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AVIVA-BERLIN.de 2/10/5778 - Beitrag vom 02.03.2013

1,55 Meter groß, dunkelbraune Haare ... Wie man eine Mutter findet und andere Überraschungen
Judith Kessler

Heini bekommt eine Familie - eigentlich die Geschichte von Margarete Reich. Es war so etwas wie ein letzter Strohhalm, als ich bei einem Fest der ehemaligen Zöglinge des Pankower Jüdischen...



... Waisenhauses Flugblätter verteilte, auf denen stand "Wer kennt Heini?" – einen 1930 in Berlin geborenen jüdischen Jungen, der 1934 nach Lettland adoptiert und später mit seinen Adoptiveltern von den Russen nach Sibirien deportiert wurde und der seit 1972, seit er in Israel lebt, nach seiner Identität sucht, nach seinem Namen, seinen Wurzeln, seinen biologischen Eltern.

Denn er hatte außer einem Geburtsdatum, der Ortsangabe Berlin und der Verkleinerungsform seines Vornamens keine einzige Angabe über sich oder seine Herkunft. Er wusste nur, dass sein (späterer) Onkel, der seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in Berlin lebte, die Adoption organisiert hatte. Und zwar über die Jüdische Gemeinde in der Oranienburger Straße, also genau dort, wo ich sitze. Des Onkels Schwester Sonja in Libau war kinderlos geblieben und hatte ihn gebeten, sich in Berlin nach einem jüdischen Kind umzusehen. Adoptivmutter und Onkel waren längst tot und niemand mehr da, den man hätte fragen können…

Beim Waisenhaus-Fest kannte zwar niemand Heini, aber einige Leute dort waren sich ganz sicher, dass er im jüdischen Säuglingsheim in der damaligen Moltkestraße 8 (heute heißt sie Wilhelm-Wolff-Straße) gewesen sein muss, da nur dort solche kleinen Kinder aufgenommen wurden. Bewohnerlisten dieses Heims gibt es jedoch nicht... Heute steht definitiv fest, dass Heini tatsächlich in der Moltkestraße war, und nicht nur das. Die Suche, die für ihn Anfang der 1970er Jahre und für mich persönlich 1996 begonnen hat und zwischenzeitlich einen Leitz-Ordner voller Negativ-Bescheide füllte, war am Ende von Erfolg gekrönt. Eines Tages war da das Zipfelchen eines roten Fadens, und wir konnten das Knäuel langsam aufrollen. Herausgekommen ist eine einerseits versöhnliche, aber mehr noch tragische Geschichte, die Geschichte eines kleinen Jungen, der mit 75 Jahren erfährt, wer er ist (aber ist er das, was er erfährt?) und die einer Frau, deren Denken und Fühlen in den brutalen Wirren des 20. Jahrhunderts wir nur erahnen können und die trotz ihres Überlebenskampfes keine wirkliche Chance hatte, ihr eigenes Kind aufwachsen zu sehen.

© Judith Kessler


Heini – der eigentlich Heinz heißt, wie wir jetzt wissen, für mich aber immer Heini blieben wird – war beim Ende dieser Suche 75 Jahre alt. Ärgerlich ist, dass wir schon acht Jahre früher soweit hätten sein können, wie wir heute sind. Denn nachdem Heini damals einen Hilferuf an die Berliner Jüdische Gemeinde geschrieben hatte – es war ein handgeschriebener Brief auf Russisch, der erklärte, dass und warum er nicht wusste, wer er ist – hatte ich in der irrigen Annahme, das wäre ganz einfach, nacheinander alle 23 Berliner Standesämter angeschrieben, mit der Frage ob in ihrem Bezirk am 30. Juli 1930 ein jüdischer Junge geboren sei, dessen Vorname Heinz, Heiner oder Heinrich lautet. Doch mehr oder weniger schnell antworteten alle Ämter, dass es bei ihnen kein Kind gibt, auf das die Merkmale passen.

