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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.06.2008

Julia - ein Film von Erick Zonca
Anna-Lena Berscheid

Tilda Swinton zeigt erneut, dass sie ihren Beruf meisterlich beherrscht: Sie spielt eine Alkoholikerin und Kidnapperin, der alles zu entgleiten droht und ist damit ab 19.06.2008 im Kino zu sehen.



Julia (Tilda Swinton) befindet sich irgendwo zwischen 30 und 40 und f├╝hrt ein scheinbar normales Leben. Von Beruf ist sie Immobilienmaklerin, am Wochenende geht sie mit FreundInnen und KollegInnen aus und trinkt dabei gerne mal ein Glas zuviel. Doch diese scheinbare Normalit├Ąt tr├╝gt gewaltig: Den Rausch des Wochenendes braucht Julia t├Ąglich, die Kontrolle dar├╝ber hat sie schon l├Ąngst nicht mehr.

So verliert sie zu Beginn des Films ihren Job und droht, ganz abzurutschen. Unterst├╝tzung findet sie in ihrem Freund Mitch (Saul Rubinek), einem Ex-Trinker, der sie dazu dr├Ąngt, zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker zu gehen. Dort trifft Julia auf Elena (Kate del Castillo), die ihr gegen├╝ber wohnt. Elena ist verzweifelt - nach dem Tod ihres Mannes wurde ihr der Sohn Tom (Aidan Gould) genommen, der nun beim reichen Gro├čvater im goldenen K├Ąfig lebt. Sie m├Âchte Tom entf├╝hren lassen, um endlich mit ihm zusammen leben zu k├Ânnen und Julia soll dabei helfen. Diese ist von der Idee erst dann angetan, als Elena ihr viel Geld bietet, welches sie angeblich durch einen Prozess zugesprochen bekommen hat.

Julia sieht ihre Chance gekommen - da sie kurz vor der Pleite steht, kann sie das Geld gut gebrauchen. Sie wird Teil von Elenas Plan und entf├╝hrt den kleinen Tom, auch vor brachialer Gewalt schreckt sie dabei nicht zur├╝ck. Doch kaum hat sie den Jungen in den Kofferraum gepackt, fangen die Probleme an: Sie muss Tom illegal und unbemerkt durch die W├╝ste nach Mexiko bringen. Dort gilt sie, die selbst mittellos ist, als reiche Amerikanerin und Tom, ihr vermeintlicher Sohn, wird von skrupellosen Gangstern in Tijuana entf├╝hrt. Doch ohne Kind kein Geld f├╝r Julia - so macht sie sich auf, den Jungen zu suchen...

Tilda Swinton gewann in diesem Jahr den Oscar als Beste Nebendarstellerin. Zwar wurde er ihr nicht f├╝r ihre Rolle der Julia ├╝berreicht, jedoch sollte ihre Darstellung der Julia in diesem Film jede Zuschauerin davon ├╝berzeugen, dass sie diesen Preis wahrlich verdient hat. Die schottische Schauspielerin mimt eine Frau, die nicht wahrhaben will, dass sie die Macht ├╝ber sich und ihr Leben verliert, ├╝berzeugend und eindringlich. Als Zuschauerin m├Âchte frau daher kaum glauben, dass es sich um eine Fiktion handelt. Gleichzeitig scheint es, als seien es mehrere Frauen verschiedenen Alters, die in Tilda Swinton stecken. Sie erscheint mal jung und frisch, dann wieder, aus dem Rausch erwachend, wie eine ├╝ber 50j├Ąhrige, der der Suff ins Gesicht geschrieben steht. Die Kamera ist stets vollkommen auf die Protagonistin gerichtet, die ZuschauerInnen erleben das, was auch Julia erlebt. So sind die vielen One Night Stands nur angedeutet und symbolisieren so die vielen Filmrisse, die Julia aufgrund ihrer Trinkerei hat.

