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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 10.01.2003

Interview mit der Obdachlosenärztin Dr. Jenny De la Torre
Silke Nenzel

Die engagierte Ärztin aus Peru behandelt seit 9 Jahren Obdachlose kostenlos in einer Praxis im Berliner Ostbahnhof




1954 wurde Jenny De la Torre in Nazca, Peru geboren. Seit 1976 lebt sie in Deutschland. Nach ihrem Medizinstudium ging sie 1982 von Leipzig nach Berlin. Hier absolvierte sie ihre Ausbildung zur Kinderchirurgin. Ihre Promotion machte Jenny De la Torre im Klinikum Berlin Buch und arbeitete anschließend als Ärztin in einem Projekt für Schwangere und Mütter in Not.

Heute ist sie Leiterin der Arztpraxis für Obdachlose im Ostbahnhof - ein Projekt der MUT-Gesellschaft, einer Tochter der Ärztekammer Berlin. 1997 wurde ihre Arbeit mit dem Verdienstorden gewürdigt.

AVIVA-BERLIN traf die engagierte Jenny De la Torre in ihrer Praxis.

AVIVA-BERLIN Sie sind 1976 von Peru nach Deutschland gekommen, um Medizin zu studieren. Warum wollten Sie sich speziell um Obdachlose kümmern? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Jenny De la Torre: Um Ärztin zu werden bin ich von Peru nach Deutschland gekommen. Ich hatte in Peru mit dem Medizinstudium schon begonnen und wurde dann auf ein Stipendium in der DDR aufmerksam. Das war für mich natürlich ein Anreiz.
Deutschland ist ja quasi die Wiege der Wissenschaft.
Ich habe schon als Kind Ärztin werden wollen. Es war der Traum meines Lebens. Und Gott sei Dank bin ich auch Ärztin geworden. Ich wollte damals ganz gezielt in die DDR aufgrund des Stipendiums. Ich dachte, dass in der DDR Geld keine Rolle spiele, sondern die Hilfe an erster Stelle stehe.
Als Kind wurde ich schon sehr mit Armut konfrontiert.
In Peru gibt es Ärztemangel. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, wo sehr große Not unter den Menschen herrschte. Ich wollte diesen Menschen helfen.

AVIVA-BERLIN: Stoßen Sie manchmal an Ihre Grenzen und wie überwinden Sie seelische Tiefpunkte?

Jenny De la Torre: Schlimm ist vor allem die eigene Ohnmacht, nicht so helfen zu können, wie ich gerne möchte.
Ich spüre schon öfters meine Grenze. Aber ich sage mir immer wieder, man sollte versuchen, aus sich selbst das Maximale für den Patienten herauszuholen, ohne ihn zu überrumpeln.

AVIVA-BERLIN: Kommen mehr obdachlose Männer oder Frauen? Kommen die Obdachlosen auch von außerhalb?

Jenny De la Torre: Es kommen mehr Männer. 80% sind auf jeden Fall Männer. Und 80% sind nicht krankenversichert. 50% meiner Patienten sind Berliner. Und die andere Hälfte kommt aus allen möglichen Bundesländern. Das sind nicht Menschen, die extra herkommen, sondern Menschen, die sich eben auch in Berlin aufhalten.

AVIVA-BERLIN: Vermissen Sie Ihre Heimat? Können Sie sich vorstellen, den Menschen in Peru zu helfen?

Jenny De la Torre: Mein oberstes Ziel war nach meinem Studium in der DDR so schnell wie möglich zurückzugehen, um in Peru zu arbeiten. Das war schon ein Traum. Aber der ist so leider nicht in Erfüllung gegangen. Mein Traum war es, armen Menschen zu helfen. Das ist schon schön, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht hier.

AVIVA-BERLIN: Hat Sie die Arbeit mit Obdachlosen nicht abgeschreckt? Wie gehen Sie mit alkoholisierten oder randalierenden Obdachlosen um?

