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AVIVA-BERLIN.de im April 2018 - Beitrag vom 14.02.2011

Interview mit Aisha Franz
Anna Hohle

Mit "Alien" brachte Aisha Franz im Januar 2011 eine poetische, melancholische und tiefgr√ľndige Graphic Novel auf den deutschen Comicbuchmarkt. Mit AVIVA-Berlin sprach sie √ľber Frauen in der...



... deutschen Comiclandschaft, Traumwelten im Großstadtalltag und das unausweichliche Scheitern der Kommunikation.

1984 in F√ľrth geboren, studierte Aisha Franz Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel mit dem Schwerpunkt Comic und Illustration. Sie ver√∂ffentlichte bereits in den Comic-Anthologien (KU)Ňú! und Orang. Alien ist ihre erste Buchver√∂ffentlichung. Darin erz√§hlt die Zeichnerin in poetischen Bildern aus dem Leben einer Mutter und ihrer beiden T√∂chter vor dem Hintergrund einer Kleinstadt-Tristesse: W√§hrend die √§ltere Schwester erste sexuelle Erfahrungen macht und der Monotonie des Alltags entfliehen m√∂chte, tr√§umt sich die j√ľngere in eine von Au√üerirdischen bev√∂lkerte Fantasiewelt. Mutter Doris trauert derweil ihren durch fr√ľhe Mutterschaft verpassten Chancen auf ein vermeintlich gl√ľcklicheres Leben nach.

AVIVA-Berlin: Alien ist deine erste Buchveröffentlichung, und sie ist gleich sehr umfangreich. Wie kamst du auf das Thema und wie lange hast du an der Geschichte gezeichnet?

Aisha Franz: Im Zuge meiner Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Kassel wollte ich ein gr√∂√üeres Projekt in Angriff nehmen. Den Anfang bildete die Zeichnung eines M√§dchens mit einem Alien, die eher zuf√§llig entstanden ist. Sie gefiel mir und ich dachte: Warum nicht daraus eine Geschichte machen? Ich hatte urspr√ľnglich gar nicht geplant, so eine lange Coming of Age -Story zu entwickeln! Sie ist in dieser Form von selbst ‚Äď im Prozess des Zeichnens ‚Äď entstanden. Ich finde es unglaublich spannend, wenn ich merke, wie die Charaktere irgendwann damit beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln, selber zu erz√§hlen. Ich als Zeichnerin wurde fast zu einer Art Zuschauerin, die nur versucht hat, am Ende alles in eine Form zu packen, die auch f√ľr die Leser interessant ist.
Insgesamt habe ich ein Jahr intensiv an Alien gearbeitet.

AVIVA-Berlin: Lange Zeit galten Comics in Deutschland als Trivialliteratur: unterhaltsam aber anspruchslos. Anders als beispielsweise in Frankreich, wo der Comic schon l√§nger als ernsthafte Literatur angesehen wird. Hast du das Gef√ľhl, dass sich bei uns in den letzten 10 Jahren in dieser Hinsicht viel ver√§ndert hat?

Aisha Franz: Ja, es hat sich viel ge√§ndert und ich vermute, es wird sich auch zuk√ľnftig noch viel √§ndern. Als ich vor sieben Jahren mit dem Studium begann, war der Umgang mit dem Medium Comic noch nicht so allgegenw√§rtig. Mittlerweile passiert sehr viel in dem Bereich, Graphic Novels wie "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" von Ulli Lust werden in den Feuilletons besprochen. Dadurch, dass immer mehr Comics entstehen, kommen viele erst auf die Idee, auch in diesem Bereich zu arbeiten. Ich war √ľbrigens fr√ľher selbst keine Comic-Leserin. Ich wollte eigentlich eher in den Bereich Zeichentrick gehen und habe dann gemerkt, dass man mit Comics viel mehr in k√ľrzerer Zeit erz√§hlen kann.

AVIVA-Berlin: Interessant. Ich hätte mir jetzt vorgestellt, du wärst auch in der Kindheit schon eine eifrige Comic-Leserin gewesen.

