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AVIVA-BERLIN.de 4/11/5778 - Beitrag vom 30.05.2006

Das Schabbat-Gebot
Elisa Klapheck

Auslegungen und Bedeutung des Schabbat von Rabbinerin Elisa Klapheck. Wie gehen die Rabbinen, die die Tora auslegten und den Talmud schrieben, mit voneinander abweichenden Formulierungen um?



Der Schabbat - der Samstag - ist fundamental f├╝r das Judentum. Denn er ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel. Es herrscht an diesem Tag ein absolutes Arbeitsverbot. Man darf sich und andere mit nichts belasten - nichts tragen, nichts in Bewegung setzen, nichts anschalten - und auch andere nicht dazu veranlassen. Juden, genauso wie Nichtjuden, Freie, genauso wie Sklaven, ja selbst das Vieh und die Lastentiere - haben an diesem Tag ein Recht auf Ruhe. Das Prinzip geht noch weiter - sogar das Land und die Felder haben dieses Recht. Alle sieben Jahre steht ihnen ein Schabbat-Jahr zu.

Wer sich an das umfassende Arbeitsverbot am Schabbat h├Ąlt, kennt das besondere Gef├╝hl, das sich dann einstellt - das Gef├╝hl einer fundamentalen Freiheit, die sich aus der Heiligkeit der Sch├Âpfung und allem Lebendigen ergibt.

Dieses f├╝r das Judentum so grundlegende Schabbat-Gebot sollte nun - so w├╝rde man meinen - in den Zehn Geboten eindeutig formuliert sein.

Zweimal z├Ąhlt die Hebr├Ąische Bibel die Zehn Gebote auf. Zuerst im 2. Buch Mose, sp├Ąter noch einmal im 5. Buch Mose. Doch ausgerechnet beim Schabbat-Gebot weichen beide Fassungen erheblich voneinander ab.

So hei├čt es im 20. Kapitel des 2. Buch Mose:
Gedenke des Schabbat und heilige ihn. Sechs Tage darfst du arbeiten und alle deine Werke verrichten. Aber der siebente Tag ist ein Schabbat dem Ewigen, deinem Gotte, da sollst du keinerlei Werk verrichten, weder du noch dein Sohn oder deine Tochter, noch dein Knecht oder deine Magd, noch dein Vieh, noch der Fremde, der in deinen Toren ist.

Und weiter begr├╝ndet die Heilige Schrift an dieser Stelle das Gebot, den Schabbat zu halten, mit den sieben Tagen der Sch├Âpfung. Es hei├čt da:
Denn in sechs Tagen hat der Ewige den Himmel und die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist, erschaffen, aber am siebenten Tage hat er geruht, darum hat der Ewige den Schabbat gesegnet und ihn geheiligt.

Die zweite Formulierung der Zehn Gebote im 5. Buch Mose beginnt zun├Ąchst genauso: mit der Forderung, am Samstag alle Arbeit ruhen zu lassen. Doch sie f├Ąhrt dann mit einer anderen Begr├╝ndung fort: nicht die sieben Tagen der Sch├Âpfung, sondern die Befreiung der Israeliten aus der ├Ągyptischen Knechtschaft:
Denke daran, dass du ein Knecht im Lande Ägypten gewesen bist, und wie dich der Ewige, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat, darum befiehlt dir der Ewige, dein Gott, den Schabbat zu halten.

Erschaffung der Welt in sieben Tagen - oder: Befreiung aus der ├Ągyptischen Knechtschaft? Welche der beiden Begr├╝ndungen hat wohl auf den Gesetzestafeln gestanden? Widerspricht sich hier die Tora selbst? Ja, hat Gott m├Âglicherweise gar nicht gemerkt, wie unterschiedlich er sich an beiden Stellen ausdr├╝ckte?

Keineswegs. F├╝r die Rabbinen, die in den ersten sechs Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die Tora auslegten und den Talmud schrieben, bildeten solche voneinander abweichenden Formulierungen kein Problem. Denn Gott - so ihre Auffassung - spricht mehrstimmig, und alle heiligen Worte der Bibel gelten gleichzeitig.

Der Mensch, so meinen die Rabbinen, m├╝sse jedoch die Mehrstimmigkeit und Gleichzeitigkeit trennen, weil er nur das eine oder das andere, nicht aber beides gleichzeitig verstehen kann. Und deshalb spricht die Tora in der Sprache der Menschen, damit sie verstehen. Die Tora w├Ąhlt daher erst die eine Formulierung, sp├Ąter die abweichende andere Formulierung. In Wahrheit ist aber die g├Âttliche Kraft, die in sieben Tagen die Welt erschuf, dieselbe wie die g├Âttliche Kraft, die die Israeliten aus der ├Ągyptischen Knechtschaft f├╝hrte.

Der Sch├Âpfergott ist also zugleich ein Gott der Freiheit und Gerechtigkeit.

Mehr zu Rabbinerin Elisa Klapheck im Interview mit AVIVA-Berlin von 2004.

Lesen Sie auch mehr ├╝ber Elisa Klaphecks Buch So bin ich Rabbinerin geworden.


Ein Hinweis in eigener Sache - die Rubrik "Religion" wurde erm├Âglicht durch Mittel der Stiftung Zur├╝ckgeben zur F├Ârderung J├╝discher Frauen in Kunst und Wissenschaft.


Jüdisches Leben Beitrag vom 30.05.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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