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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2016 - Beitrag vom 03.03.2009

Esther Rots im Interview
Tatjana Zilg

Während der 59. Berlinale zeigte die niederländische Regisseurin ihren aufrüttelnden und berührenden Spielfilm "Can Go Through Skin" ("Kan Door Huid Heen") im Forum. Mit hoher Empathie erkundet …



… sie, wie eine junge Frau nach einem brutalen Überfall in einer Amsterdamer Wohnung die Traumafolgen allein auf sich gestellt in einem Haus auf dem Land überwindet und dabei neu zu sich selbst findet.

AVIVA-Berlin: Gratulation zur Premiere Ihres Spielfilmdebuts!
Es hat mir sehr gefallen, mit welcher Intensität der Film die inneren Erlebensprozesse nach einem Trauma wiedergibt. Was war der ursprüngliche Anlass, der Sie Traumafolgen als Thema für Ihren Spielfilm auswählen ließ?
Esther Rots: Ich habe das Thema gar nicht so bewusst ausgewählt. Ich fing eher spontan mit dem Projekt an und es entwickelte schnell ein Eigenleben. Ausgangspunkt meiner Geschichte war eine junge Frau, die in Amsterdam lebt und deren Freund plötzlich mit ihr Schluss macht. Ich fand es schon allein interessant, wie sie damit umgeht, ihre Irritation darüber und der Unwillen, die Abweisung zu akzeptieren. Plötzlich kam dann aber der Überfall durch einen Unbekannten hinzu, bei dem sie fast umgebracht wird. Das war alles nicht so vorausgeplant, sondern entwickelte sich prozesshaft.

AVIVA-Berlin: Haben Sie auch Fach-Literatur aus der Psychologie herangezogen oder mit betroffenen Frauen gesprochen? Mich hat beeindruckt, wie fein abgestimmt und realitätsnah die unterschiedlichen Phasen, mit denen Marieke auf das traumatische Ereignis reagiert, den Verlauf einer PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörung) spiegeln.
Esther Rots: Ich habe mir ein Fachbuch besorgt, aber es nach zwei Seiten wieder weggelegt. Ich hatte das Gefühl, dass mir sonst zu viel vorgeschrieben wird. Ich fand es viel interessanter nach dem Ansatz zu arbeiten, mir immer wieder die Frage nach meinen eigenen Reaktionen zu stellen: Was hätte ich gemacht, wenn mir das passiert wäre? Ich halte das für ehrlicher mir selbst und den späteren Kino-ZuschauerInnen gegenüber, als Bücher heranzuziehen. Mein Interesse liegt auch nicht so sehr in Verhaltensmustern, sondern mehr im individuellen Charakter meiner Hauptfigur – in ihrem ganz eigenen Weg, mit diesem Ereignis zurechtzukommen und wieder zurück ins Leben zu finden.
Mit Frauen, denen ähnliches passiert ist, habe ich gesprochen, aber nicht als zielgerichtete Recherche. Schon vor dem Filmprojekt sammelte ich Geschichten, die mit dem Thema zu tun haben. Aber nicht mit der Idee im Kopf, sie später für ein Drehbuch zu verwenden, sondern weil sie einfach im Alltag geschehen – fast jede kennt doch Frauen, die solche Erfahrungen machen mussten.
Beim Filmemachen ist es mir zudem wichtig, in meine eigene Seele einzutauchen, denn wenn man sich auf sein eigenes Selbst bezieht, so wird zumindest eine Sache am Ende richtig sein: Man dringt zur Substanz vor und bleibt dadurch geradlinig bei der Umsetzung. Wenn ich mich vor allem auf eine Recherche beziehen würde, so würden zu viele Facetten unterschiedlicher Charaktere einfließen und nicht zu einem Ganzen zusammenkommen.

AVIVA-Berlin: Haben Sie die Schauspielerin der Hauptrolle in diesen Prozess miteinbezogen?
Esther Rots: Nachdem das Drehbuch fertig war, habe ich es mit Rifka Lodeizen besprochen und wir haben Veränderungen eingearbeitet.
Es war mir dabei sehr wichtig, gemeinsam mit Rifka zu erkunden, wie Marieke war, bevor der Film beginnt – bevor ihr Freund sie verlässt und sie kurz darauf überfallen wird: Wie sie in Amsterdam lebt und ihr Leben fest im Griff hat. Erst, nachdem wir uns hier sicher waren, setzten wir uns damit auseinander, wie tief der Überfall in ihr Inneres eindringt, wie sie sich verändert und wie sie das nach Außen zum Ausdruck bringt.

