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AVIVA-BERLIN.de 2/13/5778 - Beitrag vom 15.07.2012

Charlotte Hermann. Ein Leben auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit
Rachel Shneiderman

Geboren in Dresden, Exil in Prag, Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz. Todesmarsch. R├╝ckkehr nach Prag. 1980 Flucht aus Prag nach West-Berlin. Rachel Shneidermans Erinnerungen an eine ...



... ungew├Âhnliche Frau, die sie bis heute nicht losl├Ąsst.

Erinnerung ist wie welkendes Laub im Herbst
Die Zeit tr├Ągt sie wie der Wind in die Ferne der Vergangenheit
Und fl├╝stert so mild wie der junge Ahorn
Verklungene Melodie - des vergangenen Sommers wegen
Und das Herz wie ein brachliegender Acker im Herbst
Wartet auf eine Saat
Ich wei├č ÔÇô vergeblich


Ilona Karmel, 1942

Eine Reise in die Vergangenheit

Es ist der 8. Juli 2012. In vier Tagen ist Charlottes 91. Geburtstag. Ich kann mir Charlotte als 91-j├Ąhrige gar nicht vorstellen. Wahrscheinlich h├Ątte sie auch in diesem Alter ihre Faszination nicht verloren. Sie w├╝rde vielleicht kleiner und schlanker sein und ihre einst aufrechte Haltung verloren haben. Ihre Haare w├╝rde sie aber weiterhin rot f├Ąrben. Ihr h├╝bsches Gesicht w├Ąre mit vielen tiefen Falten ├╝berzogen sein. Die Haut dort und an den H├Ąnden w├Ąre d├╝nn wie Pergamentpapier und unter den Augen h├Ątte sie Ringe. Ihre ausdrucksvollen, wundersch├Ânen Augen w├Ąren aber dieselben geblieben, wie damals vor 27 Jahren, als wir uns kennenlernten.

Doch Charlotte wird ihren 91. Geburtstag nicht feiern. Vier Monate nach ihrem 68. sten Geburtstag, am 20. November 1989, starb sie im J├╝dischen Krankenhaus im Berlin an Krebs. Die letzten Monate ihres Lebens hat sie f├╝rchterliche Schmerzen ertragen m├╝ssen. Der Tod war f├╝r sie eine Erl├Âsung. Nicht nur f├╝r ihre k├Ârperlichen Schmerzen.
Dar├╝ber, wie wir uns kennenlernten und was sie in mir bewegt hat, habe ich 2009 in einer Geschichte ├╝ber sie erz├Ąhlt. Seitdem "verfolgt" Charlotte mich noch mehr als sonst.
Ich wollte mehr ├╝ber sie erz├Ąhlen, ich wollte, dass sie nicht vergessen wird.
Ende April dieses Jahres bekam ich eine E-Mail mit folgendem Inhalt:

J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin ÔÇô Writing Girls ÔÇô Journalismus in den Neuen Medien. Teilnehmerinnen gesucht.
AVIVA ÔÇô Redaktion
Ab sofort startet AVIVA ihr von der Stiftung "Erinnerung ÔÇô Verantwortung ÔÇô Zukunft" und der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN gef├Ârdertes Projekt zur Entdeckung verborgener Frauenbiographien in Berlin.


Noch w├Ąhrend ich die E-Mail las, wusste ich: das ist es: jetzt ist die Zeit gekommen die ganze Geschichte zu erz├Ąhlen. Es war ein Wink des Himmels! Ich konnte es kaum fassen, dass sich mir eine solche M├Âglichkeit ├Âffnete. Ohne langes Nachdenken habe ich die angegebene Telefonnummer gew├Ąhlt und war sofort auf gro├čes Interesse seitens der Redaktion gesto├čen.

