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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 19.02.2008

58. Berlinale – Die PreisträgerInnen
Tatjana Zilg

Sally Hawkins, die in der Komödie "Happy Go Lucky" eine äußert sympathische 30jährige Londonerin spielt, wurde mit dem Silbernen Bären für die beste Darstellerin ausgezeichnet. Die Hauptpreise ...



... gingen an Filme mit politischen Themen.

Den Goldenen Bären nahm der brasilianische Regisseur José Padhila in Empfang. In seinem Thriller "Tropa De Elite" lässt er den Chef einer Polizei-Sondereinheit, die in Rio De Janeiro gegen Drogendealer in der Favela kämpft, von einem Alltag erzählen, in dem das gezielte Erschießen von Tatverdächtigen Normalität ist. Die Realität zu spiegeln und damit zu verändern war das Arbeitsziel des diesjährigen Berlinale-Gewinners. Der Film ist als Mischung von Doku-Fiction und Action-Thriller nicht unumstritten, aber er gibt dem ernsten Thema auch eine hohe internationale Aufmerksamkeit, die bisher durch Reportagen und andere Medienberichte nicht erreicht werden konnte. Leider werden die Frauencharaktere im Film nicht sehr differenziert dargestellt. Eher wenig erfährt man von der Ehefrau des Polizeichefs, der Sozialarbeiterin in der Favela und der Freundin des Großdealers.
Eine Neuerung der diesjährigen Berlinale war es, im Wettbewerb einen Dokumentarfilm vorzustellen, nachdem sich dieses Genre in den anderen Sektionen einen immer größeren Raum eroberte und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.
Für den Wettbewerb 2008 wurde "Standard Operating Procedure" von Errol Morris ausgewählt, der die Folterungen im US-amerikanischen Gefängnis Abu Ghuraib im Irak thematisiert. Anhand der schockierenden Fotoaufnahmen, die 2003 an die Öffentlichkeit drangen, rekonstruiert der Oscar-prämierte Regisseur den Skandal um die US-Army und die irakischen Inhaftierten nach. Der Dokumentarfilm wurde mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Die Jury-Entscheidung steht im leichten Kontrast zu der Ankündigung von Dieter Kosslick, dass es keine politische Berlinale werden sollte.
Die Mehrzahl der Filme im Wettbewerb erzählte von den kleinen und großen Dramen, die sich weltweit im Mikrokosmos Familie abspielen. Im Mittelpunkt standen oft Kinder und Jugendliche, die sich in schwierigen Situationen zurechtfinden müssen. In "Restless" ist es der gerade erwachsen gewordene Sohn (Ran Denker als Tzach), der nach einem Fehlschuss auf ein arabisches Kind während seines Militärdienstes und dem Krebstod der Mutter in eine Identitätskrise gerät. Von Tel Aviv reist er nach New York, wo er seinen Vater (Moshe Ivgy als Moshe) aufsucht, der Israel vor Jahrzehnten verließ, um in der amerikanischen Metropole seine Vergangenheit zu vergessen. Der Film erhielt den Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater.

Kurz vor dem Startschuss zum Run auf die begehrten Kino-Tickets ging die Schlagzeile "Die Berlinale der starken Frauen" durch die Medien. Das drückte sich aber nicht in allen Sektionen durch den Anteil der weiblichen Regisseurinnen aus. Im Wettbewerb waren es nur Zwei: Isabel Coixet ("Elegy") und Doris Dörrie ("Kirschblüten - Hanami"). An vielen anderen Stellen aber fand sich doch ein wenig Wahrheit in der Schlagzeile.
Amos Kollek ("Sue", "Fiona", "Bridget") lässt in "Restless" seine weibliche Hauptrolle (Karen Young als Yolanda) ihren Alltag im Gegensatz zum männlichen Gegenpart mit Bravour meistern. Sie arbeitet als Barfrau und es gelingt ihr, dem 8jährigen Sohn ein stabiles und liebevolles Zuhause zu geben.

Tilda Swinton zeigte sich in "Julia" (Regie: Erick Zonca) in einer für sie sehr ungewöhnlichen Rolle: Sie spielt eine labile und impulsive Alkoholikerin, die eine Kindesentführung als scheinbaren Ausweg aus ihrer finanziellen Misere ansieht. Leider schwächelt das Drehbuch und der über zweistündige Film geriet schnell in die negative Kritik. Die dunklen Charakterseiten von Julia durch mexikanische Bösewichte zu übertrumpfen, war sicherlich angesichts der realen Grenzkonflikte keine besonders gute Idee. Im Panorama fand sich ein Thriller, der dieses Thema differenzierter angeht: "Sleep Dealer" von Alex Rivera, der mit dem Amnesty International Filmpreis ausgezeichnet wurde.
Das Schwergewicht von "Julia" lag auf der sich langsam entwickelnden Beziehung zwischen dem 10jährigen Tom und seiner Entführerin Julia, die durch die hohen schauspielerischen Fähigkeiten von Tilda Swinton Glaubhaftigkeit bekam, auch wenn der dramaturgische Kontrastbogen zwischen den Gewaltszenen und den Momenten, in denen Julia im Kontakt mit dem Jungen zu ihrer Sensibilität zurückfindet, sehr weit gespannt war.

