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AVIVA-BERLIN.de 3/20/5778 - Beitrag vom 20.04.2011

Lichtigs herrliche Postkarten - eine Judaica Edition. Herausgegeben von Nea Weissberg, Lichtig Verlag
Sharon Adler

Im E-Mail-Zeitalter rufen Briefe oder Lebenszeichen mittels Postkarten Erinnerungen an geliebte Menschen und auch an die Vergangenheit hervor. Ganz besonders dann, wenn es sich um traditionelle ...



... Bildmotive oder Symbole handelt.

Nea Weissberg ist fasziniert vom Interieur und von der Kunst der 1900er und 20er und 30er Jahre. F├╝r sie stehen Bilder und Judaica-Kultgegenst├Ąnde f├╝r eine vergangene Zeit, eine verlorene Welt, ihr ist bewusst, dass Exlibris aus jener Zeit Geschichten erz├Ąhlen und, sofern bekannt, auch die der Besitzerinnen, deren Leben, Schicksal und Umfeld widerspiegeln. Ihr ist es ein besonderes Anliegen, diese verlorenen Lebenswelten abzubilden und in Umlauf zu bringen.

Wenn nachfolgende Generationen an j├╝disches Leben ankn├╝pfen, sind sie oft auf der Suche nach traditionellen Bildmotiven, Symbolen und rituellen Kultgegenst├Ąnden.
In den nun im Lichtig Verlag erschienenen 12 Kunstpostkarten spiegelt sich j├╝dische Tradition atmosph├Ąrisch wider. Diese gesammelten Ritualobjekte sind aufgrund ihres Gebrauchswertes Erinnerungstr├Ąger, die gelebten j├╝dischen Alltag abbilden.

Im Zuge ihrer Recherche machte die Herausgeberin bewegende Entdeckungen, so auch in einem Kidduschbecher, der nach dem Holocaust in einem Berliner Schrebergarten aufgefunden wurde und den ein Freund im Jahr 2010 erwarb. Als sie nach Anzeichen eines einstigen Innenlebens des Kidduschbechers suchte, stie├č sie auf diese Geschichte: "Der Vater meiner guten Freundin, ein Berliner Jude aus Charlottenburg, geboren 1900, ├╝berlebte im Versteck. Eine Frau aus dem Charlottenburger Arbeiterkiez mit typisch Berliner Schnauze, die insgeheim, innerhalb der ihr zur Verf├╝gung stehenden Nische gegen die Nazis auftrat, versteckte den Mann in Charlottenburger Schreberg├Ąrten, in der Zeit zwischen 1943 bis 1945. Der Vater meiner Freundin war ein s├Ąkular lebender deutscher Jude, sozialistisch gepr├Ągt. Nach dem Holocaust wandte er sich der j├╝dischen Religion zu und erzog seine Tochter ganz im Sinne der Gebr├Ąuche, Riten, Ges├Ąnge und Regeln. Doch aufgrund seiner Verfolgungsgeschichte wollte er nicht, dass seine Tochter ein Gemeindemitglied wird, damit sie niemals erkannt, stigmatisiert und aussortiert werden k├Ânne. 2010 erwarb bei einer Kunstauktion ein Freund den hier vorliegenden Kidduschbecher und schenkte ihn meiner guten Freundin, die dar├╝ber ger├╝hrt war. Jene tapfere, mutige und aufrechte Deutsche, die dem Vater beim ├ťberleben geholfen hatte, wurde nach dem Krieg zun├Ąchst die Zugehfrau der Familie und dann die Kinderfrau und wurde von der Familie wertgesch├Ątzt.

Das hier beschriebene Motiv findet sich im Kartenmotiv "Kidduschbecher".

