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AVIVA-BERLIN.de 2/14/5778 - Beitrag vom 13.05.2013

Sommerlager für Frauen in Warschau vom 27. Juli - 10. August 2013
Nirit Neeman

Erfahrungen und Impressionen zum Austausch mit unterschiedlichen Frauen im Jahr 2012 von Nirit Neeman und ihre Gründe, auch 2013 dabei zu sein. 1981 in Israel geboren und aufgewachsen, hat sie ...



...eine andere Perspektive auf Geschichte.

Ich war und bin immer noch auf Polen neugierig. Mit der Geschichte Polens kam ich seit der Kindheit in Berührung. Diese Geschichte wurde immer gleichzeitig mit Liebe und Trauer erzählt. Mit dieser Mischung im Kopf habe ich mir immer Polen vorgestellt. Wie schön es einmal war, wie schrecklich die Zeit später war, was auf ewig fehlen wird. Diese Geschichte habe ich von meiner Familie mitbekommen. Aber ich wollte auch selbst begreifen: Wie sieht Polen aus? Wer sind die Menschen? Was denken sie über ihre Geschichte? Wie könnte mein Leben dort sein, wenn die Vergangenheit anders wäre? Diese Fragen habe ich mir erst jüngst gestellt, aber auf der Suche nach Antworten bin ich schon lange. Ich habe mich sehr darüber gefreut, ein internationales Begegnungs-Projekt in Warschau zu leiten, für mich eine besondere Möglichkeit, Polen auf eine neue Art kennen zu lernen.

Im Sommer 2012 fand das international deutschsprachige Sommerlager für Frauen im Kindergesundheits- und Gedächtniszentrum (KGGZ) in Warschau statt. Als eine Kooperation der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD) und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) habe ich mit Sylvia Herche das Projekt geteamt. Wir sind zwei unterschiedliche Frauen: Während Sylvia Pfarrerin aus Deutschland ist, bin ich eine Historikerin aus Israel. Aber trotz der verschiedenen Hintergründe konnten wir direkt und offen miteinander sprechen. Die Unterschiede waren auch ein großer und wichtiger Vorteil, als wir das Programm planten und die Gruppe leiteten. Wir hatten verschiedene Ideen für dieses Projekt und diese Unterschiede machten den Prozess der Programmplanung interessant und spannend. Das Ergebnis war ein vielfältiges und bedeutungsvolles Programm, das die praktische Arbeit begleitet hat.

In der praktischen Arbeit waren wir zwei Gruppen und jede hat für sich entschieden, entweder in der Gärtnerei des Krankenhauses oder auf der Station zu arbeiten. Nach einer Einführung in Haus und Garten konnten wir entscheiden, welche Arbeit wir machen wollten. Etwa die Hälfte der Gruppe arbeitete im Garten und die andere auf den Stationen. Die Gruppe bestand aus zehn Teilnehmerinnen. Sieben Frauen kamen aus Deutschland, zwei aus Belarus und noch eine Frau aus Russland. Mit Sylvia und mir waren wir zwölf Frauen. Auch die Altersspanne war groß: von 20 bis 76 Jahren. Die großen Unterschiede zwischen den Frauen machten die Zusammenarbeit interessant, aber auch kompliziert. Die Sprachkenntnisse, die unterschiedlichen Generationen und die verschiedenen Hintergründe waren eine Herausforderung für unserer Gruppe.

So waren die Motive, an dem Projekt teilzunehmen, auch sehr verschieden. Ein Teil der Gruppe empfand die praktische Arbeit als das wichtigste, andere wollten lieber die Stadt kennenlernen. Aber ein einheitlicher Wunsch war es, den Menschen vor Ort zu begegnen. Zum Glück "landeten" wir in einer ganz offenen und freundlichen Umgebung. Das Team im KGGZ war sehr freundlich und hat uns in einer schönen Art begleitet. Sie haben sich gefreut, uns unterschiedliche Frauen kennen zu lernen. Die Gruppe hat sich wohl und zu Hause gefühlt und die Stimmung bei der Arbeit war nett, offen und freundlich.

Neben der praktischen Arbeit war das Nachmittagsprogramm ebenso wichtig und bot die Möglichkeit, unterschiedliche Menschen in der polnischen Gesellschaft kennenzulernen. Wir waren Gästinnen zum Barbecue im Garten einer polnischen Familie, trafen die evangelische Trinitatis-Gemeinde und den Klub der Katholischen Intelligenz und gingen mit jungen Menschen aus der Umgebung aus. Aber die Begegnung, die mich persönlich am meisten bewegt hat, war das Treffen mit der evangelischen reformierten Gemeinde. Dort habe ich zum ersten Mal nicht-jüdische Menschen kennen gelernt, die den Krieg als Kinder in Polen erlebt haben. Es war traurig zu hören, wie viel Angst sie während ihrer Kindheit erfahren mussten und wie stark die Erinnerungen daran sind.

