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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 30.05.2013

Lore - Ein Film von Cate Shortland nach dem Roman The Dark Room von Rachel Seiffert. Ab 31. Mai 2013 auf DVD
Martina Wittneben

Als ihre Eltern als Nazis verhaftet werden, sind die 15-jährige Lore und ihre vier jüngeren Geschwister auf sich allein gestellt. Die beschwerliche Reise quer durch das von Alliierten besetzte..



... Deutschland lässt das heile Bild, an das sich Lore klammert, Stück für Stück zerbrechen.

... beschwerliche Reise quer durch das von Alliierten besetzte Deutschland lässt das heile Bild, an das sich Lore klammert, Stück für Stück zerbrechen.

Als Lores Vater (Hans-Jochen Wagner) nach Jahren in Weißrussland 1945 in das gutsituierte Haus der Familie in Süddeutschland zurückkehrt, muss alles ganz schnell gehen. Doch auch die hastige Flucht der Eltern, beide hochrangige Nazi-Funktionäre, kann nicht verhindern, dass sie von den Amerikanern zur Rechenschaft gezogen werden. Als der Vater festgenommen wird und auch der Mutter (Ursina Lardi) klar wird, dass sie ihrem Schicksal nicht entkommen kann, überlässt sie die Kinder sich selbst. "Du musst dir keine Sorgen machen", sagt sie zu Lore (Saskia Rosendahl) als sie geht. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt Lore mit dem Gesichtsausdruck eines Mädchens, das gelernt hat, für eine höhere Sache seine Gefühle zu unterdrücken. Als ihr bewusst wird, dass sie tatsächlich auf sich gestellt ist mit der etwas jüngeren Schwester und den vier kleinen Brüdern, von denen einer noch ein Baby ist, rennt sie in einem Impuls der Mutter hinterher. Es kommt zu einer kurzen Begegnung, einem Augenkontakt - ohne Worte, ohne Umarmung, ohne Tränen. Dann dreht sich die Mutter um, lässt die Tochter stehen und geht.

Gleich in dieser Schlüsselszene zu Beginn des Films wird die Persönlichkeit Lores offenbar, die von einem Bedürfnis nach Nähe bei gleichzeitigem Abtöten dieser Sehnsucht aus Treue zur anerzogenen Naziideologie zerrissen wird. Eine Zerrissenheit, die Saskia Rosendahl in einer großartigen und für eine 18-Jährige überaus reifen schauspielerischen Leistung zum Ausdruck bringt.
Wie von ihrer Mutter angewiesen, macht sich Lore mit ihren Geschwistern auf den beschwerlichen Weg durch das vom Krieg verwüstete Land, um sich aus dem Süden zur Großmutter an die Nordsee durchzuschlagen. Ohne Passierschein müssen die Kinder größere Ansiedlungen umgehen, unwegsame Wälder durchqueren, sind Hunger und Kälte ausgesetzt und treffen auf Menschen, die nichts ohne Gegenleistung tun. Sogar ihren kleinen Bruder schlägt man Lore als Bezahlung vor, weil ein Säugling mehr Essensmarken bringt.

Als sich der geheimnisvolle, wortkarge Thomas der Gruppe anschließt und Lore auf seinen Papieren entdeckt, dass er, ein jüdischer KZ-Überlebender ist, spitzt sich ihr innerer Konflikt immer mehr zu. Der Spagat zwischen aufkeimender Pubertät und Bedürfnis nach Nähe, sowie der Angst, ihren Glaubensätzen untreu zu werden, geben der Figur Lores eine Härte und Rauheit der Welt und auch sich selbst gegenüber, die die Zuschauerin oft befremden. Gleichzeitig spiegelt dieser Spagat mit schmerzlicher Intensität die Not einer überforderten und verstörten Kinderseele wieder, die Adam Arkapaw mit der Kamera in Bildern von atemberaubend melancholischer Poesie festhält. Eine Bildsprache, die einer Hand, die verträumt im klaren Wasser eines Sees spielt, eine ebenso lange Großaufnahme schenkt wie den Ameisen, die auf einer Leiche krabbeln. Es ist eine lyrische Filmsprache mit bisweilen märchenhaft traumwandlerischen Zügen, die wunderbar zu der Wahrnehmung der Kinder passt, aus deren Perspektive der Film konsequent erzählt ist.

