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AVIVA-BERLIN.de 2/11/5778 - Beitrag vom 28.02.2006

Von Berlin nach Berlin um die halbe Welt
Pieke Biermann

Das bewegte Leben des Siegbert "Mickey" Aron. Aufgezeichnet von Pieke Biermann.



Dieser Artikel wurde AVIVA-Berlin von der Autorin Pieke Biermann zur VerfĂŒgung gestellt. Er erschien in der "JĂŒdischen Allgemeine" am 24.Juni 2004 unter dem Titel "Schnauze und Chuzpe".
Copyright Foto: Vera Isler-Leiner.

Dieses charmante GrĂŒbchen am Kinn! WĂ€re er in Wien geboren und nicht in Berlin, Siegbert Aron stĂ€nde unter Dauerverdacht, das lebende Modell fĂŒr den Kavalier aller Kavaliere des alten Kontinents zu sein: den "schönen Sigismund". Aber er hat eher "Schnauze" als "SchmĂ€h". Hochgewachsen, schlank, blond, helle Augen - so taucht er im Sommer 1948 in Israel auf, sieht aus wie Paul Newman auf der "Exodus" und ist auch Ă€hnlich konspirativ tĂ€tig. Offiziell fĂ€hrt er als Heizer mit - "ich weiß nicht mal, wie’n Heizkessel aussieht, aber so stand’s in meinem Seemannsbuch!" lacht er. TatsĂ€chlich ist er im Auftrag der Haganah als Begleitschutz an Bord der Schiffe aus Marseille, auf denen die Überlebenden der Schoa aus Europa nach PalĂ€stina fahren. Da war ein Teil gerade der Staat Israel geworden. Im September 1948 wird Siegbert Aron in die frisch gegrĂŒndete Luftwaffe ĂŒbernommen und nimmt den Spitznamen "Mickey" an. Siegbert klingt unangenehm deutsch und Siggi fĂŒr arabische Ohren insgesamt unangenehm.

Aber damit ist der Zickzack-Kurs seines inzwischen fast 75-jĂ€hrigen Lebens noch lange nicht zu Ende. Los geht das am 9.September 1929 im Krankenhaus Berlin-Lankwitz. Familie Aron, Albert und Gertrud, wohnt zuerst in Wilmersdorf, dann in Schöneberg, in der Meraner Strasse am Bayerischen Platz. Siegbert wird 1936 "mit ‘ner schönen großen ZuckertĂŒte" eingeschult. Zwei Jahre spĂ€ter, kurz nach dem 9.November 1938, "wurde ich dann höflichst gebeten, die Schule nicht mehr zu besuchen. Ich galt ja nach den nationalsozialistischen Gesetzen als ‘Mischling ersten Grades’."

Nein, an antisemitische Schikane kann er sich nicht erinnern. Vielleicht weil am Bayerischen Platz gutbĂŒrgerliche jĂŒdische Familien wohnen und viele jĂŒdische Kinder in die Schulen der Umgebung gehen. "Also, ich hab ab und zu mit dem Rohrstock auf die HĂ€nde bekommen, ich hab auch ab und zu in der Ecke gestanden", erzĂ€hlt er in seiner schönen lichten Wohnung im Charlottenburger Teil der Lietzenburger Strasse. "Aber auch andere haben das. Ich war’n Durchschnittskind. Immer so etwas ĂŒber dem Mittel - war ich eigentlich mein Leben lang. Ich hab mich nie sehr angestrengt, brillant zu sein."

Sein Vater hat eine Konfektionsfirma - Kleider, Blusen und Röcke. Auch Albert Arons Eltern sind Kaufleute, im damaligen Deutsch-Posen. Albert ist deutscher Patriot und hat es im Ersten Weltkrieg bis zum Oberleutnant gebracht. Vor allem aber zum Eisernen Kreuz Erster und Zweiter Klasse - und zwar nicht etwa, weil er besonders viele Leute getötet hat. Er hat im Gegenteil bei einem Angriff auf die Zeppelin-Werke am Bodensee einigen seiner Luftwaffen-Kameraden das Leben gerettet. Von denen sitzen inzwischen ein paar in höheren Diensten im Rathaus Schöneberg. Eine Zeit lang können sie ihn schĂŒtzen.