Meine Co-Teamerin und ich fanden es besonderes wichtig, in diesem Kontext die Geschichte des Krieges als einen Teil unserer verschiedener Leben zu diskutieren. Geschichte in dieser gemischten Gruppe zu diskutieren, war natürlich nicht einfach. Die älteren Frauen der Gruppe erlebten den Krieg als Kinder, die jüngeren erfuhren über diese Zeit in der Schule. Und diejenigen, die in der Mitte sind, wie ich, wir erlebten die Vergangenheit entweder als Geschichten unserer Eltern und Großeltern oder als Schweigen. Es war der Besuch des ehemaligen Ghettogeländes und des Jüdischen Historischen Instituts, die alle betroffen machte und eine Diskussion in Gang brachte. Alle merkten sofort deutlich, wie unterschiedlich wir Geschichte wahrnehmen. Im Jüdischen Historischen Institut wurde ein Film gezeigt, ein kurzes Stück aus den Archiven, das von einem Deutschen im Ghetto gedreht wurde. Mehr als das Leben sah man im Ghetto den Tod. Ganz direkt wurde das brutale Sterben gefilmt. Der Film war für alle schwierig zu sehen und sofort nach dem Besuch haben wir in der Gruppe darüber gesprochen. Alle waren erschrocken und für die Mehrheit der Gruppe war es das erste Mal, dass sie Archivaufnahmen aus dieser Zeit gesehen haben. Aber für mich, die in Israel aufgewachsen ist, waren diese Bilder nicht fremd. Dokumentationen dieser Art wurden bei mir seit der Kindheit gezeigt. Auch das traf die Gruppe ziemlich.

Es war schwer für mich, mehrere Male von Frauen in der Gruppe zu hören, dass Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde und alles wieder gut war. Oder dass jetzt alles gut sei, die Geschichte Vergangenheit sei. Da ich die tragische Vergangenheit anders erfahre, fand ich es schwierig, mit dieser Meinung umzugehen. In meinen Workshop zum Thema der Bedeutung des Krieges für unser Leben hatte ich die Möglichkeit, eine andere Perspektive auf die Folgen des Krieges vorzustellen. Mit zwei literarischen Texten, die von Kindern von Überlebenden des Holocausts geschrieben wurden, startete die Gruppe in eine Diskussion aus anderer Perspektive. Da ich in dieser Gruppe die einzige war, die die Geschichte vor dem Hintergrund von jüdischen Überlebenden erlebt, stellten mir die Frauen viele Fragen. Die Fragen waren schwierig, da die Antworten mein Leben betrafen und voller Schmerz sind. Aber ich wollte die Fragen unbedingt beantworten, da es mir noch mehr wehtut, wenn der Holocaust lediglich als Ablauf in der Vergangenheit dargestellt wird.

Noch ein bewegender Moment während des Sommerlagers war für mich der 1. August, der nationale Gedenktag an den Warschauer Aufstand. Jedes Jahr, um 17:00 Uhr, ertönt eine Sirene und im ganzen Land steht alles still. Diese Tradition kenne ich aus Israel. Ich wusste, dass der Warschauer Aufstand ein wichtiger Teil der polnischen Geschichte dieser Zeit ist und ich sah verschiedene Denkmäler, aber wie wichtig der Aufstand im Herzen der Menschen ist, habe ich erst in diesem Sommer erlebt. In vielen Häusern wurde die polnische Fahne aus den Fenstern gehängt. Die Straßen waren voll mit Menschen, die Kerzen und Blumen abgelegt haben. Unsere Gruppe besuchte das Denkmal an den Aufstand auf dem Krasiñskich Platz, um um 17:00 Uhr die Sirenen zu hören und Kerzen anzuzünden. Und dort habe ich erst gemerkt, wie viele junge Menschen die weiss-roten Bänder in der Hand trugen. Eine polnische Frau erklärte mir, dass sie, die die Bänder tragen, Kinder und Enkelkinder jener Menschen sind, die im Aufstand kämpften. Diese Entdeckung berührte mich. Ich lernte zum ersten Mal, dass auch in Polen junge Menschen so eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden sind. Und ich erlebte wie auch dort die Vergangenheit eine wichtige Bedeutung im Leben spielt. Zum ersten Mal fühlte ich, dass ich dort auch dazugehöre. Dass die Geschichte und Kultur Polens, auch wenn meine Familie nicht mehr da ist, ein Teil meines Leben sind.

Obwohl die Zeit im Sommerlager emotional war, waren die Teilnehmenden und ich sehr zufrieden, dass wir da waren. Jede schaute auf das Erlebte anders zurück, jede nahm etwas Anderes mit. Aber alle erfuhren etwas Neues. Ich bin dankbar für diese spezielle Möglichkeit, an einem Projekt teilzuhaben, in dem Frauen aus Deutschland, Russland und Belarus und die verschiedenen Gastgeber in Polen zusammenkamen und die dieses Sommerlager mit so viel Motivation und Liebe gestaltet haben. Ich bin dankbar für das Vertrauen und den Mut, für die Fragen und die Kritik. Sie verbinden sich und formen ein reiches Erleben. Mehr Fragen als Antworten gab mir die Erfahrung in Warschau, und mit alten und neuen Fragen mache ich dieses Projekt bereitwillig und begeistert im Sommer 2013 weiter.

Die größte Kinderklinik Polens, das Kindergedächtnis- und Gesundheitszentrum (KGGZ) in Warschau, entstand 1973 als Denkmal für die vielen Kinder, die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden. Von 1976-1995 führte Aktion Sühnezeichen jährlich Sommerlager vor Ort durch. Schon seit vielen Jahren finden Versöhnungseinsätze der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD) im KGGZ statt.

Sommerlager für Frauen in Warschau vom 27. Juli - 10. August 2013

Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie unter:

www.asf-ev.de

Die Autorin dieses Beitrags, Nirit Neeman, wurde 1981 in Israel geboren und aufgewachsen. Sie studierte Jüdische Geschichte an der Universität von Haifa und Museology an der Universität von Tel Aviv. Zur Zeit wohnt sie in Berlin und arbeitet freiberuflich als Guide bei der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum.


Jüdisches Leben Beitrag vom 13.05.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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