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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 07.07.2009

Interview mit Iris Berben
Silvy Pommerenke

Iris Berben kommt im Herbst 2009 mit dem Psychodrama "Es kommt der Tag" auf die Leinwand. Darin geht es um eine Ex-Terroristin, die sich unerkannt in Frankreich ein neues Leben aufgebaut hat ...



... und dennoch drei├čig Jahre sp├Ąter von ihrer Vergangenheit eingeholt wird: Ihre Tochter Alice (Katharina Sch├╝ttler) konfrontiert sie mit der Schuldfrage, warum sie sie damals zur Adoption freigegeben hat und wie weit jemand f├╝r seine Ideale gehen darf. AVIVA-Berlin traf die ├Ąu├čerst charmante und facettenreiche Schauspielerin und f├╝hrte ein Gespr├Ąch ├╝ber Philosophie, Politik und Paul, ihren Jack-Russell-Terrier.

AVIVA-Berlin: Seit wann geben Sie heute schon Interviews?
Iris Berben: Seit zw├Âlf, aber ich bin v├Âllig entspannt, denn ich bin gerade vor zwei Tagen aus Vietnam gekommen. Das bringt auf eine Weise diese ber├╝hmte asiatische Ruhe mit sich, und auf der anderen Seite bedeutet es, sich hier in dieser westlichen Welt neu zu orientieren.
AVIVA-Berlin: Waren Sie in Vietnam auf Urlaub?
Iris Berben: Nein, beim Dreh.

AVIVA-Berlin: Kommen wir zu Ihrem aktuellen Film "Es kommt der Tag". Es geht darin um Judith, die vor drei├čig Jahren aus politischen Gr├╝nden in den Untergrund gegangen ist und ihr Kind Alice zur Adoption freigegeben hat. In der Gegenwart ÔÇô Judith hat mittlerweile einen Mann und zwei Kinder - treffen Mutter und Tochter aufeinander. Auf Dr├Ąngen Alices verl├Ąsst Judith ihre Familie, um sich der Polizei zu stellen, aber das Ende bleibt offen. Wie k├Ânnte es aussehen?
Iris Berben: Ja, das Ende bleibt offen. Zwischen der Autorin Susanne Schneider, die gleichzeitig auch die Regisseurin ist, und mir gibt es eine unterschiedliche Haltung. Ich kann Ihnen da keine klare Antwort geben. Susanne Schneider sagt: "Judith geht nicht, sie wird sich nicht stellen." Und ich sage: "Gut, aufgrund der moralischen Verpflichtung, die es in unserer Gesellschaft gibt und in der sie sich jetzt auch drei├čig Jahre befindet, ist es f├╝r sie notwendig, sich zu stellen." Das Problem ist, dass die Selbstanzeige von Judith sofort die Zerst├Ârung der eigenen Familie beinhalten w├╝rde. Die Zerst├Ârung von drei weiteren Leben. Das Dilemma ist nun: Rechnet man auf? Das Leben eines Toten, den man vor drei├čig Jahren ermordet und seine Familie, die man mit auf dem Gewissen hat, gegen drei├čig Jahre und das eigene neue Leben? Diese Frage macht mich verr├╝ckt! Es ist fast eine philosophische Frage. Ich denke: Sie muss sich stellen. Obwohl ich wei├č, dass sie drei Leute mit hineinzieht, deren Leben von diesem Moment an nat├╝rlich auch zerst├Ârt sind.

AVIVA-Berlin: Judith begeht den "Fehler" der Vergangenheit ein zweites Mal und verl├Ąsst ihre Kinder. Ist es die Aussage des Filmes, dass sich Geschichte immer und immer wieder wiederholt, ohne dass man einen Neuanfang machen kann?
Iris Berben: Sie fragen danach, ob sich Geschichte wiederholt? Ja, wir lernen wohl wirklich nicht aus den Vorkommnissen. Ich wei├č, warum ich so viele Lesungen gegen das Vergessen mache: Die schlimmste Erkenntnis, die ich als junger Mensch hatte, war die, dass man effektiv aus gar nichts lernt. Die unmittelbare Generation, die etwas erlebt hat, f├╝r die ist es auch die Lehrgeschichte. Die Generation danach muss ihre eigene Erfahrung machen, sich die eigene Verantwortung als Haltung und als Statement erst wieder suchen.

AVIVA-Berlin: Ist die Behauptung, dass die heutige junge Generation so unpolitisch und die 68er Generation so politisch gewesen sein soll, nicht ein Trugschluss? Damals war ja nur ein kleiner Teil der Studentenbewegung politisch motiviert, w├Ąhrend die meisten versucht haben, sich in dem Wirtschaftswunderland zu installieren.
Iris Berben: Sie haben Recht. Ich bin damals fast zwei Jahre mitgelaufen, aber f├╝r mich war das nach elf Jahren Internat ein Ventil. Das war keine politische Motivation. Im Nachhinein fing ich erst an, dar├╝ber nachzudenken. Wir haben uns f├╝r "Es kommt der Tag" im Vorfeld viel mit Dokumentationen ├╝ber Terroristen besch├Ąftigt, da gibt es ja einige, beispielsweise die von Hans-Joachim Klein. Bei manchen war es damals Wut, bei anderen die M├Âglichkeit heimzuzahlen. Aber Sie haben ganz Recht. Wie klein war denn der Kreis der politisch Motivierten? Mich ├Ąrgert es heute allerdings, dass bei der Beschreibung der 68er reflexartig das Wort Terror und Terrorismus kommt. Das stimmt nat├╝rlich nicht, es war eine Zeit, die etwas aufgebrochen, die hinterfragt hat, und zwar mit einer anderen Form des Widerstandes und Obrigkeitsdenkens. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Lehrer das letzte Wort hatten.

