Stolperstein für Bianka Hamburger am 4. April 2011 - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Juedische Allgemeine - Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und Jüdisches Leben AVIVA_gegen_AFD Juden, Christen und Muslime. Im Dialog der Wissenschaften 500-1500
Aviva-Berlin > Jüdisches Leben AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Veranstaltungen in Berlin
   Koscher + Vegetarisch
   Writing Girls
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de 4/12/5778 - Beitrag vom 31.03.2011

Stolperstein für Bianka Hamburger am 4. April 2011
Ameling, Buchheim

Heutzutage fast unbekannt gehörte die Berlinerin und Frauenrechtlerin in der Weimarer Republik zu den ersten und zugleich bedeutsamsten Frauen sowohl der Jüdischen Reformgemeinde als auch der ...



... innerjüdischen Politik Nun wird ihr in Berlin-Steglitz ein Stolperstein gewidmet, ein Zeichen gegen das Vergessen.

Bianka Hamburger (als Bianka Loewenherz geboren am 4. Juni 1877, Flucht in den Tod am 2. September 1942 in Berlin), gehörte neben ihren Mitstreiterinnen wie Paula Ollendorf, Berta Falkenberg oder Minna Schwarz zu einer der großen Kämpferinnen für die Gleichberechtigung der Frau und für Sozialarbeit. Sie leistete einen großen Beitrag für die innerjüdische Politik, doch anders als bei ihren bekannten Kolleginnen blieben ihre Taten auf Grund schwieriger Quellenlagen lange Zeit wenig beachtet.

Quellen belegen, dass Hamburger bereits im Jahr 1907 zusammen mit Dr. Alice Salomon Schriftführerin des "Comités zur Errichtung von Arbeiterinnenheimen" war. Während des ersten Weltkrieges wurde ihr 1917 unter Kaiser Wilhelm II. das "Verdienstkreuz für Kriegshilfe" verliehen, eine Auszeichnung für besondere Leistungen im "Hilfsdienst in der Heimat".

Hamburger war mit dem Politiker Ludwig Hamburger (geboren 1867) verheiratet, der zunächst Magistratsrat, dann Stadtrat in Berlin war. Er starb früh im Jahre 1923. Die beiden hatten mindestens eine Tochter - Hilde Strauss, geborene Hamburger, die 1933 nach Palästina emigrierte und mit ihrem späteren Ehemann als Freiwillige der Britischen Armee in Nordafrika gegen Hitlers Truppen kämpfte.
Nach dem Tod ihres Mannes zog Frau Hamburger von der Wohnung im Hansa-Viertel in das heute noch erhaltene Haus in der Englerallee 6 (Dahlem), welche vor der Umbenennung am 17. September 1938 noch Sachsallee hieß. Vor der Hausnummer 6 wird nun dank des Projekts "Stolpersteine" ihrer gedacht.

Vorstand der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin

Seit 1926 war Hamburger im Vorstand der Jüdischen Reformgemeinde und wurde als Vertreterin der Liberalen bei der ersten Gemeindewahl mit Frauenwahlrecht 1926 in die Repräsentanten-Versammlung der "großen" Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt. Die Mitglieder verstanden sich als Kreis deutscher Juden, welche die Entwicklung des Judentums im Geiste der deutschen Kultur und der Wissenschaft sowie "bei treuer Pflege der vaterländischen Gesinnung" anstrebten.

Gottesdienste wurden nicht in Hebräisch und am Schabbat, sondern auf Deutsch und am Sonntag gefeiert, außerdem nahmen Frauen ‐ entgegen den traditionalistischen Synagogen ‐ von jeher im Tempel der Reformgemeinde keine zurückgesetzte Stellung gegenüber den Männern ein. 1926 schrieb Hamburger: "Wer die Entwicklung der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin in den 80 Jahren ihres Bestehens kennt, wird ohne Verwunderung erfahren, daß diese Gemeinde auch in Bezug auf die Stellung der Frau Pionierarbeit geleistet hat. In ihrem Gotteshause waren die Frauen den Männern stets gleichgestellt: nie gab es dort vergitterte Frauenplätze und besondere Frauengalerien, und soweit es die Raumeinteilung gestattet, wie bei den Festgottesdiensten in den neueren Sälen im Westen sitzen Frauen und Männer, Gatte und Gattin, Eltern und Kinder zusammen. [...] Bereits vor Jahren ist in dieser Gemeinde das gleiche Wahlrecht eingeführt worden. Ich darf wohl behaupten, daß die Frauen es sich selbst, und zwar auf friedliche Weise, errungen haben. Sie hatten sich als Mitglieder der verschiedenen Kommissionen so bewährt, daß ihre männlichen Kollegen den Wunsch hegten, im Vorstande und im Repräsentanten‐Kollegium mit ihnen zusammenzuarbeiten. So begrüße ich als langjähriges Mitglied der Reformgemeinde zu Berlin es mit besonderer Freude und Genugtuung, daß den Frauen ständig mehr und mehr die Möglichkeit gegeben wird, ihrer Glaubensgemeinschaft in treuer Pflichterfüllung zu dienen."