"Aber eines Tages wurde er gewarnt, deshalb waren wir praktisch ĂŒber Nacht weg aus Berlin." Ende Dezember 1938 packen Vater und Sohn hastig ein paar Sachen und besteigen den Nachtzug nach Neapel. Von dort geht es am 28. Januar 1939 weiter. "Mit einem japanischen Schiff, ich kann mich sogar noch an den Namen erinnern: ‘Fujimi Maru’. Die Fahrt ging durch den Suezkanal, mit Halt in Colombo und in Hongkong. Und am 28.Februar kamen wir dann in Shanghai an."

Mama Gertrud, vor der Ehe mit Albert zum Judentum ĂŒbergetreten, bleibt in Berlin bei ihrer eigenen, krĂ€nkelnden Mutter. Niemand rechnet mit einer langen Trennung. "‘Der ganze Spuk dauert ein, zwei Jahre’, hat sie gesagt, ‘dann bist du wieder hier.’ Tja." Familie Aron ist nicht die einzige, die sich so tragisch verkalkuliert. Frau Aron wird gezwungen, aus der jĂŒdischen Gemeinde auszutreten, ihre Ehe wird 1941 zwangsgeschieden, Vater und Sohn Aron mĂŒssen bis 1947 in Shanghai durchhalten.

Warum Shanghai? "Das war die einzige Möglichkeit fĂŒr meinen Vater - ich hĂ€tte in die USA auswandern können, aber er fiel unter die ‘polnische Quote’." Albert Aron gilt wegen seiner Posener Eltern als Pole und hĂ€tte kein Visum bekommen. Und Europa ist zu unsicher. Shanghai ist 1938 noch international, man muss nur genug Geld mitbringen. "Mein Vater hatte etwas Geld in England, damit hat er da wieder eine kleine Firma gegrĂŒndet, die ExImCo."

ZunĂ€chst scheint alles gut zu gehen. Sie wohnen im französischen Teil, Siegbert geht auf die Shanghai Jewish School. Aber bald vertreiben die japanischen Besatzer sie in eine Art Ghetto. Er darf zwar weiter - mit Passierschein - zur Jewish School, die Japaner fĂŒgen sich glĂŒcklicherweise auch nicht den NaziwĂŒnschen nach Internierung und Deportation der Shanghaier Juden. "Aber das ‘Ghetto’ war natĂŒrlich kein Zuckerlecken. Und mein Vater verlor ĂŒber Nacht seine ganze mĂŒhsam wieder aufgebaute Existenz, direkt nach Pearl Harbor." Bei den Seeschlachten im Pazifik nach dem 8.Dezember 1941 geht eine Schiffsladung GewĂŒrze aus Indien auf Grund. NatĂŒrlich unversichert. "Da hat er sich fĂŒr eine chinesische Milchfirma als Vertreter betĂ€tigt."

1947 werden Aron pĂšre & fils "repatriiert", diesmal mit der "Marine Lynx", einem ehemaligen US-Truppentransporter, nach Genua und von da per Zug bis Berlin. Albert heiratet Gertrud noch einmal und zieht nach MĂŒnchen, wo er einen Job beim "allied personnel" bekommt. Siegbert - zum Entsetzen seines Vaters schon in Shanghai Zionist - wird nach SĂŒdfrankreich zur militĂ€rischen Grundausbildung durch jĂŒdische Veteranen der französischen Armee geschickt. Und geht in Israel zur Luftwaffe. Er will Pilot werden.

1949 wird sein Vater krank, auch die Ehe seiner Eltern zerbricht. Siegbert Aron zieht nach MĂŒnchen und jobbt beim US-MilitĂ€r, "so als Fahrer höhergestellter Offiziere." Aber es hĂ€lt ihn, obwohl er heiratet und einen Sohn bekommt, nicht lange. 1952 wandert er nach Israel aus, nennt sich amtlich um in Shimshon Aron, meldet sich wieder zur Luftwaffe und - wird wieder nicht Pilot. "Ich hatte in Shanghai Amöbenruhr gehabt und war sehr dĂŒnn, bin gerade mal so durchgeschlĂŒpft bei der Rekrutierung", erzĂ€hlt er. "Und damals kamen die ersten DĂŒsenflugzeuge, die englischen ‘Meteor’, und da drin wurde mir sauschlecht. Und dann hat der MilitĂ€rarzt gesagt: ‘Nein, der ist nicht flugtauglich!’"