Aufgrund ihrer starken Rolle wirkt der Nebencast etwas blass. So bleibt zum Beispiel unklar, wieso Mitch, ihr stets hilfsbereiter Freund, ihr solidarisch beisteht. Ebenso wird nicht klar, was mit Elena passiert, der Mutter des Kindes, welches Julia nach Mexiko entf├╝hrt. Daf├╝r l├Ąsst sich der Film, der ohnehin schon ├ťberl├Ąnge hat, keine Zeit mehr. Dadurch tr├Ągt Tilda Swinton mit ihrer starken Darstellung den Film quasi im Alleingang und trotz der Ambivalenz Julias, die sich bis zuletzt in L├╝gen verstrickt und dabei jegliche Skrupel verliert, entwickelt frau ein tiefes Mitgef├╝hl zur Filmfigur.

Bis zur letzten Sekunde h├Ąlt sich die Spannung, denn es bleibt unklar, ob ein Happy End ├╝berhaupt m├Âglich ist. So geraten die 138 Filmminuten sehr kurzweilig, frau findet sich in einem Wechselbad zwischen Spannung, Mitgef├╝hl und Entsetzen wieder. Jedoch geraten einige Wendungen in der Handlung zu schnell und sind daher nicht immer verst├Ąndlich.

Zur Hauptdarstellerin:
Nach Abschluss ihres Studiums in Cambridge wurde Tilda Swinton an die Royal Shakespeare Company eingeladen, die sie ein Jahr sp├Ąter wieder verlie├č, um mit Filmemacher Derek Jarman zu einem Abenteuer aufzubrechen, das bestimmend werden sollte f├╝r die fr├╝hen Jahre ihrer Karriere. Bis zu seinem Tod drehte sie sieben Filme mit ihm, darunter "Caravaggio" (1986), "The Garden" und "Edward II" f├╝r den sie den Coppa Volpi als Beste Schauspielerin in Venedig erhielt.
Ihr Hollywood-Debut gab Tilda Swinton an der Seite von Leonardo Di Caprio im Film "The Beach" (2000). In den letzten Jahren gelang es ihr immer wieder, Independent Filme wie "Thumbsucker" (2004) mit internationalen Blockbustern wie "Constantine" (2005) oder "Die Chroniken von Narnia: Der K├Ânig von Narnia" (2005) zu vereinbaren.

Ihr Part einer skrupellosen Anw├Ąltin als Gegenspielerin von George Clooney in "Michael Clayton" brachte Tilda Swinton 2008 den Oscar als Beste Nebendarstellerin ein.

Zum Regisseur:
Erick Zonca
drehte nach seinem Studium an Schauspielschulen in Paris und New York einige Kurzfilme. Sein Spielfilmdeb├╝t "La vie r├¬v├ęe des anges" (1998) war ein gro├čartiger Erfolg bei Kritik und Publikum und brachte ihm den C├ęsar f├╝r den Besten Film in Cannes ein. Neben seiner T├Ątigkeit als Regisseur tat sich Zonca auch als Drehbuchautor von Virginie Wagons "Le secret" (2001) hervor.

"Julia" lief im Wettbewerb der 58. Berlinale im Jahr 2008.

AVIVA-Tipp:
Erick Zoncas Film konzentriert sich auf seine ├╝berragende Hauptdarstellerin Tilda Swinton, die eindrucksvoll eine nur scheinbar starke Frau in einer ausweglosen Situation mimt. Die Gratwanderung zwischen Charakterstudie und Thriller gelingt dabei vollkommen, auch wenn der Film zum Ende hin deutlich an Fahrt und Authentizit├Ąt verliert.

Julia
im Verleih des Kinowelt Filmverleihs
Frankreich, 2007
Drehbuch: Aude Py, Erick Zonca
Regie: Erick Zonca
DarstellerInnen: Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo, Aidan Gould, Bruno Bichir
Dauer: 138 Minuten
Kinostart: 19. Juni 2008

Weitere Informationen zum Film unter:
www.julia.kinowelt.de

Kultur Beitrag vom 18.06.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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