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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 26.10.2011

Sing, Inge, sing - Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg. Kinostart 27. Oktober 2011
Nina Breher

Schon mal von der "deutschen Billie Holiday" gehört? Nein? "Die Zeit war nie reif für mich", sagte Inge Brandenburg einst in einem Interview. Die zu Lebzeiten gefeierte und gleichzeitig verkannte..



...Jazz-Virtuosin führt bisher ein Schattendasein in der deutschen Musikgeschichtsschreibung. Der Dokumentarfilm von Marc Boettcher begibt sich auf Spurensuche.

Sie konnte singen, sie hatte das gewisse, glamouröse Etwas und amerikanischen Größen des Jazz war sie ein selbstverständlicher Begriff. Am Klavier einer Bäckerfamilie, für die sie arbeitete, lernte sie spielen und singen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es die in Leipzig Geborene nach Augsburg, Tripolis, Schweden, Frankfurt, in die USA, nach Berlin und schließlich nach München. Inge Brandenburg war fast ein Star.

Aber eben nur fast. Und wäre dem Sammler Thomas Rautenberg nicht per Zufall auf dem Flohmarkt ein Fotoalbum mit Bildern einer herben, ihm unbekannten Diva in die Hände geraten, und hätte ihn das nicht angeregt, Teile ihres Nachlasses zu erwerben, viele würden nicht die einmalige Chance bekommen, die sich jetzt bietet: Sich in den Kinosessel zu setzen und die detektivische Feinarbeit des Regisseurs Marc Boettcher zu beobachten, mithilfe derer er das Leben von Inge Brandenburg nachzeichnet.

Der Film ging aus vier Jahren Recherche hervor, die Boettcher und Rautenberg unternahmen, um Teile des Nachlasses zu kaufen und diesen zu entstauben, um ZeitzeugInnen aufzuspüren und um Nachforschungen anzustellen. Der Zahn der Zeit, der an den gezeigten Originalaufnahmen nagt, kann dem Werk nichts anhaben. Er trägt sogar zur Qualität bei - einerseits verfolgen wir das Leben von Brandenburg, ihre Erfolge, Auftritte, Abstürze, gleichzeitig aber erhalten wir durch die Film- und Tonbandaufnahmen Einblicke in Kultur und Konventionen der Nachkriegszeit.

Fragmente der Nachkriegszeit und der Jazzszene aufwirbelnd wie Staubkörner, zeigt "Sing! Inge, sing!" ausschließlich authentisches Filmmaterial, Originalfotos sowie Interviews mit FreundInnen, KollegInnen und anderen, die ihre Bekanntschaft machten. Auf diese Weise gelingt ein starkes, ehrliches Portrait, das gut funktioniert, vielleicht gerade weil die Protagonistin heute derart in Vergessenheit geraten ist. Inge Brandenburg geht für ein Engagement nach Augsburg, unterhält US-Soldaten in Libyen und landet alsbald, von einem Agenten entdeckt, in Schweden - damals Jazzhochburg.

Bis hierhin klingt diese Geschichte wie die von Aschenputtel, wie eine in Erfüllung gegangene deutsche Version des amerikanischen Traums. Wäre ihr Leben weiterhin in diesem Tempo in Richtung Erfolg verlaufen, sie würde heute mit Romy Schneider oder Hildegard Knef in einem Atemzug genannt werden. Stattdessen folgt ein chaotisches Auf und Ab. Brandenburg steht unzählige Male kurz davor, zu den ganz Großen gezählt zu werden. 1960 wird sie prämiert als Europas beste Jazzsängerin, tritt im Fernsehen auf, und muss doch entgegen ihres Willens Schlager aufnehmen. Finanzieller Erfolg ist ihr nicht vergönnt, mit der Plattenfirma zerstreitet sie sich, und so landet die Femme Fatale beim Theater, spielt in George Taboris Stücken und trinkt immer mehr. Pöbelt und beleidigt Taxifahrer, sodass sie in den frühen Siebzigern den Eindruck erweckt, ein weiblicher Klaus Kinski zu sein.

Eindrücklich führt der Film uns die Tragik des Schicksals von Inge Brandenburg vor Augen. In München erholt sie sich in den Achtzigern von ihrer Alkohol- und Krebskrankheit, beantragt Sozialhilfe und beginnt, Hunde auszuführen. Mitte der Neunziger träumt sie ein letztes Mal ihren großen Traum, versucht es ein letztes Mal, nimmt in Talkshows Platz und singt. Ihre rauchige, vibrierende Stimme, die sich bruchlos in Jazzrhythmen fügt hat sie nicht verloren, doch der Durchbruch bleibt auch diesmal aus.

Die wohl stärkste Szene ist eine zufällig wirkende Aufnahme. Eine gestikulierende Inge Brandenburg wettert und lästert - der Anlass dafür lässt sich nur erahnen: "Man kann mir einfach nicht erzählen, dass das deutsche Publikum so doof ist, dass es einfach nur hören will: (singt:) ´Heeeeeerzschmerz und dies und daaas´." Regisseur Boettcher zeigt die Szene gleich mehrere Male und nutzt sie so in verschiedenen Kontexten. Alle passen, denn es ist die Ungläubigkeit, die Inge Brandenburg dem gegenüber zum Ausdruck bringt, was ihr widerfährt, und es ist die Frustration über den herbeigesehnten Erfolg, der ihr zeitlebens verwehrt blieb. Beim Sehen des Films befällt auch ZuschauerInnen unweigerlich eine wütende Enttäuschung.

AVIVA-Tipp: "Sing! Inge, sing!" ist eine späte Aufarbeitung der Geschichte einer zentralen Repräsentantin des westdeutschen, weiblichen Jazz, die unter einer dicken Staubschicht verborgen liegt. Boettcher wirbelt den Staub auf und fügt fast vergessene Teile zusammen, die den Film zu einem sensiblen Portrait und zu einem Stück Geschichte zugleich machen. Vielleicht ist die Zeit nun endlich reif für Inge Brandenburg.


Sing! Inge, sing!
Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg

Deutschland 2011
Regie: Marc Boettcher
Mitwirkende: George Tabori, Ottokar Runze, Walter Lang, Wolfgang Dauner, Roland Kovac, Klaus Doldinger, Paul Kuhn, Charly Antolini, Harald Banter, Oskar Gottlieb Blarr, Kathrin Brigl, Pierre Courbois, Dieter Finnern, Joy Fleming, Jocki Freund, Ernst Dieter Fränzel, Dusko Gojkovic
Verleih: Edition Salzgeber
Lauflänge: 118 Minuten
Kinostart: 27. Oktober 2011
www.salzgeber.de sowie www.inge-brandenburg.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Frauen im Jazz, ein Film von Greta Schiller und Andrea Weiss.

Julia Blackburn - Billie Holiday

Ella Fitzgerald - We all love Ella

Christian Schröder - Hildegard Knef

Kultur Beitrag vom 26.10.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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