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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 28.02.2010

Interview mit Tamara Trampe
Tatjana Zilg

AVIVA-Berlin traf die Regisseurin Tamara Trampe ("Weisse Raben") während der turbulenten Berlinale-Tage, um mehr über ihren neuen Film "Wiegenlieder" zu erfahren.



Die poetisch schöne, sanft berührende Doku "Wiegenlieder" feierte ihre Premiere am ersten Berlinale-Sonntag im Cinestar am Potsdamer Platz.

Tamara Trampe studierte Germanistik an der Universität Rostock und begann 1967 als Kulturredakteurin beim "Forum". Von 1970 bis 1990 betreute sie als Dramaturgin zahlreiche Spielfilme beim DEFA-Studio in Babelsberg. Seit 1990 ist sie als freiberufliche Filmemacherin, Autorin und Dramaturgin tätig und unterrichtet an verschiedenen Filmhochschulen. Ihr Film "Weisse Raben" wurde mit dem Adolf Grimme Preis und dem 3sat-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet.

AVIVA-Berlin: Wie ist die Idee entstanden, Menschen in Berlin zu fragen, ob sie sich an die Wiegenlieder ihrer Kindheit erinnern?
Tamara Trampe: Mit sieben Jahren kam ich 1949 als Kind aus der Ukraine nach Deutschland. Da gab es hier kaum Migranten. Wenn ich das meinen Enkelkindern erzählt habe, verstanden die das gar nicht. Ich wohne, wie auch meine Enkelkinder, in der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg. Dort gibt es mittlerweile überall türkische, polnische und tschetschenische Migranten. Ich dachte mir, ich müsste mal herausbekommen, wie viel Nationen dort heute wohnen. Und es ist doch viel leichter sie nach den Wiegenliedern ihrer Kindheit zu fragen als nach dem Herkunftsland. Ich erlebte dabei immer wieder das Gleiche: Stutzen, Nachdenken, Lächeln und oft fingen sie dann an zu singen. Als das so gut lief, wusste ich, dass dies ein gutes Motiv für einen Film wäre und fing an, intensiv zu recherchieren.

AVIVA-Berlin: Haben Sie damit gerechnet, dass einige Befragte sich nicht so gut erinnern konnten oder auch nicht vor der Kamera singen wollten?
Tamara Trampe: Ja, natürlich. Es gab eine schöne Situation, die wir mit einer Afrikanerin erlebt haben, als sie in Kamerun anrief und ihre Mutter nach Text und Melodie des Wiegenliedes fragte. Auch eine Polin rief ihre Mutter an und diese sang dann am Telefon das Lied.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie die Auswahl getroffen, welches Material Sie im Film tatsächlich verwenden?
Tamara Trampe: Von Anfang an war klar: Es sollten Lieder sein, verschiedene Nationen und eine Stadt. Da wir beide in Berlin unsere Heimatstadt sehen, die wir lieben, dann nicht mögen und dann doch wieder mögen, hatten wir das Bedürfnis, dieser Stadt ein Lied zu schenken. Und als wir über die Struktur für den Film nachdachten, wurde uns bewusst, dass wir in den anderen Filmen systematisch eng am Thema entlang erzählt haben: Von A nach B, von B nach C und so fort. Immer ganz gerade. Wir sagten uns, dass es schön wäre, es dieses Mal konträr dazu wie einen Tanz durch Berlin zu gestalten. Mehr assoziativ, indem wir eine Tür aufmachen, mit jemanden reden, wieder rausgehen und jemand anderen fragen, ob er für einen Moment stehen bleibt und uns anschaut. Es war also ein Bedürfnis da, mit einer ganz offenen Struktur zu arbeiten. Von Anfang an.

AVIVA-Berlin: Sie arbeiten sehr oft mit Johann Feindt zusammen.
Tamara Trampe: Wenn ich überhaupt Filme mache, dann mit ihm.

