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AVIVA-BERLIN.de 2/11/5778 - Beitrag vom 04.02.2013

Judith Kessler: Familie aus Papier - Hanacha Meyerowitz
Judith Kessler

Eines Tages steht ein Mann in meiner Tür – Mitte 30, schon etwas ergraut, zierlich. Er beginnt mit holprigem Hebräisch, ich verstehe ihn nicht, er versucht´s mit Russisch – ich höre ...



den tschechischen Akzent... Ein tschechischer Jude, der nach der ´Revolution´ nach Israel ausgewandert ist.

Wir einigen uns auf einen Mix aus russisch, tschechisch und polnisch. Er erzählt, dass seine Mutter vor kurzem in Prag gestorben sei und er ihr – als letzter der Familie – versprochen hätte, nach ihren Verwandten zu suchen. Sie selber hat es nie geschafft, nicht gewollt, verdrängt – wer weiß.

Er soll mir die Geschichte erzählen. Viel weiß er nicht, sagt er. In der Tat. Seine Mutter ist in Berlin geboren, mit drei Jahren wurde sie nach Theresienstadt deportiert, 1945 befreit und dann von einer tschechischen Familie adoptiert. Ihr Name und das Geburtsdatum standen auf einem Schild, das sie um den Hals trug: Hannacha Meyerowitz, geboren am 21. Juni 1940. Er hat in Yad Vashem nachgefragt, dort hat man sie auf der Transportliste gefunden: 91. Alterstransport vom 16. Juni 1943 aus Berlin, und dass sie in der Uhlandstraße gewohnt hat. Sonst nichts, keine Angaben über die Eltern, gar nichts. Man wußte in Yad Vashem nicht einmal, dass das Mädchen überlebt hatte.

© Judith Kessler. Hannachas Geburtseintrag


Ich kann es verstehen: wissen zu wollen, wer man ist, wo man herkommt. Es ist das Schicksal so vieler und bei jedem der kommt und fragt, ist es auch dein eigenes. Aber wo anfangen zu suchen?
Ich wälze meine alten jüdischen Adressbücher: drei Meyerowitz´, aber niemand in der Uhlandstraße. Wär auch zu einfach gewesen. Dann gehe ich mit Meyerowitz junior, nennen wie ihn einfach so, in die jüdische Bibliothek: Gedenkbuch der ermordeten Juden. Da gibt es etliche Meyerowitz´, auch zwei aus der Uhlandstraße, aber eine andere Hausnummer, als er gesagt hat. Trotzdem ist er ganz aufgeregt: "Das ist meine Oma". "Halt", bremse ich, "das ist alles zu unsicher".

Am nächsten Tag beginne ich zu telefonieren – alle Bekannten, die etwas wissen könnten: keine/r hat eine Idee. Geschichtswerkstatt: Anrufbeantworter. Landesarchiv: niemand da. Centrum Judaicum: wir renovieren. Standesamt Wilmersdorf: hier ist keine Meyerowitz geboren. Der nächste darf keine Auskünfte erteilen. Also gut – nachdenken: wo konnte eine Jüdin 1940 ein Kind bekommen – Jüdisches Krankenhaus: die Dame am Telefon uninteressiert, vielleicht guckt sie mal nächste Woche im Keller nach, aber ich soll mir keine Hoffnungen machen... Ich finde den Anfang nicht und gebe vorläufig auf. Junior fliegt nach Israel zurück.

Einige Tage später ein Anruf: "Hier jüdisches Krankenhaus. Ja, diese Hannacha ist bei uns geboren, die Mutter heißt Therese, der Vater Hans, Uhlandstraße 118. Ja, und noch was, es war das dritte Kind". Ich jubele, die gelangweilte Stimme am anderen Ende ist irritiert.
Drittes Kind? Also zwei vorher geboren, ich suche wieder in der Bibliothek. Da sind sie: Therese, geborene Perlis, in Tilsit/Ostpreußen und Hans-Peter, 1938 geboren, beide 1942 deportiert, in Reval umgekommen. Peter muss der Bruder von Hannacha sein. Fehlt der Vater und das andere Kind. Ich beschließe zu der gelangweilten Stimme ins Krankenhaus zu fahren und selbst zu suchen. Es ist nicht zu fassen – im Keller liegen alte Aktenbücher in einer dunklen Ecke auf irgendeinem Tisch. Ob das alles ist, weiß niemand. "Die wollten wir schon wegschmeißen, normalerweise heben wir Unterlagen nur 30 Jahre auf", entschuldigt sich die Frau. "Auch solche"?"Ja, auch solche." Später frage ich eine andere, die erzählt: "Ich wollte schon mal so ein Buch mit nach Hause nehmen, die sind ja sehr dekorativ, kann man doch irgendwo schön hinlegen". (Inzwischen sind die Dokumente alle im Centrum Judaicum).

