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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 11.09.2008

Die Entdeckung der Currywurst
Tatjana Zilg

Während der letzten Monaten des zweiten Weltkriegs entfacht in einer kleinen Hamburger Wohnung eine leidenschaftliche Liaison zwischen einer älteren Frau und einem jungen Soldaten, der sich dort ...



... vor dem Einsatz in Hitlers Endkampf versteckt.

Was hat diese Geschichte mit der Lieblings-Imbiss-Speise der BerlinerInnen zu tun? Eine Gemeinsamkeit ist die Eigenschaft eines Gewürzes, jede karge Speise zu etwas Besonderem zu machen. So wie die Begegnung dieser beiden Menschen die Zeit, die für sie die Schrecklichste ihres Lebens hätte werden können, zu einer sehr Außergewöhnlichen erhebt.

Doch die KinogängerInnen erhalten in dem Film auch die Auflösung zur Frage, die der Filmtitel impliziert: Lena Brücker (Barbara Sukowa) entdeckt am Ende tatsächlich, wie aus einer ganz normalen Grillwurst eine Delikatesse werden kann, die sich sogar in der Nachkriegszeit jedeR leisten kann.

Davor passiert jedoch eine Menge: Noch kämpft das nationalsozialistische Militär gegen die Alliierten, die im Frühjahr 1945 vor Hamburg stehen. Lena, Ende 40, arbeitet als Leiterin einer Kantine. Gemeinsam mit dem Koch Holzinger (Wolfgang Böck) bewältigt sie jeden Tag aufs Neue die Aufgabe, aus den knappen Lebensmittel-Ressourcen vollständige Mahlzeiten zu kreieren. Das gelingt dem robusten Team mit Bravour, und Lena ist bei allen beliebt. Sie hat sich ihren Humor bewahrt, und schaut dennoch realistisch und kritisch auf die Missstände. Wenn die nationalsozialistischen Funktionsträger bei ihnen speisen, verbergen Holzinger und Lena ihre Ablehnung nur wenig.

Lena ist die Mutter eines jugendlichen Sohnes und die Ehefrau eines Frontsoldaten und lebt zur Zeit allein, da beide Männer im Kriegseinsatz sind. Eines Abends lernt sie vor dem Kino den Matrosen Hermann Bremer (Alexander Khuon), offensichtlich erst knapp über 20, kennen. Sein melancholischer Blick zieht sie sofort sehr an. Der Abend endet nach einem Bombenalarm im Luftschutzbunker. Im Angesicht der ständigen Todesgefahr nimmt sie Hermann mit zu sich in die Wohnung, wo sie eine hingebungsvolle Nacht miteinander verbringen. Am nächsten Tag entscheidet sich Hermann, bei ihr zu bleiben, bis die Besetzungs-Situation aufgelöst ist. Er ist für den "Endkampf an der Heimatfront" abkommandiert worden, was den sicheren Tod bedeuten würde.

Der Deserteur lässt Lena ihre Lust neu entdecken. Während außerhalb der Wohnung Mangel und Hoffnungslosigkeit vorherrschen, wird der Innenraum der vier Wände für sie zu einer Oase, in der sie sich eine Liebe erlauben, die sonst sicher kaum eine Chance gehabt hätte. Dabei ist Beiden klar, dass die Affäre ein Ende haben wird, sobald Hermann die Wohnung verlassen kann. Um dieses Ende aufzuschieben, flüchtet sich Lena nach dem Kriegsende in eine Lüge.

Die Regisseurin Ulla Wagner drehte den Film nach der Romanvorlage "Die Entdeckung der Currywurst" des Autoren Uwe Timm.
Es ist eindrucksvoll, wie es der Regisseurin gelingt, die totalitäre Atmosphäre des dritten Reiches in den scheinbar kleinen Geschehnissen widerzuspiegeln. Es wird darauf verzichtet, durch offenkundiges Grauen die Emotionen hochzukochen. Unter anderem durch die detaillierte Darstellung der Spitzeltätigkeit des Hausmeisters, der schon längst den Zweitschlüssel von Lena Brückner einkassiert hat und jederzeit zur Kontrolle in ihre Wohnung eindringen kann, und dem selbstherrlichen Auftreten der Stabsführung in der Kantine wird die Unmenschlichkeit, die jede einzelne Facette des öffentlichen Umgangs während der nationalsozialistischen Diktatur geprägt hat, erlebbar. Die Shoah kommt zur Sprache, als Lena eines Tages die Wohnung betritt und in einer sehr ausdrucksstarken Mimik zwischen Unnahbarkeit und Entsetzen Hermann erzählt, wie sie von der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern erfahren hat.

AVIVA-Tipp: Nachdem die Geschichte des Dritten Reiches mittlerweile eine umfangreiche Rezeption im Medium Spielfilm erhalten hat und die großen Ereignisse in vielen beeindruckenden Werken auf die Leinwand gebracht worden sind, zeigt "Die Entdeckung der Currywurst" den privaten Mikrokosmos zweier Menschen, die keine HeldInnen, und dennoch keine MitläuferInnen sind, die mutig sind, aus den Zwängen auszubrechen, aber dabei im Mikrokosmos verbleiben, sich ganz in ihn zurückziehen und dadurch selbst neu entdecken. Die Regisseurin setzt das Aufbersten der Gefühle zwischen der älteren Frau und dem jungen Mann in feinfühligen Bildern um, die sich sanft ins Gedächtnis einprägen und die eigene Sehnsucht hervorlocken.

Die Entdeckung der Currywurst
Deutschland 2008
Regie: Ulla Wagner
DarstellerInnen: Barbara Sukowa, Alexander Khuon, Wolfgang Böck, Branko Smarovski, Götz Schubert, Frederick Lau, Astrid Meyerfeldt, Traute Hoess, Lennart Betzgen, Lucien Le Rest
Verleih:Schwarz Weiss Filmverleih
Kinostart: 11. September 2008

Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.schwarzweiss-filmverleih.de/


Kultur Beitrag vom 11.09.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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