AVIVA-Berlin: Es ist ein wenig überraschend, dass Marieke dies alles mit sich selbst ausmacht. Sie zieht in ein neu gekauftes Haus auf dem Land und begibt sich auf diese schwierige Reise durch ihre Innenwelt. Das ist während des Filmschauens eindringlich mitzuerleben, dennoch habe ich mich zeitweilig gefragt, warum sie keine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nimmt oder zumindest angeboten bekommt. In Berlin beispielsweise gibt es mittlerweile ein differenziertes Angebot an Projekten für Frauen, die Gewalt erlebt haben.
Esther Rots: In den Niederlanden ist das Angebot auch ausgewogen. Aber Marieke ist sehr eigensinnig, in gewisser Weise stur – dadurch käme das für sie nicht in Frage. Was ihr weggenommen wurde, ist ihr Selbstbewusstsein und ihr geradliniger Weg. Sie wusste immer genau, was sie will, jetzt weiß sie es nicht mehr. Ich denke, das ist ihr größter Verlust. Sie möchte deshalb vor allem diese beiden Dinge zurückgewinnen und ist der Meinung, dass sie das für sich allein schaffen muss und zieht sich von allem zurück. Sie ist niemand, der gut über Schwächen reden kann und sieht sich trotz der Ereignisse nicht als Person, die Therapie braucht. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich Therapie-Projekte in Frage stellen möchte – es ist einfach die Persönlichkeit der Hauptfigur, die so handelt.

AVIVA-Berlin: Filmtechnisch haben Sie auf sehr interessante Wiese die innere Stimme von Marieke in den Film integriert. Mariekes hörbare Gedanken geben den Bildern einen großen Ausdruck, ohne dass dies mit dem klassischen Einsatz eines Erzählers vergleichbar wäre. Ich fühlte mich als Zuschauerin dadurch tief in ihre Innenwelt hineingezogen. Wie haben Sie die Idee hierzu entwickelt?
Esther Rots: Mit dieser Methode arbeite ich schon länger. Vor meinem Spielfilmdebut habe ich einige Kurzfilme realisiert, die ich zum Teil auch beim Filmfestival in Cannes gezeigt habe und die mit Preisen ausgezeichnet wurden. Mein dritter Kurzfilm mit dem Titel "Dialogue Exercise No. 1 : City" ("Dialoogoefening no. 1 : Stad") hat die Grenzen der Niederlande bisher noch nicht verlassen. Darin spiele ich mit den Fragen, welcher Teil eines gesprochenen Satzes der wichtigste ist und wie sich die Aussage eines Satzes überträgt. Der 10minütige Film stellt die innere Stimme einer Frau in den Mittelpunkt, die einen Strafzettel von der Polizei bekommt, wodurch ein innerer Dialog ausgelöst wird, der ihren Konflikt mit sich selbst spiegelt. Sie spricht aber gleichzeitig mit dem Polizisten und es ist nie eindeutig, wann sie nach Außen und wann nach Innen spricht. Mich interessiert das Feld der Kommunikation sehr. Beispielsweise gibt es dann wieder Unterhaltungen, die sich eng im Rahmen sozialer Konventionen bewegen, wo der Inhalt unwesentlich bleibt. Bei Marieke ist es so, dass sie ihrer Umwelt gegenüber vieles, was sie innerlich bewegt, nie laut aussprechen würde.

AVIVA-Berlin: An manchen Stellen habe ich das Filmtempo als überraschend schnell empfunden, beispielsweise bei Mariekes Entscheidung für oder gegen ihr ungeborenes Kind.
Esther Rots: Das ist schwer rational erklärbar, warum ich mich beim Schnitt entscheide, ob eine Szene bleibt oder weggelassen wird. Der Film hatte nach dem Dreh eine Länge von vier Stunden. Ich musste mich folglich von einigem Material trennen, um auf das übliche Langfilmformat zu kommen. Während des Arbeitsprozesses gehe ich da aber nicht in einer theoretischen Sichtweise heran. Eine solche Reflektion geschieht erst, wenn der Film vollständig fertiggestellt ist. Meine Entscheidungen beim Schnitt folgen der künstlerischen Intuition. Es war mir vor allem wichtig, dass die Bilder den Stimmungen Mariekes entsprechen. Aus diesem Grund habe ich an mancher Stelle eine zu chronologische Erzählweise vermieden.

