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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 14.04.2013

Verliebte Feinde. Kinostart: 2. Mai 2013
Claire Horst

In Deutschland kennt sie kaum jemand. Dabei war die Schweizerin Iris von Roten eine der wichtigsten deutschsprachigen Feministinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihrem Buch "Frauen im Laufgitter" ...



... eckte sie nicht nur bei den konservativen GegnerInnen der Gleichberechtigung an, sondern brachte auch die schweizerische Frauenbewegung gegen sich auf.

Zu radikal waren 1958 ihre Forderungen, die heute fast als Selbstverst├Ąndlichkeiten erscheinen. Wichtigstes Ziel der Autorin war die Durchsetzung des Frauenwahlrechts, in der Schweiz der 50er Jahre ein Ding der Unm├Âglichkeit. F├╝r ebenso zentral hielt sie allerdings eine Regelung der Kinderbetreuung, etwa durch die Einrichtung von Krippen. Denn die Verantwortung f├╝r Haushalt und Nachwuchs machte die Gleichberechtigung in der Arbeitswelt unm├Âglich. Das ging auch engagierten Feministinnen zu weit: Mit derart ├╝berzogenen Forderungen w├╝rden sie niemals das Wahlrecht bekommen, f├╝rchteten sie.

Auch ihre Arbeit f├╝r das "Schweizer Frauenblatt" machte von Roten zum Feindbild vieler konservativer SchweizerInnen. Dabei lie├č sie sich nicht einsch├╝chtern. Mit GegnerInnen wie der antifeministischen Autorin Esther Vilar ("Der dressierte Mann") setzte sie sich ├Âffentlichkeitswirksam auseinander.

Der Film "Verliebte Feinde" stellt nicht nur die Autorin und Feministin Iris von Roten in den Mittelpunkt, sondern erz├Ąhlt die Geschichte der Liebe zwischen ihr und Peter von Roten, einem katholischen Politiker und Juristen. Grundlage des Drehbuchs ist das gleichnamige Buch von Wilfried Meichtry, das auf Hunderten von Briefen des Paars beruht. An der Uni Bern, wo beide Jura studieren, lernen Iris und Peter sich kennen und k├Ąmpfen zun├Ąchst mit den Widerst├Ąnden ihrer Umwelt. Seine Familie geh├Ârt zur Aristokratie und ist zudem zutiefst katholisch. Die emanzipierte und moderne Iris kann sich den traditionellen Sitten dieser Familie nicht anpassen. Gegen deren Willen heiraten sie, und der Jurist und Walliser Nationalrat Peter von Roten wird zum K├Ąmpfer f├╝r das Frauenwahlrecht. Dieses Engagement kostet ihn schlie├člich sein politisches Amt.

Seine Beziehung lebte das Paar nach einer Vereinbarung: Beide sollten vollkommen selbstbestimmt leben, sowohl politisch als auch sexuell. Auch damit l├Âsten sie nat├╝rlich Skandale aus. Und Iris von Roten setzte ihren Wunsch nach Unabh├Ąngigkeit tats├Ąchlich um: Einige Jahre verbrachte sie auf Reisen. So fuhr sie allein mit dem Auto in die T├╝rkei und schrieb dar├╝ber ein Buch. Auch den Maghreb, Indien und weitere L├Ąnder bereiste sie ÔÇô immer auf der Suche nach politischen wie soziologischen Erkenntnissen.

Erg├Ąnzt durch sparsam eingesetzte ZeitzeugInnen-Interviews und Archivaufnahmen, gelingt den FilmemacherInnen ein ├╝berzeugender Einblick in die verkn├Âcherte und fortschrittskritische Schweizer Realit├Ąt der 50er Jahre. Iris von Roten erscheint dabei als eine K├Ąmpferin nicht nur f├╝r die politische Gleichstellung von M├Ąnnern und Frauen, sondern ebenso f├╝r die freie Liebe und gegen das beschr├Ąnkende Ideal der Frau als liebender Mutter. Zu Wort kommt neben FreundInnen und KollegInnen der beiden ProtagonistInnen auch die Tochter Hortensia, promovierte Historikerin und Verfechterin der Thesen ihrer Mutter.

