Mazel Tov in Berlin - ein Interview mit Holly-Jane Rahlens
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AVIVA-BERLIN.de 12/6/5776 - Beitrag vom 15.09.2002

Mazel Tov in Berlin - ein Interview mit Holly-Jane Rahlens
Sharon Adler

1972 kam die damals 22-j├Ąhrige New Yorkerin "der Liebe wegen" nach Berlin, heute ist die "gelernte Berlinerin" nicht nur durch ihre Romane "Becky Bernstein goes Berlin" ...



... und "Mazel Tov in Las Vegas" bekannt. Sie arbeitete f├╝r den Rias Berlin, inszenierte szenische Lesungen und One-Woman-Shows. Ihr neuestes Buch "Prinz William, Maximilian Minsky und ich", eine durch prickelnde Situationskomik deutsch-j├╝disch-amerikanische Lovestory f├╝r alle ab 12 Jahren, wird 2003 verfilmt.

AVIVA-BERLIN: Wer wird denn den Film produzieren? W├Ąre Woody Allen Dein Wunschregisseur?
Holly-Jane Rahlens:
Der Film wird von X-Filme produziert, der Regisseur steht noch nicht fest. Aber Woody Allen? Nein, der ist viel zu eigen. Meinetwegen k├Ânnte er nat├╝rlich meinen Film machen. Dennoch w├╝rde ich nicht behaupten, dass Woody Allen der beste Regisseur f├╝r mein Werk w├Ąre. Obwohl, schwer zu sagen, wir haben schon sehr ├Ąhnliche Momente, die nicht nur witzig sind, sondern auch eine gewisse Demut hervorbringen. Aber es gibt noch mehr Regisseure, die tolle Arbeit machen und die auch j├╝disch sind und die genauso gut f├╝r meinen Stoff w├Ąren.

AVIVA-BERLIN: Du bist in Brooklyn aufgewachsen, in einer "hochneurotischen j├╝disch-amerikanischen Familie mit Zwergschnauzer". Warum, denkst Du, geht es eigentlich in fast allen j├╝dischen Familien zu wie in den Filmen von Woody Allen?
Holly-Jane Rahlens:
Das ist irre schwierig zu sagen. Einerseits ist das ein Stereotyp, andererseits haben Stereotypen immer einen Kern Wahrheit. Man sieht immer irgendwelche Familienstreite am Esstisch. Warum sind wir so? Vielleicht sind Juden eher emotional und lassen gleich irgendwelche Wut oder Humor raus, ich wei├č es nicht.
M├Âglicherweise sind wir hochneurotisch und nicht so kontrolliert wie die Deutschen. Die Deutschen fressen mehr in sich hinein, sind moderater, zumindest an der Oberfl├Ąche.
Ich glaube, da ist manchmal sehr viel Wut dahinter. Man denkt, da ist eine gewisse H├Âflichkeit im Alltag in der Familie, die man bei einer New Yorker j├╝dischen Familie nicht hat. Dort geht es immer zack zack, da wird ganz direkt rumgestritten und rumgeschrien usw.
Vielleicht ist es aggressiv, vielleicht auch nicht, das ist eben Alltag.
Die Deutschen sind in der Beziehung eher verklemmt, lassen Sachen immer erst kochen, bis was passiert. Aber dann, wenn etwas passiert, m├Âchte ich ehrlich gesagt nicht dabei sein.
Also ich sage immer gleich, wenn mich etwas st├Ârt und mein Mann, der empfindet es manchmal als Last f├╝r den Alltag.
Fotos ┬ę Sharon Adler
Ich w├╝rde manchmal lieber ein wenig souver├Ąner sein wollen.

