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AVIVA-BERLIN.de 4/7/5778 - Beitrag vom 23.11.2007

Andere Umstände. Von Magie, Medizin und Mäzenen
Yvonne de Andrés

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Nathan Stiftung erzählt die Ausstellung des Jüdischen Museums Franken von Schwangerschaft, Fruchtbarkeit, Potenz, Geburt, Ausgrenzung, Vertreibung und Exil.



Fürth ist eine Mittelstadt und bildet mit Nürnberg und Erlangen eine Ballungsregion. Heute wird Fürth meistens mit dem Namen der Firma Quelle verbunden. Die Stadt wirkt im November grau. Es ist kalt und das Stadtbild zur Mittagszeit wenig belebt.

In den verschiedenen örtlichen Buchhandlungen gibt es wenig zum Thema Judentum. Vom Glanz des einstigen fränkischen Jerusalems findet sich hier kaum etwas. Auch in der Rubrik Regionalia wird frau nicht fündig. Lediglich Jakob Wassermann - ein wichtiger jüdischer Schriftsteller der Weimarer Republik, der aus Fürth stammt - und die Brüder Henry und Walter Kissinger finden sich in den Buchregalen.
Amulettbeutel mit Münzen für jüdische Säuglinge Deutschland, zweite Hälfte des 19. Jh. Zum Schutz des Neugeborenen gegen böse Geister wurden Amulette verwendet.
© Jüdisches Museum Frankfurt am Main


Fürth war im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur ein Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Franken sondern auch ein Zentrum jüdischer Druckereien, die hebräische Bücher in ganz Mitteleuropa vertrieben und so eine finanzielle Basis dafür schufen, auch rabbinische Texte verlegen zu können. In Fürth befand sich nach der Shoah die einzige Bäckerei Deutschlands, die Schmure-Mazze (behütete Mazzot) nach den Kaschruth (Speisegesetze) für Pessach herstellte.

Erfreulich immerhin, dass frau die Geschichte jüdischen Lebens in Fürth wenigstens im Jüdischen Museum Franken erfahren kann. Das schöne und verwinkelte Fachwerkhaus wurde 1999 eröffnet und liegt in der Nähe des Rathauses an einer belebten, lauten und autoreichen Strasse. Mit dem Eintritt in das Museum wird es ganz still. Das heutige Museum war zu früheren Zeiten ein jüdisches Bürgerhaus und eines der wenigen Häuser, die nach dem dreißigjährigen Krieg nicht zerstört wurden. Im Keller des Museums befindet sich die einstige Mikwe. Die Ausstellungsräume erstrecken sich über drei Etagen.

Zur Zeit, noch geöffnet bis Ende März 2008, beherbergt das Museum die Ausstellung "Andere Umstände. Von Magie, Medizin und Mäzenen". Sie zeigt unter anderem, wie verschieden die Situation christlicher und jüdischer Frauen war, die sich"in anderen Umständen" befanden.

Warum die Ausstellung sich mit solcherlei anderen Umständen von christlichen und jüdischen Frauen beschäftigt, erschließt sich der Besucherin erst, wenn sie bis zur zweiten Abteilung der Ausstellung vorgedrungen ist, die sich dem Andenken an den großbürgerlichen Rechtsanwalt Dr. Alfred Nathan widmet. Er stiftete 1906, zur Verbesserung der Situation von Schwangeren und Säuglingen, das Nathanstift der Stadt Fürth, indem er dafür 300.000 Mark zur Verfügung stellte.

Der Rechtsanwalt Alfred Nathan stiftete das Nathanstift 1906. Fotografie aufgenommen in Baden Baden, 1909
© Jüdisches Museum Frankfurt am Main
Die Schau stellt die mäzenatische Tradition der Bankiersfamilie vor, die damit in die Tradition des wohltätigen Engagements des deutsch-jüdischen Großbürgertums des späten 19. und 20. Jahrhunderts gehört. Alfred Nathans Schwester Thea Irene wurde vom Maler Kaulbach portraitiert. Die Familie gehörte in Bayern zu den Oberen Kreisen der Gesellschaft. Sie verstand sich als liberal, die traditionellen Speisegesetze hielt man nicht ein. Die Familie hatte sich vollkommen assimiliert.

