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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 28.04.2013

Nach der Revolution. Ein Film von Yousry Nasrallah. Kinostart: 30. Mai 2013
Lou Zucker

Ein Geflecht aus dokumentarischem Material und fiktivem Gesellschaftsdrama eröffnet einen Einblick in die sozialen Gegensätze und unterschiedlichen Kämpfe von Frauen im postrevolutionären Ägypten.



Am 2. Februar 2011 werden Demonstrant_innen auf dem Tharir-Platz von Mubarak-treuen Reitern angegriffen. Die Reiter stammen aus Nazlet El-Samman, einer verarmten Beduinen-Gemeinde am Fuße der Pyramiden, die davon leben, Tourist_innen auf ihren Pferden und Kamelen reiten zu lassen. Urlauber_innen halten sich seit Beginn der Revolution jedoch fern und die Bewohner_innen der Gemeinde haben Schwierigkeiten, ihre Familien und ihre Tiere zu ernähren.

Die Revolutionärin und der regimetreue Reiter

Reem (Menna Shalabi), eine junge Revolutionärin und Frauenrechtsaktivistin mit einem gut bezahlten Job in der Werbebranche, ist mit tiefen Vorurteilen behaftet als sie das erste Mal eine Freundin vom Tierschutz nach Nazlet El-Samman begleitet. Dort begegnet sie Mahmoud (Bassem Samra), einem der Reiter vom Tharir-Platz, der dort von Demonstrant_innen vom Pferd gerissen und verprügelt wurde und dafür nun in seinem Umfeld ausgeschlossen und gedemütigt wird. Die Lebensweisen, sozialen Lagen und politischen Vorstellungen der Zwei könnten unterschiedlicher nicht sein – dennoch, oder vielleicht deswegen, entsteht zwischen beiden eine ebenso mächtige wie aussichtslose Anziehungskraft.

Eine Mischung aus Neugier und Mitgefühl zieht Reem immer wieder in das arme Viertel, wo sie sich bald mit Mahmouds Frau Fatma (Nahed El Sebaï) und ihren beiden Kindern anfreundet. Sie nimmt sich persönlich dem Schicksal der Familie an und versucht ihnen, wo sie kann, zu helfen. Damit eckt sie nicht nur bei ihren revolutionären Mitstreiter_innen an, sondern bringt auch den mächtigsten Mann Nazlet El-Sammans gegen sich auf. Mit unbändigem Veränderungswillen mach sie sich dennoch daran, die Bewohner_innen der Gemeinde zu politisieren, sie von der Revolution zu überzeugen und die Frauen dazu anzustiften, sich gemeinsam für ihre Rechte einzusetzen.

Eine Mauer durch die Gesellschaft

Yousry Nasrallah gelingt es, ein Bild der postrevolutionären Gesellschaft seines Heimatlandes zu zeichnen, welches in dieser Differenziertheit in keinem Nachrichtensender übertragen wird. Die Stärke des Films besteht darin, dass er gerade nicht die Revolution an sich in ihren Einzelheiten in den Vordergrund stellt, sondern unterschiedliche Perspektiven auf selbige zu Wort kommen lässt. Kritisch beleuchtet der Regisseur Vorurteile unter intellektuellen Großstadtrevolutionären gegenüber anderen Teilen der Bevölkerung und soziale Benachteiligungen und Ausgrenzungen, die auch nach dem Umbruch fortbestehen.

Die Mauer, die unter Mubarak zwischen Nazlet El-Samman und den Pyramiden errichtet wurde, um die Bewohner_innen von ihrer Haupteinnahmequelle abzuschneiden und so von dem wertvollen Boden zu vertreiben, wird zum Symbol: Der Film zeigt eine gespaltene Gesellschaft, in der sich nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen von der Revolution repräsentiert fühlen und in der die Hürden einer Annäherung zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft oft nahezu unüberwindbar erscheinen.

Diese Problematik spiegelt sich vor allem in der Figur der Reem: Bis zum Schluss ist einem_r nicht völlig klar, ob mensch sie für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit bewundern möchte, mit der sie versucht, Klassengrenzen zu überschreiten, oder ob sie als privilegierte Bildungsbürgerin, die sich in ihr völlig unbekannte Lebenswelten einmischt und dort die gute Fee spielen möchte, eher zu kritisieren ist. Auch ihr Verhältnis zu Mahmoud und seiner Frau bleibt schwierig einzuordnen zwischen wahrer Freundschaft und Abhängigkeit. Regisseur Yousry Nasrallha zeigt jedoch auch, wo ihre Gemeinsamkeiten liegen: Den Rufen nach Brot, Freiheit und Würde, können sich letztlich alle Charaktere anschließen.

