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AVIVA-BERLIN.de 2/16/5778 - Beitrag vom 27.07.2009

Internationale Fachtagung an der Martin Luther-Universität Halle vom 22.-24. April 2010
AVIVA-Redaktion

Jüdische Identität und Subkultur in den Jahren 1967-77 zwischen Bürgerrechtsbewegung und Punk. Vortragsangebote - Arbeitstitel + Abstracts bis zu 250 Wörtern - werden bis zum 20. August 2009 erbeten



Im Rahmen der Tagung zum Thema "´We´re ugly, but we have the music´ - Jüdische Identität und Subkultur in den Jahren 1967 – 1977 zwischen Bürgerrechtsbewegung und Punk" sollen die Fragen, die Steven Lee Beeber in seinem Buch "Die Heebie-Jeebies im CBGBs – Die jüdischen Wurzeln des Punk" nicht ausreichend behandelt oder unbefriedigend beantwortet hat, geklärt werden.

Dass es sich beim Auftreten des Punk in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre um eine Art Provokation, Kritik und doch auch Weiterführung des Systems der bis dahin etablierten Rock- und Popkultur und seiner Erscheinungen und Ausdifferenzierungen handelt, lässt sich im Rückgriff auf Peter Bürgers "Theorie der Avantgarde" (1974) ebenso vertreten wie im Zusammenhang der Studie von Greil Marcus zur Geschichte der popkulturellen Avantgardebewegungen im 20. Jahrhundert ("Lipstick Traces", 1989).

Neben der formalen Innovation und Provokation lässt sich der Punk aber auch als Reaktion auf jene emanzipatorischen, aufklärerischen und gesellschaftsreformerischen Impulse verstehen, wie sie von Beginn der 1960er an von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, einer durch die Kulturkritik der Frankfurter Schule angestoßenen Gesellschaftskritik, der Frauenbewegung und anderen, auch lebensreformerischen Bewegungen (Ökologie, Gleichstellung von Schwulen und Lesben usw.) ausgingen und den Siegeszug der Populärkultur und Popindustrie zumindest bis in die 1970er Jahre auch begleiteten.

Dazu gehörte auch, besonders für die StudentInnenbewegung in Deutschland, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, eine Bezugslinie, die sich als Erbe und Schatten der Shoah auch in den jugendkulturellen und emanzipatorischen Strömungen anderer westlicher Gesellschaften findet, auch die englischen und amerikanischen MusikerInnen, TexterInnen und Underground-AktivistInnen wollten keine "Nazis" sein.

Demgegenüber stellt der Gebrauch von Hakenkreuzen und anderen Nazisymbolen, mit denen in der zweien Hälfte der 1970er Jahre Punker in New York und anderswo auftraten, nicht nur eine Provokation des gerade durch die Popkultur auch noch einmal bestätigten und sogar verfestigten Bildes eines "erfolgreichen" westlich-liberalen Selbstbildes moderner "fortgeschrittener" Industrie- und Bürgergesellschaften (vgl. Beeber 2008), sondern, da es sich auch um VertreterInnen jüdischer Familiengeschichten handelte, eine doppelte Provokation dar.

Pop und Punk, populäre Kulturen und künstlerische Avantgarde erscheinen vor diesem Hintergrund noch immer auch als Formen der Bearbeitung bzw. der Reaktion auf die Traumatisierungen der in der Shoah kulminierenden jüdischen Geschichte auch noch in der dritten Generation und stellen zugleich eine Herausforderung, Prüfung und Kritik der bis dahin etablierten Formen der "Aufarbeitung der Vergangenheit" (T. W. Adorno) in einem gleichsam "illegitimen" Medium (Bourdieu, Boltanski) dar.

Hier setzt die vorliegende Tagung an. Da es sich um ein ebenso facettenreiches wie in seinen Zusammenhängen noch weitgehend unbestimmtes Arbeitsfeld handelt, steht der explorative Charakter des Unternehmens im Vordergrund. Beiträge unterschiedlichster Disziplinen und Themengebiete sind willkommen. Folgende Themenkreise sollen angesprochen werden:

  • Von der Bürgerrechtsbewegung zum Punk: Theoretische Ansätze und Geschichte jüdischer Identitätsbildung in den westlichen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts
  • Popkulturen und Subkulturen, Subkulturelle Milieus und dominante Rahmungen (z. B. lokale Szenen, übergreifende Strukturen, globale Orientierungen, vergleichende Studien)
  • Fallstudien zu einzelnen Biographien, Bands, Stars, Produzenten und anderen Vermittlern (von Lou Reed, Bob Dylan und Patti Smith über Leonard Cohen bis Jonathan Richman, Debbie Harry und Serge Gainsbourg)
  • Ausdrucksmittel, Interferenzen der Künste, musikalische und audiokulturelle, literarische und bildkünstlerische Formen der Gestaltung/Bearbeitung, Film und andere elektronische Medien
  • Popkultur und Shoa: Referenzen, Etappen, Rahmungen, Situationen und Perspektiven.

    Vortragsangebote (Arbeitstitel und Abstracts bis zu 250 Wörtern) werden bis zum 20. August 2009 erbeten an:

    Prof. Dr. Werner Nell, Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Martin-Luther-Universität Halle: nell@germanistik.uni-halle.de

    Dr. Peter Waldmann, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz: p_m_waldmann22@yahoo.de

    Jonas Engelmann M.A., Ventil Verlag Mainz, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz: je@testcard.de

    Lesen Sie auch unsere Rezension zu "Die Heebie-Jeebies im CBGBs – Die jüdischen Wurzeln des Punk" von Steven Lee Beeber.

  • Jüdisches Leben Beitrag vom 27.07.2009 AVIVA-Redaktion 

       




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