Das Nathanstift wurde eine renommierte Klinik. Prinzregent Luitpold stattet der Klinik 1913 einen Besuch ab. Dr. Alfred Nathan wurde Ehrenbürger der Stadt. Der aufkommende Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg verbittert ihn bis zu seinem Tod. Die letzten Familienmitglieder mussten 1938 wegen "anderer Umstände" Fürth verlassen. Im Nationalsozialismus wurde das Nathanstift umbenannt. Erst nach dem 2. Weltkrieg hieß es wieder Nathanstift. Seit 1967 ist es Teil des Klinikums der Stadt Fürth.

Die Abteilung der Ausstellung, die sich mit den Themen Schwangerschaft, Fruchtbarkeit, Potenz und Geburt in ihren verschiedenen kulturellen Ausprägungen beschäftigt, zeigt auch die Geschichte der unfruchtbaren Rachel, der zweiten Frau Jakobs, die ihr Heil bei Alraunen suchte. Sie wollte nicht geschieden werden, weil sie kinderlos war.

Zu sehen ist auch das heute noch im Handel erwerbbare Parfüm "P6", das mit Pheromonen angereichert ist und deshalb eine stark erotisierende Wirkung auf Frauen haben soll. Zu sehen ist auch ein Gebärstuhl, in dem bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Kinder zur Welt gebracht wurden. Die Ausstellung verfolgt die Entwicklung von der Hebamme, der "hebenden Amme", zur Hausgeburt, bis hin zu den ersten Gebärhäusern für ledige Mütter im 18. Jahrhundert und den Kliniken unserer Tage.
Das Wöchnerinnen- und Säuglingsheim Nathanstift, 1909
© Jüdisches Museum Franken


Viele kleine Details machen auf die Verschiedenheiten jüdischer und christlicher Bräuche aufmerksam, stellen sie vor und erläutern sie. So z. B. Unterschiede in der Namensgebung. Christliche Kinder erhielten oft die Namen ihrer Eltern oder Großeltern. Bei jüdischen Kindern geschah dies nur dann, wenn die Verwandten nicht mehr lebten. Zusätzlich werden unterschiedliche Amulette und Glücksbringer mit ihren Geschichten vorgestellt.

Die Geschichte des Klinik-Stifters Alfred Nathan wird in der Ausstellung mittels eines Videos sehr anschaulich und plastisch von seiner Großnichte Margarete Meyers (geb. Midas) erzählt, die ihn als großherzigen Menschen schildert. Sie erzählt wie integriert die Familie lebte, dass sie sich erst durch Ausgrenzung ihrer jüdischen Identität bewusst wurde. Margarete Meyers selbst musste ihre Schule verlassen und besuchte vor ihrer Emigration 1938 die Israelitische Realschule Fürths. Vor 1933 hatten die Familie Weihnachten, nicht Chanukka gefeiert. Erst nach 1933 besorgte man sich auch eine Chanukkia. Im Exil, in den USA, feierte die Familie dann wieder Weihnachten.

Das Vermögen der Nathans wurde arisiert. In der Nachkriegszeit erhielt die Familie, die in den USA blieb, ihr Eigentum zurück. Für Frau Meyers blieb Fürth, aus dem sie mit 11 Jahren vertrieben wurde, noch immer ihre Heimat. Sie erzählt das und hat dabei eine Träne im Augenwinkel.

Veranstaltungsort:
Jüdisches Museum Franken in Fürth
Königsstraße 89, 90762 Fürth
www.juedisches-museum.org
Öffnungszeiten:
Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr, Montags geschlossen
Die Ausstellung wird bis zum 30.03.08 gezeigt

Jüdisches Leben Beitrag vom 23.11.2007 Yvonne de Andrés 

   




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