Die Einträge im Geburtenbuch sind handschriftlich und schwer zu entziffern, aber wir finden auch den Bruder Peter – unter derselben Adresse. Also hat die Familie mindestens seit 1938 in der Uhlandstraße gewohnt. Da sind noch zwei wichtige Hinweise: der Vater, Hans, ist 1899 auch in Berlin geboren und sein Beruf ist mit Schriftsteller angegeben. Das erste Kind ist offenbar nicht hier geboren. Mindestens kann ich jetzt das Standesamt Wedding anschreiben und schon mal um die Geburtsurkunden von Peter und Hannacha bitten. Hat das erste Kind vielleicht überlebt? Das habe ich gehofft, werde aber schon enttäuscht, als ich am nächsten Tag den Jüdischen Friedhof anrufe. Die Kollegin kopiert mir die Karteikarten aller Meyerowitz´ und in der Tat finden wir einiges. Zunächst: der dritte Bruder, Frank, wurde 1936 geboren und starb schon 1939 an Diphterie. Er wurde unüblicherweise, wohl wegen der Ansteckungsgefahr, feuerbestattet. Wir suchen dann das Grab – es gibt keinen Grabstein, wahrscheinlich hatten sie kein Geld – ich habe den Platz trotzdem fotografiert. In Franks Akte taucht ein neuer Name auf: seine Großmutter, Dina Josephson soll die Beerdigung bestellt haben. Sie wohnte in der Tharanter Straße in Wilmersdorf. Später suche ich überall nach Dina, finde aber rein gar nichts.

In der Computerdatei steht auch, dass der zweite Sohn, Peter, bei einer Pflegemutter lebte: Flora Abramovici, Zähringer Straße. Also such ich bei der weiter: sie ist einen Transport nach Hans-Peter und Therese deportiert worden und in Riga gestorben. In Telefonbüchern habe ich sie als Zimmervermieterin und Betreiberin eines privaten Mittagstisches gefunden. Zur Mutter, Therese, gibt es auch eine Notiz: sie hat in einer Wäscherei in Heinersdorf gearbeitet, wahrscheinlich zwangsverpflichtet. Da Juden nicht mehr mit der Bahn fahren durften, kann man sich vorstellen, wie sie von der Uhlandstraße dahin gelaufen ist. Vielleicht hat sie auch dort geschlafen und Hannacha irgendwo untergebracht?

Hannachas Vater Hans taucht auch im Friedhofs-Archiv wieder nur als Kindesvater auf, weitere Hinweise fehlen. Aber da war ja noch die Schriftstellerei: also Staatsbibliothek anrufen – Fehlanzeige. Jüdische Bibliothek: "Wir rufen zurück". Tun sie auch: In der Bibliographia judaica gibt´s einen Hans Meyerowitz mit diesem Geburtsdatum: Hans Meyerowitz-Ehringshausen, Journalist, hat Zeitungs-und Zeitschriftenartikel verfasst, Schicksal ab 1938 ungeklärt. Nu, da sind wir schon weiter – immerhin wissen wir, dass er im Juni 1940 noch Vater einer Tochter geworden ist. Was heißt nun Ehringshausen – ich wälze wieder Adressbücher – nix! Allerdings finde ich auf der Landkarte zwei Orte, die so heißen. Vielleicht ein Künstlername? Fahre in die Staatsbibliothek und suche alle Bibliographien von Zeitungen und Zeitschriften vor dem Krieg durch: nichts. Der Journalistenverband hat kein Archiv, in den Ullstein- und Springer-Archiven finde ich nichts. Prophylaktisch schreibe ich an das Archiv der Bibiliographia judaica, vielleicht wissen die mehr. Vielleicht konnte er fliehen, er steht auf keiner Deportierten-Liste, allerdings auch in keinem Adressbuch – und dass zu Zeiten, wo er ganz sicher in Berlin war.