Er bleibt zunĂ€chst in der Armee. Wird dann Sicherheitsbeauftragter in Ashkelon, "bei der Firma, die die großen Betonrohre fĂŒr das Negevprojekt produziert", geht danach zur Jewish Agency, heiratet seine zweite Frau. Dann erfĂ€hrt er, dass die israelische Polizei militĂ€risch ausgebildete Leute sucht, und wird 1957 Polizist, kurz nach der Geburt des ersten seiner vier Söhne mit der zweiten Frau. "Vielleicht wegen meiner zionistischen Jugend - da hat man sich am Wochenende getroffen, und dann wurden Lagerfeuer gemacht und israelische Lieder gesungen. Diese AtmosphĂ€re war’s, dieses ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl - vielleicht auch Abenteuerlust?" ĂŒberlegt Mickey Aron, vor sich auf dem Couchtisch stapelweise Fotos, wĂ€hrend nebenan seine dritte Frau Sofia mit KĂŒchengerĂ€ten klappert. Ganz sachte ziehen feine Wölkchen Bratenduft aus der KĂŒche herĂŒber. Und zwischendurch schwirrt die quirlige Sofia selbst durch die RĂ€ume, kramt nach weiteren Fotos, schenkt die GlĂ€ser wieder voll, nimmt Anrufe entgegen.

"Ich war immer fasziniert von Uniformen!" sagt Mickey. Und dann, fast abrupt. "Aber heute bin ich ausgesprochener Pazifist. Ich wĂŒrde heute keine Waffe mehr tragen wollen. Ich wollte ja 1980 aus Israel auch deshalb weg, weil ich mit der ganzen Politik nicht mehr einverstanden war."

Er will, ausgerechnet, zurĂŒck nach Berlin. In seine Geburtsstadt. Diesmal kommen ihm glĂŒckliche ZufĂ€lle und Kontakte zu Hilfe. Kurz nachdem Mickey Aron zur israelischen Polizei geht, wird die "International Police Association" gegrĂŒndet, ĂŒber die Polizisten aus aller Welt freundschaftliche Beziehungen knĂŒpfen. In Israel hat die IPA bald den Status einer heimlichen Gewerkschaft, denn israelische Polizisten dĂŒrfen sich nicht gewerkschaftlich organisieren, erinnert er sich. Vor allem aber organisiert die IPA Besuche und Gegenbesuche. Und Mickey Aron, der außer Deutsch und Iwrit auch gut Englisch und ganz brauchbar Französisch kann, wird ĂŒber die Jahre zum "liaison officer" fĂŒr auslĂ€ndische Kollegen. In den siebziger Jahren vor allem fĂŒr die aus Deutschland. DafĂŒr wird er freigestellt von Verkehrsplanung, Unfallbearbeitung, EDV und Verwaltung, wo immer er gerade Dienst tut. Und dabei lernt er unter anderem den damaligen Berliner PolizeiprĂ€sidenten Klaus HĂŒbner kennen.

"Er wurde mir als ‘Landeskundiger’ zur Seite gegeben", erinnert sich HĂŒbner, "wir waren damals regelmĂ€ĂŸig in Israel, Erfahrungen austauschen." West-Deutschland bekommt gerade mit hauseigenem Terrorismus zu tun, Israelis kennen Sprengstoffattentate und Ähnliches schon lĂ€nger. Klaus HĂŒbner, Jahrgang 1924 und 1969 vom SPD-Senat aus dem Bonner Bundestag auf den Schleudersitz des PolizeiprĂ€sidenten in Berlin geholt, ist ein Macher und Stratege. Er hat die "Unruhe der Jugend ĂŒberall in der Welt" schon lange im Blick. In West-Berlin ist sie voll erblĂŒht, und er will wissen, was dahintersteckt und wie man die Gewalt daraus "abschöpfen" kann. Zum Wohl der Demonstrationsfreiheit, fĂŒr ihn ein "Lebenselixier der Demokratie". HĂŒbner zieht Wissen und Motivation zusammen, wo immer er sie findet. Er fĂ€hrt oft nach Israel, auch privat zum Urlaub, und er hĂ€lt auch da nichts von Konfliktvermeidung, er setzt sich fachlich auseinander mit seinen israelischen Kollegen. Auf Englisch, auch wenn die meisten Jeckes sind. "Die Polizeispitze war damals nahezu fest in deutscher Hand, wenn ich das mal so sagen darf", lacht er. "Aber die haben meinen Ansatz fĂŒr polizeiliche Arbeit, an die Wurzeln von Konflikten zu kommen, ĂŒberhaupt nicht geteilt. FĂŒr sie war ein Feind ein Feind, und ein Problem war dadurch zu erledigen, dass man den Feind erledigt. Wir haben darĂŒber immer wieder sehr offen diskutiert, aber wir konnten uns nie verstĂ€ndigen." FĂŒr HĂŒbner, den "blutigen Anti-Militaristen", bedeutet, Gewalt nur mit Gewalt zu begegnen, eine endlose Spirale. "Und das kann in Israel nicht anders sein als anderswo."