Aisha Franz: Nein, Comicleserin wirklich nicht. Lustigerweise habe ich k√ľrzlich entdeckt, dass ich schon als Kind eine Art "Comics" gezeichnet habe. Wenn ich damals zeitliche Abl√§ufe darstellen wollte, habe ich manchmal auf Formen zur√ľckgegriffen, die mich heute an Panels erinnern.

AVIVA-Berlin: Das Medium Comic erschien dir an einem gewissen Punkt als ideales Mittel, um Geschichten zu erzählen?

Aisha Franz: Ja, im Comic kann man mehr als in anderen Medien mit Text, Bild und Timing spielen. Man konstruiert eine eigene Welt, ist gleichzeitig Regisseurin, Schauspielerin und Requisiteurin, kann sich alles erschaffen. Das finde ich faszinierend.

AVIVA-Berlin: Die Werke der "klassischen" Comicliteratur aus Belgien, Frankreich und den USA stammen s√§mtlich von m√§nnlichen Autoren. Wenn wir heute durch die Kataloge der Verlage bl√§ttern, sind zwar schon einige Comic-Autorinnen vertreten, aber sie sind immer noch in der Minderheit. Denkst du, dass Comics von Frauen in der Branche schwerer akzeptiert werden, Autorinnen sich mehr durchsetzen m√ľssen als die m√§nnlichen Kollegen?

Aisha Franz: Nein, das Gef√ľhl habe momentan eigentlich √ľberhaupt nicht, eher im Gegenteil. Ich beobachte, dass zurzeit sehr viele gute Comics von Frauen entstehen. Bei Comicmessen in Deutschland und Frankreich lerne ich viele tolle Zeichnerinnen kennen.

AVIVA-Berlin: Gibt es darunter bestimmte Vorbilder f√ľr dich?

Aisha Franz: Vorbild ist vielleicht nicht das richtige Wort, auch, da ich ja selbst relativ sp√§t zum Comiclesen gekommen bin. Ich mag zum Beispiel sehr die israelische Zeichnerin "Rutu Modan", die Finnin Amanda V√§h√§m√§ki und nat√ľrlich "Marjane Satrapi". Ich w√ľrde sie nicht als Vorbilder bezeichnen, aber beeinflusst haben sie mich sicher.

AVIVA-Berlin: Siehst du einen Unterschied zwischen Comics weiblicher Autorinnen und denen männlicher Kollegen - sowohl was den Zeichenstil als auch, was die Themenwahl betrifft?

Aisha Franz: Schon, ja. Ich denke da vor allem an die Themen. Autorinnen erz√§hlen mehr √ľber und aus der Sicht von Frauen und M√§dchen. Obwohl es auch ein paar m√§nnliche Autoren wie Daniel Clowes mit Ghost World gibt, die glaubhaft aus einer weiblichen Perspektive erz√§hlen. Bei den Autorinnen kommt vielleicht noch eine ungreifbare weibliche Ebene hinzu. Das kann man aber schwer beschreiben.

AVIVA-Berlin: Also eher keine Superhelden-Comics?

Aisha Franz: Nein, eher nicht. Aber warum nicht auch Superhelden-Comics von Autorinnen ‚Äď das f√§nde ich sogar ganz gut.

AVIVA-Berlin: Reden wir √ľber dein Buch. Die Aufteilung in zw√∂lf quadratische, direkt aneinander anschlie√üende Panels pro Seite ist ja eher ungew√∂hnlich. Wieso hast du gerade dieses Format gew√§hlt?

Aisha Franz: Ich hatte in dieser Form eigentlich zuerst nur das Raster f√ľr das Storyboard angelegt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich diesen Aufbau ganz sch√∂n finde - f√ľr die Geschichte auch passender als eine klassische Panel-Aufteilung. Ich hatte eigentlich zun√§chst kein wirkliches Programm, sondern habe eher Seite f√ľr Seite gedacht.

AVIVA-Berlin: Alien ist eine Geschichte, in der es viel um Ver√§nderungsprozesse, um Entwicklungen geht. Die beiden Schwestern realisieren, dass bestimmte Phasen ihres Lebens enden. Kennst du dieses Gef√ľhl aus eigener Erfahrung: dass man eine bestimmte Lebensphase festhalten will und trotzdem sp√ľrt, dass sie vorbei gehen muss?

