Ein Best Practice Beispiel f√ľr SDM in Deutschland stellt meines Erachtens das Konzept "arriba" dar, das von den Abteilungen f√ľr Allgemeinmedizin der Universit√§ten Marburg, D√ľsseldorf und Rostock entwickelt wurde. Arriba steht f√ľr "Absolute und Relative Risikoreduktion: individuelle Beratung in der Allgemeinarztpraxis" und wurde f√ľr die haus√§rztliche Beratung zur Pr√§vention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen konzipiert. Es zeichnet sich nicht nur durch M√∂glichkeiten der Absch√§tzung von Erkrankungsrisiken aus, sondern auch durch eine Unterst√ľtzung der professionellen Akteure und Akteurinnen im Hinblick auf die Kommunikation von Risiken mit Patienten und Patientinnen. Das vom Bundesministerium f√ľr Bildung und Forschung gef√∂rderte Konzept ist mit dem Richard-Mertens-Preis und mit dem Berliner Gesundheitspreis 2008 ausgezeichnet worden.


AKTUELLE ZAHLEN & FAKTENweltweit:
  • zwei Drittel der PatientInnen f√ľhlen sich von ihren √Ąrzten/√Ąrztinnen nicht gut behandelt (1)

  • ein Viertel der PatientInnen f√ľhlt sich in die Entscheidungen bez√ľglich der Behandlung ausreichend einbezogen (1)

  • 46 % der PatientInnen geben an, die √Ąrzten/√Ąrztinnen m√ľssten den Behandlungsverlauf und die m√∂glichen Nebenwirkungen besser erl√§utern (1)

  • 44 % der PatientInnen sind besonders unzufrieden mit der begrenzten Zeit, die die √Ąrzten/√Ąrztinnen ihnen zur Verf√ľgung stellen (1)

in Deutschland:
  • 95 % sind mit ihrem Arzt/ihrer √Ąrztin "unter dem Strich zufrieden" (2)

  • zwei von drei PatientInnen haben die Gelegenheit, mit ihrem Arzt/ihrer √Ąrztin die Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungsalternativen zu diskutieren (2)

  • Fast jede/r zweite Erwachsene in Deutschland glaubt, dass es nicht in seiner/ihrer Macht liegt, krank oder gesund zu bleiben

  • 41 % der deutschen Online-Bev√∂lkerung befragen das Internet vor einem Arztbesuch, 31 Prozent nach einem Termin (3)

  • 40 % gehen davon aus, dass informierte PatientInnen eher bereit sind, Geld in Therapien und Medikamente zu investieren (3)

Quellen:
  1. SSI/TRiG 2011

  2. WINEG 2010

  3. MSL/SKOPOS 2011




AVIVA-Berlin: In Ihrem aktuellen Buch beschreiben Sie den Zusammenhang zwischen √§rztlichen Haltungen im Umgang mit Entscheidungen und mit medizinischem Wissen im Behandlungsprozess. Hand auf‚Äôs Herz: Wenn Sie eine lebensbedrohliche Krankheit, aber nur die Wahl zwischen einem Nerd wie Dr. House und einem/r empathisch-demokratischen Arzt/√Ąrztin mit geringem medizinischen Know-how h√§tten ‚Äď zu wem w√ľrden Sie gehen?

Maren Stamer: Trotz aller Hochachtung f√ľr den omni-kompetenten Dr. House :-) w√ľrde ich grunds√§tzlich nach einem/r empathisch-demokratischen Arzt/√Ąrztin mit medizinischem Know-how suchen. Und wahrscheinlich w√ľrde ich mich fragen, was f√ľr mich in der jeweiligen Situation von zentraler Bedeutung ist ‚Äď ein Gespr√§ch oder auch eine √ľber das Gespr√§ch hinausgehende Intervention ‚Äď und mich dann entsprechend f√ľr die Begegnung mit dem/der einen und/oder anderen Arzt/√Ąrztin entscheiden.


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

1. Teil des Interviews

Interviews Beitrag vom 22.07.2011 Ilka Fleischer 

   




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