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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 26.03.2008

Taucherglocke und Schmetterling
Constanze Geißler

Ein trauriger, aber auch hoffnungsvoller Film. J.-D. Bauby, Ex-Chefredakteur der "Elle", verfasst nach einem schweren Schicksalsschlag seine Biographie und besinnt sich dabei auf das wahre Leben.



Der franz√∂sische Film "Taucherglocke und Schmetterling" (2007) beruht auf einer authentischen Geschichte. Im Mittelpunkt steht Jean-Dominique Bauby, der lange Zeit Chefredakteur des Fashionmagazins "Elle" gewesen ist. Am 8. Dezember 1995 erleidet er einen Schlaganfall. Fortan ist der 43-j√§hrige Mann an das Krankenbett gefesselt und sein Leben, das aus vielen amour√∂sen Abenteuern und kurzweiligen Momenten bestand, √§ndert sich komplett. Nachdem Bauby aus einem zweiw√∂chigen Koma erwacht, bleibt sein K√∂rper fast vollst√§ndig gel√§hmt. Er leidet unter dem Locked-in-Syndrom. Nur mit dem linken Auge kann er noch blinzeln: ein Mal f√ľr "Ja", zwei Mal f√ľr "Nein". Und allein mit dieser F√§higkeit schreibt der Mann im Krankenhaus mit Hilfe einer Assistentin ein Buch. Eigens ein Alphabet wurde f√ľr ihn entwickelt. E-S-A-R-I-‚Ķ immer wieder werden ihm die Buchstaben, die nach der H√§ufigkeit ihrer Verwendung in der franz√∂sischen Sprache angeordnet sind, vorgelesen und Bauby blinzelt, wenn er den richtigen h√∂rt. Auf diese Weise diktiert er in mehreren Monaten 28 lange Kapitel, in denen er sein Leben memoriert.
Bereits zehn Tage nach Beendigung seines biographischen Romans, am 9. März 1997, verstirbt Bauby.

Regisseur Julian Schnabel, der schon die Filme "Basquiat" (1996) und "Before Night Falls" (2000) drehte, hat sich dieser Autobiographie angenommen und mit seinem gleichnamigen Kinofilm "Taucherglocke und Schmetterling" ein wahres Meisterwerk geschaffen. Dabei setzt der Regisseur alles daran, um nicht die Leidens- und Krankheitsgeschichte seines Protagonisten √ľberzubetonen, sondern um die √úberwindung des eigenen Schicksals durch Jean-Dominique Bauby (Mathieu Almaric) zu zeigen. Denn der in seinem K√∂rper gefangene, einstig vom Erfolg so verw√∂hnte Bauby erkennt, dass das Dasein nicht allein in dem besteht, was einem Menschen widerf√§hrt, sondern aus dem, was der eigene Geist und die eigene Fantasie aus diesen Erlebnissen machen.

In der Verfilmung der Autobiographie, die zugleich eine Reise zum Sinn des Lebens ist, nutzt der geb√ľrtige New Yorker Regisseur Schnabel diverse Erz√§hltechniken vollkommen virtuos!
Im ersten Drittel des Filmes zeigt die Kamera als ein gro√ües cineastisches Auge fast ausschlie√ülich diejenigen Bilder, die Jean-Dominique Bauby nach seinem Schlaganfall allein zu sehen im Stande ist. Hermetisch von seiner Umgebung abgeriegelt - wie in einer Taucherglocke sitzend - sind es einzelne Konturen seiner Umgebung und die Gesichter des Krankenhauspersonals oder seiner Ex-Frau C√©line (Emmanuelle Seigner), die sich dem Protagonisten offenbaren. Doch anstatt die Situation im Krankenhaus, wo er seit seinem Schlaganfall liegt, in einer klaustrophobischen Stimmung heraufzubeschw√∂ren, entwickelt der Film eine unglaubliche Kraft und zeigt in dieser scheinbar so ausweglosen Situation doch die Einzigartigkeit des Lebens auf. Die farbenpr√§chtigen Bilder und das helle Licht, in dem sie gefilmt sind, zeugen davon. Immer wieder wechseln die Bilder in einzelne Szenen √ľber, die das Krankenhauszimmer verlassen und in einer Au√üenperspektive gefilmt sind. Dabei wird Jean-D. Bauby zum Erz√§hler von Geschichten, die gerade durch ihre ungeheure Aufrichtigkeit √ľberzeugen: wie er seinem Vater (Max von Sydow) begegnet und was er √ľber die Liebe denkt.
Der einstige Lebemann und Chefredakteur der "Elle" entdeckt das Dasein pl√∂tzlich auf eine ganz andere Art, n√§mlich in einer kleinen Geste, einer Freundschaft oder in der Lust am Leben selbst. Und diese - seine - Erkenntnis wirkt so wahr und ehrlich! Dass Bauby nach einer anf√§nglichen Resignation im Krankenhaus auch als ein Mensch gezeigt wird, der zu einem gewissen Humor zur√ľckfindet, verleiht dem Film eine Authentizit√§t, die frei von jeder pathetischen Attit√ľde ist.

AVIVA-Tipp:
Trotz seiner Tragik ist "Taucherglocke und Schmetterling" ein gl√ľcklicher Film. Ausgehend von dem Locked-in-Syndrom, das dem einstigen Chefredakteur der "Elle" jegliche Bewegungen und Sprechaktivit√§ten verbietet, gibt er ein ungeheuer intensives Verst√§ndnis wider von dem, was Leben ist. In Cannes 2007 mit dem Regiepreis ausgezeichnet, l√§uft "Taucherglocke und Schmetterling" jetzt auch in den deutschen Kinos. Zudem hat der Film zwei Golden Globes ("Beste Regie" und "Bester ausl√§ndischer Film") gewonnen. Unbedingt ansehen und Taschent√ľcher mitnehmen!

Taucherglocke und Schmetterling
OT: Le Scaphandre Et Le Papillion
Nach dem Buch von Jean-Dominique Bauby
Frankreich 2007
Regie: Julian Schnabel
DarstellerInnen: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Anne Consigny, Patrick Chesnais, Max von Sydow, u.a.
Länge: 112 Minuten
Kinostart: 27.03.2008
www.schmetterling-und-taucherglocke.de

Kultur Beitrag vom 26.03.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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