Im Postmuseum wälze ich alte Telefonbücher. Das sind eine ganz Menge: 1904 bis 1942. Ich schaue nach Meyerowitz, Josephson, Perlis - immer in der Hoffnung, einen bekannten Vornamen oder eine bekannte Adresse zu entdecken. Dabei entschlüssele ich fast alle Verwandtschaftsverhältnisse von in Berlin lebenden Meyerowitz´ - nur dummerweise ergeben sich keine Verbindungen zu ´meinen´ Meyerowitz. Zudem gibt´s noch zig andere, die ähnlich geschrieben werden. Fast alle kommen aus Ostpreußen.
Einmal dachte ich – jetzt hab ich sie: eine Therese M. steht 1929 bis 1935 im Telefonbuch. Unter der selben Adresse ist bis 1928 ein Daniel M. eingetragen. Weil mir die Adresse außerdem bekannt vorkommt – ich hatte sie in der Friedhofskartei gelesen – triumphiere ich schon und male mir aus, dass Therese bei ihrem Schwiegervater gewohnt hat, während der Luftmensch Hans in irgendeinem Ehringshausen gesessen und gedichtet hat... Ein Anruf auf dem Friedhof beendet die Phantasiererei: diese Therese war eine andere – ganz banal und logisch die Ehefrau von Daniel, der 1928 starb.

Einige Berliner Bezirke haben Gedenkbücher für die deportierten Juden aus ihren Bezirken zusammengestellt. Dort sind die Leute nach Straßen und Hausnummern verzeichnet. In der Uhlandstraße 118-119 finde ich Hans-Peter und Therese, Hans und Hannacha nicht. Die andere Möglichkeit wäre, dass Hannacha vor ihrer Deportation in einem Kinderheim war. Ende 1942 wurden die Heime geschlossen und die meisten Kinder zunächst ins Jüdische Krankenhaus gebracht. Je nachdem, wie schnell die Nazis ihre jüdische Herkunft beweisen konnten, wurden sie deportiert. Das konnte ein paar Tage dauern, aber auch Monate. Das Bundesarchiv in Potsdam soll Listen haben, also schreibe ich dorthin.
Ich bin schon froh über die bisherigen Informationen, aber jetzt lässt mich die Geschichte nicht mehr los - ich kombiniere Tag und Nacht, wie was gewesen sein könnte, warum die Söhne so deutsche Namen haben und das Mädchen einen so auffällig jüdischen, wo es allein zwischen der Deportation der Mutter und seiner eigenen war und wo der Vater geblieben ist.
Unsere ganze Abteilung phantasiert Geschichten über das Leben der Familie zusammen. Dabei merken wir ständig wieder, dass wir zwar Daten und Fakten jüdischer Verfolgung kennen oder sie einfach im Lexikon nachschlagen können, aber nicht einmal die banalsten Dinge eines Lebens in jener Zeit nachvollziehen können, ganz zu schweigen von Gedanken und Gefühlen.

Ein Monat später: Vermutlich ist Meyerowitz Junior mit den Sachen zufrieden, die wir bisher herausgefunden haben. Er hat nie in Berlin gelebt, er wird nichts anfangen können mit bestimmten Straßennamen, Vorkriegszeitungen, den kleinen Mosaiksteinchen, die in Form von Antwortbriefen allmählich auf meinen Schreibtisch flattern. Trotzdem. Als erstes kommt der Brief vom Standesamt Wedding an, mit der Geburtsurkunde von Hannacha, die vom Bruder dürften sie mir nicht ausstellen, schreiben sie, nur für Verwandte 1. Grades. Sei´s drum. Interessant: der Vater Hans hieß mit vollem Namen Hans Maria Adolf. Offenbar getauft. In der Volkszählung von 1939 ist er als "Volljude" eingestuft. Mitgeteilt wird mir auch noch, wo und wann Hans und Therese geheiratet haben. Da war sie im dritten Monat schwanger. Nun bekommt auch das Standesamt Wilmersdorf einen Brief, die Heiratsurkunde hätt ich gern.

