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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2016 - Beitrag vom 26.10.2007

Illegale Abtreibung im Ceausescus Rumänien
Anna Opel

"4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" von Cristian Mungiu hat in Cannes die goldene Palme gewonnen. Deutscher Kinostart des bewegenden Films am 22. November 2007



Otilia und Gabita sind Freundinnen. Sie teilen sich ein Zimmer im Studentenwohnheim irgendwo in einer grauen Stadt im kommunistischen Rumänien der 80er Jahre.

Die beiden packen. Es sieht so aus, als wollten sie übers Wochenende verreisen. Kein langer Ausflug ist geplant, die Goldfische kommen so lange ohne Futter aus. Der verliehene Fön wird aus einem der anderen Zimmer zurückgeholt, noch rasch Zigaretten besorgen, "schwarz" bei einem Wohnheimbewohner. Otilia rennt den langen tristen Gang entlang, macht Türen auf und zu, fragt hier etwas, gibt dort eine Nachricht weiter, kommt zurück in die gemeinsame Bleibe. Knapp und bestimmt antwortet sie auf die Fragen und Unsicherheiten ihrer Freundin. Skripte zum Lernen einpacken, lohnt das? Jetzt aber los.
Am Abend dieses langen Tages wird zwischen den Freundinnen nichts mehr sein wie es einmal war. Vielleicht hören sie auf, Freundinnen zu sein. Möglich wäre das.

"4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", so alt ist der Fötus, den Gabita an diesem alptraumartigen Nachmittag nach einem Abbruch tot zur Welt bringt. Mit fast fünf Monaten liegt der Schwangerschaftsabbruch gerade noch unterhalb der Grenze, bei der unter Ceausescu eine Gefängnisstrafe drohte. Dem Arzt, der den Eingriff in einem Hotelzimmer vornimmt, hatte Gabita weisgemacht, sie sei erst im zweiten Monat. Und sie hatte zugesagt, ihn abzuholen. Doch in ihrer regressiven Verdrängungshaltung nimmt Gabita es mit der Wahrheit nicht ganz so genau. Sie schickt Otilia zum Treffpunkt, nachdem sie behauptet hat, die sei ihre Schwester. Bebe, der Vertragspartner, ist wegen all dieser Ungereimtheiten mehr als ungehalten. Auch die Buchung des Zimmers in einem von ihm genannten Hotel hat nicht geklappt, mit der Folge, dass alle ihre Pässe an der Rezeption abzugeben haben. Für Bebe vermeidbare Risiken in einer hochgefährlichen Situation. Nach einem brutalen Showdown im Hotelzimmer, den er nutzt, die Machtverhältnisse und Abhängigkeiten klar zu stellen, verlangt er von den beiden jungen Frauen einen Risikozuschlag. Sie sollen mit ihm ins Bett gehen.

Für die Freundinnen gibt es keinen Weg zurück. Dieses Kind darf nicht geboren werden. Ein Arrangement mit jemand anderem zu treffen, dafür ist es zu spät. Sie willigen ein. Otilia beißt die Zähne zusammen und bringt dieses Opfer für ihre Freundin. Als alles vorbei ist und sie wieder allein sind, entsteht ein spannungsvolles Schweigen zwischen den beiden jungen Frauen. Die ganze Ungeheuerlichkeit des gerade Erlebten hallt noch nach. Leise und verhalten stellt Otilia zwei Fragen zu Gabitas Lügen. Kurz schneidet sie an, welche Alternative es gegeben hätte. Kein Vorwurf in der Stimme, nur nüchternes Wissenwollen. Gabita dagegen scheint nicht realisiert zu haben, was gerade geschehen ist. Sie raucht Otilias letzte Zigarette und wälzt ein weiteres mal alle Verantwortung ab.

Freundschaft, Liebe und Einsamkeit sind die Themen dieses berührenden, kraftvollen, authentisch wirkenden Films. Cristian Mungiu hat für dieses Werk in Cannes die Goldene Palme 2007 bekommen. Es ist Teil eines größeren Projektes mit dem Titel "Tales from the Golden Age" - einer subjektiven Bestandsaufnahme des rumänischen Kommunismus anhand von Alltags-Geschichten. Mungiu will aber gerade nicht direkt die politischen Umstände ansprechen. Ihm geht es darum, die Optionen zu zeigen in einer Ära der Unterdrückung und des Elends. Und genau das passiert in dieser Geschichte, deren Wucht auf den Schultern der Hauptfigur Otilia lastet. Optionen werden deutlich. Otilia ist mutig und stark, sie nimmt die Dinge in die Hand, so weit das geht und versucht sich und ihre Freundin dadurch zu schützen. Gabitas exzessiv defensive Haltung treibt die beiden dennoch in ein Fiasko, das vermeidbar gewesen wäre.

Äußerst subtil, mit dem Augenmerk auf vielen kleinen, historisch echten Details, gelingt es dem Regisseur, die bedrückende Atmosphäre der Ära nachzuempfinden, in der sich das Drama abspielt. Er zeigt eine Welt des notorischen Mangels und der systematischen Unterdrückung. Und er zeigt Menschen, die sich notgedrungen in dieses System einpassen. Es sich entweder zu eigen machen, wie die beinharten Rezeptionistinnen, mit denen Otilia verhandelt. Die daran verdienen, wie Bebe. Oder die Position beziehen, indem sie loyal sind, wie Otilia.

AVIVA-Tipp: Cristian Mungiu hat mit diesem Film über die Alltags-Welt in der Ära Ceausescu ein kraftvolles Werk vorgelegt, das eine seltene Intensität ausstrahlt. Nicht zuletzt der meisterhaften Kameraführung ist es zu verdanken, dass die Zuschauerin der Heldin Otilia auf ihren gehetzten Wegen durch die graue rumänische Großstadt immer wieder sehr nah kommt.

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage
Originaltitel: 4 luni, 3 saptamini si 2 zile
Regie: Cristian Mungiu
Mit: Anamaria Marinca, Laura Vasiliu, Vlad Ivanov
Rumänien 2007
113 Minuten
Kinostart: 22. November 2007
Verleih: Concorde
Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage im Netz: www.4months3weeksand2days.com

Kultur Beitrag vom 26.10.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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