AVIVA-Berlin: Das ist ungewöhnlich. Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile?
Tamara Trampe: Die Vorteile sind, dass ich weiß, dass er ein Super-Kameramann ist und dass er versteht, wie ich denke und ticke. Und dass er selbst durch die lange Zusammenarbeit weiß, dass ich nicht jemand bin, auf dem man sich hundertprozentig verlassen kann. Ich bin niemand, der sich hinsetzt und sagt: ´Ich fange mit der Frage an und werde dort enden.´ Sondern es ist immer ein Verbundspiel. Ich weiß eigentlich vorher nie, welche Richtung ein Projekt nehmen wird. Und das kann man natürlich am besten mit einem Kameramann realisieren, der keine engen Erwartungen daran hat, wie sich das Projekt entwickeln wird.

AVIVA-Berlin: Sie teilen sich auch die Regiearbeit als Team.
Tamara Trampe: Ja. Wir sehen sehr ähnlich. Natürlich macht er die Bilder und in dem Moment kann ich die Bilder nie sehen. Aber auf ihn kann ich vertrauen, weil er ein großartiger Kameramann ist. Ich weiß zuvor, dass er die gleichen witzigen Situationen wahrnimmt wie ich, denn wir können über die gleichen Dinge lachen und wir sind über das Gleiche empört. Das ist eine gute Grundlage.

AVIVA-Berlin: Die Art und Weise, wie Sie Ihre InterviewpartnerInnen im Film befragen, ist überraschend, da die Fragen teils sehr provokativ, teils therapeutisch sind. Was hat Sie dazu veranlasst, so zu arbeiten? Haben Sie Vorerfahrungen mit therapeutischen Methoden?
Tamara Trampe: Ja, ich bin schon mehrmals gefragt worden, ob ich Therapeutin werden wollte. Aber das ist keinesfalls so. Das kam für mich nie in Frage. Das könnte ich auch gar nicht.
Aber ich glaube, dass dieser therapeutische Eindruck dadurch entsteht, dass ich nur Fragen stelle, die ich mir in den jeweiligen Situationen selbst auch stellen würde. Zum Beispiel, was Trauer für einen bedeutet. Ich nehme an, mein Gegenüber spürt deshalb, dass das nicht einfach so eine leicht dahin geworfenen Frage ist, sondern dass ich mich damit beschäftige. Dass es auch meine Verletzungen betrifft.

AVIVA-Berlin: Hatten Sie nicht die Befürchtung, dass dies bei dem Anderen zu viel auslöst, wie bei den Exilanten aus Tschetschenien?
Tamara Trampe: Nein. Das hat damit zu tun, dass es mein Anliegen ist, dem mir gegenüber sitzenden Menschen zu helfen, authentisch zu sein. Nicht zu schummeln, sich nicht zu verstecken. Ihm das Gefühl zu geben, wir können darüber sprechen. Und auch Detlef versucht auszuweichen, indem er kleine Späßchen macht. Ich versuche, ihm zu helfen, indem ich vermittle, dass er das nicht braucht und dass er zeigen kann, dass und wie er verletzt worden ist.
Und so war das auch bei Apti Bisultanov.
Im gleichen Land, wo er ein sehr beliebter Dichter und unter den frei gewählten Präsidenten Kulturminister war, wurde er gefoltert. Es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen, dass jemand Macht über ihn hatte. Und da konnte ich ihm nur helfen, indem ich am Kern der Sache dran bleibe und ihn ermutige, über die Vorkommnisse zu sprechen. Er ist kein Mann, dem man aus Mitleid verschonen muss. Er weiß, was er tut. Ich kann ihn trösten und ihm sagen, dass es mir wehtut, wie mit ihm umgegangen wurde. Das muss alles in der tatsächlichen Dimension gesehen werden. Die Folter war nicht das Schlimmste für ihn, sondern der Verlust der Heimat.

AVIVA-Berlin: Wie viel Zeit haben Sie sich für die Gespräche mit den einzelnen Personen genommen?
Tamara Trampe: Soviel, wie wir brauchten. Das war jeweils nicht nur ein Gespräch. Es waren viele. Meistens haben wir uns mindestens zehnmal getroffen. Es gibt nur einziges durchgehendes Gespräch: Santos in der U-Bahn.