Zwei Frauen, die eigentlich genau wissen, was sie vom Leben wollen, begegnen sich in "Black Ice" ("Musta Jää") von Petri Kotwica. Eine Ärztin und eine Taekwondo–Trainerin geraten in eine Lebenskrise, als der Ehemann der Einen zum Geliebten der Anderen wird. Ohne es zu wissen, wird die Geliebte zur Freundin der Ehefrau. Fast vergisst die Ärztin ihr Ziel, die Jüngere nur auszuspionieren, so sehr fühlt sie sich intuitiv hingezogen zum Lebensstil der Anderen.

Eine Frau, die Publikum wie Presse vom ersten Moment ihres Erscheinen auf der Berlinale-Palast-Leinwand verzauberte, ist Sally Hawkins. Als Poppy, eine 30jährige britische Lehrerin, behält sie in jeder Situation ihren Humor und reagiert dennoch im richtigen Moment ernst und lebensklug. Die Komödie von Mike Leigh setzt ganz auf das Charisma des lebenslustigen Hauptcharakters. Poppy´s Abenteuer ereignen sich in einem Alltag, der aus ganz normalen Dingen besteht: Party mit Freundinnen, Unterricht mit den Kindern, die Betreuung eines Problemschülers, die Beendigung des Single-Daseins. Anders als Bridget Jones tänzelt Poppy mit einer ansteckenden Leichtigkeit und Fröhlichkeit durch die Höhen und Tiefen eines jeden Tages und begeistert ihre Umgebung durch ihren ideenreichen Wortwitz. Bis auf den Fahrlehrer, der mit seiner pessimistischen Weltsicht Poppy fast aus dem Takt bringt, aber auch hier findet sie letztlich die richtigen Worte.
Der diesjährige Bären-Favorit von einigen PressevertreterInnen gelangte zwar nicht ganz an die Spitze, aber ein Silberner Bären für die beste Darstellerin ließ Sally Hawkins zur Freude aller noch einmal die Bühne des Berlinale-Palast betreten.

Neben den Filmen, die oft in nachdenklicher Stimmung die ZuschauerInnen ins Treiben rund um den Potsdamer Platz entlassen, begleiteten viele große Namen die 58. Berlinale. Für Glamour und Fan-Aufläufe war reichlich gesorgt. Dieses Jahr rückten die Sektionen neben den Wettbewerb dadurch mehr in die Schlagzeilen: Madonna lief über den Roten Teppich, der zum ZooPalast – Kino führte, denn ihr Regiedebüt wurde im Panorama gezeigt. Wie erwartet werden konnte, war kaum jemand vom Film an sich begeistert, auch wenn die Komödie um eine 3-er WG in London einige bissige Pointen enthält. Doch bietet sie kaum unerwartete Wendepunkte und es fehlt an manchen Stellen an dramaturgischer Tiefe. Madonna als Persönlichkeit und weltgrößter Popstar war aber Magnet genug, um für Riesengerangel um Kinos, Roten Teppich und Pressekonferenzsaal zu sorgen.

Wundervolle Schauspielerinnen und Musikerinnen sorgten für viele schöne Momente, die nicht nur den Fans lange in Erinnerung bleiben werden. Patti Smith bewies ihren nie vergehenden Rock-Esprit. Penelope Cruz beeindruckte mit ihrem Charme, der im Zusammenspiel mit Ben Kingsley ganz besonders wirkte. Kurz vor dem großen Finale übertrafen sich Natalie Portman und Scarlett Johansson gegenseitig bei ihren Live-Demonstrationen von Good Girl – Bad Girl – Polaritäten. Auf der Leinwand spielen sie zwei Schwestern, die in "The Other Boleyn Girl" ("Die Schwester der Königin") um die Gunst von Heinrich dem VIII. rangeln. Eher leichte Kinokost, aber gut umgesetzt und sehenswert allein wegen der Idee, das Historien-Melodram aus der Perspektive der Frauencharaktere zu erzählen. Der Film lief außer Konkurrenz im Wettbewerb.
Im mittelalterlichen Setting verkörpert Scarlett Johansson das Good Girl. In der Realität zeigte sie sich wie gewohnt mit einer bestechenden Mischung aus Cleverness und Sex-Appeal. Ein Trip in den Musik-Business ist geplant: Mit der Veröffentlichung ihrer CD mit Tom Waits–Coverversionen ist in naher Zukunft zu rechnen.

