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AVIVA-BERLIN.de 3/17/5778 - Beitrag vom 22.02.2013

Stella Goldschlag - Das blonde Gift
Shlomit Lasky, Co: Maayan Meir

Sie war eine "Greiferin", eine jüdische Informantin, die für die Gestapo arbeitete. Sie schloss einen "Pakt mit dem Teufel", um zu überleben und der Deportation nach Auschwitz zu entkommen, und...



... sie verriet zahllose Jüdinnen und Juden, die im Untergrund lebten. Stella war auch als das "blonde Gift" bekannt, sie hatte zahlreiche Liebhaber und ein skandalöses Liebesleben. Ihre Schönheit war jedoch sowohl ein Segen, als auch ein Fluch.

Wie weit würde ich gehen, um mich selbst und meine Familie zu retten? Wie unerbittlich und hinterhältig würde ich werden, um zu überleben? Dies sind Fragen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Stella Goldschlag denke. Eine sorglose Zwanzigjährige aus Westberlin, mit goldenen Locken, einem breiten Lächeln und dem Ehrgeiz, einmal Jazzsängerin zu werden, doch in ihrem Leben ging es bald nur noch ums Überleben und um Verrat, denn sie war eine Jüdin in Nazideutschland.

Ich führe TouristInnen durch das Scheunenviertel. Vor dem Krieg war es eine heruntergekommene Gegend, wo sich viele mittellose orthodoxe Jüdinnen und Juden aus Osteuropa niedergelassen hatten, nachdem sie vor den Pogromen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geflüchtet waren. Heute ist es dort von TouristInnen überlaufen, voller schicker Boutiquen und trendigen Cafés, kaum etwas ist von dem jüdischen Leben vor dem Krieg übrig geblieben, außer einigen Gedenksteinen und den Geschichten der Vergangenheit, die ich, als eine Fremdenführerin, versuche lebendig zu erhalten. Während wir von der Rosenstraße zu den Hackeschen Höfen spazieren, halten wir in der Burgstraße vor einem modernen Backsteingebäude an, in dem sich die Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbunds befindet. Vor dem Krieg befand sich hier das Judenreferat der Berliner Gestapoleitstelle.



Zentrale des DGB, die frühere Gestapoleitstelle Berlins

Ich ziehe meinen Aktenordner hervor und zeige den TouristInnen ein Foto der schönen Stella, geborene Stella Goldschlag. Später heiratete sie ihren Jugendfreund und wurde Stella Kübler, danach Stella Isaaksohn. Ich nenne sie nur Stella. Von all den Geschichten, die ich auf meiner Tour erzähle, finde ich Stellas am dramatischsten und auch am fesselndsten. Stella wurde von der Gestapo benutzt, um Juden zu fangen, die im Untergrund lebten, um der Deportation zu entgehen. In Berlin gab es etwa achtzehn andere Jüdinnen und Juden, die als "Greifer" oder "Fänger" arbeiteten. Stellas Schönheit und ihre Skrupellosigkeit machte sie zu der berühmtesten und trug ihr den vielsagenden Spitznamen "das blonde Gift" ein.

Die jüdische Marilyn Monroe

Stella wurde in Westberlin geboren. Sie war ein Einzelkind, das mit schönen Kleidern verwöhnt und von ihren Eltern, besonders ihrem Vater, Gerhard Goldschlag, vergöttert und auch etwas erdrückt wurde.

Während ihrer Kindheit war ihr Jüdischsein nichts, was Stella definierte, zumindest nicht in ihren Augen. Sie kam aus einer weltlichen und assimilierten Familie. Ihr Vater war ein Veteran des 1. Weltkriegs. Das erste Mal, dass Stella ihr "Andersein realisierte, war nach der Erlassung der Nürnberger Gesetze, als man sie aus der Schule warf. Stattdessen musste sie nun eine jüdische Privatschule besuchen.

