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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 08.10.2008

Lornas Schweigen
Tatjana Zilg

Das Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne erhielt in Cannes 2008 für ihr bewegendes Soziodrama über eine junge Albanerin, die in Belgien eine Scheinheirat mit einem Drogensüchtigen eingeht ...



... und davon träumt, mit ihrem Freund eine eigene Snackbar zu eröffnen, die Auszeichnung "Bestes Drehbuch".

Dies ist ein Tribut an die sich langsam, aber kontinuierlich entfaltende explosive Dynamik der Storyline und auch an den Mut, ein brisantes Thema mit einer ungewöhnlichen Handlung zu verknüpfen, die gegen Ende fast unmerklich ins Surreale kippt.

Der Traum von der Selbstständigkeit zerspringt in Scherben

Wie viel Migration Europa vertragen kann, wird oft kontrovers diskutiert. Der einzelne Mensch hält sich in seiner Not oft nicht an die vorgegebenen Grenzen und benutzt illegale Wege, um in Länder einzureisen, in denen er/sie sich ein besseres Leben erhofft.

Auch die Albanerin Lorna (Arta Dobroshi) zögert nicht, als sich die Gelegenheit ergibt, sich von dem Schieber Fabio (Fabrizio Rongione) die Ehe mit dem belgischen Junkie Claudy (Jérémie Renier) vermitteln zu lassen. Der Film setzt sich intensiv mit ihren inneren Zwiespälten auseinander. Sie empfindet für ihren Ehemann wider Willen Mitleid und Zuneigung, als sie wiederholt seine psychische Not erlebt, aber es pocht auch ein starker Wille in ihr, die ursprünglichen Pläne zu verwirklichen. Sie steht im fremden Land mit beiden Füßen auf den Boden, arbeitet hart in einer Wäscherei, um Geld zu sparen für die Snack-Bar, die sie mit ihrem Freund Sokol (Alban Ukaj) eröffnen will, der als illegaler Arbeiter durch Europa reist. Fabio macht ihr ein verlockendes Angebot: Sie soll dem Junkie eine Überdosis versetzen, so dass sie als belgische Witwe einen Russen heiraten kann, der dadurch die Einbürgerung erhält. Als Belohnung soll sie an der Vermittlungsprämie beteiligt werden.
Lorna sträubt sich immer mehr gegen diesen Plan, gibt schließlich ihren Gefühlen nach und hilft dem jungen Mann, vom Heroin wegzukommen. Wenig später ist Claudy tot – der Schieber wollte sich nicht von seinen gewinnbringenden Plänen verabschieden – und Lorna gerät in einen Strudel der Schuldgefühle.

Sie funktioniert nicht mehr in ihrer Rolle als geldwertes Objekt für die Schieber-Bande und soll deshalb zurück in ihre Heimat gebracht werden. In einem plötzlichen körperlichen Aufbegehren gelingt es ihr, sich zur Wehr zu setzen, doch ihre Seele hat sich mittlerweile in einem Phantasiegebilde verloren. Sie glaubt, von Claudy schwanger zu sein, obwohl ärztlich eine Schwangerschaft ausgeschlossen wurde.

AVIVA-Tipp: Die Persönlichkeit von Lorna rückt mit Hilfe einer unaufdringlichen Kameraführung ganz in den Mittelpunkt des Films. Die Schauspielerin ist in jeder Minute mit Mimik und Gestik so überzeugend, dass es oft schmerzt, sie dabei zu beobachten, wie sie im fremden Land für ihre Zukunft kämpft und instinktiv versucht, dabei die inneren Grenzen der Menschen, denen sie im fremden Land begegnet, nicht zu verletzen. Die rigiden Umstände, die ihre Situation kennzeichnen, lassen dies aber nicht zu und so verliert sie beinahe ihre Seele, um ihre Würde zu bewahren.

Lornas Schweigen
Originaltitel: Le Silence De Lorna

Frankreich/Großbritannien 2008
105 Minuten
Verleih: Movienet Filmverleih
Regie und Drehbuch: Jean-Pierre und Luc Dardenne
DarstellerInnen: Arta Dobroshi, Jérémie Renier, Alban Ukaj, Fabrizio Rongione
Lauflänge: 105 Minuten
Kinostart: 09. Oktober 2008


Kultur Beitrag vom 08.10.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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