Aisha Franz: Ja, ansatzweise schon. Bei der kleineren der Schwestern stellt sich das Ganze eher als eine nicht aufzuhaltende Entwicklung dar, auch als etwas K√∂rperliches, und so seltsam dieses Neue auch ist: Es kommt einfach. Bei der √§lteren Schwester ist es √§hnlich, aber sie versucht auch ein wenig, Entwicklung zu erzwingen und ger√§t dabei in einen Leerlauf. Das ist eine Situation, die, glaube ich viele aus dem Alter kennen: Man kann nicht zur√ľck, aber auch nicht richtig nach vorne. Man fokussiert sich auf bestimmte Dinge, denkt, "das muss ich jetzt durchziehen", wei√ü dabei aber gleichzeitig nicht, ob das nun eigentlich das Richtige f√ľr einen ist.

AVIVA-Berlin: Hast du dir schon einmal gew√ľnscht, die Zeit zur√ľck drehen zu k√∂nnen, um bestimmte Entscheidungen r√ľckg√§ngig zu machen?

Aisha Franz: Nein, in dieser extremen Form nicht. Bei den Figuren der T√∂chter ist nat√ľrlich auch Eigenes eingeflossen, √Ąngste und Probleme, die ich hatte, Fragen, die ich mir in √§hnlicher Weise gestellt habe. Was Doris erlebt, kann ich ja allein altersm√§√üig noch nicht nachvollziehen. Aber es ist vielleicht eine Angst, die viele in sich tragen: dass es einmal so oder √§hnlich kommen k√∂nnte, dass man W√ľnsche und Bed√ľrfnisse in der Lebensplanung zu lange verdr√§ngt und pl√∂tzlich keinen Einfluss mehr darauf hat. Ich kenne √§hnlich krisenhafte Situationen auch aus Gespr√§chen mit Bekannten. Wenn lange Verdr√§ngtes pl√∂tzlich in ein scheinbar perfektes Leben einbricht und die Fassade zu br√∂ckeln beginnt.

AVIVA-Berlin: Jede der drei Protagonistinnen in Alien befindet sich in einer √Ąngste ausl√∂senden Umbruchsituation, leidet aber gewisserma√üen f√ľr sich allein. Als LeserIn fragt man sich: Warum sprechen sie nicht miteinander, erz√§hlen sich von ihren √Ąngsten und Sorgen? Ist Miteinandersprechen manchmal einfach nicht m√∂glich?

Aisha Franz: Im Falle von Alien stellt sich die Situation ja so dar, dass sich die gesamte Handlung auf nur einen Tag konzentriert, an dem sich im Leben jeder Einzelnen Einschneidendes ereignet. Und man kennt es ja: Wenn man sehr mit sich selbst besch√§ftigt ist, verschlie√üt man sich eher. So geht es auch den drei Protagonistinnen. Die j√ľngere Tochter ist ja sowieso sehr zur√ľckgezogen und die zweite in einem Alter, in dem man von Natur aus eher eine Abwehrhaltung einnimmt. Von der Mutter w√ľrde man nun vielleicht ein gr√∂√üeres Feingef√ľhl "erwarten", den Versuch, ein Gespr√§ch zu initiieren. Aber auch sie steckt in einer akuten Krise, ihr Leben bricht in gewisser Weise ein und ihre Gedanken kreisen um essentielle Weichenstellungen in ihrer Vita. Das macht auch ihr diesen Schritt unm√∂glich.
Es stimmt also, in akuten Krisenzeiten ist Miteinandersprechen manchmal einfach nicht möglich. Ich habe allerdings versucht, das Ende in dieser Hinsicht auch etwas versöhnlich zu gestalten.

AVIVA-Berlin: Eine isolierte Kreatur ‚Äď ausgesetzt in einem fremden Universum, dessen Sprache und Regeln sie nicht versteht. Wie viel eines Aliens steckt in jeder/m von uns?

