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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.12.2011

Heimatkunde. 30 Künstler blicken auf Deutschland. Ausstellung und Katalog
Meital Lior

Das Jüdische Museum Berlin zeigt noch bis 29. Januar 2012 Arbeiten von 30 internationalen KünstlerInnen, die sich mit der Frage nach nationaler Identität beschäftigen. In ihrem Werk stellen sie...



... zentrale Aspekte ihrer Wahrnehmung in und von Deutschland zur Debatte.

Was ist eigentlich Heimatkunde? Sie bezeichnet die Geschichte, Geografie und Biologie einer engeren Nachbarschaft. Heimat ist ein emotionaler Begriff, der viel bedeuten kann: Geburtsort, Herkunftsland, Nation, Sprache und Religion. Mit der Ausstellung begibt sich das Jüdische Museum Berlin, welches im Jahr 2011 sein zehnjähriges Jubiläum feiert, auf eine Reise der Erkundung von Phänomenen, die zwischen Nationalbewusstsein, Heimatgefühl, Zugehörigkeit und Ausgrenzung angesiedelt sind. Für diese Erschließung des Heimatbegriffs hat das Museum den subjektiven Zugang durch Arbeiten von zeitgenössischen KünstlerInnen gewählt.

Die KuratorInnen Inka Bertz, Denis Grünemeier, Margret Kampmeyer, Cilly Kugelmann, Martina Lüdicke und Mirjam Wenzel wollten herausfinden, wie ethnische und eingebürgerte StaatsbürgerInnen, MigrantInnen, Jüdinnen und Juden, MuslimInnen, ChristInnen und religiös Indifferente heute in Deutschland leben, wie sie sich auf diesen Staat und diese Gesellschaft beziehen, welche Vorstellungen sie von sich selbst als Deutsche haben: das alte Thema des Fremden und Anderen, der Ausgrenzung und Zugehörigkeit, wird unter den Prämissen der aktuellen Verhältnisse neu diskutiert.

Für die Ausstellung wurden KünstlerInnen eingeladen, die in Deutschland leben oder gelebt haben und die in ihren Werken auf das heutige Deutschland Bezug nehmen. Sie stellen darin zentrale Aspekte ihrer Wahrnehmung in den Vordergrund. Die Arbeiten thematisieren Familienerinnerungen und das kollektive Gedächtnis, nationale Mythen, die Erfahrung der Migration und schließlich Sprache und Religion. Die ausgestellten Installationen, Video- und Filmarbeiten, Foto-Serien, Gemälde und Druckgrafiken sind in den letzten zehn Jahren entstanden. Zur Ausstellung erschien im Hirmer Verlag, München, herausgegeben vom Jüdischen Museum Berlin, ein umfangreicher Katalog mit Abbildungen aller ausgestellten Werke sowie vier Essays der Kuratorinnen, Texten zu den Kunstwerken und einem kompletten Werkverzeichnis.

Mehrere der Arbeiten umkreisen das Thema der Familienerinnerung und des kollektiven Gedächtnisses. Eine davon ist die Installation "Living Room" der israelischen Künstlerin Maya Zack, die mensch mit einer 3D-Brille betrachten sollte. Sie zeigt das Zuhause der jüdischen Familie Nomburg im Berlin der 1930er Jahre aus allen vier Richtungen. Mit Hilfe des Computerprogramms hat sie die Erinnerungen der ehemaligen Wohnung visualisiert. "Das konkrete Bild eines Bruchs in einer Wand und einer darin sichtbaren Reparatur durch Klempnerei kam nicht in meinen Gesprächen (...) vor, ich habe dieses Bild hinzugefügt, und es steht für das Wesen meiner Tätigkeit: einen Zugang zum Gedächtnis eines Menschen zu öffnen, zu seiner Erinnerungsklempnerei, diese in Gang zu bringen und Blockaden im Informationsfluss zu reparieren", so wird Maya Zack im Katalog zitiert.

Auch der New Yorker Musiker und Künstler Arnold Dreyblatt beschäftigt sich mit dem Thema Familienerinnerung. Er hat mit seiner ersten autobiografischen Arbeit "My Baggage" eine Installation geschaffen, in der er 150 Dokumente seiner Familiengeschichte aus Osteuropa, USA und Berlin in einem wild zusammengesteckten Feld auf Fiberglasplatten montiert hat, als hätten die Erinnerungen ihre Wurzeln in die Platten geschlagen. Das Gefühl des Fremdseins und der Migration steht im Zentrum der Fotoserie "Ich werde deutsch" des im Iran geborenen Künstlers Maziar Moradi. Hier inszeniert er biografische Schlüsselmomente von Menschen, die nach Deutschland eingewandert oder in einer anderen Kultur verwurzelt sind. Die Verbindungen zwischen den Menschen und den Objekten im Bild verwirren den Blick und werfen Fragen auf. Warum hält der Chirurg, der neben dem leeren Operationstisch sitzt, einen Reisepass der Bundesrepublik Deutschland in der Hand? Warum liegt vor der Frau, die am Küchentisch sitzt, ein nacktes, bratfertiges Hähnchen? Was bedeutet Erinnerung für einen Menschen?