Jenny De la Torre: Abgeschreckt nicht. Erschrocken schon. Diese Menschen in so einem Zustand zu sehen ist schon ein Alptraum. In der ersten Zeit bin ich von Alpträumen verfolgt worden. Ich konnte mir das nicht so vorstellen.
Ich ging immer davon aus, dass ein armer Mensch sich freut, wenn man helfen will.
Normalerweise wird ein Patient ins Krankenhaus eingewiesen und dort geheilt. Aber hier ist das nicht so.
Randalierende Obdachlose haben wir sehr wenige. Das ist in acht Jahren zwei-, dreimal vorgekommen. Mit denen muss man sehr ruhig umgehen und warten, bis derjenige sich ausgetobt hat. Ich würde als Obdachlose wahrscheinlich auch verrückt werden. Und wenn ich mich in diese Menschen hineinversetzte, verstehe ich sie auch mehr. Es ist noch keine Gewalt passiert. Keine von uns hat irgendwas abgekriegt.
Ich muss akzeptieren, dass die Menschen einfach krank sind. Dass man nicht zaubern kann. Wenn die Alkoholkranken eine Entzugstherapie machen, sind sie nach einer Woche wieder draußen. Und das gleiche Problem ist wieder da.

AVIVA-BERLIN: Hat es sich unter den Obdachlosen herumgesprochen, dass Sie hier arbeiten? Nehmen die Obdachlosen Ihre Hilfe gerne an?

Jenny De la Torre: Ja, zum Glück hat es sich herumgesprochen. Die Obdachlosen nehmen meine Hilfe gerne an. Wenn einer nicht will, muss man ihm Zeit lassen.

AVIVA-BERLIN: Geht Ihr Engagement über die normale Arztpraxis hinaus? Wie wird Ihre Arbeit finanziert, wenn die Obdachlosen nichts bezahlen?

Jenny De la Torre: Durch Spenden. Die Arbeit wird nur durch Spenden geleistet. Wir sind unterwegs, um Spenden zu sammeln und Vorträge zu halten.
Den Menschen, die unsere Arbeit unterstützen wollen, auch zu erklären, warum sie spenden sollen. Worum es überhaupt geht. Die meisten wollen nicht nur spenden, sondern auch wissen, welche Menschen sich hinter dieser Fassade verstecken?

AVIVA-BERLIN: Wie viele Patienten kommen am Tag zu Ihnen? Kommen im Winter mehr als im Sommer?

Jenny De la Torre: Eigentlich nicht. Im Sommer kommen auch viele. Im Januar und Februar kommen die meisten. Es gibt natürlich Zeiten, in denen es weniger sind. Aber so 30 Leute am Tag kommen schon. Der Obdachlose besitzt zum Teil ja nicht einmal einen Ausweis.

AVIVA-BERLIN: Sehen Sie Ihre Arbeit als Tropfen auf den heißen Stein? Wo könnte der Senat/ das Land Berlin mehr Engagement zeigen?

Jenny De la Torre: Das ist bestimmt kein Tropfen auf den heißen Stein. Wäre ich jetzt an der Stelle eines Obdachlosen und mein Leben würde gerettet, dann wäre ich doch sehr dankbar und froh. Wenn ich mit meiner Arbeit auch nur ein Menschenleben rette, so ist meine Arbeit doch dieses eine Menschenleben wert. Wir haben es uns als Ziel gesetzt, nicht nur dem Menschen als Mediziner zu helfen, sondern sie auch von der Straße zu holen. Das ist das, was sie brauchen. Die Krankheiten werden sich immer wiederholen. Die meisten Erkrankungen haben mit dem Leben auf der Straße zu tun.

AVIVA-BERLIN: Was sind das für Erkrankungen? Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr? Besteht für Sie eine Ansteckungsgefahr?

Jenny De la Torre: Das sind hauptsächlich natürlich Hauterkrankungen, auch ansteckende Hauterkrankungen. Geschwollene Beine, offene Beine, Lungenerkrankungen.
Es besteht keine Ansteckungsgefahr. Mit den entsprechenden Maßnahmen passiert überhaupt nichts. In den acht Jahren, die ich hier arbeite, ist noch nichts passiert.