AVIVA-Berlin: Haben Sie damals schon so reflektiert ├╝ber diese Zeit gedacht, oder ist das jetzt erst die Weisheit des Alters?
Iris Berben: Nein, das ist gewachsen. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich aus einem Instinkt heraus gehandelt und nicht aus einer politischen Motivation.

AVIVA-Berlin: Sie haben selbst einen Sohn - k├Ânnten Sie sich vorstellen, dass es eine politische Situation gibt oder eine politische Notwendigkeit, wo Sie ihr eigenes Kind verlassen oder zur Adoption freigeben w├╝rden?
Iris Berben: Heute nicht mehr aufgrund der Komplexit├Ąt, die man kennt. Nat├╝rlich auch durch die Bedeutung meines Sohnes f├╝r mein Leben. Ich bin zum Teil geworden, was ich bin, wegen dieses Kindes. Weil wir eine Symbiose haben, und das ist kein Geheimnis. Jeder wei├č von der sehr engen und intensiven Beziehung, die ich zu meinem Sohn habe. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ich eine ganz klare Antwort darauf geben kann. Wenn ich damals in einer Situation gewesen w├Ąre, in der ich das Gef├╝hl gehabt h├Ątte, dass es anders nicht ginge, dass ich da etwas erledigen m├╝sse, ein Teil einer Sache geworden w├Ąre, dann vielleicht? Ich finde es immer schwer, aus einer heutigen Sicht zu urteilen. Auch aus einer moralischen Verantwortung, die man ja seinem Kind gegen├╝ber hat, kann man trotzdem nicht einfach sagen: So etwas kann man doch nicht machen. Ich denke, man muss so viel mehr ├╝ber eine Zeit, ├╝ber Verletzungen, ├╝ber Wut und Verantwortlichkeit einer Zeit gegen├╝ber wissen, so dass man den Gedanken nicht ganz abwegig empfinden darf, das Kind dahin zu geben, wo es sicher ist. Wenn ich ihm diese Sicherheit mit dem Leben, was ich f├╝hre, nicht geben kann.

AVIVA-Berlin: Dies war auch einer der Vorw├╝rfe Alices gegen├╝ber Judith, dass sie sie nicht zur Gro├čmutter, sondern an eine fremde Familie zur Adoption gegeben hat.
Iris Berben: Ja, die Gro├čeltern waren "reaktion├Ąr" und "konventionell". Das waren damals Schlagworte, durch die man sich befreien wollte und mit denen man ganz viel erkl├Ąrt hat. Was dahinter steckte und wie schmerzhaft das letztlich f├╝r manche war, war vielen wohl nicht bewusst. Man bek├Ąmpfte das verhasste System. Wie leicht fiel da die Entscheidung, das Kind nicht zur Gro├čmutter zu geben, die in diesem System lebte. Das sind alles Momente, weswegen ich nicht wei├č, wie ich mich verhalten h├Ątte. Ich wei├č es nicht!

AVIVA-Berlin: Eine ganz andere Frage: Sie haben einen Hund, der Paul hei├čt. Gibt es ihn noch?
Iris Berben: Paul Berben ÔÇô und wie es den gibt! Wir wollen jetzt aber nicht in der Wunde stochern.
AVIVA-Berlin: Nein, auf gar keinen Fall. Aber Sie haben ihn mal mit Buster Keaton verglichen.
Iris Berben: [emp├Ârtes Schmunzeln] Ich habe ihn nicht mit Buster Keaton verglichen, er ist die Wiedergeburt von Buster Keaton! Wenn Sie ihn sehen w├╝rden ...
AVIVA-Berlin: Dann gibt es hier f├╝r Paul eine kleine Aufmunterung ... [Hundestick Sorte Salami wird ├╝berreicht]
Iris Berben: Ach, wie s├╝├č! Ich werde es ihm sagen, denn ich rede ja mit Paul. Ich habe mit ihm einen literarischen Spaziergang durch Berlin gemacht. Er kennt jedes Museum, jede Gedenkst├Ątte und jede Stra├če. Paul macht gerade Ferien auf dem Bauernhof. Normalerweise habe ich ihn zwar immer dabei, aber diese Reisen nach Vietnam oder China sind zu anstrengend f├╝r ihn.
AVIVA-Berlin: Was ist denn das f├╝r ein Dreh in Vietnam?
Iris Berben: Das ist ein Kinderfilm, "Tiger Team", den Peter Gersina f├╝r das Kino macht. Wenn man so will, ist es ein James Bond f├╝r Kinder. Und ich bin das B├Âse. Ich musste dieses Mal nicht viel spielen ...

AVIVA-Berlin: Noch einmal zur├╝ck zu "Es kommt der Tag". Katharina Sch├╝ttler sagte, sie hat in der Figur der Alice nach einem Teil von sich selbst gesucht und gefunden. Haben Sie einen Teil in der Judith von sich selbst gefunden? Wenn ja, welcher war das?
Iris Berben: Ja, Judith ist eine Frau, die mir Parallelen aufgedr├Ąngt hat, weil sie in ihrer Konsequenz zerrissen ist. Da habe ich auch vieles von mir gesehen.
AVIVA-Berlin: Was f├╝r ein sch├Ânes Schlusswort: "Weil ich in meiner Konsequenz zerrissen bin." Wie poetisch! Frau Berben, vielen Dank f├╝r das Interview, viel Erfolg bei Ihren n├Ąchsten Projekten und gr├╝├čen Sie Paul von uns!

Interviews Beitrag vom 07.07.2009 Silvy Pommerenke 

   




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