Aufgrund dieser Absagen glaubte ich, dass entweder das Geburtsdatum oder der Ort nicht stimmte oder dass er gar nicht jüdisch war (aber frag mal einen alten Herrn, ob er tatsächlich beschnitten ist) und verbrachte weitere sieben Jahre mit Spekulationen und vagen Anfragen an alle erdenklichen Archive und Stellen – Landesarchiv, Preußisches Staatsarchiv, Auswärtiges Amt, Rotes Kreuz, Adoptionsbehörden, Leute, die sich mit Kinderheimen auskennen, jeden Strohhalm, ich lasse nichts aus. Aber da ist nichts. Und niemand wollte richtig mit uns reden. Wo sollten die Archive ohne Nachnamen auch anfangen zu suchen? Der vollständige Vorname war das einzige, was wir nach zwei oder drei Jahren doch herausgefunden hatten. "Heini" hieß richtig "Heinz" und außerdem "Eberhard". Beide Namen standen nämlich in einem Hausbucheintrag in Libau, der von einem lettischen Archiv kam. Und auch hier wieder der 30. Juli 1930, Berlin. Also stimmte das Geburtsdatum doch. Aber es brachte uns nicht weiter. Und "Eberhard" war auch kein Nachname, wie wir hofften.

Inzwischen waren wir Freunde geworden, er kannte meine Familie, ich seine, hatte ihn Nazaret besucht und endlich auch überredet noch einmal nach Berlin zu kommen, um sich selbst in den Ämtern zu überzeugen oder vielleicht einen Ort aus seiner frühen Kindheit wieder zu erkennen, irgendetwas, was uns auf die richtige Spur hätte bringen können. Während ich eigentlich längst aufgehört zu glauben, dass wir etwas finden würden, war er überzeugt, dass die "ordentlichen Deutschen" alle Papiere aufgehoben haben. Vielleicht hatten seine Eltern einen Unfall, waren gestorben... Er grübelte und kombinierte und konnte einfach nicht glauben, dass er nicht "existiert". Er wollte so gern Eltern haben, wenigstens einen Namen. Irgendetwas. Und dann: An meinem Geburtstag, bei seinem Berlin-Besuch, sieben Jahre nach dem ersten Kontakt, schlug jemand vor, noch zur lettischen Botschaft zu gehen, die ja nun wieder autonom war. Die Leute dort waren sehr nett und versprachen, in ihren alten Archivbeständen in Riga suchen zu lassen. Drei Monate später kommt plötzlich die Kopie einer Geburtsurkunde aus meinem Faxgerät gekrochen: ausgestellt in Berlin-Mitte, Standesamt 12a! Offenbar hat also in Mitte jemand tief und fest geschlafen oder gar nicht erst nachgesehen, als ich dort angefragt hatte und einfach einen Negativbescheid ausgestellt.

Ich war so wütend. Sieben Jahre mit überflüssigen Anfragen verschenkt! Aber gut. Jetzt hatten wir ihn, konnten richtig zu suchen anfangen und Heini hatte plötzlich einen eigenen Namen: das Baby "Heinz Eberhard Reich" war in der Berliner Charité geboren und Sohn der "unverehelichten Verkäuferin" Margarete Reich, wohnhaft in Amsterdam. Kein Vater, keine Staatsbürgerschaft, keine Religionszugehörigkeit, kein Adoptionseintrag... Und wieso jetzt plötzlich Amsterdam? War sie Holländerin? Ich habe mir einen Stadtplan von Amsterdam besorgt, aber die angegebene Straße nicht gefunden, vielleicht hat der Standesbeamte den Namen falsch geschrieben. Der Name "Reich" ist nicht holländisch, er ist deutsch, aber auch bei Juden aus Polen und der gesamten K&K-Monarchie zu finden... In den Berliner Adressbüchern aus dieser Zeit wimmelte es von Frauen, die Margarete Reich heißen. So kamen wir nicht weiter.

Das Centrum Judaicum riet mir, im Archiv der Humboldt-Universität nachzufragen, die hätten noch alte Charité-Akten. Schließlich musste ja aus irgendeinem Eintrag hervorgehen, dass das Kind jüdisch war, sonst wäre es nicht in ...ein jüdisches Heim gekommen. Und wirklich, kaum hatte ich meine Anfrage an die Uni geschickt, kam schon ein

