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AVIVA-BERLIN.de 13/4/5776 - Beitrag vom 21.05.2007

Linker Antisemitismus
Benjamin Weinthal

Bye bye, German Left! Wie linke Zeitungen den Antisemitismus kritisieren, den sie zugleich n├Ąhren. Ein Debattenbeitrag von Benjamin Weinthal, European Fellow an der FU, ...



... im April 2007 in der "Jungle World" erschienen, nun auch auf AVIVA zu lesen.

Es ist eine merkw├╝rdige Zeit f├╝r in Deutschland lebende amerikanische Juden. Der an der Universit├Ąt Michigan lehrende Antisemitismusforscher Lars Rensmann beobachtete, dass viele amerikanische Juden, die in Deutschland leben und sich als Linke verstehen, best├Ąndig gezwungen sind, die Politik Israels zu verteidigen, weil antiisraelische Affekte in Deutschland und Europa sehr verbreitet sind.

Ich stimme seiner Beobachtung zu. Vor f├╝nf Jahren zog ich aus New York City nach Berlin und fing an, f├╝r die deutsch-j├╝dische Zeitung "Aufbau" zu schreiben. Ein Schwerpunkt meiner journalistischen Arbeit ist das Judentum in der ehemaligen DDR und die Auseinandersetzung zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der j├╝disch-deutschen Minderheit in der Zeit nach der so genannten Wende. Ein Thema habe ich bewusst vermieden: den Staat Israel.
Allerdings bemerkte ich sehr schnell, dass dies in Deutschland unm├Âglich ist; nicht nur wegen meines Nachnamens. 2002 begann ich mich zu fragen, warum die Politik des damaligen israelischen Ministerpr├Ąsidenten Ariel Sharon in einer Landtagswahl im Bundesland Nordhein-Westfalen eine so gro├če Rolle spielt. J├╝rgen M├Âllemann verteilte damals Flugbl├Ątter an die W├Ąhlerinnen in Nordhein-Westfalen. Auf dem Flugblatt beschimpfte er den ehemaligen Vizepr├Ąsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, und Ariel Sharon, und pr├Ąsentierte sich als der starke Mann, der Frieden im Nahen Osten schaffen w├╝rde.

In einem Kommentar der "Welt" argumentierte k├╝rzlich die in Tel Aviv lebende deutsche Journalistin Gisela Dachs, dass die Deutschen, wenn sie ├╝ber Israel reden, nur ├╝ber sich selbst redeten: "Im Fall der Deutschen liegt es auf der Hand, dass bei den Diskussionen die Nazivergangenheit ÔÇô ausgesprochen oder unausgesprochen ÔÇô immer mit eine Rolle spielt." Die vermeintliche Kritik an Israel ist sehr oft ein Komplex aus Schuld und Abwehr wegen der Shoah und hat gar nichts mit dem Staat Israel zu tun. Das Beispiel M├Âllemann ist typisch f├╝r dieses Ph├Ąnomen.

In den USA habe ich die Entwicklung und die Politik Israels sehr genau verfolgt. Als amerikanischer Jude identifiziert man sich mit dem Land. Es ist vergleichbar mit den irischst├Ąmmigen US-Amerikanern, die eine Art von Solidarit├Ąt mit Iren in Irland und Nordirland praktizieren.
Ich kann mich sehr klar daran erinnern, als Menachem Begin und Anwar al-Sadat 1977 ein Friedensabkommen zwischen ├ägypten und Israel aushandelten. Wir sind vor Freude durch unsere hebr├Ąische Schule gerannt. Wir dachten, dass der Frieden gekommen sei. Leider waren wir naiv. Das Existenzrecht Israels war f├╝r mich (und die Mehrheit der US-Amerikaner) nie ein Thema in den USA. Es ist einfach eine Tatsache, die nie in Frage gestellt wird. Ich lebe jedoch in einem Land, in dem der neuen BBC-Umfrage zufolge 77 Prozent der Deutschen eine ablehnende Einstellung zu Israel haben, die h├Âchste Prozentzahl in Europa. Zudem glaubt die Mehrheit der Deutschen, Israel stelle die gr├Â├čte Gefahr f├╝r die Weltsicherheit dar. Das Existenzrecht Israels bleibt ein st├Ąndiges Thema f├╝r einen gro├čen Teil der deutschen ├ľffentlichkeit. Gleichzeitig bleibt der Existenzkampf der Israelis das wichtigste Thema. Ich habe den Eindruck, dass alle sich mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 besch├Ąftigen wollen, aber die Mehrheit die gegenw├Ąrtige Bedrohung Israels ignoriert ÔÇô die beispielsweise der Iran darstellt.