Aisha Franz: Es ist nicht zu bestreiten, dass diese unausweichlichen Kommunikationshindernisse existieren. Das ist in gewisser Weise etwas sehr Menschliches, und gerade in Krisen- und Umbruchzeiten fällt Kommunikation besonders schwer.

AVIVA-Berlin: Die Mutter in Alien heißt Doris, die beiden Mädchen bleiben jedoch namenlos. War das beabsichtigt?

Aisha Franz: Ja, √Ąhnliches gilt auch f√ľr den Ort, an dem die Geschichte spielt. Ich wollte ihn bewusst schemenhaft und anonym halten, so dass er keinen und zugleich viele Orte repr√§sentieren kann. Jeder Name, den man vergibt, weckt automatisch Assoziationen und Zuschreibungen, und das wollte ich vermeiden. Doris tr√§gt als Einzige einen Namen. Das h√§ngt auch damit zusammen, dass sie eine Person repr√§sentiert, die sich selbst bereits als "festgenagelt" empfindet. Auch ihr Alter Ego spricht sie mit diesem Namen an.

AVIVA-Berlin: Alien hat mich ein wenig an David Lynch-Filme erinnert oder die B√ľcher von Haruki Murakami. Das Unheimliche, Fantastische bricht in Episoden in den Alltag ein, wirkt jedoch nicht deplaziert, sondern v√∂llig selbstverst√§ndlich. War diese Wirkung beabsichtigt?

Aisha Franz: Ich finde, das Fantastische, Traumwelten, geh√∂ren in gewisser Weise zur Realit√§t. Ich habe solche Sequenzen auch genutzt, um bestimmte Abl√§ufe pr√§gnanter darzustellen, beispielsweise die mit Niedlichkeits-Attributen √ľberzeichnete Kindheitswelt, in die die beiden Freundinnen zur√ľckversetzt werden. Traumwelten geh√∂ren ja zur Kindheit, dort sind sie ganz pr√§sent.
Aber auch im Erwachsenenalter verschwinden sie nicht v√∂llig. Allein der Alltag in der Stadt ist nach meinem Empfinden voll von solchen leicht surrealen Situationen, in denen man etwas fl√ľchtig sieht und sich fragt: "Was war das denn?"
Vielleicht ist das auch ein unbewusster Einfluss von Medien wie den David Lynch-Filmen. Ich mag es, wenn die Grenzen zwischen diesen Traumwelten und der Wirklichkeit verschwimmen, die Realität bröckelt oder einbricht.

AVIVA-Berlin: Hat es dir Spa√ü gemacht, an so einem umfangreichen Comicroman zu arbeiten? Planst du √§hnliche Projekte f√ľr die n√§chste Zeit?

Aisha Franz: Ich muss sagen, im Moment f√§llt es mir fast schwer, wieder kurze Comics zu machen! Obwohl ich auch das mag. Ich habe schon Ideen f√ľr ein neues Buch, was wahrscheinlich wieder etwas l√§nger werden wird. Die Arbeit an Alien hat mir gezeigt, dass es gro√üen Spa√ü machen kann, so lange intensiv an einem Projekt zu arbeiten.

AVIVA-Berlin: Eine letzte Frage: Auf deiner Website erwähnst du, dass du nach einem TV-Elefanten benannt wurdest? Wie kam es denn dazu?

Aisha Franz: Meine Eltern haben damals vor meiner Geburt im Fernsehen eine Dokumentation √ľber eine Frau gesehen, die in Kenia eine Aufzuchtstation f√ľr Elefantenbabys betrieb. Eines davon hie√ü Aisha. Meine Eltern kannten den Namen damals gar nicht, fanden ihn aber so sch√∂n, dass sie mich so genannt haben. Ich habe sogar mal etwas recherchiert, aber leider nie rausgefunden, wie diese Sendung genau hie√ü.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f√ľr das anregende Gespr√§ch und viel Erfolg f√ľr deine n√§chsten Projekte!

Weitere Infos und Kontakt unter: www.fraufranz.com

Rechts: Aisha Franz. Links: Anna Hohle, AVIVA-Berlin. © Sharon Adler


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Aisha Franz - Alien"

Interviews Beitrag vom 14.02.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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