Peter Wyden, ein Klassenkamerad aus der jüdischen Schule, der hoffnungslos in Stella verliebt war, schrieb später ein Buch über ihr Leben. Darin beschreibt er Stella als die Marilyn Monroe der Schule. Sie war die erotische Phantasie der Jungen, die ihr nachstellten, aber nie eine Chance bei ihr hatten. Die Mädchen bewunderten und beneideten sie zugleich. Stellas Traum war es, eine Jazzsängerin zu werden. Zusammen mit ihrem Freund Manfred Kübler, der später ihr erster Ehemann wurde, war sie in einer Band. Seine Familie mochte Stella nicht besonders und misstraute ihr – sie dachten, sie sei nur hinter seinem Geld her.

Während der dreißiger Jahre suchte Stellas Vater verzweifelt nach einem Weg für seine Familie, aus Deutschland auszuwandern, aber es wurde schwieriger und schwieriger, aus Nazideutschland zu entkommen, besonders seit er seinen Job als Journalist verloren hatte und die Familie kaum noch über die Runden kam. Ohne finanzielle Mittel war die Flucht beinahe unmöglich. Durch eine Klassenfahrt, welche die Leiterin der jüdischen Schule organisierte, hatte Stella hatte zwar die Chance, nach Großbritannien zu entkommen, aber ihr Vater untersagte ihr, alleine auszureisen. Entweder sollten sie alle emigrieren, oder keiner.

Nachdem der Krieg begonnen hatte wurden Stella und ihre Eltern, wie viele Berliner Jüdinnen und Juden, zur Zwangsarbeit eingeteilt und mussten hart in den Fabriken der Stadt arbeiten, was aber immer noch besser war, als in die Ghettos und Konzentrationslager deportiert zu werden.

Gerettet durch ihr goldenes Haar

Am 27. Februar 1943 fand die sogenannte "Fabrik-Aktion" statt, und Berlin sollte "judenrein" werden.

Eine Woche lang fiel die SS in die Berliner Fabriken ein, in denen Jüdinnen und Juden arbeiteten. Stella und ihrer Mutter gelang es, der Razzia zu entkommen, indem sie sich im Keller der Fabrik unter einem großen Pappkarton versteckten. Später schlüpften sie unbemerkt aus der Fabrik hinaus. Der Wärter am Tor hielt sie nicht auf. Von den üblichen Klischees verblendet, kam er nicht auf die Idee, dass Jüdinnen blond sein könnten. Ihr "arisches" Erscheinungsbild hatte Stella gerettet.

Stellas Vater war an diesem Tag für die Nachtschicht eingeteilt gewesen, so dass er nicht anwesend war, als die SS in der Fabrik auftauchte. Stella und ihre Eltern hatten es geschafft, dieses Mal der Deportation zu entgehen. Stellas Ehemann, der woanders arbeitete, hatte weniger Glück, er wurde gefangen, nach Auschwitz verschleppt und dort kurze Zeit später ermordet.

Von der Schulschönheit zum Untergrundmädel

Einer der Schlüssel zum Überleben, neben Essen und einem Unterschlupf, waren gefälschte Ausweispapiere. Mit etwas Glück und den richtigen Kontakten gelang es Stella, an die Papiere zu kommen, die sie und ihre Eltern benötigten. Durch einen gemeinsamen Bekannten, der in einem Feinkostrestaurant arbeitete, konnte Stella ein Treffen mit Rolf Isaaksohn, einem Urkundenfälscher, arrangieren. Rolf hatte sich die Fähigkeiten für sein Handwerk selbst beigebracht und verlangte hohe Preise für seine Dienste. Er war Anfang Zwanzig, gutaussehend, mit einem dunklen Teint, voller Charme und Ausstrahlung, aber direkt unter seiner glatten Oberfläche von bösartiger Gerissenheit. Er hatte die Präsenz eines Filmstars und neben seiner Karriere als Fälscher arbeitete er bei der Staatsoper. Stella und Rolf lernten sich in der Schlange des Delikatessenrestaurants kennen und waren sofort unzertrennlich. Rolf versorgte sie und ihre Eltern mit den benötigten Dokumenten.