AVIVA-BERLIN: Was war Ihr schönstes Erlebnis mit einem Obdachlosen?

Jenny De la Torre: Es gibt schon schöne Erlebnisse. Eines der Schönsten war, dass ein Patient von mir plötzlich mit seinem Sohn vor unserer Tür stand - sie hatten vorher lange keinen Kontakt zueinander gehabt. Er hatte es durch seinen Sohn geschafft, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen.

AVIVA-BERLIN: Was sagen Sie dazu, dass die Station schon einmal geschlossen werden sollte?

Jenny De la Torre: Das wäre nicht gut, denn die Menschen brauchen ja diese Hilfe.
Man muss vor Ort für sie da sein. Man kann sie nicht einfach verdrängen. Sie sind ein Teil dieser Gesellschaft. Wir müssen Farbe bekennen. Wir müssen ihnen helfen. Wir können nicht einfach sagen, dass sie hier nicht hergehören. Und der Ort, wo sich diese Menschen aufhalten, ist immer der Bahnhof. Es ist ein Ort, wo man sich treffen kann, wo es warm ist.
Es gibt sonst keinen anderen Ort. Besonders im Winter. Wo sollen sie denn hin? Unter der Brücke ist es kalt. In die Kaufhäuser kann man nicht rein. Ob wir das wollen oder nicht ist der Bahnhof der Treffpunkt.
Man muss sich selbst verantwortlich fühlen. Ich fühle mich selbst verantwortlich gegenüber dieser Gesellschaft. Ich habe eine Menge von der Gesellschaft bekommen. Ich möchte auch etwas zurückgeben.

AVIVA-BERLIN: Wieviel Prozent haben es geschafft, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen?

Jenny De la Torre: Leider kann man so eine absolute Statistik nicht führen.
Einige verschwinden wieder aus der Stadt. Und man weiß nicht, ob der Obdachlose woanders ist, im Gefängnis ist oder eine Wohnung hat. Wir bekommen keine hundertprozentige Rückmeldung. 15-20% haben den Weg meines Erachtens aus der Obdachlosigkeit geschafft. Es ist natürlich so eine Art Langzeittherapie. Man kann den Leuten nicht von heute auf morgen eine Wohnung oder eine Arbeit besorgen. Wenn sie schon lange auf der Straße sind, ist es nicht einfach.

AVIVA-BERLIN: Wie alt sind die Obdachlosen? Sind auch ältere dabei? Sind auch Frauen mit Kindern auf der Straße?

Jenny De la Torre: 2% sind Rentner. 33% sind im besten Alter zwischen 30 und 50 Jahren und der Rest ist jünger. Etwa 5% sind Jugendliche.
Es gibt auch Frauen, die innerhalb der Obdachlosigkeit schwanger geworden sind.
Dann bekommen sie eine Wohnung. Ob sie dann in der Lage sind, das Kind zu pflegen, ist die andere Frage. Meistens landet das Kind bei Pflegeeltern.

AVIVA-BERLIN: Könnten Sie sich eine andere Arbeit vorstellen?

Jenny De la Torre: Ich hätte nicht anders handeln können. Irgendwie hätte mir etwas gefehlt. Ich wollte Ärztin werden und das war es. Ich sah keine andere Alternative für mich. Gott sei Dank hat es geklappt. Mein Beruf ist mein Leben.



Weitere Informationen über die Jenny-De-la-Torre-Stiftung unter www.delatorre-stiftung.de



Ausgestiegen...Seit dem 01. Oktober 2003 arbeitet Jenny De la Torre nicht mehr in der Obdachlosenpraxis im Ostbahnhof. Wegen rückläufiger Finanzierungsmöglichkeiten sah sich der Träger der Praxen, die MUT gGmbH gezwungen, den Arbeitsvertrag mit der Ärztin auf 25 Stunden zu reduzieren. Das wurde von Jenny De la Torre nicht akzeptiert. " Würde ich das mitmachen, so öffne ich damit die Tür für noch weitere Kürzungen", sagte die selbstbewusste Ärztin und entschied sich für den Ausstieg.




Kultur Beitrag vom 10.01.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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