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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.03.2008

Tanz mit der Zeit
Britta Leudolph

Vier ehemalige klassische BalletttänzerInnen im Alter zwischen 63 und 79 Jahren tanzen für ein großes Publikum ihre Lebensgeschichte und berichten aus ihrer eigenen, wechselvollen Biografie.



Die Karriere von klassischen BalletttänzerInnen endet normaler Weise spätestens im Alter von Mitte dreißig. Doch für das Tanzstück "Zeit – tanzen seit 1927" der Leipziger Choreografin Heike Hennig wagten sich vier ehemalige Ensemblemitglieder der Oper in Leipzig noch einmal auf die Bühne: Ursula Cain und Christa Franze, beide 1927 geboren, Siegfried Prölß, Jahrgang 1934, und Horst Dittmann, geboren 1943, tanzten 2006 im Rahmen eines ganz besonderen Projekts vor einem großen Publikum.

Trevor Peters zeigt in "Tanz mit der Zeit" das ungewöhnliche Ergebnis dieses Projekts: Die vier ProtagonistInnen tanzen ihre persönliche Lebensgeschichten. Neben den tänzerischen Darbietungen berichten die DarstellerInnen aus ihrem langen Leben, das, geprägt von den Wirren und Wendungen des zwanzigsten Jahrhunderts, sehr wechselhaft verlief.
So berichtet Horst Dittmann davon, wie er zunächst eher zufällig zum klassischen Ballett fand und sich nach seiner aktiven Karriere entschied, einen neuen Beruf, den des Töpfers, zu erlernen. Nach der Wiedervereinigung 1990 entschloss er sich dann, noch einmal von vorn zu beginnen, und wurde Sozialarbeiter für geistig Behinderte und physisch kranke Menschen, für ihn die erfüllendste Tätigkeit.

Die Bewegungen der TänzerInnen haben sich mit der Zeit sicherlich verändert, doch haben sie an Ausdruckskraft vielleicht sogar dazu gewonnen. Ihre Darstellung ist anmutig und ergreifend, das Alter der TänzerInnen ist bedeutungslos.

Trevor Peters setzt sich in diesem Film künstlerisch mit dem Alter und dem Altern auseinander und beweist, dass Aktivität nicht an das Erreichen eines bestimmten Alters gebunden sein muss.

2007 hat der Erfolg des Tanzstückes "Zeit – tanzen seit 1927" zu einer weiteren Aufführung des Quartetts mit dem Titel "ZeitSprünge" geführt. Hier agierte es gemeinsam mit jungen ProfitänzerInnen und präsentierte so außergewöhnliche Begegnungen zwischen den Generationen.

Zu den TänzerInnen:

Ursula Cain
wurde1927 in Dresden geboren. Sie wurde mit 10 Jahren in die Kinderklasse der Mary-Wigman-Schule aufgenommen, dort und an der Tanz-Akademie des Konservatoriums erfolgte die Ausbildung als Tänzerin und Pädagogin "Moderner Tanz". Nach Kriegsende folgte der Abschluss am Dore-Hoyer-Studio Dresden, war Mitglied der Dore Hoyer Gruppe, hatte Engagements als Solotänzerin in Rostock und Dessau, absolvierte ihr Klassisch-Studium bei Gertrud Steinweg und Tajana Gsovsky. Ab 1952 war sie erste Solotänzerin der Leipziger Oper. 1964 musste sie ihren Beruf infolge eines Bühnenunfalls aufgeben, später war sie 22 Jahre Pädagogin an der Ballettschule der Oper, seit 1993 ist sie Leiterin der Gruppe "Tanzkaleidoskop", sowie Ehrenmitglied der Oper Leipzig.

Christa Franze, geboren 1927 in Zittau, absolvierte 1943 ihre Ausbildung bei Ballettdirektor Walter Kreideweiß, Staatsoper Dresden, ab 1946 war sie Tänzerin, zuletzt Solotänzerin am Stadttheater Zittau, sie war neun Jahre Tänzerin mit Soloverpflichtung am Opernhaus Leipzig, danach wirkte sie an Kammertanzabenden in religiöser Thematik mit. Später ließ sie sich zur Buchhändlerin ausbilden, schreibt und rezitiert ihre eigenen Werke. Franze tanzt außerdem in der Reihe oper unplugged no. 4

Siegfried Prölß wurde 1934 in Dresden geboren. Nach einer Ausbildung als Maschinenschlosser und der Arbeit als technischer Zeichner 1949 – 1953 besuchte er eine Volkstanzgruppe und eine private Ballettschule. Anschließend absolvierte er ein fünfjähriges Studium an der Palucca Schule Dresden. Es folgte ein Engagement am Opernhaus Leipzig unter Emmy Köhler-Richter, später entwickelte er sich vom Gruppentänzer zum Solisten. Er beendete seine Theaterlaufbahn im Jahr 1972, danach nahm er das Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst mit Abschluss als Diplom-Fotografiker auf, seit 1977 ist er freischaffender Fotografiker mit den Hauptgebieten: Ballett-, Mode-, Naturfotografie, er gestaltete zahlreiche Fotoausstellungen im In- und Ausland
Er ist wahrscheinlich der älteste noch bühnenaktive Paluccaschüler. Der Dokumentarfilm "Tanz mit der Zeit" zeigt Originalaufnahmen von Proben mit Gret Palucca und Siegfried. Siegfried Prölß tanzt außerdem in der Reihe oper unplugged no. 4.

Horst Dittmann, geboren 1943 in Breslau, absolvierte eine vierjährige Ballettausbildung in Leipzig, bis 1979 war er Tänzer am Opernhaus Leipzig. Danach begann er eine Töpferlehre und wurde freischaffender Keramiker beim Verband Bildender Künstler der DDR. Seit 1992 ist er Sozialarbeiter. Auch Dittmann tanzt in der oper unplugged no. 4.

AVIVA-Tipp: "Tanz mit der Zeit" ist eine anrührende, bewegende Dokumentation. Trevor Peters nähert sich seinen DarstellerInnen mit viel Respekt und Empathie, lässt sie selbst erzählen. Der Tanz der KünstlerInnen spricht für sich und bedarf keiner zusätzlichen Kommentare. Ein warmes Plädoyer für ein aktives, würdevolles Leben in reiferen Jahren.

Tanz mit der Zeit
Buch und Regie: Trevor Peters
DarstellerInnen: Ursula Cain, Christa Franze, Siegfried Prölß, Horst Dittmann, Heike Hennig
Deutschland 2007
Kamera: Niels Bolbrinker
Lauflänge:103 Minuten
Farbe u. S/W
Verleih: Ventura Film
Kinostart: 27. März 2008

Kultur Beitrag vom 26.03.2008 Britta Leudolph 

   




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