Als nächstes antwortet das Archiv Bibliographia Judaica: Hans hat in den zwanziger Jahren für die Vossische Zeitung geschrieben. Dem Brief ist auch eine Kopie aus dem antisemitischen Lexikon "Sigilla veri" von 1931 beigelegt, in dem Hans einen eigenen Eintrag hat. Hier steht auch ein Hinweis auf einen Zeitungsartikel von 1928 in der "Deutschen Zeitung". Ich besorge die Zeitung: es ist ein Artikel über die "betrügerische jüdische Linkspresse". Hans war in irgendeinen Prozess verwickelt und wird hier zusammen mit anderen Journalisten, unter anderem dem Bruder von Ernst Toller, beschimpft.
Für den Moment aufschlussreicher ist der Hinweis, dass er der Neffe von Selmar M. war und dieser soll ein bekannter Musiker und Dirigent gewesen sein. Selmar konnte nach Paris fliehen, starb aber 1941 in Toulouse. Jetzt kann ich mein Betätigungsfeld auf die Musikbibliotheken ausdehnen. Das Szenario in meinem Kopf sieht etwa so aus: der Auslöser unserer Recherche hört die Musik des Bruders seines Urgroßvaters, während er die Zeitungsartikel seines Opas liest und so weiter. Immerhin. Schließlich haben wir mit nur einem Namen und einem Geburtsdatum begonnen.

Auch das Bundesarchiv trägt etwas neues bei: Hannacha war vor ihrer Deportation "Patient des Krankenhauses", so steht es in den Akten, wohl des Jüdischen, wie wir ja schon vermutet hatten. Unklar bleibt, warum sie nicht mit Mutter und Bruder zusammen deportiert wurde.
Eine andere Information ist noch wichtiger: Hans hat mindestens bis 1942 noch gelebt, denn laut einer "Liste über Angehörige der Vereinten Nationen" (eventuell war Hans nie deutscher Staatsbürger oder wurde ausgebürgert?) von 1946 war er 1942 in einem Gefängnis in Landsberg am Lech. Ich finde es merkwürdig, dass ein "Volljude" 1942 in einem Strafgefängnis saß und nicht im KZ, wie anzunehmen gewesen wäre.

Also: Stadtarchiv Landsberg – die haben nichts, geben mir aber die Nummer des noch bestehenden Gefängnisses, wo mir das übliche gesagt wird: "Akten vernichten wir nach 30 Jahren, außerdem haben die Amerikaner vieles mitgenommen". Und nun?
Erst mal schreibe ich an die Gedenkstätte in Dachau, das war in der Nähe, vielleicht hat man ihn später dahin gebracht. Dann das Bayrische Staatsarchiv, die haben noch ein paar Akten aus Landsberg: "Grüß Gott", sagt der Herr am Telefon, und ich soll ihn am besten schriftlich anfragen. Na, ich bin ja in Übung. Telefonisch verrät er mir aber immerhin, dass Landsberg ein Gefängnis für solche Häftlinge war, die Bagatelldelikte begangen hatten oder bei denen schon das Ende der Strafe in Sicht war. Das ist auch wieder etwas, was ich nicht verstehe, wie konnte bei einem Juden 1942 das Haftende absehbar gewesen sein? Der Herr am Telefon meint: "Vielleicht haben sie den einfach vergessen". Na ich weiß ja nicht, beim legendären Perfektionismus der Nazi-Maschinerie scheint wenig wahrscheinlich.