Es ist beängstigend, wie sehr ein Leben für immer zerstört werden kann, indem mensch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist und genau das passierte Stella. Einige Wochen nachdem Stella und Rolf sich kennen gelernt hatten, sahen sie sich an ihrem Lieblingstreffpunkt – dem Café Bollenmüller in der Nähe der Friedrichstraße, als Inge Lustig, eine Bekannte von Stella, plötzlich das Café betrat. Stella versuchte, ein freundliches Gespräch mit ihr zu beginnen, aber Inge war sichtlich nervös und hielt sich von ihr fern. Ein paar Minuten später tauchte die Gestapo auf, Rolf und Stella wurden in die Burgstraße geschafft. Um nicht aufzufallen, transportierte die Gestapo Juden in Umzugswägen. Ironischerweise stand auf der Außenseite des Lasters der fröhliche Slogan "Aus- und einziehen mit Silberstein". Als Stella Inge Lustig neben dem Wagen stehen sah, wusste sie sofort, dass sie verraten worden war. Sie war ein Opfer desselben Verbrechens, welches sie später begehen sollte.

Stella wurde von der Gestapo gefoltert und dann in das Frauengefängnis in der Nähe des Flughafen Tempelhofs verlegt. Am 10. Juli, ihrem 21. Geburtstag, wurde ihr gestattet, sich einer zahnärztlichen Behandlung zu unterziehen. Die Zahnarztpraxis war schlecht bewacht, Stella ergriff die Gelegenheit beim Schopf und entkam. Sie machte sich auf die Suche nach ihren Eltern, die sich im Haus von FreundInnen versteckten. Es war für diese zu riskant, alle drei Goldschlags bei sich zu verstecken, also mieteten sie sich in einer Pension ein, die als sicher galt. Nur wussten sie nicht, dass die Gestapo den Ort überwachte und noch in derselben Nacht wurden die Goldschlags verhaftet.

Stellas Eltern wurden in das jüdische Altersheim in der Großen Hamburger Straße geschafft, welches jetzt ein Sammellager für jene war, die deportiert werden sollten. Stella kam zurück ins Gefängnis. Ein paar Wochen später wurde dieses während eines Luftangriffs der Alliierten bombardiert und Stella gelang es, aus dem brennenden Gebäude zu fliehen. Aber statt in die Freiheit zu flüchten, ging sie, verletzt von den Bombardierungen, zu Fuß durch die Stadt und stellte sich im Sammellager der Großen Hamburger Straße, um mit ihren Eltern zusammen zu sein. Sie hatte die bewusste Entscheidung getroffen, deren Schicksal zu teilen.



Nehmt euch in Acht vor Herrn und Frau Iskü!

Im Sammellager erweckte Stella die Aufmerksamkeit eines der Kommandanten. Er erkannte sofort ihr Potenzial: nicht nur war sie schön, gebildet, charismatisch und überlebensfähig, durch ihre Erfahrungen im Untergrund kannte sie auch die Überlebensstrategien tausender anderer versteckt lebender Jüdinnen und Juden. Die Liebe und Ergebenheit gegenüber ihren Eltern bildeten die perfekten Mittel, um sie zu manipulieren.

Im Austausch für ihre Hilfe gelang es Stella, auszuhandeln, dass sie und ihre Eltern vom nächsten Transport freigestellt wurden. Sie erhielt eine Liste der Jüdinnen und Juden in Berlin, die sie aufspüren sollte. Zusätzlich wurde von ihr erwartet, ihre eigenen Spuren zu verfolgen. Wenn sie keine Ergebnisse lieferte, stand die Drohung der Deportation immer im Raum. Rolf wurde 1943 ins Sammellager gebracht und bot dort freiwillig seine Dienste als Informant an. Sein Talent als Fälscher machte ihn für die Gestapo wertvoll.