AVIVA-BERLIN: In all deinen B├╝chern geht es um das ganz allt├Ągliche j├╝dische Leben in Berlin...wie sieht Deines aus?
Holly-Jane Rahlens:
Ich habe im Prinzip nicht wirklich ein allt├Ągliches j├╝disches Leben.
Erst als mein Sohn Noah vor sechs Jahren geboren wurde, habe ich eher unbewusst mein j├╝disches Leben wieder aufgenommen.
Zum Beispiel esse ich seit dieser Zeit kein Schweinefleisch mehr.
Im Prinzip ich bin nicht religi├Âs und ich war nie religi├Âs. Dennoch habe ich immer ein gutes Gef├╝hl daf├╝r gehabt, J├╝din zu sein. Ich bin immer sehr stolz gewesen auf Juden, die gro├če Sachen f├╝r die Menschheit vollbracht haben.
Und ich hatte immer ein Gesp├╝r f├╝r die j├╝dische Kultur, weil ich finde, dass es wichtig ist, zu wissen, wo man herkommt.
Ich w├╝rde es sehr begr├╝├čen, wenn Noah Hebr├Ąisch lernen w├╝rde und eine Bar Mitzwa h├Ątte. Man kann selber entscheiden, wie wichtig oder unwichtig es einem ist. Es ist, finde ich wichtig zu wissen, wo man sich zugeh├Ârig f├╝hlen kann.

AVIVA-BERLIN: Wenn Du das Lebensgef├╝hl in New York mit dem Lebensgef├╝hl in Berlin vergleichst - warum bist du hier und nicht dort?
Holly-Jane Rahlens:
Ich bin als junge Frau mit 22 nach Berlin gekommen. Ich kenne eigentlich nur Berlin. Und ich habe nie in New York in meinem Beruf gearbeitet. Ich habe nie als Erwachsene in New York gelebt und deshalb auch nicht das Lebensgef├╝hl von dort kennen gelernt. Und daher, so richtig vergleichen kann ich das nicht.

AVIVA-BERLIN: Was liebst du und was nervt Dich am meisten an Berlin?
Holly-Jane Rahlens:
Es h├Ąlt mich hier, dass ich hier meinen Mann und mein Kind habe. Ich habe mich an das Lebensgef├╝hl gew├Âhnt. Und auch die Quality of Living ist hier viel gr├Â├čer.
Man kann hier mit dem gleichen Geld einfach viel mehr machen als in New York.
Ich habe hier eine wundersch├Âne gro├če Wohnung, und f├╝r die gleiche Wohnung in New York m├╝sste man schon - ich will nicht sagen ein Filmstar sein - aber man m├╝sste schon sehr viel Geld haben.
Auch der Rhythmus von Berlin gef├Ąllt mir. Es ist viel relaxter.
Gerade in meinem Beruf oder generell in der Medienbranche, m├╝ssen die Leute in New York arbeiten, arbeiten, arbeiten - 24 Stunden am Tag.
Ich arbeite auch sehr viel, aber nicht 24 Stunden am Tag.
Hier legt man viel Wert auf Urlaub und Freizeit.
Als ich noch nicht verheiratet war, war ich sehr viel unterwegs, war viel essen.
In New York kann man das nat├╝rlich auch machen, aber es ist viel teurer.
Au├čerdem liegt dort der Schwerpunkt eher auf Sport.
Sport ist die Nummer eins im New Yorker Leben.
Hier sind eher andere Dinge wichtig - die Interessen sind einfach breitgef├Ącherter.

[Foto: Holly Jane Rahlens- ┬ę  Sharon Adler] Auch in Berlin gibt es viele Dinge, die mich nerven.
Mich nervt manchmal, wie die Leute mit Space umgehen. Sie sind r├╝cksichtslos.
Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Sohn in der U-Bahn. Dort hielt sich Noah an dieser Mittelstange fest, da kam irgendein Mann, vielleicht 35 Jahre alt, und wollte durch.
Ich wollte Noah gerade sagen, er soll den Mann durchlassen, da hatte der Mann die Frechheit, die Hand von meinem Sohn zu nehmen und ihn ganz br├╝sk weg zu sto├čen.
Allein das hat mich unheimlich genervt. Ich hab zu ihm gesagt "Was denken Sie sich eigentlich dabei?!". In New York w├╝rden alle anderen Leute hinsehen, sich einmischen.
Aber hier: Sie sagen nicht nur nichts, sie schauen mich auch noch an, als wenn ich krank w├Ąre, als ob es unm├Âglich w├Ąre, dass ich die Frechheit habe, einen erwachsenen Mann in der U-Bahn anzuschreien.
Oder es nervt mich zutiefst, wenn ich im Supermarkt bin, zehn Leute stehen Schlange und wollen an der Kasse zahlen. Aber niemand kommt auf die Idee zu sagen "Bitte eine Kasse aufmachen!".
Ich stehe hinten, habe keinen Bock ewig anzustehen und rufe dann eben nach vorne "W├╝rden Sie bitte eine zus├Ątzliche Kasse aufmachen!".
Die Leute drehen sich um, und man denkt, dass sie sicherlich froh sind, dass ich das gesagt habe, da sie auch keine Lust haben, lange anzustehen.
Nein. Die gucken dich an, als ob du ein St├╝ck Dreck w├Ąrst. Und so was hasse ich in Deutschland und das meine ich auch wirklich so.