In einem Tr├Âdelladen an der Ostsee entdeckte Nea Weissberg schlie├člich einen silberfarbenen Teller, hergestellt im 19. Jahrhundert, der als Postkartenmotiv "Sederteller" abgebildet wurde. Nach der Reichspogromnacht war der Teller besitz- und heimatlos, die Familie, die ihn einmal besessen hatte, um ihn zu Pessach auf den geschm├╝ckten Tisch zu stellen, unauffindbar.

Nea Weissberg erz├Ąhlt auch diese Geschichte: "1989 kam ich an einem Tr├Âdelladen in L├╝beck vorbei, ich ging hinein, mein Blick wurde von einem Teller angezogen, dessen Silber stark angelaufen war und zum Teil pechschwarze Stellen aufwies. Ich versuchte die eingravierten hebr├Ąischen Schriftzeichen zu entziffern, blickte versonnen auf zwei L├Âwen, die drei hebr├Ąische Lettern hielten.
Etwas erinnerte mich an meine Kindheit. Der Teller wird viel zu teuer sein, dachte ich bei mir. Ich nahm die rechteckige Schale in die Hand, mein Herz pochte, ich fragte den Tr├Âdelh├Ąndler, was das f├╝r ein Gegenstand sei, woher er stamme. Gedankenverloren sagte dieser nebenbei: ┬┤Ach! Das ist ein Osterteller, der irgendwann mal in einer Kirche, die ausbrannte, gefunden wurde.┬┤ Ru├čgestank umwehte meine Nase, ich hob vielsagend die Augenbraue und wie aufs Stichwort kamen Bilderfetzen auf: 1938 vielleicht? Und das Ganze dann in einer Synagoge...
Ich wolle den Teller haben, fragte en passant nach dem Preis. ┬┤Nun ja, Sie werden ihn gut putzen m├╝ssen, 20 DM m├Âchte ich wohl haben┬┤, sagte er grinsend. Ich hatte die Schale bereits fest in der Hand, kaufte sie geschwind, denn ich erkannte in ihr einen Sederteller und wollte sie meinem Freund zum Geburtstag schenken. Einen Nachmittag lang putzte ich sie inbr├╝nstig, heraus kam ein gl├Ąnzend silberner Teller, ich blickte versonnen auf die Buchstaben, als ob sie von selbst zu sprechen anfingen, klingelte pl├Âtzlich in meinem Ohr die Melodie des "Ma nischtana".


Auf dem Sederteller (der f├╝r den Ablauf der Feierlichkeiten und des Rituals steht) sind die ben├Âtigten symbolischen Beilagen wie Maror (Bitterkraut) und Charosset in hebr├Ąischen Lettern eingraviert. Charosset steht f├╝r Zement, es erinnert an den Lehmziegel, mit denen die Israeliten im Frondienst f├╝r die ├Ągyptischen Herrscher Bauten erbauen mussten. Der Lehmziegel, farblich dargestellt aus einer Mischung aus klein gehackten Mandeln, Rosinen, ├äpfeln, einer Prise Zucker und Zimt sowie ein paar Tropfen Wein, geh├Ârt bis heute zu den rituellen Speisen, "von denen ich gerne einen L├Âffel voll nasche, so Nea Weissberg weiter.

Die Postkartenmotive, die abgedruckten Bilder und Kultgegenst├Ąnde hat die Herausgeberin von "Schabat ha-Malka. K├Ânigin der Jontefftage", Nejusch: Das Gl├╝ck hat mich umarmt" und Nejusch - Die Hand der Miriam bei Bekannten und FreundInnen in Deutschland, Polen, Frankreich und Israel entdeckt. F├╝r sie rufen sie die Erinnerung an die Vergangenheit, an die Zeit davor, hervor: "Die Katastrophen k├Ânnen im Nachhinein nicht ungeschehen gemacht werden. Die abgebildeten Judaica-Objekte sind Versuch und Versuchung, sind Sehnsucht nach einer Welt davor, f├╝r mich spiegeln sie j├╝dische Kunst und Tradition atmosph├Ąrisch wieder, die Gebrauchsgegenst├Ąnde sprechen zu mir, wenn ich sie still betrachte."