Mit "Lore" verfilmte Cate Shortland den Booker-Price-nominierten Roman "Die Dunkle Kammer" von Rachel Seiffert. Vor allem trieb sie die Frage an, was es bedeutet, Kinder von TäterInnen zu sein. Bei ihrer Recherche stieß sie auf die Aussagen der drei Kinder des NS-Architekten Albert Speer. Sie hatten ihren Vater nie Fragen zum Holocaust und seiner Rolle im NS-Staat gestellt, oder wie dessen Tochter Hilde Schramm "nur bis zu einem bestimmten Punkt", weil sie "die Antworten nicht ertragen hätten". Auch Lore hat gelernt, keine Fragen zu stellen und weicht Antworten aus, weil sie zu schmerzhaft sind. Nur lässt die Realität, die sich vor ihren Augen auftut, ihre Zweifel und damit die Risse in der Fassade ihrer alten Welt immer größer werden. Ganz subtil bohrt sich der Stachel der Erkenntnis in Lores Bewusstsein, dass die Eltern sie belogen haben und sich hinter dem Schleier der nationalsozialistischen "Idylle" eine Welt voller Grausamkeit, Mord und Schuld verbirgt. Eine Welt, in der die eigenen Eltern zu TäterInnen werden und sie, die Tochter, ein Kind von TäterInnen.

Die Reise durch das in Schutt und Asche liegende Kriegsdeutschland wird dabei immer mehr auch zur inneren Reise Lores. Eine Reise, an deren Ende zwar die Ankunft bei der Großmutter, gleichzeitig aber auch der endgültige Verlust einer Illusion von Halt und Geborgenheit stehen.

Zur Regisseurin: Cate Shortland, geboren 1968 in Australien. Nachdem bereits ihre ersten vier Kurzfilme international ausgezeichnet wurden, hat das Spielfilm-Debut "Somersault – wie Parfum in der Luft" vor acht Jahren in der Rubrik "Un Certain Regard" bei den Filmfestspielen in Cannes weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt und zahlreiche Preise gewonnen. Dort wie auch jetzt in ihrem zweiten Film zeigt die Regisseurin ein feines Gespür für junge DarstellerInnen. "Lore" hat für die Regisseurin auch einen starken persönlichen Bezug, weil die deutsch-jüdische Familie ihres Mannes 1936 Berlin verlassen musste. Für die Fotos, die die Filmfigur Thomas in der Brieftasche mit sich trägt, verwendete sie authentische Familienfotos. Die deutsch-australisch-britische Koproduktion "Lore", die von der Regisseurin bewusst in deutscher Sprache gedreht ist, hat 2012 beim Internationalen Filmfestival in Locarno überzeugt und den Publikumspreis gewonnen. Australien reichte "Lore" offiziell für den diesjährigen Oscar als "Bester Fremdsprachiger Film" ein. Außerdem wurde Lore mit vier Nominierungen zum Deutschen Filmpreis ausgezeichnet (Bester Film, Beste Kamera, Beste Musik, Bestes Kostümbild). Weitere Auszeichnungen: Filmfest Hamburg 2012: Preis der Hamburger Filmkritik, Hessischer Filmpreis 2012


AVIVA-Tipp: "Lore" ist ein Film von großer atmosphärischer Dichte, der durch eindringliche Bildkompositionen und die fulminante schauspielerische Leistung seiner jungen Hauptdarstellerin tief berührt. Aus der Perspektive eines Kindes und seiner Geschwister wirft "Lore" einen verstörenden Blick auf die letzen Tage von Nazideutschland und hinterlässt Bilder, die über den Film hinaus nachwirken.

Lore
Deutschland, Australien, UK, 2012
Regie: Cate Shortland
Drehbuch: Cate Shortland, Robin Mukherjee nach dem Roman "The Dark Room" von Rachel Seiffert
DarstellerInnen: Saskia Rosendahl, Kai Malina, Nele Trebs, Ursina Lardi, Hans-Jochen Wagner, Mika Seidel, André Fried, Eva-Maria Hagen
Produktion: Karsten Stöter, Liz Watts, Paul Welsh, Benny Drechsel
Label: Piffl Medien/good!movies. VÖ: 31. Mai 2013
DVD - Ausstattung
Laufzeit:109 min + Bonus
Sprachen: Deutsch, Untertitel: Englisch, Französisch
Extras: Making of, Kinotrailer, ausführliches Booklet
FSK: 16
Indigo-Bestell-Nr.:DV 974098 ++ EAN:4047179740982

Weitere Infos und den Trailer finden Sie unter: www.lore-der-film.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Somerset – Wie ein Parfum in der Luft

Interview mit Cate Shortland (2005)

Die Lebenden. Ein Film von Barbara Albert

Karin Weimann - Sisyphos´ Erbe. Von der Möglichkeit schulischen Gedenkens (2013)

Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen (2012)


Kultur Beitrag vom 30.05.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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