AVIVA-BERLIN: Woher nimmst Du diese unglaublichen Ideen f├╝r Deine B├╝cher - welchen Anteil haben autobiographische Erfahrungen in Deinen Geschichten?
Holly-Jane Rahlens:
In "Becky Bernstein" zum Beispiel waren einige Erfahrungen von Becky als j├╝discher Amerikanerin in Berlin autobiographisch erlebt.
Aber tats├Ąchlich ist es bei Becky so, dass sie von ihrem Freund verlassen wird und sich dann sagt, so, jetzt will ich mein Leben aufr├Ąumen.
Ich und meine Wohnung werden auf Di├Ąt gehen, ich schmei├če alles ├ťberfl├╝ssige aus meinem Leben raus und fange neu an.
Diesen Neuanfang habe ich auch selbst gemacht, nicht wegen eines Mannes.
Mit Ende Drei├čig habe ich einfach das Bed├╝rfnis danach gehabt.
Ich habe meine Wohnung von der einen Ecke zur anderen Ecke aufger├Ąumt und alles weggeschmissen, was ich nicht mehr gebraucht habe.
Dabei hatte ich ein Diktierger├Ąt laufen und habe immer aufgenommen, wenn mir irgendwas durch den Kopf gegangen ist. Das war die Ursprungsidee f├╝r dieses Buch.

Prinz William ist wirklich eine Geschichte, die ich von Anfang bis Ende erfunden habe.
Nelly hat von mir einen hohen IQ bekommen. Ich habe so einen IQ nicht, ich wei├č gar nicht wie hoch mein IQ ist - ist ja auch wurscht.
Die Mutter von Nelly, eine amerikanische J├╝din, ist nicht Holly.
Aber nat├╝rlich verstehe ich solche Frauen sehr gut.
Sicher ist diese Lucy eine Zusammenstellung von vielen Frauen, die ich kenne.
Ich bin sehr stolz auf bestimmte Figuren in diesem Buch, z.B. Risa.
Die alte Frau habe ich erfunden, weil ich mich an viele Gro├čm├╝tter meiner Freundinnen erinnern kann.
Bei ihnen lebten drei Generationen zusammen und ich glaube, ich habe meine Freundinnen darum beneidet, dass sie eine Gro├čmutter zu Hause hatten, die ihr Leben bereichert hat.
Aber nat├╝rlich kommt immer ein wenig Autobiographie bei jedem Autor dazu. Wo soll es denn sonst herkommen, wenn nicht aus dem eigenen Herzen und aus dem eigenen Kopf?

AVIVA-BERLIN: An was schreibst Du gerade? Was sind Deine n├Ąchsten Projekte?
Holly-Jane Rahlens:
Prinz William wird in Kinofilm und ich muss f├╝r den Film noch eine weitere Drehbuch-Fassung machen.
Mein Roman "Mazel Tov in Las Vegas" wird auch verfilmt.
Ich habe Ideen f├╝r weitere B├╝cher. Es gibt ganz bestimmt einen dritten und letzten Teil von Becky Bernstein, aber ich wei├č nicht, wann ich das schaffe.
Und es gibt m├Âglicherweise eine Fortsetzung von "Prinz William, Maximillian Minsky und ich". So eine Nelly Sue Edelmeister ein bisschen ├Ąlter, vielleicht mit 18 oder 20.
Vielleicht gibt es auch noch das eine oder andere Buch f├╝r Kinder.
Ich w├╝rde sehr gern etwas mit Englisch und Deutsch machen, weil das auch etwas ist, was ich gut kann.
Ich muss mal sehen, ich habe viele Projekte im Kopf.
Das Audiobook kommt ├╝brigens im August 2002 bei H├ÂrCompany heraus. Ich bin auch Schauspielerin und ich spreche es selbst.