Stella und Rolf arbeiteten im Team und durchkämmten die Straßen Berlins zusammen, sie hielten Ausschau nach bekannten Gesichtern, früheren KollegInnen und SchulfreundInnen oder Leuten, die so aussahen, als könnten sie jüdisch sein. Sie saßen an öffentlichen Orten, wie Cafés, in der Nähe der Schweizer und der Amerikanischen Botschaft, in der Oper und in Kinos herum. Bald waren sie im jüdischen Untergrund wohlbekannt, wo mensch ihnen den Spitznamen "Herr und Frau Iskü" gab. Fotos kursierten, aber nicht alle Opfer, die ihnen über den Weg liefen und sie erkannten, waren auch schnell genug, ihnen zu entwischen.

Sie wurden bald zu bekannt, um noch gemeinsam arbeiten zu können und mussten getrennt oder mit anderen GreiferInnen auf die Jagd gehen. Das Paar hatte verschiedene Methoden, um Juden zu fangen: Stella tauchte auf Beerdigungen auf, wo Jüdinnen und Juden um ihre "arischen" EhepartnerInnen trauerten und nun nicht länger vor Verfolgung geschützt waren. Sie arbeitete größtenteils in Westberlin. Manchmal, wenn sie jemanden im Verdacht hatte, jüdisch zu sein, bot sie Essen und eine Unterkunft an. Wenn die Hilfe angenommen wurde, arrangierte sie ein Treffen und brachte die Gestapo mit. Ein weiteres ihrer Spiele war das der "Maid in Nöten", bei dem sie vorgab, selbst eine gejagte Jüdin zu sein. Sie bat dann bei alten BekanntInnen um Hilfe und wenn dieses den Köder schluckten schickte sie ihnen die Gestapo vorbei.

Der Job brachte auch Privilegien mit sich, zum Beispiel musste sie keinen gelben Stern tragen, erhielt Geld von der Gestapo und vor allem wurde sie von der Deportation verschont. Wieder und wieder schaffte sie es, ihre Eltern von der Liste streichen zu lassen. Aber im Februar 1944 wurden sie schließlich nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz gebracht, wo man sie ermordete. Stella wollte ihnen folgen, aber ihre Eltern bestanden darauf, dass sie bleiben und sich retten sollte. Und genau das tat sie.

Es ist schwer zu sagen, wie viele Jüdinnen und Juden sie tatsächlich gefangen hat, die Zahlen variieren, aber es wird geschätzt, dass sie und Rolf zusammen Hunderte verraten haben.

An diesem Punkt schließe ich meinen Aktenordner und schicke die TouristInnen in eine Kaffeepause. "Aber was ist mit Stella passiert?" fragen die Leute mich neugierig. "Hat sie den Krieg überlebt?" "Das erzähle ich Ihnen später, versprochen." Manchmal bestehen sie regelrecht darauf, dass ich fortfahre, aber ich lasse sie gern im Ungewissen und sage halb im Scherz "Wenn ich Ihnen jetzt die ganze Geschichte erzähle, wie kann ich dann sicher sein, dass Sie für die andere Hälfte der Tour zurück kommen?" Später setzen wir die Führung fort und manchmal kommt jemand auf mich zu und erinnert mich höflich "Sie haben nicht vergessen, dass Sie uns von Stella erzählen wollten, nicht wahr?"

Stellas Fall

Wenn wir das Denkmal am Altersheim in der Großen Hamburger Straße erreichen, knüpfe ich schließlich dort an, wo ich aufgehört habe: "Nach der Deportation ihrer Eltern wurde Stella depressiv. Außerdem lief ihre Affäre mit Rolf sehr schlecht, seit sie plötzlich seine homosexuellen Neigungen entdeckt hatte." Meistens macht dann jemand aus der Gruppe einen blöden Witz "Warum hat sie das denn so spät gemerkt?"