Endlich kann ich auch die Adressbücher im Landesarchiv einsehen: Ich beginne beim Geburtsjahr von Hans. Zu der Zeit sind hier nur drei Meyerowitz in Berlin registriert. Aber verlassen kann man sich darauf nicht, es werden ja nur die Haushaltsvorstände aufgenommen. Onkel Selmar, als "Kapellmeister bei der Staatsoper", ist von 1920 bis 1933 erwähnt. In dieser Zeit ist er viermal umgezogen. Nachdem ich Stunden gesucht habe – grad als mir der nette Mensch vom Lesesaal erklärt, dass er nun aber wirklich nach Hause muss –, finde ich Hannachas Mutter Therese: Perlis, Therese, Zahntechnikerin, Pankow, Parkstraße 13. Es ist das Buch von 1936.
Am nächsten Tag komme ich wieder ins Archiv. 1937 wohnt sie nicht mehr dort, aber nun ist Hans erwähnt, zum ersten mal: Schriftsteller, Lietzenburger Straße 32. Sie hatten doch 1936 geheiratet und sind wohl zusammen hier eingezogen. Ein Jahr später wohnen sie dann in der Uhlandstraße. Ab 1940 sind sie nicht mehr eingetragen, obwohl sie bis zur Deportation Hauptmieter waren. Dies geht wenigstens aus der "Vermögenserklärung" hervor, die Therese 1942 ausfüllen musste und die im Landesarchiv liegt.
Sie haben also in einer 3-Zimmerwohnung gewohnt und 89,- Reichsmark Miete gezahlt. In einer Inventarliste der Wohnung lese ich, wie die Nazi-Schergen die Möbel, das Kinderbett, die Stühle bewertet haben und dass hier nicht viel zu holen war. Ganze 890,- Reichsmark waren ihnen die Habseligkeiten der Familie Meyerowitz wert. Allein die Hälfte davon will die Hausverwaltung ein halbes Jahr später von der "Vermögensverwertungsstelle" für "die Mietausfälle der abgeschobenen Juden" zurück haben. Ein ähnliches Schreiben existiert auch von der BEWAG, die die Stromkosten anmahnt. Wie viele Formulare und Vordrucke und wie viele ´kleine Beamte´ müssen in diesen Apparat involviert gewesen sein – und niemand hat etwas ´davon´ gewusst!

© Judith Kessler. Die Vermoegenserklärung von Therese


Therese hat in der "Vermögenserklärung" ihren Familienstand mit "geschieden" angegeben. Das ist neu. In allen anderen Papieren ist vom Ehepaar Meyerowitz die Rede. Wir wissen nicht, was passiert ist.
Und es existiert ein handgeschriebener Brief von Hans in Thereses Akte, der sich mit der Antwort zu einem Bild zusammenfügt, die ich inzwischen vom Bayrischen Staatsarchiv bekommen habe. Es wird immer bunter. Hans muss sich im Frühjahr 1942 in Wien aufgehalten haben und wurde dort wegen eines Ladendiebstahls zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Vom Juli bis Oktober 42 war er im Gefängnis Landsberg. Vielleicht wollte er über Wien fliehen, vielleicht hat sich Therese in dieser Zeit scheiden lassen. Möglicherweise gibt es noch Akten in Wien. Angefragt habe ich wenigstens. Von Landsberg wurde er im Oktober 1942 "der Kripo Berlin überstellt" – so der Eintrag. Nun schließt sich der Kreis zu seinem Brief vom November, den er aus dem Polizeigefängnis Berlin C 2, Saal 2b an die Kriminalinspektion schreibt. Ich brauche lange, um ihn zu entziffern. Er bittet – in der 3. Person geschrieben – um die Entsiegelung seiner Wohnung in der Uhlandstraße, um Kleidungsstücke und wichtige Papiere entnehmen zu können, da er nur die Kleidung habe, die er trage und demnächst in ein Konzentrationslager transportiert werden solle. Die Wäsche seines Schwagers könne er nicht länger benutzen. Was für ein Schwager?

Scheinbar hat Hans gewußt, dass Therese bereits deportiert war, denn er bittet darum, einer Frau Annaliese Sara Allenstein aus der Bayreuther Straße, die bei einer Familie Cassel wohne, in Kenntnis zu setzen, weil diese seiner Frau bis zur "Evakuierung" zur Seite gestanden hätte und bis zur Versiegelung in der Wohnung gewesen sei. Das klingt alles fragwürdig. Als letztes verweist er noch darauf, dass er am 17. November zu seiner Hauptverhandlung geladen sei. Auch das ist merkwürdig. Wozu schreibt er das? Um sein Anliegen zu beschleunigen? Und um was für eine Verhandlung geht es? Er war doch bereits verurteilt. Oder war das eine andere Angelegenheit?

Inzwischen habe ich nachgelesen, dass das Reichssicherheitshauptamt mit den jeweiligen Stellen Sondervereinbarungen treffen mußte, um Juden zu deportieren, die in Heilanstalten, Gefängnissen und Konzentrationslagern einsaßen. Es gab offenbar Kompetenzstreitigkeiten zwischen SS/Polizeiapparat und Jusitzministerium, was erklären würde, warum Hans nicht so einfach anstatt ins Gefängnis in ein Vernichtungslager kam oder warum er noch eine Zeitlang im Berliner Polizeigefängnis saß.