AVIVA-BERLIN: Wann hast Du denn mit dem Schreiben angefangen?
Warst Du erst Schauspielerin und dann Autorin?

Holly-Jane Rahlens:
Ich habe sowohl Schauspiel als auch Literatur studiert.
Als ich nach Berlin kam, habe ich sehr viel Gl├╝ck gehabt und gleich einen Job beim Rias bekommen.
Ich habe nie Nachrichten gemacht und weniger streng journalistisch gearbeitet, sondern eher verspielt und erfinderisch geschrieben.
Ich habe sehr schnell, eher ein bisschen schauspielerisch, moderiert.
Meine liebste Arbeit beim H├Ârfunk war immer das Sprechen. Ich habe es so geliebt, etwas zu schreiben und es dann gleich zu sprechen.
1988 fing ich an, eher belletristisch zu schreiben, Erz├Ąhlungen.
1986 habe ich angefangen, eigene Shows auf die B├╝hne zu bringen.
1989 kamen die Schauspielerei und das Schreiben dann zusammen.
Ich habe "One fine Day" als eine Art B├╝hnenerz├Ąhlung f├╝r die B├╝hne geschrieben.
Heute ist es ein Kapitel in Becky Bernstein.
Meiner Meinung nach ist "Prinz William, Maximillian und ich" von allen meinen Arbeiten am reifsten.
Wenn mich heute jemand fragt was ich mache, sage ich: Ich bin Schriftstellerin.

[Foto: Holly Jane Rahlens- ┬ę  Sharon Adler]AVIVA-BERLIN: Hast Du Dir vorher schon vorstellen k├Ânnen, dass Deine B├╝cher verfilmt werden?
Holly-Jane Rahlens:
Ja, in meinen Tr├Ąumen habe ich mir das so vorstellen k├Ânnen.
Ich kann nicht sagen, dass es f├╝r mich eine ├ťberraschung ist.
Denn es ist f├╝r mich keine ├ťberraschung, dass die Leute meine Sachen gerne lesen, weil ich das auch gesp├╝rt habe, als ich auf der B├╝hne gespielt habe. Die Leute m├Âgen diese Geschichten, sie wollen sie h├Âren.

AVIVA-BERLIN: In deinem Buch "Maximillian Minsky..." sagt Risa, die 70 j├Ąhrige polnische J├╝din und Freundin von Nellys verstorbener Gro├čmutter: "Ja, warum nicht? Warum sollten wir nicht hier leben? Wer zum Teufel sind die denn? Warum sollten die nicht sehen, dass sie uns nicht alle umgebracht haben?"
Bist Du auch schon von amerikanischen Verwandten gefragt worden, wie Du in Deutschland leben kannst?

Holly-Jane Rahlens:
Direkt hat mich nie jemand gefragt. Aber ich denke, dass die Schwester meines Vaters damals meine Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, ein bisschen merkw├╝rdig empfunden hat. Und auch meine Cousinen aus der Familie, die zum Teil praktizierende Juden sind, haben das sehr seltsam gefunden. Ich denke, auf der Seite meiner Mutter, fand es ihre Schwester, die eine bekannte amerikanische Schauspielerin ist, merkw├╝rdig, dass ich, die eine gro├če Zukunft vor mir hatte, ausgerechnet nach Deutschland ging, wo ich mich nicht richtig entfalten kann. Aber nicht, weil ich J├╝din bin.
Viele Deutsche fragen, warum ich nach Deutschland gekommen bin.
Aber nicht, weil eine J├╝din nach Deutschland gekommen ist, sondern weil eine New Yorkerin nach Deutschland kam. Und da merke ich immer einen Mangel an Selbstwertgef├╝hl von den Deutschen.
Das ist das Problem mit den Deutschen, dass sie sich nicht m├Âgen. Sie k├Ânnen sich kaum vorstellen, dass jemand auch in ihrem Verein sein will.
Nat├╝rlich ist es viel subtiler und problematischer und nat├╝rlich haben die Deutschen immer noch ihr Kreuz zu tragen.
In meinem neuen Buch ist das auch ein Thema.

Juedisches Leben Beitrag vom 15.09.2002 Sharon Adler 

   




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