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AVIVA-BERLIN.de 4/13/5778 - Beitrag vom 11.09.2007

Begräbnisriten
Elisa Klapheck

Ausgefallene Bestattungswünsche haben Hochkonjunktur. Welche Bedeutung kommt dem Begräbnis im Judentum zu und was hat das mit dem Kaddisch zu tun? Ein Beitrag von Rabbinerin Elisa Klapheck



Die Phantasien werden immer abgefahrener. Lässt das Judentum eine Weltraumbestattung zu? So lautete unlängst die Anfrage - an mich, die liberale Rabbinerin, die doch den Phänomenen der Zeit gegenüber aufgeschlossen sein müsste. Es ist beileibe nicht die einzige originelle Bestattungsidee. Immerhin etwas irdischer orientiert, ist zum Beispiel der Wunsch eines meiner Gemeindemitglieder. Die alte Dame will nach ihrem Tode nicht nur kremiert werden, was den jüdischen Begräbnisriten bereits widerspricht, sondern auch, dass ihre Asche über alle Grachten in Amsterdam verstreut wird. Ob ich eine entsprechende Trauerfeier einrichten würde? Das Begräbnis als Happening.

Nur im ersten Moment klingt so etwas wie Romantik in solchen Wünschen an. Man möchte in etwas Größerem, Unendlichem, Ewigem aufgehen.

Die klassischen jüdischen Argumente schlägt die alte Dame selbstbewusst in den Wind. Auf die jüdischen Begräbnisriten, die peinlich genau auf die Würde des Toten und die Unversehrtheit seines Leichnams achten, reagiert sie mit Abscheu - sie wolle nicht als verwesender Körper den Würmern und Maulwürfen ausgeliefert sein. Um ihre Hinterbliebenen nicht mit Grabpflege zu belasten, verzichte sie außerdem auf das im Judentum garantierte Recht auf eine Ruhestätte und einen Stein, der ihres Namens gedenke. Und überhaupt: es ist ihr Tod und ihr Körper, über den sie allein bestimmen dürfe.

Im weiteren Gespräch entpuppt sich die kapriziöse Phantasie als etwas, das viel tiefer liegende Ambivalenzen überdeckt. Der Pathos des Events soll zum Mittel werden, Kontrolle über sich selbst noch weit über den Tod hinaus auszuüben. Die Kinder und Enkel werden kein Grab besuchen, an dem sie trauern können, keinen Stein vorfinden, der das Sterbedatum der Mutter und Oma benennt – ihr Aufgehen in den Wassern von Amsterdam, dem symbolischen Element der Stadt schlechthin, soll letztlich - ähnlich wie das Aufgehen in einem nicht-markierbaren Kosmos - eine ewige Gegenwart herstellen und die Hinterbliebenen bei jedem Anblick der Grachten oder des Sternenhimmels an die Verstorbene erinnern.

Das Judentum lebt von der Unterscheidung. Lebendig ist lebendig, tot ist tot. Nur diese Unterscheidung ermöglicht das radikal-jüdische Ja zum Leben. Ich frage mich, ob in den verkappten Unsterblichkeitswünschen solcher und anderer Bestattungsanfragen nicht bereits ein neuer Totenkult lauert, dem auf schnellem Fuß Dämonenkulte folgen werden.

Wie weise waren doch die Rabbinen als sie das Kaddisch der Trauernden eben nicht als ein Totengebet formulierten, sondern als eine Akklamation des einzigen ewig lebendigen Gottes, von dem allein alle Sterblichen Leben empfangen.

Mehr zu Rabbinerin Elisa Klapheck im Interview mit AVIVA-Berlin von 2004.
Lesen Sie auch unsere Rezension zu Elisa Klaphecks Buch So bin ich Rabbinerin geworden.


Jüdisches Leben Beitrag vom 11.09.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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