AVIVA-Berlin: Santos haben Sie auch in seiner Wohnung besucht.
Tamara Trampe: Die Verabredung war, dass er dort für uns singt. Ich stelle ihm keine Fragen, während wir ihn in der Wohnung besuchen.

AVIVA-Berlin: Wie kam es dazu, dass Sie den Komponisten Helmut Oehring mit in den Film einbezogen haben? Wie haben Sie ihn kennen gelernt?
Tamara Trampe: Das lief über Recherchen. Wir haben bewusst nach jemanden gesucht, der in seiner Kindheit mit Sicherheit keine Wiegenlieder gesungen bekam.

AVIVA-Berlin: Bei der Premiere fragte eine Kinobesucherin, warum fast nur Menschen mit traurigen Kindheitserlebnissen zu Wort kommen. Dass man wenig hört von schönen Kindheitserinnerungen. Wieso haben Sie sich entschieden, die Szenen so zusammenzustellen?
Tamara Trampe: Nun, auch wir beiden Filmmacher haben solche traurigen Erinnerungen an unsere Kindheit und ich fand es spannender, diese Ausschnitte auszuwählen. Aber ich nehme schon an, dass unter den Menschen, die wir in dem Film zeigen, auch welche sind, die eine wunderschöne Kindheit haben. Die Frage ist ohnehin: Wann ist eine Kindheit nur schön?
Es kann auch sein, dass mich in der Schule ein Junge so geschubst hat, dass ich diese Verletzung lange in mir weitertrage. Plötzlich ist die Kindheit nicht mehr wunderschön. Ich glaube nicht an eine ganz heile Kindheit.
Es gibt doch aber auch in dem Film einige Szenen, wo eine zärtliche Beziehung zu den Kindern durchscheint. Zum Beispiel, wie die junge Frau in der Wagenburg mit ihrem Baby umgeht. Man muss nicht über alles reden, vieles erklärt sich aus den Bildern.
Ich bin selbst aufgewachsen in einem Dorf, das völlig zerbombt war, mit einer Mutter, die an der Front war und somit nicht anwesend für mich, und einer Großmutter. Bei uns lief das Wasser in das Haus hinein, aber wir haben jeden Abend gesungen, und so habe ich trotz der materiell eingeschränkten Verhältnisse erfahren, was Wärme und Liebe ist. Ich denke, es ist wichtig, eine nicht vernachlässigte Beziehung zu haben und ein Stück davon will der Film erzählen. Als wir über die Straßen gegangen sind und die Menschen gefilmt haben, so gab ihnen das das Gefühl, gesehen und wahrgenommen zu werden.

AVIVA-Berlin:Es geht dabei somit um eine unmittelbare Form der Kommunikation, zu der der Zugang über die Musik erleichtert wird?
Tamara Trampe: Ja, das auch.

AVIVA-Berlin: Sie haben als Kulturredakteurin gearbeitet und waren dann Dramaturgin bei der DEFA. Wie kamen Sie später zur Regie?
Tamara Trampe: Ja, das war alles noch in der DDR. Dann wurde das Studio aufgelöst und wir saßen von einem Tag auf den anderen auf der Straße. Aber ich hatte schon, während ich bei der DEFA als Dramaturgin angestellt war, nebenbei an Dokumentarfilmen mitgearbeitet - als Autorin und als Regisseurin. Ich habe mir dafür vom Studio freigenommen, um einen Ausgleich zu haben für die Arbeit an den emotional aufgeladenen Spielfilmen. Ich brauchte diese Rauheit der Realität als Kontrast.
Und dann fiel die Mauer. Johann Feindt und ich kannten uns schon zu dem Zeitpunkt wie auch Helga Reidemeister. So beschlossen wir eine Gruppe zu gründen. Mit dabei waren auch Jeanine Meerapfel, Dieter Schumann, Wolfgang Pfeiffer: Ost und West bunt durcheinander. Von da an haben wir regelmäßig Projekte gemacht.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg und Spaß noch auf der Berlinale!


Interviews Beitrag vom 28.02.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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