So nahm diese Reportage ihren Lauf

Viele Ereignisse sind noch pr├Ąsent in meinem Ged├Ąchtnis, ├╝ber Andere musste ich die letzten Wochen recherchieren. Ich musste in meinen Aufzeichnungen w├╝hlen, alte Bekanntschaften auffrischen, die Orte finden und besuchen, an denen Charlotte zuletzt gelebt hatte. Eine der "alten" Bekanntschaften ist Doris F├╝rstenberg. Sie ist die Herausgeberin des Buchs: "Jeden Moment war dieser Tod" ÔÇô Interviews mit j├╝dischen Frauen, die Auschwitz ├╝berlebten. Charlottes Geschichte fehlt in diesem Buch. Die Beiden haben sich kennengelernt, als das Buch schon im Druck war. Auch Doris "erlag", wie ich, Charlottes Charme und stand ihr bis zuletzt zur Seite. Dank ihren Aufzeichnungen, die sie mir liebensw├╝rdigerweise zur Verf├╝gung gestellt hat, habe ich mich an vieles wieder erinnert und auch viel Neues in Erfahrung gebracht. Auch manche Dokumente und Briefe, die sie in ihren Besitz hatte, und die sie bis heute aufbewahrte, hat sie mir gro├čz├╝gig zur Verf├╝gung gestellt. Daf├╝r danke ich ihr von ganzen Herzen.

Doch je mehr ich in Erfahrung bringe, desto mehr Fragen entstehen. Vieles bleibt im Verborgenen. Vielleicht f├╝r immer.

Dies hier ist der Anfang. Die Reportage soll in mehreren Teilen erfolgen. Zur Beginn m├Âchte ich die Lesenden mit der Geschichte von 2009, die den Ansto├č gegeben hat f├╝r diese Reportage, bekannt machen.

Charlotte

An einem Januarmorgen vor f├╝nfundzwanzig Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht, um Charlotte Hermann kennen zu lernen. Es war ein sehr kalter Morgen, obwohl die Sonne, nach tagelangen Schneef├Ąllen, gro├čz├╝gig vom fast blauen Himmel schien. Charlotte lebte in Kreuzberg. Ich war nur selten in dieser Gegend, deshalb dauerte es eine Weile, bis ich erst die Stra├če und dann das Haus fand. Ich klingelte bei Frau M├╝ller, ihrer Nachbarin, die mich einen Tag zuvor angerufen und um einen Besuch gebeten hatte. Frau M├╝ller hatte mir berichtet, dass Charlotte krank sei und dringend zum Arzt m├╝sse. Sie sei uneinsichtig und wolle keine Hilfe annehmen. Sie wisse, dass Frau Hermann J├╝din sei und aus diesem Grund rufe sie mich an. Ich arbeitete damals als Gemeindeschwester bei der J├╝dischen Gemeinde und Hausbesuche waren an der Tagesordnung.


Charlottes Wohnort in der Neuenburger Stra├če, wo die erste Begegnung zwischen Rachel und Charlotte stattfand.

Frau M├╝ller hatte Charlottes Wohnungsschl├╝ssel. Sie ├Âffnete mir die T├╝r und ging mit mir in die Wohnung. Ich trat in einen kleinen dunklen Flur, der mit einer Garderobe, einem Schuhschrank und einem Spiegel ausgestattet war. Es war eine Ein-Zimmer-Wohnung, nicht sehr gro├č, mit einer hohen Decke und zwei gro├čen Fenstern. Die schweren, verstaubten Gardinen, die an manchen Stellen lose von der Stange hingen, waren dicht zugezogen, so dass das Tageslicht keine Chance hatte, in das sp├Ąrlich m├Âblierte Zimmer einzudringen. Im Zimmer war es kalt und roch muffig und es war still. Niemand kam mir entgegen. Niemand fragte: "Wer ist da?". Fragend drehte ich mich zu Frau M├╝ller um. Sie zeigte stumm mit einer Kopfbewegung Richtung Schlafnische. Auf einer alten nackten Matratze, die in der Ecke der Nische lag, sa├č Charlotte. Die langen Haare, die einst rot gef├Ąrbt gewesen waren, hingen ungek├Ąmmt und ungewaschen ├╝ber ihre Schulter und bedeckten ihr Gesicht. Wortlos schaukelte sie hin und her. Mich schien sie nicht zu bemerken. Erst, als ich sie begr├╝├čte und mich vorstellte, hob sie langsam ihren Kopf und schaute in meine Richtung.