Rückruf: Heinis Mutter, Margarete, wurde 1897 in Berlin geboren, war preußische Staatsbürgerin und mosaischer Religionszugehörigkeit, und sie wohnte in Amsterdam "bei Grosens". Von einer Adoption kein Wort. Aber immerhin hatten wir nun ihr Geburtsdatum. Nachdem ich wieder alle Standesämter angeschrieben hatte, diesmal auf der Suche nach ihrer Geburtsurkunde, und auch tatsächlich fündig geworden war, stockte die Suche erneut. Margarete war, so gab ihre Geburtsurkunde Auskunft, wie später ihr Sohn in Berlin-Mitte geboren und sie war in der Kastanienallee 39 gemeldet, wie ihre Eltern. Beide Elternteile – Georg und Bertha Reich, geborene Freund, also Heinis Großeltern, – waren jüdisch und preußische Staatsbürger. Mehr aber war von Margarete nicht zu finden: weder auf dem Jüdischen Friedhof, noch in den Deportationslisten oder in der Einwohnermeldekartei oder bei der Volkszählung 1939. Wie vom Erdboden verschluckt.

Doch das Archiv der Lettischen Botschaft hatte neben Heinis Geburtsurkunde noch ein zweites Dokument geschickt. Einen Beschluss des Gerichts in Libau. Danach hatte das kinderlose Ehepaar Simcha und Smerlis Hait, Inhaber einer gut gehenden Bäckerei in Libau im Mai 1934 darum ersucht, ein "genetisch passendes" Kind aus Deutschland, nämlich unseren Heini, adoptieren zu dürfen. In dem Schreiben tauchen die Namen eines Rechtsanwalts und eines Vormundes auf. Beide habe ich überprüft, der eine ist vom Inspektor zum Oberinspektor aufgestiegen, der andere hat sich von der Potsdamer Straße zum Kurfürstendamm hoch gearbeitet. Sie waren also nicht jüdisch und hatten nur von Amts wegen kurz mit Heini zu tun. Dennoch waren ihre Namen wichtig, denn durch sie fanden wir im Landesarchiv einen weiteren Baustein: ein Protokoll in den Notariatsregistern von 1934, aus dem die Zustimmung zu Heinis Adoption durch das Ehepaar Hait hervorgeht und dass Heini ihren Nachnamen bekommen hat. In diesem Dokument taucht auch zum ersten und einzigen mal das Jüdische Säuglingsheim Moltkestraße als Heinis Aufenthaltsort auf. Er hatte also tatsächlich dort gelebt, wie die "Spezialisten" auf dem Waisenhausfest geglaubt hatten. Und die Vormundschaft durch die Stadt war bereits drei Wochen nach der Geburt beurkundet worden. Margarete Reich hat ihr Baby also sehr schnell abgegeben. Wieder ein ernüchternder Moment für Heini, mit dem ich jede Woche die Neuigkeiten am Telefon austauschte.

Vielleicht war es so, denke ich mir: Margarete, ledige Tochter einer jüdischen Unterschichtfamilie (die Hinterhauswohnung in der Kastanienallee deutet darauf hin), geht aus dem kriegsgeschundenen armen Berlin nach Amsterdam. Wir erinnern uns, Margarete ist 19, als der Krieg aus ist. Deutschland hat den Krieg verloren und das unbeteiligte Holland stand wirtschaftlich relativ gut da. Außerdem gingen viele deutsche Juden später nach Holland, weil Ausländer dort keine Arbeitserlaubnis brauchten. Auch Margarete versuchte ihr Glück. Sie arbeitete als Dienstmädchen und lebte zur Untermiete. Als sie mit Heini schwanger wurde, rechne ich, war sie schon 33 Jahre alt. Sie verließ Holland, vielleicht hatte sie der Vermieter oder Dienstherr (vielleicht zugleich Kindesvater) auch weggeschickt, und kehrte nach Berlin zurück. Vielleicht hoffte sie auf Hilfe von ihrer Familie oder glaubte, die Dinge hier besser unter Kontrolle zu haben. Doch schon drei Wochen später wurde die Urkunde über die Amtsvormundschaft ausgestellt. Vielleicht hat sie es einfach nicht geschafft, mit dem Würmchen klar zu kommen, kein Geld, keine Arbeit, kein Vater für das Kind... Ich kann es nur ahnen, und Heini hat alle möglichen abenteuerlichen Ideen, warum seine Mutter ihn verlassen hat, ja verlassen musste. Margaretes Vater, Georg Reich, war zu diesem Zeitpunkt schon tot. Die Archivarinnen im Centrum Judaicum finden ihn, Heinis Opa, auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee – geboren 1857 in Deutsch Eylau, Kaufmann, gestorben 1920 an einer Grippe im "Sanatorium v. Roy, Bülowstraße".