Die Zeit geht dahin und das Warten lohnt sich, denn nun liegt ein dicker Umschlag vor mir. Das Standesamt Wilmersdorf, das ich wegen der Heiratsurkunde von Hans und Therese angefragt hat schickt einen ganzen Stapel Kopien alter Dokumente – offenbar die, die man zum Heiraten brauchte. Die Bürokratie beschert uns eine Sensation. Die ganze Zeit suche ich nach einem ´Vater für Hans´, der Meyerowitz heißt. Ein Riesenfehler. Seine Mutter war nicht verheiratet – sie hieß Meyerowitz, Ida. Und war die Tochter des Kantors Abraham Meyerowitz und seiner Frau Henriette – beide hatte ich ja schon auf dem Jüdischen Friedhof gefunden, ohne die Verbindung zu ahnen. Man stelle sich vor – die Tochter eines Kantors bekommt ein uneheliches Kind und nennt es auch noch Hans Maria Adolph. Vielleicht kam es zu einem Zerwürfnis mit der Familie, denn ihr zweites Kind, Heinrich, wird zehn Jahre später ebenfalls unehelich in einem Ort namens Eberstadt in der Nähe von Darmstadt geboren. Der Vater ist nicht bekannt und auch nicht, was aus Heinrich geworden ist (irgendwie hab ich bei jedem neuen Namen die Hoffung, jemand hätte überlebt). Irgendwann muß Ida, sie war Krankenschwester, dann nach Berlin zurückgehrt sein, denn sie starb 1921 in Berlin. Und Selmar, der Kapellmeister, war ihr Bruder, der Sohn des Kantors.

Über Hannachas Großeltern mütterlicherseits, also die Eltern von Therese, erfahren wir auch einiges. Sie hießen Jakob und Dina Perlis geborene Weissbrem und kamen aus Ostpreußen. Jakob war Kaufmann und später Bankier. Damit ergibt sich wieder ein Stück roter Faden. Denn ich hatte doch nach Dina Josephson gesucht, die die Beerdigung von Frank, dem Bruder von Hannacha bestellt hatte. Dina ist Dina Perlis, die nach dem Tod von Jakob 1935 nochmals geheiratet hatte.

Die Familie wird langsam zu groß, um alle Daten im Kopf zu behalten. Ich bastele einen Stammbaum. Im Prinzip könnte man den unendlich weiter vervollständigen, man könnte die Archive in Polen und Russland anschreiben. Aber was bringt das? Am wichtigsten bleiben die Eltern von Hannacha und ihre unmittelbaren Verwandten.
Die Heirat von Therese und Hans fand jedenfalls im September 1936 in Wilmersdorf statt. Trauzeugen waren ein Lothar Tuchler – Musiker und Sänger – und ein Martin Israelski – kaufmännischer Angestellter. Beide stehen auch im Jüdischen Adressbuch.
Die Irritation über den späteren Familienstand von Hannachas Eltern klärt sich jetzt auch auf: Therese hat 1941 die Scheidung beantragt wegen "Aufhebung der Ehe". Hans muß also irgendwann Therese, seine Kinder und die Stadt verlassen haben. Wir wissen ja, dass er im Frühjahr 1942 in Wien war. Da sein Aufenthaltsort laut Scheidungsurkunde unbekannt war, hat er wohl von der Scheidung nichts gewußt, womit sich erklärt, warum er in seinem Brief aus dem Gefängnis immer noch von "seiner Ehefrau" spricht.

Ich frage mich, warum sich jemand 1942 scheiden läßt. Die Deportationen hatten schon begonnen. Therese hatte nach dem Tod ihres ersten Sohnes noch zwei Kinder, sie war Zwangsarbeiterin, Alleinverdienerin und trug den Stern am Mantel. Hans war ohnehin schon weg und sie hatte die Probleme des Alltagslebens zu lösen – Lebensmittelkarten, Unterbringung der Kinder usw. Was mag sie zu der Scheidung bewogen haben? Wieder ein Grund zum Grübeln. Bald bekomme ich Hilfe dabei – das Landesarchiv ruft an: man hat die Strafakte von Hans gefunden. Ich fahre sofort hin.