So auch das auf einer Karte abgebildete Barchesdeckchen aus dem 19. Jahrhundert: "darunter rieche ich den Duft der mit Mohn bestreuten Hefez├Âpfe, lauere auf das erste St├╝ckchen, das nach dem Kiddusch abgebrochen wird, der Barches schmeckt so s├╝├č wie Kuchen."

Die beiden Schabbatleuchter l├Ąsst Nea Weissberg an ihre Mutter und an ihre Kindheit denken. In ihrer Phantasie h├Ârt sie sie den Segenspruch sprechen, "als ob ihre Worte in mein Ohr gefl├╝stert werden: Gelobt seiest du Ewiger..., ich sehe ihren Kopf bedeckt mit einem Tuch, sie f├╝hrt ihre H├Ąnde dreimal um die Kerzen herum, legt sie vor das Gesicht, bedeckt die Augen und segnet sie, dabei murmelt sie eigene Herzensw├╝nsche, seufzt dabei wehm├╝tig, scheint in die Welt inmitten des Holocaust ger├╝ckt, vergisst uns Kinder, Sehnsucht kommt auf, wahrgenommen zu werden und einbezogen..., vergeblich. Ich schlie├če die Augen, halte den Atem an und empfinde eine allumfassende Zuneigung."

Nea Weissberg, Herausgeberin des Lichtig Verlags in Berlin zu ihrer Motivation, diese Postkarten-Edition zu produzieren:

"┬┤Lichtigs Herrliche Postkarten - eine Judaica Edition┬┤" verbinden mich innerlich mit der j├╝dischen Tradition. Denn ich geh├Âre zu denen, die nicht mehr religi├Âs leben und die nur noch an den h├Âchsten Feiertagen, an Jom Kippur und an Rosh ha Schana und Pessach in die Synagoge gehen.

┬ę Lichtig Verlag, Fotos (Nr. 1-11) und Layout: Veronika Urban
Sharon Adler, AVIVA-Berlin (Foto Nr. 12)


AVIVA-Tipp: Diese liebevoll und hochwertig angefertigte Sammlung von Postkarten ÔÇô "Judaica Edition "Lichtigs herrliche Postkarten" - verdient es, in die ganze Welt verschickt zu werden, um so Zeichen zu setzen gegen das Vergessen.

Lichtigs herrliche Postkarten - eine Judaica Edition
Nea Weissberg, Herausgeberin
Lichtig Verlag, Berlin 2011
ISBN 3-929905-26-4
14,90 + Versand (1 Euro bei Direktbestellung beim Verlag)
www.lichtig-verlag.de
Fotos (Nr. 1-11) und Layout: Veronika Urban, www.olive-ps.biz
Sharon Adler, AVIVA-Berlin und Pixelmeer, www.pixelmeer.de (Foto Nr. 12)
Vignetten: Anna Adam, www.anna-adam.de

Bildbeschreibung, Vorderseite: "Hand der Miriam", Spiegel in Form einer Schutzhand im breiten Messingrahmen mit stilisierten Ranken. Um 1900, Privatbesitz, 20 x 26,5 cm. Die Schutzhand - als magische Abwehr- erinnert an Miriam, an die ├Ąltere Schwester von Mose und Aaron. Gem├Ą├č der j├╝dischen Tradition symbolisieren die f├╝nf Finger die f├╝nf B├╝cher der Thora.
Die segenspendende Hand soll vor dem b├Âsen Blick und vor Missgunst sch├╝tzen. Sie symbolisiert Mut und Gl├╝ck.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Schabat ha-Malka. K├Ânigin der Jontefftage"

Nejusch: Das Gl├╝ck hat mich umarmt"

Nejusch - Die Hand der Miriam

Jüdisches Leben Beitrag vom 20.04.2011 Sharon Adler 

   




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