© Judith Kessler. Bertha und Heini haben das Grab ihres Großvaters Georg Reich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gefunden


Als Wohnadresse ist die Anzengruber Straße in Neukölln angegeben (pikanterweise bei Frl. Helene Friede, ihres Zeichens Galanteriewarenhändlerin, wie ich herausfinde), und es gibt einen handschriftlichen Brief von Bertha, seiner Witwe, dass sie einverstanden ist, dass er neben seiner ersten Ehefrau Frieda Reich, geborene Kulb begraben wird (Die Beerdigung II. Klasse – die Ex-Frau hatte I. Klasse – beinhaltet aber immerhin noch Chor und Gesteck und Gebet). Bertha wohnte zu dieser Zeit in der Albertstraße in Schöneberg. Scheinbar waren sie getrennt, komplizierte Familienverhältnisse gab es damals schon... Auch deswegen wird Bertha ihrer Tochter Margarete wohl keine Hilfe gewesen sein können, als die schwanger aus Amsterdam auftauchte, denke ich mir.

Sie selbst, Bertha – Heinis Oma – finde ich dann, nach langem Suchen in den falschen Quellen, auch – leider, im "Gedenkbuch": Bertha Reich, geborene Freund 1862 in Berlin, deportiert nach Auschwitz und "für tot erklärt". Was mich irritiert: als Datenquelle ist eine Deportationsliste aus den Niederlanden angegeben! Hat Margarete, nachdem sie offenbar nach Amsterdam zurückgekehrt ist, ihre Mutter später zu sich genommen? Es half nichts, wir mussten in Holland weitersuchen. Immer wieder dachte ich: Was macht das alles wohl mit Heini? Im hohen Alter erfährt er nun stückchenweise, wer er ist. Ob ihm das hilft, weiß ich nicht. Ich wusste, dass diese Sache für ihn in den letzten Jahren immer wichtiger geworden war, fast zur Obsession. Er ging sogar zu einer Hellseherin, um Klarheit zu bekommen. Jetzt hatte er ein paar Namen und ein paar Daten – ja, er ist "Preuße" (das passt zu seiner Art), hatte plötzlich eine Oma, die in Auschwitz geendet ist, einen Opa mit Grabstein in Berlin und den Namen einer Mutter, die ihn weggegeben hat.

Vielleicht hat er sogar Geschwister. Ich weiß nicht, was er damit anfängt. Seine Mama wird doch Sonja bleiben, die Frau aus Lettland, die ihn aufgezogen und geliebt hat, mit der er Deutsch sprach, mit der er, als er elf war, nach Sibirien deportiert wurde (während man den Vater umbrachte), mit der er achtzehn Jahre Gefangenschaft und die Sowjetzeit ertrug. Sonja, die bis zu ihrem Tod nicht ahnte, dass ihr Sohn über die Adoption Bescheid wusste. Und er, der sie nichts fragte, um sie nicht zu verletzen. Ich wußte (und weiß) es also nicht, Heini sprach nie über seine Gefühle. Aber die Suche ging weiter. Jetzt konnte auch niemand mehr aufhören. Wir warteten auf Antworten aus Amsterdam.

