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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 23.06.2008

Lucie et Maintenant
Ruth Niehaus

Pommes, Kaffee und Gymnastik. Die poetische Kraft der Autobahnraststätte halten viele sicher für sehr begrenzt. Mit diesem Film wird sich dies und vielleicht manches andere grundlegend ändern.



Im Mai des Jahres 1982 steuern der argentinische Schriftsteller Julio Cortazar und seine Lebensgefährtin Carol Dunlop ihren VW-Bus auf die Autobahn, um eine Reise zu unternehmen, die sie von Paris nach Marseille führt und einem ausgeklügelten Plan folgt. Sie würden an jeder Raststätte halten und an jeder zweiten übernachten und niemals die Autobahn verlassen, bevor sie ans Ziel kämen. 33 Tage braucht die beiden für ihre Expedition, die normalerweise selbst mit ausgedehnten Kaffeepausen nicht länger als 7 Stunden dauert. Sie ignorieren den eigentlichen Zweck der Autobahn, der Zeitersparnis durch Schnelligkeit verheißt. Ihr Forschungsinteresse gilt dem Dazwischen, den Erscheinungen des Lebens in den Pausen, die normal reisende BürgerInnen als lästig empfinden.

Dunlop und Cortazar beobachten. Der Rastplatz wird zur Bühne und zeigt das Wunder des Jetzt. Nach dem Vorbild großer Forschungsreisender halten sie im Wechsel ihre Beobachtungen in einer Art Bordbuch fest. So entsteht das letzte Gemeinschaftswerk des Paares, eine Art Reise- und Liebesroman mit dem schönen Titel "Die Autonauten auf der Kosmobahn".
Die großartige Versuchsanordnung schlägt dem bleiernen Regiment von Nützlichkeit und Effizienz des modernen Lebens ein Schnippchen, leicht, romantisch-zart und so konkret wie philosophisch.

An den Rahmenbedingungen hat sich nichts seit 1982 nichts geändert, Mobilität und Effizienz gehören nach wie vor zum Credo vieler Zeitgenossen. Innehalten und Atemholen wird regelrecht geübt, um am Ende noch besser zu funktionieren. Es ist also ein gut Idee, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen.

Ursprünglich sollte aus dem Roman ein Spielfilm werden, entstanden ist über Umwege ein dokumentarischer Essay. Die Kamera begleitet Océane Madeleine und Jocelyn Bonnerave, ein junges Schriftsteller-Paar, auf dem von Cortazar und Dunlop vorgezeichneten Weg, der ihr eigener wird, dem Publikum jedoch Platz lässt, um selbst in Gedanken unterwegs zu sein. Und genügend Zeit hat es auch, in den wundervollen, mit leichter Hand komponierten Bildern spazieren zu gehen.

AVIVA-Tipp: Wir wissen es alle und es kann nicht schaden, immer mal wieder darauf hingewiesen zu werden, dass der Vorhang jederzeit fallen kann. Dieser Film regt an, selbst nach Möglichkeiten zu suchen, das Diktat des Höher und Schneller zu unterlaufen.


Lucie et Maintenant
Deutschland, Frankreich 2007, 80 min.
DarstellerInnen: Océane Madelaine, Jocelyn Bonnerave
Regie und Drehbuch: Simone Fürbringer, Nicolas Humbert, Werner Prenzel
Produktion: Balzli und Fahrer GmbH, Arte, Télévision Suisse Romande
Verleih: Peripher Filmverleih, Berlin
Zu sehen im fsk-Kino bis zum 27.06.2008
FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung
www.fsk-kino.de

Kultur Beitrag vom 23.06.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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