Jetzt kann ich mir langsam vorstellen, warum Therese sich scheiden ließ. Wie soll ich das alles Meyerowitz junior beibringen? Dass sein Großvater kein Scholem Alejchem war, sondern eher eine Figur aus seinen Geschichten…
Hans, ohne Vater aufgewachsen und künstlerisch begabt, konnte sich offenbar mit seiner Schriftstellerei nicht über Wasser halten. Er wurde in Dresden, Blankenburg, Weimar und Berlin verurteilt, immer wegen "Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug". Nachdem er Therese geheiratet hat, schien er ´solider´ geworden zu sein. Im Frühjahr 1938 ließ jedoch Kriminal- und Staatspolizei in einer gemeinsamen Aktion 10000 Juden verhaften und steckte sie in "Vorbeugehaft" in Konzentrationslager. Auch Hans ist von Juni 38 bis April 39 in Buchenwald. Während dieser Zeit wird sein Sohn Hans-Peter in Berlin geboren und stirbt Frank, der erste Sohn! Hans wird im April ´39 zusammen mit anderen "beurlaubt", um seine Auswanderung zu betreiben, was er aber – so die Polizei – nicht getan hätte. 1939 war das Ziel der Nazis noch die Auswanderung aller Juden, die "Endlösung" wurde später ausgedacht.

Hans kehrt zunächst nach Berlin zurück. Hannacha wird geboren. Die Familie muß große finanzielle Nöte haben. Um Schulden und die Miete zu zahlen, betätigt er sich als Zwischenhändler für Juden, die ihre Möbel und Wertgegenstände verkaufen müssen. Im September 1941 wird ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, weil er jemandem unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit einer gefälschten Quittung ein Darlehen von 2000 RM abgenommen hat und es nicht zurückzahlen konnte. Hans flieht. Therese wird befragt und sagt aus, dass er wahrscheinlich mit seiner Geliebten, einem Frl. Allenstein, nach Wien gefahren ist. Allenstein – den Namen kennen wir doch schon. Hat Hans nicht in seinem Brief aus dem Gefängnis um Benachrichtung einer Frau Allenstein, die seiner Frau bei der Wohnungsauflösung geholfen hätte. Arme Therese! Zu allem muß sie nun seine Lebensmittelkarte sofort abgeben, wie die Polizei vermerkt. Ordnung muß sein.

Die Anfrage der Kripo in Wien bringt zunächst nichts. Im Oktober wird Hans jedoch bei einem Ladendiebstahl in Wien erwischt und dort im Mai ´42 zu einem Jahr Haft verurteilt. Soweit waren wir ja schon mal. Nachdem er die Strafe in Landsberg abgesessen hat, wird er aufgrund des Haftbefehls aus Berlin dorthin überstellt. Genau eine Woche vorher waren seine Frau Therese und sein Sohn Hans-Peter deportiert worden.

An sich ist der Straftatbestand eine Bagatelle – aber Hans ist vorbestraft und er ist Jude. Fünf Jahre Zuchthaus lautet das Urteil. Der darauf folgende umfangreiche Briefwechsel zwischen Justizministerium (Staatsanwaltschaft) und Kripo (Polizeipräsident) beweist den angesprochenen Kompetenzstreit. Die Justiz möchte Hans in das zuständige Zuchthaus Brandenburg an der Havel bringen lassen, die Kripo jedoch in das KZ Lublin. Die Polizei setzt sich über den Wunsch der Justiz hinweg und schickt Hans im Dezember 1942 nach Lublin. Die Staatsanwaltschaft verlangt einen Monat später seine Rücküberführung, da das rechtskräftige Urteil zuständigkeitshalber in Brandenburg vollstreckt werden müsse. Die Polizei antwortet, dass sie aufgrund der Vorstrafen und der Sonderbestimmungen für Juden für den Verbleib in Lublin plädiert. Im März 43 gibt sich die Justiz geschlagen und setzt das Urteil aus. Die Staatsanwaltschaft schickt den Vorgang zwecks Übernahme der Strafvollstreckung im Dezember 1943 an die Polizei. Diese sendet ihn am 28. Januar 1944 mit der Bemerkung "Die Strafvollstreckung ist hier übernommen worden" zurück. Wir können uns vorstellen, was das heisst. Es ist die letzte Seite in der Akte.