In den Sektionen Panorama und Generation war der Anteil der Regisseurinnen wesentlich höher.
Die jüngste Regisseurin der Berlinale, die 19jährige Hana Makhmalbaf, bewies nicht nur durch ihr Alter ihr außergewöhnliches Talent. Ihr Film "Budha Collapsed Out Of Shame" ("Buddah zerfiel vor Scham") lief in der Generation Kplus. An einem historisch bedeutungsvollen Drehort setzte sie mit Kinder-LaiendarstellerInnen die Geschichte von dem sechsjährigen Mädchen Bakthay um, das unbedingt die Schule besuchen will, aber mit etlichen Hindernissen konfrontiert wird. Im Tal von Bamian in Afghanistan trifft sie auf kriegsspielende Jungen. Am selben Ort wurde 2001 eine Buddha Statue von den Taliban zerstört. Im grausamen Spiel der Kinder spiegelt sich die Sinnlosigkeit und Härte der Gewalt unter Erwachsenen.
Der Film wirkt tief nach. Gleich zwei Preise erhielt die Regisseurin: Den Gläsernen Bären der Generation-Kinder-Jury und den Friedensfilmpreis, der von der "Initiative Friedensfilmpreis" in Verbindung mit den "Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs" (IPPNW) und der Heinrich-Böll-Stiftung gestiftet wird.
Die Jugend-Jury der Generation 14plus prämierte "The Black Ballon" von Elissa Down. Die Australierin erzählt eine fiktive Geschichte über eine Familie mit zwei Söhnen im Teenager-Alter, von denen einer vom Autismus und Tourette-Syndrom betroffen ist.

Die Beteiligung am Panorama-Publikumspreis, der vom Stadtmagazin tip und Radio Eins vergeben wird, war dieses Jahr wieder enorm. Mehr als 20.000 Stimmen erhielt der Gewinner-Film "Lemon Tree". Der israelische Regisseur Eran Riklis, der schon mit "Die syrische Braut" die Grenzkonflikte zu einem bewegenden Spielfilm verarbeitete, ließ einen großen Garten mit uralten Zitronenbäumen zum Ausgangspunkt für einen Streitfall zwischen einer jüdischen und einer palästinensischen Familie werden. Als der israelische Verteidigungsminister eine Villa am Gaza-Streifen bezieht, wird der Zitronenhain der Witwe Salma (Hiam Abass) zum Sicherheitsrisiko. Die stolze Frau setzt sich gegen die Anordnung, ihre Bäume zu fällen, zur Wehr. Unterstützt von einem jungen Anwalt leitet sie ein Gerichtsverfahren ein. Gleichzeitig entwickelt sich eine fast wortlose Beziehung zwischen der palästinensischen Frau und ihrer israelischen Nachbarin. Die Ehefrau des Ministers bekommt allmählich einen ganz neuen Blick auf die Bewohnerin des Gaza-Streifen und setzt sich zum Ärgernis ihres Ehemannes für sie ein.

Der TEDDY wird auch dieses Jahr eventuell bis auf die Philippinen reisen, denn prämiert wurde der außergewöhnliche Spielfilm "The Amazing Truth About Queen Raquela" von Olaf de Fleur Johannesson. Der Isländer konstruierte eine Mischung aus Fiktion und Doku über eine philippinische Transsexuelle, die davon träumt, nach Europa zu fliegen. Da sie extrem charmant und eloquent ist, gelingt ihr dies auch, aber nicht alles dort entspricht ihren Vorstellungen.
Die Jury begründete die Entscheidung mit der Fähigkeit des Regisseur "Ethnizität, Gender und Armut auf unterhaltsame Weise anzusprechen und gleichzeitig mit den Zuschauererwartungen an die filmische Form zu spielen".
Als bester Dokumentarfilm wurde "Football Under Cover" gekürt, der sich nicht direkt mit schwul-lesbischen Themen beschäftigt, sondern die Reise einer Kreuzberger Frauen-Fußballmannschaft zu einer Freundschaftsspiel-Begegnung mit der iranischen National-Frauenmannschaft begleitet.
"Die diesjährigen Dokumentationen haben die Herzen der TEDDY Jury im Sturm erobert. Viele der Dokumentarfilme verpacken schwierige Themen, die zum Nachdenken anregen, auf wirkungsvolle und zugängliche Art. Dem Gewinnerfilm gelingt es sehr filmisch und unglaublich fesselnd, auf subtile und humorvolle Weise die Geschlechterrollen im Sport in islamischen Gesellschaften zu zeigen."

Auch auf der Wohltätigkeitsgala "Cinema for Peace", die jedes Jahr parallel zur Berlinale stattfindet, wurde ein Film über den Iran ausgezeichnet. Der Preis ging an den Comicfilm "Persepolis".

Die Femina-Jury verlieh den Preis der deutschen Filmarbeiterinnen an Maria Gruber für die Ausstattung in "Revanche" (Regie: Götz Spielmann).
"Die Genauigkeit der Ausstattung von Maria Gruber hat die Jury überzeugt. Ihre Räume machen in subtiler Weise den Charakter der Figuren sichtbar, dienen also der Geschichte und verschmelzen mit den Kostümen zu einem Ganzen. Die Ausstattung ist besonders, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie ist gleichzeitig überraschend und wahrhaftig und verzichtet auf Klischees. So entstehen Orte, die in Erinnerung bleiben."

Wir freuen uns auf die 59. Berlinale im Jahr 2009 und das vielseitige Spektrum an Filmen in allen Sektionen, besonders auch auf die TEDDY-Auswahl.

Mehr Infos finden Sie auf den Websites:

www.berlinale.de

www.teddyaward.org


Kultur Beitrag vom 19.02.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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