Obwohl ihre Gefühle von Rolf verletzt waren und sie sich verraten fühlte, hatte sie ihre eigenen Affären: eine mit Heino Meissl, einem Häftling in der Großen Hamburger Straße, dessen Abstammung von der Gestapo untersucht wurde. Heino war 35, ein liebenwerter Künstlertyp. Liebe war nicht der Grund für die Beziehung, für Heino bedeutete Stella Überleben. Sie schaffte es, ihn immer wieder von den Transportlisten streichen zu lassen. Stella wiederum brauchte Heino als Zeuge ihres Charakters. Sie war nicht dumm. Es war klar, dass der Krieg bald enden würde und obwohl sie der Deportation und dem Tod durch die Nazis entgangen war, würde sie sich bald wegen Kollaboration zu verantworten haben. Sie hoffte, Heino werde ihr dabei nützlich sein.

Als die Sowjets näher an Berlin heran rückten, versuchte Rolf alleine nach Dänemark zu flüchten. Nach dem Krieg war er auf der Fahndungsliste der Sowjets, aber sie kamen ihm nie auf die Spur. Er wurde für tot erklärt. Stella war mittlerweile, wahrscheinlich von Heino, schwanger. Er half ihr, aus der Stadt zu fliehen und in Liebenwalde, einer Kleinstadt außerhalb Berlins unterzukommen, wo sie ein Mädchen zur Welt brachte. Stella nannte ihre Tochter Yvonne Meissl. Nach dem Krieg wollte Heino Meissl nichts mehr mit Stella zu tun haben.

Das Leben unter sowjetischer Besatzung war hart. Eines Tages beklagte sich Stella bei einer Bekannten, dass die sowjetische Geheimpolizei schlimmer sei als die Gestapo. Die Bekannte zeigte sie bei der örtlichen Polizei an und die Verräterin Stella wurde wieder einmal selbst verraten.

Sie bekannte sich nicht schuldig und führte an, dass sie Jüdin und damit auch ein Opfer war. Die Polizei brachte sie zur jüdischen Gemeinde in Berlin, um zu sehen, ob jemand dort sie identifizieren konnte. Stella war dort in lebhafter Erinnerung. Ein Polizeibeamter musste sie davor bewahren, zusammengeschlagen zu werden, aber er erlaubte den Leuten, ihr gewaltsam das Haar abzuschneiden. Sie landete vor einem Militärstribunal und wurde zu zehn Jahren verurteilt. Zwei Jahre davon verbüßte sie in Sachsenhausen, dem früheren Konzentrationslager.

Stella kämpft um Hoffnung

Nach ihrer Entlassung 1956 beschloss Stella, nach Westberlin zu gehen, um ihre Tochter Yvonne ausfindig zu machen, welche bei einer jüdischen Pflegefamilie lebte. Yvonne war die einzige verbliebene Hoffnung in Stellas Leben. Als sie jedoch dort ankam, liefen die Dinge nicht nach Plan. In weniger als einem Jahr fand sie sich vor Gericht wieder, ein Verfahren, dem eine Menge Medienaufmerksamkeit zuteil wurde. Diesmal gab es ZeugInnen. Sie leugnete, irgend jemanden von ihnen zu kennen. Obwohl sie Tuberkulose hatte, bewahrte sie die meiste Zeit über die Fassung und erschien elegant gekleidet und mit weißen Handschuhen vor Gericht. Sie behauptete, dass die jüdische Gemeinde sie ihrer Schönheit wegen hasste und verfolgte. Es war letzten Endes nicht möglich, sie für dieselben Verbrechen, für die sie schon einmal im Gefängnis gesessen hatte, erneut zu verurteilen.