Da die USA und Israel nahezu Schulter an Schulter stehen, wird auch die amerikanisch-j├╝dische Gemeinde eine Projektionsfl├Ąche f├╝r einen gro├čen Teil der deutschen Gesellschaft. In der "taz" hat es Daniel Bax in einem Beitrag ├╝ber die US-amerikanische j├╝dische Gemeinde mit dem Titel "Jews vs. Jews" geschafft, sich mehrerer deutscher Lieblingsklischees ├╝ber amerikanische Juden zu bedienen. Er schrieb, dass bestimmte Juden ihr ┬╗J├╝dischsein┬ź betonen m├╝ssten, weil ┬╗es doch die einzige M├Âglichkeit┬ź sei, "dem Alleinvertretungsanspruch des organisierten Berufsjudentums und seiner publizistischen Bannertr├Ąger zu begegnen. Denn dieses hat sich in neokonservativen Allianzen verrannt." Sein erfundener Begriff "organisiertes Berufsjudentum" riecht nach der alten antisemitischen Verschw├Ârungstheorie der j├╝dischen Lust auf Welteroberung. Innerhalb eines Kommentars mit 372 W├Ârtern benutzt Bax pausenlos Parolen wie "Israel-Lobby", "proisraelische Protestgruppen", "proisraelische Pressure Groups", "wichtigster j├╝discher Interessenverband", "offizielle j├╝dische Organisationen" und "Alleinvertretungsanspruch des organisierten Berufsjudentums". Im Klartext hei├čt das: Die sechs Millionen amerikanischen Juden seien neokonservativ (US-Republikaner), und die Neocons seien f├╝r den Krieg im Irak verantwortlich. Diese seien auch vorbehaltlose und unkritische Unterst├╝tzer des Staates Israel. Eine gef├Ąhrliche Pauschalisierung, die der Wirklichkeit in den USA nicht entspricht. 87 Prozent der Juden haben f├╝r die Demokraten gestimmt. Die Wahlbeteiligung der Juden in den USA liegt bei ├╝ber 90 Prozent. Sie sind die politisch am st├Ąrksten engagierte Bev├Âlkerungsgruppe in den USA. Die Mehrheit der US-amerikanischen Juden war ├╝brigens gegen den Krieg im Irak.

Der Publizist Henryk M. Broder brachte neulich in einem Gespr├Ąch mit mir diese bedenkliche Entwicklung der deutschen Linken auf den Punkt: "Der rechte Antisemitismus ist versch├Ąmt, der linke Antisemitismus ist unversch├Ąmt. Und am Wachsen des linken Antisemitismus zeigt sich nat├╝rlich auch eine Homogenisierung der deutschen Gesellschaft. Der Antisemitismus ist eine Krankheit, die nachw├Ąchst und sich verwandelt. Der Antisemitismus von heute ist der Antizionismus."
Als linker amerikanischer Jude betrachte ich nun einen gro├čen Teil der deutschen Linken wirklich als eine Gefahr f├╝r den Staat Israel. Ist es m├Âglich, dass ein wichtiger Teil der deutschen linken Bewegung die wahre ernst zu nehmende Bedrohung f├╝r Israel ist und nicht die NPD? Die neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem vergangenen Jahr k├Ânnte einen Hinweis bieten: "Menschen, die sich selbst als links bezeichnen, lehnen nicht alle rechtsextremen Aussagen ab." Von der Linkspartei oder dem linken Fl├╝gel der SPD sollte man sich nichts erhoffen, sondern eher von den winzigen Gruppen der prozionistischen Linken, die sich auch gegen den Antiamerikanismus engagieren. Die sind leider unbedeutend und sind vielen deutschen Linken verhasst.

Vermeintlich linke Zeitungen wie die taz richten sich in ihren Artikeln oft gegen Antisemitismus, aber sie sehen die Verbindung zwischen ihrer antiisraelischen Sprache (d.h. Antizionismus) und der Verbreitung des Antisemitismus nicht. Haben Begriffe wie z.B. "organisiertes Berufsjudentum" eine Mitwirkung am zunehmenden Antisemitismus in Deutschland? Ich bef├╝rchte, die Antwort liegt auf der Hand. Deswegen habe ich mich von einem gro├čen Teil der deutschen Linken verabschiedet.


Juedisches Leben Beitrag vom 21.05.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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