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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.04.2013

Alles was wir wollen. Ein Film von Beatrice Möller. Kinostart 25. April 2013
Julia Lorenz

Von Enkelkinderwünschen und tickenden biologischen Uhren können Frauen, die sich linearen Lebensentwürfen verweigern, mit Sicherheit ein Lied singen: Mit spätestens Ende Zwanzig sollte frau...



...schließlich wissen, wohin die Reise geht. Aber was passiert, wenn nicht?

"Mein Haus, mein Auto, mein Boot" waren die Statussymbole, an denen zwei Männer in einem bekannten Werbespot der Sparkasse aus den 1990er Jahren ihren bisherigen Erfolg im Leben maßen. Für Frauen dürften sich in diese Checkliste der allgemeinen Erwartungen noch "mein Ehemann" und "meine Kinder" einreihen: Wer jenseits der Dreißig nicht mit Familie und gesichertem Job das Eigenheim bewohnt, hat eben die Kurve nicht gekriegt, so die vielerorts noch immer präsente Auffassung.

Eine antiquierte und ärgerliche Restriktion angesichts der unzähligen Möglichkeiten, die den Müttern und Großmüttern der heutigen Generation junger Frauen noch verwehrt gewesen waren. Sollte sich frau zwischen Ausbildung und Praktika, Jobangeboten im Ausland, sozialen Kontakten und Reisen tatsächlich noch ins antiquierte Rollenbild der "bodenständigen" und "treusorgenden Gattin" einfügen? Nein. Vor allem nicht, wenn sie andere Pläne hat - so wie die drei Frauen um die Dreißig, die Beatrice Möller über drei Jahre lang auf ihrer Suche nach dem passenden Lebensentwurf begleitet hat.

Ehrlich und intim zeichnet die Regisseurin ein Portrait unterschiedlichster Charaktere, deren Prioritäten nur eines gemeinsam haben: Es sind ihre ureigenen. Alle drei Frauen möchten den Weg des geringsten Widerstandes umschiffen. Sie gehen Erwerbstätigkeiten nach, die ihnen einen größeren Spielraum bieten als der berüchtigte Nine-to-Five-Job, und entscheiden sich für ein Kind, wann sie wollen. Das Bild, das die ZuschauerInnen dabei vom Leben der Protagonistinnen erhalten, mutet zunächst verführerisch an: Das Klirren von Cocktailgläsern ersetzt klappernde Babyfläschchen, elegant gefilmte Tanz- und Performanceszenen geben einen Einblick in den kreativen Alltag einer Schauspielerin.

Dennoch verschweigen sowohl Beatrice Möller als auch die mitwirkenden Frauen nicht, dass hinter der neuen Autonomie viel Unsicherheit und Existenzangst steht. So muss auch Darstellerin Marie-Sarah Linke sich eingestehen, dass sie gern kreativer und freier in ihrer Rollenwahl agieren würde, trotzdem aber "keine Künstlerin sein will, die jeden Cent umdrehen muss". Arbeitslosigkeit, Krankheit und andere Faktoren, die sich dem eigenen Einfluss entziehen, kennen kein Pardon.

In Gesprächen zwischen den Protagonistinnen und ihren Müttern werden auch generationsbedingte Unterschiede beleuchtet, wobei Kritik an der aktuellen Situation von Frauen - vor allem auf den Arbeitsmarkt - äußerst kurz kommt: Ökonomische und politische Missverhältnisse als Ursachen der Beschränkung individueller Entfaltungsmöglichkeiten werden von allen Beteiligten kaum thematisiert, weshalb am Ende eine drängende Frage zurückbleibt: Sind wir denn wirklich so frei? Stünden auch Frauen ohne solch starken familiären und finanziellen Rückhalt derart viele Türen offen?

Obwohl gerade im Dialog der Generationen deutlich wird, dass es durchaus Umbrüche in der weiblichen Selbst- und Fremdwahrnehmung gegeben hat, sind wir von Chancengleichheit noch immer weit entfernt. Aber das ist wahrscheinlich eine andere Geschichte. Oder zumindest eine, die in "Alles, was wir wollen" nicht erzählt werden soll.

AVIVA-Tipp: Eigenständigkeit strengt an. Daran bleibt in Beatrice Möllers sensibler Dokumentation kein Zweifel: Von Erfolgserlebnissen und Rückschlägen, neuen Chancen und Herausforderungen des modernen Frauseins erzählen die Portraitierten - und entwerfen dabei ein sehr persönliches, dabei aber recht euphemistisches Bild der aktuellen Lage. Dennoch vermittelt der Film einen anschaulichen Einblick in die Lebensplanung einer Generation, die mit tradierten Erwartungen brechen darf und will - Gegenwind inklusive.

Zur Regisseurin: Beatrice Möller wurde 1979 in Düsseldorf und wuchs in Pretoria (Südafrika) auf. Ihr Abitur absolvierte sie 1999 in Kaiserswerth, im Anschluss daran folgten diverse Praktika im Bereich Design und Fotografie in Südafrika. Von 2000 bis 2006 studierte sie Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. Im Jahre 2003 realisierte sie gemeinsam mit Nicola Hens und Susanne Radelhof ihr Regiedebut, den Dokumentarfilm "Omulaule heißt Schwarz", und drei Jahre später "Shalom Salam", ihren Abschlussfilm an der Bauhaus-Universität. 2008 erhielt die Regisseurin den Boundless Medienpreis und nahm im selben Jahr am Berlinale Talent Campus teil. Ihr neuestes Projekt "Alles was wir wollen" finanzierte sie mittels Crowdfunding. Beatrice Möller lebt und arbeitet in Berlin.
Zur Website der Regisseurin: www.beamoeller-film.com

Alles was wir wollen
Deutschland 2012
Buch und Regie: Beatrice Möller
DarstellerInnen: Claudia Euen, Sabine Euen, Mona Katawi, Helena Azevedo da Rocha, Marie-Sarah Linke, Patricia Conrad
Kamera: Rasmus Sievers, Beatrice Möller
Dramaturgische Beratung: Ralf Marschalleck
Komponist: Eckart Gadow
Produktion: Beatrice Möller - OneWorldDocumakers
Co-Produktion: Michael Truckenbrodt - time prints Film & Medien
Produktionsleitung: Moritz Weiler
Filmlänge: 70 Minuten

Kinostart: 25. April 2013

Infos und Vorführungstermine unter: www.alleswaswirwollen.de

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Kultur Beitrag vom 04.04.2013 Julia Lorenz 

   




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