Wenn es wahr ist, dass die Augen die Spiegel der Seele sind, dann waren diese Spiegel leer. Ich schaute in zwei leere Spiegel und hatte pl├Âtzlich das Gef├╝hl, an einem Abgrund zu stehen. Eine eiserne kalte Hand packte mein Herz und versuchte es zu zerquetschen.

Frau M├╝ller war inzwischen gegangen und ich blieb allein mit einer Frau, deren Seele so laut vor Schmerz schrie, dass es den halbdunklen Raum erf├╝llte und in meinem Kopf dr├Âhnte. Ich stand hilflos und verloren vor Charlotte und hatte keine Ahnung, wie ich ihr helfen k├Ânnte. Mir fiel auf, dass sie, ungepflegt, nach altem Schwei├č riechend, mit ausdrucklosem Gesicht und nicht mehr ganz jung, doch eine Anziehungskraft besa├č, wie ich sie selten erlebt hatte. "Wie sch├Ân sie ist", dachte ich fasziniert, "und wie ungl├╝cklich". Ich habe lange gebraucht, um sie zu ├╝berzeugen, Hilfe zuzulassen. Sie hatte keine Kraft zum Reden und so erfuhr ich nur in kleinen Portionen etwas ├╝ber sie und ihr Leben: dass sie 64 Jahre alt war, dass sie in Dresden geboren worden war und als junges M├Ądchen mit ihren Eltern vor den Nazis in die Tschechoslowakei geflohen war und dort bis vor kurzem gelebt hatte, dass ihr mit einem j├╝ngeren Mann, der ihr Freund war, die Flucht von dort gelungen war und dass dieser Freund sie gerade verlassen hatte. Ich erfuhr auch, dass sie drei Jahre in Auschwitz verbracht und dass sie nur dank ihrer Jugend und Sch├Ânheit ├╝berlebt hatte. Ich habe meine ganze ├ťberzeugungskraft daran gesetzt und es schlie├člich geschafft, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Ob wir mit meinem Pkw oder mit dem Krankenwagen dorthin kamen, wei├č ich nicht mehr. Das ist auch nicht so wichtig. Wichtig dagegen ist, dass sie in Sicherheit war, dass es ├ärzte und Krankenschwester um sie herum gab, die Acht auf sie gaben und ihr hoffentlich w├╝rden helfen k├Ânnen. Ich habe sie so oft ich konnte im Krankenhaus besucht. Drei Wochen sp├Ąter lernte ich eine andere Charlotte kennen. F├╝r mich war es wie ein Wunder, dass ihre Augen sich wieder mit Leben f├╝llten. Ein Wunder war es auch, sie lachen zu h├Âren. Aber immer wieder erlebte ich in den f├╝nf Jahren, in denen ich sie kannte, wie sich ihre sch├Ânen Augen aufs Neue in leere Spiegel verwandelten.

Ihr ganzes Leben lang war Charlotte auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit gewesen und hat sie nie gefunden. Sie starb 69-j├Ąhrig an Krebs, herzzerrei├čend vor Schmerzen schreiend und ich war nicht da, um sie zu tr├Âsten. Charlotte hat mich damals sofort in ihren Bann gezogen und l├Ąsst mich auch heute noch, f├╝nfundzwanzig Jahre sp├Ąter, nicht los.


Rachel Shneiderman, geboren 1951 in Taschkent, ehemalige UDSSR. Vor 40 Jahren ausgewandert, zuerst nach Israel und 1978 nach West-Berlin. Im Rahmen ihrer T├Ątigkeit als Gemeindeschwester bei der J├╝dischen Gemeinde zu Berlin hat sie sich jahrelang um Charlotte gek├╝mmert.



Das Projekt "J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde erm├Âglich durch eine Kooperation der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN, Stiftung zur F├Ârderung j├╝discher Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de


┬ę Rachel Shneiderman


Jüdisches Leben > Writing Girls Beitrag vom 15.07.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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