© Judith Kessler. Heini, 1934, kurz nach der Adoption in Lettland


Ein Jahr später:
Unglaublich. Heinis Mutter hat den Krieg überlebt. Wir erfahren es aus einer Karteikarte. Margarete Reich hat beim Roten Kreuz in Den Haag im Dezember 1945 eine Suchmeldung nach ihrer Mutter Bertha aufgegeben. Und sie ist ...erst 1983, hoch betagt, mit 86 Jahren, gestorben. Das ist für Heini schwer zu ertragen, er hätte sie noch treffen können. Der Eiserne Vorhang hatte sich für ihn doch schon 1972 mit seiner Auswanderung nach Israel geöffnet... Inzwischen hatten wir jedoch auch alles mögliche andere herausgefunden, von ihrer Passnummer über die Haarfarbe bis zu allen Melde- und Arbeitgeberadressen in Holland. Und dass Margarete einen Bruder hatte, Alfred. Während sie jedoch überlebte, wurde Alfred zusammen mit seiner Mutter Bertha deportiert, von Holland aus. Dass beide an Margaretes Geburtstag, am 11. Dezember, in Auschwitz umgekommen sind, fand ich erst später heraus, und es fiel mir auch erst auf, als ich zum x-ten Mal den Stammbaum der Familie Reich um neue Daten ergänze. Denn es gab noch einiges nachzutragen in diesem Jahr. Vor allem, dass Heini nicht Margaretes erstes Kind war. Das Archiv in Amsterdam teilte eines Tages mit, dass sie vorher schon ein Kind bekommen hatte, Anita, 1926 ebenfalls in Berlin geboren. Das war ein Schock. Anita musste also über 80 sein, wenn sie noch lebte. Fieberhaft fing ich nun an, auch nach dieser Anita zu suchen - alles von vorn, Standesämter, Archive... Aus den Amsterdamer Unterlagen ging indes noch einiges anderes hervor, das uns neu war. Das Bild von Heinis Mutter bekam einige Mosaiksteinchen hinzu: Margarete war mit 21 Jahren, 1919 aus Berlin-Schöneberg (da war ihr erster Reisepass ausgestellt) nach Amsterdam gekommen. Als Beruf hatte sie "Dienstbote" angegeben.

Als nächstes erfahren wir, wie Heinis Mutter aussah: 1,55 Meter groß, dunkelbraune Haare, braune Augen, gebogene Nase, geschwungene Lippen, ovales Gesicht, gesunde Hautfarbe. Heini war beeindruckt, denn es gab ja auch kein Foto seiner Mutter. Zugleich war ihm wohl unheimlich zumute. Und ich fragte mich immer wieder, ob er enttäuscht war. Sie hatte in sehr vielen Haushalten gearbeitet, wie ich an den Meldeadressen sehen konnte, meist in besseren jüdischen Gegenden, so in der Valeriusstraat und in der Prinsengracht, bei Seiphos, bei Hekman, bei Bergman, bei Cosman. Und da ist auch die Adresse, die auf Heinis Geburtsurkunde steht: Noordenwarsstraat 9 bei Goossens. Aus den Einträgen war zu vermuten, dass Margarete zwischenzeitlich wieder in Berlin war, wo dann ja auch die besagte ältere Schwester von Heini, Anita, zur Welt kam. 1929 tauchte sie wieder in Amsterdam auf und arbeitete als Zimmer- und Küchenmädchen im Hotel Schiller, dann im Hotel Amadeus. Hier muss sie nun zum zweiten Mal schwanger geworden sein – mit unserem Heini... Anita war inzwischen vier Jahre alt. Beunruhigend der dick unterstrichene Eintrag in der Meldekladde: "...bittet darum, ihre Adresse nicht ohne ihr Wissen weiterzugeben, wegen Lebensgefahr, die vom Vater des Kindes ausgeht".

© Judith Kessler. Margarete Reichs Personenbeschreibung


War sie vor einem gewalttätigen Kindesvater aus Berlin geflüchtet oder ist er aus Amsterdam und durch ihr neuerliches Auftauchen "aufgewacht"? Wir werden es nicht erfahren. Es ist ein kompliziertes Leben, soviel ist klar. Anhand der Meldeunterlagen ist zu sehen, dass Mutter und Tochter zunächst an verschiedenen Adressen wohnten, erst nach dem dritten Umzug gelang es Margarete, sich und Anita zusammen unterzubringen. Doch Anfang 1932 verließ sie mit Anita Amsterdam wieder Richtung Berlin, um sich ein Jahr später in Den Haag anzumelden, wenige Tage vor Hitlers Machtübernahme. ...Jetzt schrieb ich das Archiv in Den Haag an. Denn ich fragte mich, was es heißen konnte, dass Margarete 1945 nur ihre Mutter suchte? War Anita bei ihr? War sie tot? Oder hatte Margarete sie ebenfalls zur Adoption freigegeben? Vielleicht wurde das Kind auf diese Weise genauso gerettet wie Heini? Die Suche nach Anita ist kompliziert, zwischen 1933 und 1938 war Margarete zehnmal in Den Haag umgezogen.