Die Lager in und um Lublin, in der Hauptsache Majdanek, waren sowohl Konzentrations- als auch Ver-nichtungslager. Im Spätsommer 1942 wurden hier die Gaskammern in Betrieb genommen. Zu Lublin gehörten neben Majdanek z.B. die Lager in Chelm, Budzyn und Poniatowa. Die Häftlinge arbeiteten hauptsächlich in der Rüstungsindustrie. Hitler gingen die Arbeitskräfte aus und Himmler befahl Ende 1942 Razzien unter der Zivilbevölkerung und die Überführung von Häftlingen aus Gefängnissen in die KZ´s, um mehr Arbeitskräfte zu haben. Dies dürfte die Entscheidung des Justizminiusteriums, auf Hans zu verzichten, auch beeinflußt haben. In den Lagern gab es Untergrundorganisationen und Fluchtversuche. Als Reaktion auf die zunehmende Widerstandsbewegung wurden am 3. November 1943 bei dem sogenannten "Erntefest-Massaker" oder "Blut-Mittwoch" alle jüdischen Häftlinge der Lager im Raum Lublin erschossen. 42000 Ermordete. Unter Musikbegleitung aus Lautsprechern. Wahrscheinlich war Hans darunter, wenn er nicht schon vorher wegen irgendeiner Lappalie umgebracht worden ist oder in ein anderes Lager gebracht wurde. Majdanek versorgte kleinere Lager im Generalgouvernement mit Arbeitskräften, aber auch die Lager in Mauthausen, Sachsenhausen, Buchenwald und Groß-Rosen. Als die sowjetische Armee näher kam, wurden viele Gefangene noch erschossen, die letzten Transporte gingen nach Bergen-Belsen, Plaszow und Auschwitz. In der Nacht zum 23. Juli 1944 wurde Majdanek befreit.
Das Datum fällt mir auf. An diesem Tag nämlich besucht eine internationale Rot-Kreuz-Delegation Theresienstadt, wo die Nazis zur Täuschung Kindergärten, Schulen, ein Café und Blumenbeete anlegen ließen. Als die Delegation – offenbar beruhigt – abgefahren war, wurde der Propaganda-Film "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" gedreht. Zu sehen ist in dem Streifen, wie ich heute weiß, auch ein vierjähriges Mädchen aus Berlin: Hannacha Meyerowitz.

Am Anfang htte ich gedacht: Würde Hannacha doch noch leben! Sie bekäme ihre Eltern und ihren Namen zurück. Heute denke ich, dass es vielleicht besser war, dass sie von all dem nichts wußte und ihr keine neuen Wunden zugefügt wurden. Sie ist mit fünf Jahren befreit worden, hat ein anderes Leben bekommen, andere Eltern, einen anderen Namen und eine andere Sprache.

Die Suche ist zu Ende. Ich habe eine Familie gefunden, aber nichts zum Anfassen, niemanden zum Umarmen, kein Foto, kein Grab, keine Erinnerungen. Nur Papier.


Judith Kessler, Biografisches:



Judith Kessler (Jg. 1959) hat als Sozialwissenschaftlerin, Autorin und Redakteurin etliche Studien und Publikationen zur jüdischen Gegenwartskultur und sowjetisch-jüdischen Migration verfasst, darunter: "Von Aizenberg bis Zaidelman, Jüdische Migration aus der früheren Sowjetunion seit 1990", "Zum kulturell-religiösen Selbstverständnis Berliner Juden", "Klezmerfreie Zone oder Jewish Disneyland", "Zwischen Charlottengrad und Scheunenviertel", "Jüdisches im Grünen" (mit Lara Dämmig). Sie ist seit langem in der jüdischen Familienforschung unterwegs und wird ab und zu angesprochen, wenn Menschen nach Spuren ihrer Vorfahren oder Familien suchen. Manchmal ergeben sich daraus Geschichten (und Freundschaften) ...

Das Projekt "Jüdische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde ermöglich durch eine Kooperation der Stiftung ZURÜCKGEBEN, Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de


Copyright Fotos: Judith Kessler

Copyright Foto von Judith Kessler: Sharon Adler



Jüdisches Leben Beitrag vom 04.02.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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