Benyamin Reich wiederum nimmt die BesucherInnen mit auf eine Reise in seine Kindheit. Er wurde 1976 in Bnej Brak, bei Tel Aviv, geboren, er lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin. Er stammt aus einer orthodoxen Familie, hat sich aber aus dem religiösen Leben zurückgezogen. Reich beschäftigt sich mit religiösen Gegenständen des Judentums. Sein Bild "Tefillin Schel Jad" portraitiert einen jüdisch-orthodoxen jungen Mann, der mit dem Rücken zu den Betrachtenden steht, bekleidet nur mit Tefillin, einer Kippa und einem "Kittel", ein weißer Übermantel, der von Männern an hohen Feiertagen, wie Jom Kippur, und auch als Totenhemd getragen wird. Ein junger Mann, der zwischen den Welten von Spiritualität und Säkularität steht - von außen er sieht religiös aus, aber zugleich bricht und hinterfragt er die Regeln. "Die Kamera hat mir dabei geholfen, mich von meiner elterlichen Welt zu trennen. Sie verhilft mir dazu, mir aus der Entfernung ein Bild von dem zu machen, was ich eigentlich gut kenne. Andererseits sorgt der Blick durch die Kamera auch dafür, mir die eigentlich immer fremd gebliebene Welt der Orthodoxie nahe zu bringen Fotografieren ist für mich ein Blick in einen Spiegel, der sowohl eine innere als auch eine äußere Welt reflektiert", kommentiert Benyamin Reich seine Arbeitsweise.

Eine Reihe von Kunstwerken spielt mit nationalen Mythen. Julian Rosefeldt, 1965 in München geboren, wendet sich in einer 4-Kanal-Filminstallation dem deutschen Wald zu: der Plot von "Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land" führt die BetrachterInnen bewusst in die Irre und entfaltet in einer zentralen Szene eine groteske Wald-Aufführung mit singenden GermanInnen, demonstrierenden NaturschützerInnen und einem BläserInnenensemble. "Nach der Einladung zur Heimatkunde-Ausstellung hat mich vor allem die Frage interessiert, inwieweit ich mein eigenes ambivalentes Heimatgefühl mit heimischen Landschaften verbinde und inwieweit dieses mit Deutschland assoziierte Landschaftsbild möglicherweise mitverantwortlich ist für das typisch Deutsche, das uns im Guten wie im Schlechten nachgesagt wird: das Fleißige, Pedantische und Ordentliche, das Engstirnige und Unflexible, die Melancholie und der Selbsthass", so Rosefeld zu seinem Werk.

Im Vergleich zu Rosenfeld zeigt der israelische Künstler Eldar Farber in seinen Gemälde Wälder und Parks als einladende und angenehme Orte. Eldar lebt und arbeitet in Tel Aviv und Berlin und dies zeigt sich auch in seinem Werk: "Einfacher ausgedrückt: Faber malt Tel Aviv und Berlin als Diptychon. Es zeigt sich plötzlich, dass diese Gemälde selbst in Tel Aviv die deutsche Landschaft imaginieren. Einander gleich, doch gegensätzlich, koexistieren auf ihnen der Yarkon-Park und der Tiergarten", so beschrieben im Katalog zur Heimatkunde-Ausstellung. Auch Margret Kampfmeyer sinniert in ihrem Aufsatz "Wir sind der Wald!" darüber, worin der Mythos vom deutschen Wald sich eigentlich begründet, ob und unter welchen Umständen es ihn noch oder wieder gibt und wie Baumbepflanzungen als politische Aktionsform die Legende am Leben erhalten.




AVIVA-Tipp: "Heimatkunde" zeigt eine große Auswahl von Werken, die mit verschiedenen Identitäten in unterschiedlichen Medien beschäftigt sind. Jede Arbeit ist eine faszinierende Reise durch die Welten der einzelnen KünstlerInnen. Die ausgestellten Installationen, Video- und Filmarbeiten, Foto-Serien, Gemälde und Druckgrafiken stellen neue Ideen und Gedanken der EinwandererInnen dar. Der Besuch hinterlässt einen angenehmen Eindruck bei den BeobachterInnen und regt dazu an, über Migration, MigrantInnen und Deutschland zu reflektieren.

Die Ausstellung läuft vom 16. September 2011 bis 29. Januar 2012.

Veranstaltungsort: Jüdisches Museum Berlin
Altbau, 1. OG
Lindenstr. 9-14
10969 Berlin

Eintritt: 4,- Euro, erm. 2,- Euro
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr
Weitere Information finden Sie unter:
Jüdisches Museum Berlin - Heimatkunde-Ausstellung



Der Ausstellungskatalog:
Heimatkunde. 30 Künstler blicken auf Deutschland

Herausgegeben vom Jüdischen Museum Berlin
Beiträge von Inka Bertz, Margret Kampmeyer-Käding, Cilly Kugelmann, Martina Lüdicke und Mirjam Wenzel
Hirmer Verlag, München, erschienen Herbst 2011
Klappenbroschur, 21 x 28 cm
200 Seiten, 93 Farbtafeln und 42 Abbildungen in Farbe
24,90,- Euro (Museumsausgabe), 34,90 im Buchhandel
ISBN: 978-3-7774-5021-6
Weitere Informationen finden Sie unter: www.hirmerverlag.com



(Quellen: Jüdisches Museum Berlin, Hirmer Verlag, München)

Kultur Beitrag vom 14.12.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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