Die VerstĂ€ndigung klappt an anderen Stellen um so besser. Die Ă€lteren israelischen Kollegen zeigen "manchmal fast so eine Art Heimweh" angesichts der deutschen, jĂŒngere setzen sich dann doch an den gemeinsamen Eßtisch, man lernt, "sich persönlich in die Augen zu schauen, sich als Menschen zu erkennen." Freundschaften entstehen. Und hin und wieder, bei einem Gegenbesuch in Berlin, wagt einer der gewaltsam aus Deutschland Vertriebenen, die StĂ€tten seiner Kindheit aufzusuchen, allein fĂŒr sich, nur freundlich eskortiert von einem jungen deutschen Polizisten, und "spricht mich plötzlich beim Abendessen auf Deutsch an. Das muss fĂŒr ihn gewesen sein wie ‘Heinrich, der Wagen bricht’ - als ob ein Ring um die Brust plötzlich zerspringt", erzĂ€hlt HĂŒbner. "FĂŒr mich war das ĂŒberwĂ€ltigend."

Mickey Aron wird am 1. August 1980 im Rang eines "superintendent" (etwa Polizeirat) frĂŒhpensioniert. Dass er den Dienst quittiert, hat auch gesundheitliche GrĂŒnde. Er fĂ€hrt nach Berlin, ruft HĂŒbner an, "und der sagt als erstes: Und wer wird uns jetzt fĂŒhren?" Das wird einer der vielen anderen Jeckes ĂŒbernehmen mĂŒssen, denn Mickey Aron bleibt in Berlin. Auch weil Klaus HĂŒbner ihn in seiner Riesenbehörde gut gebrauchen kann. Als EDV-Fachmann, als Verwaltungsspezialisten. Eine Uniform muss er nicht anziehen - er kann in seinem Alter ohnehin kein Beamter mehr werden. Er wĂŒrde das auch nicht wollen. Aber er hilft mit, die "Polizeihistorische Sammlung" aufzubauen, und wird schließlich bis zur zweiten Pensionierung GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Sozialwissenschaftlichen Dienstes in der Polizeischule.

Nach Israel fahren er und Sofia oft. Zwei seiner Söhne sind dort Polizisten, den dritten hat die Wehrdienstzeit im Libanonkrieg so traumatisiert, dass er "mit MilitĂ€r nichts mehr zu tun haben wollte. Er ging in die Wirtschaft." Der jĂŒngste ist Computerspezialist. Bei dessen Hochzeit waren sie vor kurzem. Seitdem geht ihm ein Dilemma nicht aus dem Kopf. "Ich bin stolz auf dieses Land, ich hab da meine besten Jahre verbracht, ich spreche die Sprache, aber -", er zögert, "- ich fĂŒhl mich da nicht mehr heimisch." Seine GefĂŒhle schwanken zwischen der Überzeugung, dass ein Kompromiss her muss und möglich ist, und der Wut ĂŒber "dieses sinnlose Umbringen". Es geht vielen Israelis Ă€hnlich, sagt er. "Es ist anders geworden, zu egoistisch vielleicht. KontrĂ€r zu den Idealen, die ich fĂŒr Israel gefĂŒhlt hatte."


Jüdisches Leben Beitrag vom 28.02.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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