AVIVA-Berlin: Sie machen sehr viel selbst: Sie haben Ihre eigene Produktionsfirma, und haben bei Ihren Filmen die Regie geführt, das Skript geschrieben und das Material geschnitten. Worin sehen Sie dabei die Vorteile, worin die Nachteile?
Esther Rots: Die Produktionsfirma teile ich mir mit zwei anderen Inhabern.
Der größte Vorteil ist, dass ich niemanden gegenüber all diese Entscheidungen, über die wir gesprochen haben, begründen muss und mich so mehr dem eigentlichen kreativen Prozess widmen kann. Wenn man einen Produzenten von außerhalb heranzieht, kommt es oft vor, dass man damit beschäftigt ist, ihn zu überzeugen, dass es besser ist, das Geld so einzusetzen, wie man es selbst für richtig hält, als der Produzent es möchte. Prioritäten verändern sich während des Arbeitsprozesses, und ich möchte deshalb für Veränderungen flexibel bleiben und diese schnell durchführen können. Einen ähnlichen Grund hat es, dass ich Regie, Drehbuchschreiben und Schnitt selbst mache. Ich lasse diese drei Sachen gerne ineinander fließen und kann so noch während des Schnitts ohne großen Aufwand Veränderungen ins Drehbuch einfügen. Ich sehe ein Drehbuch nie als fertiges Produkt, sondern es steht im ständigen Wechselspiel mit den Entwicklungen während des gesamten Filmemachens. Beim Schnitt fallen mir oft Sachen auf, die beim Drehbuch nicht rund waren, und so kann ich dies dann noch umschreiben. So wird das Filmemachen organischer und das Endergebnis ist stimmiger. Dieses Mal habe ich auch den Komponisten bereits während des Drehs dazugeholt, und die Filmmusik entstand parallel zum Filmdreh, aber ich konnte ihn auch während des Schnitts ansprechen und er hat die Musik an meine Veränderungen jeweils neu angepasst. Mir gefällt es, auf diese Art zu arbeiten, und es ermöglicht mir, ein hohes Maß an Kreativität beizubehalten. Natürlich ist es so zeitaufwändiger. Insgesamt haben wir an diesem Film vier Jahre gearbeitet.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das interessante Gespräche und viel Erfolg und Spaß auf der Berlinale!

Zur Regisseurin:

Esther Rots wurde am 23. Mai 1972 in Groenlo, Niederlanden, geboren. Sie studierte von 1989 bis 1993 an der Academy Of Visual Arts in Arnhem und von 1994 bis 1996 an der Dutch Film Academy in Amsterdam.
Ihre Kurzfillme "Dialogue Exercise No. 1: City" ("Dialoogoefening No. 1 : Stad", 2005), "I sprout" ("Ik Ontspruit", 2003) und "Play With Me" ("Speel Met Me", 2002) wurden bereits auf vielen Festivals gezeigt:
Neben Cannes und weiteren europäischen Festivals nahm sie unter anderem am Worldwide Short Film Festival in Toronto/Kanada, am Mostra Curta Cinema in Rio de Janeiro/Brasilien, am Golden Horse in Taipei/ Taiwan und am New York International Film Festival/USA teil.
Ihre Arbeiten erhielten weltweit viele Auszeichnungen.


Zum Film:

Can Go Through Skin
Kan door huid heen
Niederlanden 2009, 94 Minuten
Format: 35 mm (filmed on 16 mm)
Buch, Regie, Schnitt: Esther Rots
Komponist Sound Design: Dan Geesin
DarstellerInnen: Rifka Lodeizen (Marieke), Wim Opbrouck (John) und andere
ProduzentInnen: Trent, Hugo Rots, Esther Rots
Produktion: Rots Filmwerk, NFI Producties
Coproduktion: NPS

Der Film im Netz:

www.cangothroughskin.com


Interviews Beitrag vom 03.03.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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