Endlich finde ich, dass Heinis "große" Schwester Anita in diesen Jahren zeitweise im Kinderheim Rudelsheimstichting für geistig zurückgebliebene oder lernbehinderte jüdische Kinder in Hilversum lebte. Dort wurden Mädchen in Hauswirtschaft unterrichtet, um sie auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Offenbar ist Anita das gelungen. Denn in irgendeiner Meldebescheinigung (Gott sei Dank kenne ich inzwischen einige nette Leute, die Niederländisch verstehen) steht dann, dass sie 1944, mit 18 Jahren also, ausgezogen war und allein lebte.

Eines Tages kommt dann auch die erlösende Nachricht, dass Anita überlebt hat und 1946 nach Deutschland gegangen ist, und dass ihre Mutter sie später gesucht hat. Doch wir finden sie nicht, nicht in Deutschland, nicht in den Akten des israelischen Einwanderungsministeriums, nirgends! Wir werden sie auch später nicht wiederfinden, von Anita fehlt bis heute jede Spur. Doch der Frust über die unauffindbare Anita wurde durch ein neues Wechselbad der Gefühle überlagert. Denn bald darauf folgte die nächste Überraschung: Ein Fax vom Nationalarchiv in Den Haag. Und in dem stand, dass Heinis Mutter 1938 (zum ersten Mal) geheiratet hatte, einen nichtjüdischen Holländer (was möglicherweise auch erklärt, warum sie nicht wie ihre Mutter und ihr Bruder deportiert wurde). Und mit diesem Mann hatte Margarete 1939 – na? ja: noch eine Tochter bekommen und diese (Halb-)Schwester Heinis nach ihrer Mutter genannt: Bertha. Plötzlich, fast neun Jahre nach seinem Hilferuf an die Jüdische Gemeinde, hatte Heini wohl zum ersten Mal das Gefühl, dass er seiner Herkunft greifbar nah war. Doch diese Bertha hatte mit 20 einen Mann mit einem Allerweltsnamen geheiratet – und wir standen wieder da. In der Hoffnung, dass sie noch lebte, durchforstete ich im Internet jedes greifbare holländische Telefonbuch, aber es gab einfach zu viele Leute mit dem selben Namen. Also schrieb ich aus Verlegenheit noch an alle Jüdischen Gemeinden, an das "Niew Israelietisch Weekblad", an die Israelische Botschaft und eine Suchsendung im holländischen Fernsehen. Ohne Erfolg.

Dann, eines Freitag nachmittags, ich wollte gerade nach hause gehen, klingelte wieder das Telefon im Büro. Die Archivarin in Den Haag hatte ohne unser Wissen von sich aus alle holländischen Kommunen angeschrieben. Und nun rief sie mit ihrem Rudi-Carell-Akzent durchs Telefon: "Wir haben seine kleine Schwester! Sie lebt! Sie hat sich gemeldet. Ich habe gerade mit ihr telefoniert!" Bertha sei geschockt, sagt die Archivarin, sie habe von all dem nichts gewusst, sie sei katholisch aufgewachsen.

Unvorstellbar das alles. Ihre Mutter sei ein lieber, herzensguter Mensch gewesen. Heini hat sie nie erwähnt... Ich kann nur noch heulen, Rotz und Wasser.

Ein halbes Jahr später fliegt Bertha zum ersten Mal in ihrem Leben nach Israel – zu Heini, ihrem großen Bruder.


Judith Kessler, Biografisches:



Judith Kessler (Jg. 1959) hat als Sozialwissenschaftlerin, Autorin und Redakteurin etliche Studien und Publikationen zur jüdischen Gegenwartskultur und sowjetisch-jüdischen Migration verfasst, darunter: "Von Aizenberg bis Zaidelman, Jüdische Migration aus der früheren Sowjetunion seit 1990", "Zum kulturell-religiösen Selbstverständnis Berliner Juden", "Klezmerfreie Zone oder Jewish Disneyland", "Zwischen Charlottengrad und Scheunenviertel", "Jüdisches im Grünen" (mit Lara Dämmig). Sie ist seit langem in der jüdischen Familienforschung unterwegs und wird ab und zu angesprochen, wenn Menschen nach Spuren ihrer Vorfahren oder Familien suchen. Manchmal ergeben sich daraus Geschichten (und Freundschaften)
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Das Projekt "Jüdische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde ermöglich durch eine Kooperation der Stiftung ZURÜCKGEBEN, Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de



Copyright Fotos/Dokumente: Judith Kessler

Copyright Foto von Judith Kessler: Sharon Adler



Jüdisches Leben Beitrag vom 02.03.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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