Ein für Hamburger besonderes Ereignis muss die Predigt von The Hon. Lily Montagu gewesen sein, welche als Präsidentin der World Union of Progressive Judaism im Jahre 1928 als erste Frau in Deutschland im überfüllten Tempel der Reformgemeinde in der Johannisstraße sprach. Selbst die Jüdische Rundschau, die das Organ der Zionistischen Vereinigung war und den jüdischen Liberalismus in derselben Ausgabe als "Bekenntnis der assimilierten Bourgeoisie" bezeichnete, druckte folgenden Beitrag: "Lange Reihen von Autos, festlich geschmückte Menschen, drängendes Getriebe. Alles strömt nach dem protestantisch schmucklosen, wenn auch jetzt geschmackvoll umgebauten Betsaale der jüdischen Reformgemeinde. Also hätte der Sonntagsgottesdienst, der eben wieder umstrittene, dennoch seine Berechtigung?! – [...] Diesmal gilts einer Sensation. Im Rahmen der Tagung des Weltverbandes für das religiös‐liberale Judentum wurde ein Festgottesdienst angekündigt. [...] Denn hier soll Lily Montagu predigen: die erste Frau, die in Deutschland eine jüdische Kanzel besteigt. [...] Und dann – beginnt eine Predigt, die auch für den ganz anders gewöhnten und gerichteten Juden zum Erlebnis wird. [...] Die jüdische Welt weiß, dass hinter jedem dieser Worte eine jüdische Liebestat steht, deren ihr Leben voll ist; über ihre soziale Arbeit seit mehr als einem Menschenalter wird sie selbst im Jüdischen Frauenbund noch berichten. [...] Darum auch darf sie diese Predigt wagen, die mit ihren abstrakt ethischen Forderungen wohl darum nicht farblos wird, weil man bei jedem dieser Worte spürt, daß hier ein Mensch von seinem Gotteserlebnis berichtet."

Erste Frau in der Repräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Über die Beteiligung von Frauen schrieb Bianka Hamburger: "Auch innerhalb der Gemeinden setzen fast überall fortschrittliche Bestrebungen ein. Im neuen Repräsentantenkollegium der Berliner Jüdischen Gemeinde werden zum ersten Male Männer und Frauen gemeinsam arbeiten, um vor allem die Not zu lindern, die schlimmer als je zuvor in der Gemeinde herrscht." Nach den 1926 erfolgten Neuwahlen zogen 1927 erstmals vier weibliche Vertreter in die Berliner Repräsentanten-Versammlung ein, unter ihnen Bianka Hamburger.

Bianka Hamburger setzte sich auch hier wieder besonders für die Einrichtung von Arbeiterinnenheimen ein, wie 1929, als ihre liberale Fraktion zusätzliche Mittel für bevölkerungspolitische Maßnahmen im Etat der Gemeinde sowie zur Ausbildung jüdischer Krankenschwestern beantragte.

Abgeordnete im "Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden"

Der bedeutendste Landesverband der jüdischen Gemeinden in Deutschland war der 1922 gegründete "Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden (PLV)", der von zeitgenössischer innerjüdischer Seite auch stolz als "Judenparlament" bezeichnet wurde.

Bei dem ersten Verbandstag 1925 waren von den 124 Abgeordneten zehn Frauen, die überwiegend der liberalen Fraktion angehörten. Hamburger schrieb dazu: "Leider ist es bis jetzt noch nicht restlos gelungen, alle Vorurteile zu überwinden. Bei den Wahlen zum Landesverband z. B. stand keine einzige Frau auf der Liste der Konservativen Partei; aber die letztere bemühte sich, die Stimmen der Frauen für ihre Kandidaten zu gewinnen. Auch bei dieser Gelegenheit zeigte sich wieder, dass Liberalismus und Fortschritt identisch sind. Die Liberalen waren es, die das Wahlrecht der Frau nach heißen Kämpfen erreicht haben, und für sie war es eine Unmöglichkeit, aktives und passives Wahlrecht zu trennen. Eine solche Scheidung hätte einer glücklicherweise überwundenen Rückständigkeit früherer Zeiten entsprochen. So vermissen die liberalen Frauen im Landesverband leider die Vertreterinnen der erwähnten Partei, mit denen sie gerne gemeinsame Arbeit zum Besten der Allgemeinheit geleistet hätten."