Stella erhielt das Sorgerecht für Yvonne nicht. Ihr wurde jedoch gestattet, ihre Tochter regelmäßig zu sehen. Sie war mittlerweile zum vierten Mal verheiratet. Yvonne, die von der Pflegefamilie Geschichten über ihre Mutter gehört hatte, wollte nichts mit Stella zu tun haben, und wenn sie sie traf, schenkte sie ihr kaum Beachtung. Später ließ Yvonne sich zur Krankenschwester ausbilden und wanderte nach Israel aus.

Stella endete als einsame und depressive alte Frau. Sie übernahm fast keine Verantwortung für ihre Verbrechen und sah sich selbst weiterhin als eher als ein Opfer, denn als eine Täterin. Im Jahr 1994 begang sie Selbstmord, indem sie aus dem Fenster ihrer Wohnung in Freiburg sprang.

Wenn ich damit fertig bin, Stellas Geschichte zu erzählen, kommen verschiedenste Reaktionen. "Sie hätte die Todesstrafe kriegen sollen" "Man kann es ihr am Gesicht ansehen, dass sie absolut böse ist" Andere haben Verständnis für sie "Sie war bloß ein zwanzigjähriges Mädchen, ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle getan hätte" "Wenn sie der Gestapo nicht so nützlich gewesen wäre und so viele Juden verraten hätte, hätten die sie wohl deportiert, oder?" Einmal hat ein Psychologe während meiner Tour erklärt, dass Stella aus einem Schutzmechanismus heraus begonnen hatte, sich mit ihren PeinigerInnen zu identifizieren. Stellas Geschichte löst bei meiner Tour oft Debatten aus. Hätte sich jede Person unter den Umständen so verhalten, oder war sie das reine Böse, oder eine Psychopathin?

Wenn ich mich von der Gruppe verabschiede und ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Berlin wünsche, weiß ich, dass Stellas Geschichte die ist, an die sie sich noch lange erinnern werden.

Autorinnen:



Shlomit Lasky
ist Journalistin und Drehbuchautorin. Shlomit schreibt seit 2005 regelmäßig für israelische Medien und wurde in Israel auch zur Theaterschauspielerin ausgebildet. Während sie in London lebte (2001-2005), erwarb sie einen Master in Screenwriting an der University of the Arts London. Seit 2010 lebt sie in Berlin. Sie hat eine Förderung der FFA erhalten, um ein Drehbuch schreiben zu können und arbeitet außerdem als Fremdenführerin für "Gablinger Tours.
Maayan Meir ist Trickfilmproduzentin und Projektmanagerin. Maayan hat mehrere große Animationsfilme produziert. Sie ist eines der Gründungsmitglieder der "Keset Hebrew Poetry Society". Ihre Gedichte wurden in israelischen Poesiezeitschriften veröffentlicht. Eines ihrer Drehbücher erhielt 2003 eine Ehrung des "The Micky Albin Funds". Außerdem organisierte sie die Film- und Drehbuchwettbewerbe des Tel Aviv Students Film Festivals.


Quellen:

"Jews in Nazi Berlin: From Kristallnacht to Liberation". Hrsg. Beate Meyer, Hermann Simon, Chana Schütz, im Verlag der University of Chicago Press, 2009

"Stella" von Peter Wyden, im Anchor Books Verlag, Doubleday 1992



Der Museumskatalog der Gedenkstätte Sachsenhausen

"Erzwungener Verrat. Jüdische Greifer im Dienst der Gestapo 1943-1945" von Doris Tausendfreund, erschienen bei Metropol 2006.

Interview with Stella (SWR, 2006)


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Das Projekt "Jüdische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde ermöglich durch eine Kooperation der Stiftung ZURÜCKGEBEN, Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de



Copyright photos: Osnat Kaydar
Copyright photos of Shlomit Lasky and Shlomit Lasky with Co-Author Maayan Meir: Sharon Adler



Jüdisches Leben > Writing Girls Beitrag vom 22.02.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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