├ähnlich wie in Margarete von Trottas j├╝ngst erschienener Filmbiografie von Hannah Arendt besteht eine latente Gefahr der Trivialisierung: Wie kann das Leben von zwei Intellektuellen dargestellt werden, ohne es durch romantische Liebesszenen auf eine allzu banale Ebene zu holen? Vielleicht aufgrund des geringeren Bekanntheitsgrades der beiden Hauptcharaktere, erscheint die Mischung von Privatleben und Werk in diesem Film weniger st├Ârend.

AVIVA-Tipp: Der Film informiert unterhaltsam und ├╝berzeugend ├╝ber die spannende Biografie einer Frau, die in Deutschland viel zu wenig bekannt ist und regt dazu an, sich mit ihrem Werk zu besch├Ąftigen. Die Geschichte Iris von Rotens ist tragisch und beeindruckend zugleich: Sie stellte Forderungen, die andere nicht einmal zu denken wagten und zerbrach an der Ablehnung ihrer Umwelt. Umgesetzt wurden ihre Forderungen erst nach Jahrzehnten: Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz erst 1971 eingef├╝hrt, die Gleichstellung sogar erst 2005.

Zum Regisseur: Werner Schweizer wurde 1955 in Kriens geboren und lebt in Z├╝rich und Ligerz. Er studierte an der Universit├Ąt Z├╝rich Soziologie, Publizistik und Europ├Ąische Volksliteratur. Er ist Mitbegr├╝nder von Video-Zentrum und Genossenschaft Videoladen Z├╝rich (┬źZ├╝ri br├Ąnnt┬╗) sowie der Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr AG, die er heute zusammen mit Samir und Karin Koch leitet. Er ist Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen f├╝r Kino und Fernsehen und Produzent bei Dschoint Ventschr Filmproduktion, Z├╝rich.

Verliebte Feinde
Dokufiction nach dem gleichnamigen Buch von Wilfried Meichtry
Schweiz 2012
Regie: Werner Schweizer
Drehbuch: Wilfried Meichtry, Werner Schweizer, Daniela Baumg├Ąrtl, Katja Fr├╝h
DarstellerInnen: Mona Petri, Fabian Krueger
Kamera: Reinhard K├Âcher, Carlotta Holy-Steinemann
Szenenbild: Urs Beuter
Ton: Dieter Meyer
Kost├╝m: Monika G├Ârner-Vogt
Schnitt: Kathrin Pl├╝ss
Musik: Michel Seigner
Herstellungsleitung: Sereina Gabathuler
Produktion: Dschoint Ventschr Filmproduktion
Filml├Ąnge: 112 Min.

Kinostart in Deutschland: 2.5.2013

Infos und weitere Vorf├╝hrungstermine unter: www.verliebtefeinde.de/verliebtefeinde_kinos.htm

Der Film im Netz: www.verliebtefeinde.de

Weitere Informationen zu Iris und Peter von Roten:
www.irisundpeter-vonroten.ch
www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/iris-von-roten

Buchtipps:
Iris von Roten: Frauen im Laufgitter. Neuauflage 1991. eFeF-Verlag, ISBN 3-905561-09-3
Iris von Roten: Vom Bosporus zum Euphrat : eine Reise durch die T├╝rkei. eFeF-Verlag, Neuausgabe Z├╝rich 1993, ISBN 3-905493-49-7.
Wilfried Meichtry: Verliebte Feinde ÔÇô Iris und Peter von Roten. Ammann-Verlag 2007, 978-3250104872



Kultur Beitrag vom 14.04.2013 Claire Horst 

   




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