Beim nächsten Wahlgang im Jahre 1930 hatte sich die Zahl der Abgeordneten auf 130 erhöht, davon waren aber nur noch neun Frauen – eine davon war Bianka Hamburger. Sie wurde außerdem Mitglied des Unterrichtsausschusses des PLV. Im Jahre 1931 betrieben die neun weiblichen Abgeordneten im PLV unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit auch Frauenpolitik im engeren Sinne: Sie traten geschlossen an die jüdische Öffentlichkeit heran, um Hilfe für die von zunehmender Arbeitslosigkeit betroffene weibliche Jugend zu fordern. An die jüdischen Gemeinden wurde appelliert, für die hauswirtschaftliche und berufliche Ausbildung erwerbsloser Mädchen zu sorgen, gleichzeitig sollten die jüdischen Gemeinden die staatlichen Behörden veranlassen, bei der Bereitstellung von Mitteln der Erwerbslosenfürsorge auch den besonderen jüdischen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Der Frauen‐Antrag wurde im Plenum einstimmig und ohne große Diskussion angenommen.

1930 kandidierte Bianka Hamburger erfolgreich als Abgeordnete des Preußischen Landesverbands der Jüdischen Gemeinden. Spätestens in den 1930er Jahren war Hamburger außerdem Verwaltungsleiterin und Vorstandsmitglied des Jüdischen Krankenhauses in Berlin und ab 1937 des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Sie übernahm die Verantwortung für den gesamten wirtschaftlichen Betrieb und das Personal. Auch war Hamburger Vorsitzende der Schul-Kommission der Jüdischen Reformgemeinde und Mitglied im Unterrichtsausschuss des Preußischen Landesverbands.

Flucht in den Tod

Bianka Hamburger wurde noch im Berliner Adressbuch 1941 als Bewohnerin und Eigentümerin des Hauses Englerallee 6 geführt, das sie im gleichen Jahr für den Steglitzer Bürgermeister Herbert Treff, langjähriges SS-Mitglied und Obersturmbannführer, räumen musste.
Im Herbst 1941 begannen die Deportationen der Berliner Jüdinnen und Juden: Gerüchte verbreiteten sich, doch die meisten wussten nicht, was mit den "Verschickten" passierte. Es war nur sicher, dass niemand von ihnen zurückgekehrt war. Frau Hamburger war für die Deportation unter der Wohnadresse Mozartstr. 22 in Berlin-Lankwitz registriert. Die Arbeit im Jüdischen Krankenhaus stand in dieser Zeit völlig unter dem erschütternden Eindruck der vielen SelbstmordpatientInnen, welche den Freitod der Deportation vorzogen.

Auch Bianka Hamburger gehörte 1942 zu ihnen. Am Vorabend ihres angeordneten Abtransports entschied sie sich, nicht auf den Tod im Lager zu warten. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof in Weißensee.

Auf Berliner Straßen rufen derzeit etwa 1.600 Stolpersteine aus Messing zum Gedenken an die Opfer des Naziregimes auf. Seit 1996 verlegt der Kölner Bildhauer Gunter Demnig die Steine jeweils an den letzten Wohnorten und erinnert so an die ehemaligen jüdischen NachbarInnen sowie an Angehörige des politischen Widerstands und verfolgter Minderheiten.

Das Gedenken an Bianka Hamburger ist maßgeblich Professorin Dr. Regine Buchheim zu verdanken, welche es sich in mühevoller Kleinarbeit zum Ziel gesetzt hatte, das Leben und Wirken einer so wichtigen –jedoch in Vergessenheit geratenen- Frau zu erforschen und festzuhalten. Durch Zufall hatte die Professorin für BWL die Patenschaft gerade für diesen Stolperstein übernommen und stieß dann in einer Fußnote auf den Namen Bianka Hamburger. Ihr Interesse war geweckt und sie machte sich mit ihrer Tochter auf die Spurensuche nach Informationen über die emanzipierte und engagierte Berlinerin.

Die Verlegung eines "Stolpersteins" für Bianka Hamburger findet in der Englerallee 6 am 4. April.20011 um 17.30 Uhr statt. Interessierte sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

Weitere Informationen zum Stolpersteine-Projekt von Gunter Demnig finden Sie unter:
www.stolpersteine.com.

Weitere Informationen zur Geschichte des Jüdischen Krankenhauses finden Sie unter:

www.juedisches-krankenhaus.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Stolpersteine – ein unbequemes Projekt

Stolperstein, der Dokumentarfilm

Streit um Stolpersteine

Zwei neue Stolpersteine in Neukölln


(Quelle: Prof. Dr. Regine Buchheim)

Jüdisches Leben Beitrag vom 31.03.2011 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken