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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.01.2013

Play. Ein Film von Ruben Östlund. Kinostart 24. Januar 2013
Sonja Baude

Wenn Kinder Kinder unterdrücken: eine klug inszenierte Studie über das grausame Erstarken Einzelner innerhalb einer Gruppe, über die Lust an Machtausübung und über gesellschaftliche Ungleichheit.



Ist das alles nur ein Kinderspiel? Auf Grundlage einer Überfallserie, die in Göteburg im Zeitraum von drei Jahren stattfand, rekonstruierte der schwedische Filmemacher die eigenwillige Struktur, man könnte sagen Dramaturgie, die diesen ungefähr 40 Vorfällen innewohnte.Immer war es eine Gruppe Jugendlicher im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die ein wenig jüngere Kinder ihrer Habseligkeiten beraubte.
Östlund recherchierte genau, sah sich sämtliches Gerichtsmaterial an sowie Videos, die im öffentlichen Raum durch Überwachungskameras aufgenommen worden waren.

Nun ist auf den ersten Blick das bemerkenswerte Merkmal des Überfallsettings, dass die Angreifer alle aus Einwanderfamilien kommen und schwarz sind, die überfallenen Kinder jedoch weiß und aus bürgerlichen Verhältnissen stammen. Als der Film in Schweden startete, warf ihm die Kritik teilweise vor, rassistisches Gedankengut zu manifestieren oder gar erst neu zu konstituieren. Er tut beides nicht, vielmehr konfrontiert er die ZuschauerInnen mit vorherrschenden Stereotypen über das Fremde und echter und vermeintlicher political correctness.

Östland selbst interessiert an erster Stelle, wie es den angreifenden Jugendlichen gelang, vor allem dank ausgeklügelter Rhetorik, gänzlich unter Verzicht körperlicher Gewalt oder Gewaltandrohung, ihre Opfer dazu zu bringen, ihr Hab und Gut den älteren Kindern zu überlassen. Ein perfides Spiel denken sich die Angreifenden aus, um ihre Opfer derart in Angst zu versetzen, dass sie sich außerstande sehen, die Forderungen zu verweigern. Dabei spielen in der Gruppe der Angreifer alle ihre ganz eigene Rolle und gehen immer mehr oder minder gleichermaßen vor: Sie beschuldigen die jüngeren Kinder, ein Handy geklaut zu haben, lassen es sich dann zeigen und versichern einander, dass es sich um das vermisste und gestohlene Telefon handele. Darauf folgt eine sehr subtile psychologische Interaktion, die im Letzten dazu führt, dass sich die Opfer ihrer eigenen Unschuld nicht mehr gewiss sind, sich dem massiven Druck ihrer Widersacher beugen und in Bewegungslosigkeit erstarren.

Der Film zeigt dieses Procedere anhand eines exemplarischen Falles. Besonderes Augenmerk richtet Östlund auf das Phänomen, dass sich die Angreifer in der Realität offensichtlich die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber "Fremdheit" zunutze machten und geradezu einen umgekehrten Rassismus auf den Plan riefen. An einer Stelle des Films heißt es sinngemäß von Seiten der Angreifer: "Wie blöd müsst ihr sein, Schwarzen euer Handy zu zeigen?"

So führt der Film die ZuscherInnen tief in ein Psychospiel, in das wir wie in einen Guckkasten hineinblicken. Östlund führt keinen einzelnen Protagonisten bevorzugt vor, mit dem eine Identifizierung möglich wäre. Stattdessen setzt er unbedingt auf die Totale, baut lange Einstellungen und reduziert die Schnitte auf das Nötigste, um das Geschehen im Detail beobachten zu können, von außen. Erzählte Zeit und Erzählzeit scheinen einander zu entsprechen. Damit wird die Schau um so präziser und analytischer, so als handele es sich um eine minutiöse Dokumentation. Grandios gespielt von allen jugendlichen Laiendarstellern, die vergessen lassen, dass sie bloß Figuren mimen.

Dass Östlund wie nebenbei mit seinem Film auch einen komplexen Beitrag zum Thema Immigration in Schweden geleistet hat, zeigt nicht zuletzt ein kleiner Nebenstrang in der Geschichte, indem die Kamera immer wieder Szenen auf einem Platz einfängt, auf dem südamerikanische Panflötenspieler sich ein romantisiertes Klischee vom "Indianer" nutzbar machen und in folkloristischer Kleidung das Fremde in die schwedische Gesellschaft vermeintlich integrieren.

AVIVA-Tipp: "Play" ist eben kein Spiel, sondern zeigt sehr genau Mechanismen von Macht und Erniedrigung in sämtlichen Spielarten auf. Darin verweigert der Film explizit einfache moralische Zuweisungen und beleuchtet die Vielschichtigkeit von Ursache und Wirkung von Machtgebahren. Alle acht jugendlichen Laiendarsteller verstehen es in überzeugender Spielweise, gesellschaftliche Rollenzuweisungen vorzuführen und lehren die ZuschauerInnen, dass Vorurteile, auch Zivilcourage und Gerechtigkeit stets neu zu überdenken sind.

"Play – nur ein Spiel?" wurde u.a. mit dem Schwedischen Filmpreis "Guldbagge" für die Beste Regie ausgezeichnet.


Play
Schweden / Frankreich / Dänemark 2011
Regie & Drehbuch: Ruben Östlund
Künstlerische Beratung Kalle Bomann
Kamera: Marius Dybwad Brandrud
Schnitt: Ruben Östlund, Jacob Schulsinger
Produktion: Plattform Produktion, Coproduktion Office ApS
Verleih: fugu Filmverleih
Lauflänge: 113 Minuten
Kinostart: 24. Januar 2013
Weitere Infos unter: www.fugu-films.de


Kultur Beitrag vom 19.01.2013 Sonja Baude 

   




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