Neben der sozialen Ungleichheit stellt er vor allem die Heterogenität der Probleme in den Vordergrund, denen sich Frauen in seinem Land ausgesetzt sehen. Während Reems Frauenrechtsgruppe in Kairo über Sexismus und sexualisierte Übergriffe auf dem Tharir-Platz diskutiert, kämpft Fatma, Mahmouds Frau, nicht nur täglich ums Überleben, sondern auch für ein Stück Autonomie gegenüber ihrem oft gewalttätigen Ehemann.

Überdosis tiefer Seufzer

Das Potential dieser spannenden Thematiken wird leider von einer gewissen Unglaubwürdigkeit überschattet, die vielen Szenen anhaftet. Teilweise wurzelt sie im Plot: wie realistisch ist es beispielsweise, dass eine Frau dem Mann, den sie eben noch als brutalen Verräter ihrer politischen Ideale angesehen hat, im nächsten Augenblick ohne weitere Umstände in den Armen liegt? Vor allem ist es aber wohl die schlechte Synchronisation, auf Grund derer die Geschichte oft wenig glaubhaft herüberkommt. Die gekünstelten, affektierten Stimmen der deutschen Fassung verleihen dem Film zusätzlich ein gewisses Telenovela-Flair, das dem anspruchsvollen Thema unangemessen erscheint. Eine leichte Überdosis an tiefen Seufzern und dramatischen Aussprachen zwischen den Charakteren unterstützen diesen Hang zur Soap, ebenso wie Reems naives Helfer_innensyndrom, dass einem_r in 122 Minuten schon einmal auf die Nerven gehen kann.

Was auch immer mensch über die fiktive Handlung denken mag: sie bleibt stets hautnah an der Realität: Wie Yousry Nasrallah in einem Interview erklärt, ging er ohne festes Drehbuch in die Dreharbeiten, um flexibel auf die politischen Ereignisse reagieren zu können. In den Szenen in Nazlet El-Samman kommen außer den Hauptdarsterller_innen nur Einwohner_innen vor, welche in Workshops dazu beitrugen, der Darstellung ihres Ortes eine Richtung zu geben. Nicht zuletzt der Sexismus am Tharir-Platz ist alles andere als fiktiv: Einmal mussten die Dreharbeiten abgebrochen werden, weil die Hauptdarstellerin von unbekannten attackiert und als "Schlampe" beschimpft wurde.

AVIVA-Fazit: Ästhetische Bilder, Unterhaltung und eine spannende Auseinandersetzung mit den inneren Konflikten einer postrevolutionären Gesellschaft ist es, was dieser Film zu bieten hat. Auch aufmerksame Zeitungsleser_innen dürften mit "Nach der Revolution" noch eine Reihe neuer Perspektiven auf Ägypten und die Folgen des politischen Umbruchs gewinnen. Die Chance, durch das Einstreuen von dokumentarischem Video-Material eine besondere Authentizität zu kreieren, wird allerdings vertan: Zu oft kratzt der Film die Schmerzgrenze der Revolutionsromantik und auch die deutsche Synchronisation tut ihm keinen Gefallen. Im arabischen Original, gegebenenfalls mit Untertiteln, ist er sicher dennoch sehenswert.

Zum Regisseur: Yousry Nasrallah 1952 in Kairo geboren, studierte nach dem Besuch der deutschen Schule zunächst Wirtschaft und Politische Wissenschaften, bevor er 1973 am Cairo Film Institute aufgenommen wurde. Nach einer Zeit als Journalist im Libanon betätigt er sich seit 1980 ausschließlich als Filmemacher. Mehreren gemeinsamen Projekten mit Youssef Chahine folgte 1987 Nasrallahs erster eigener Film "Summer Thefts", der zahlreiche Preise gewann und maßgeblich zur Erneuerung des ägyptischen Kinos beitrug.

Zu den Hauptdarsteller_innen:

Menna Shalabi
(Reem), 1982 als Tochter der berühmten Schauspielerin und Tänzerin Zizi Mustafa geboren, begann ihre schauspielerische Karriere 2001 mit dem Film "The Magician" ("Al-saher"). Schnell entwickelte sie sich zu einer der vielversprechendsten Talente des ägyptischen Kinos und wirkte bisher in 23 Filmen mit.
Bassem Samra (Mahmoud) steht seit 1991 vor der Kamera und gehört spätestens seit seiner Rolle in "The Yacoubian Building" ("Omaret yakobean") 2006 zu Ägyptens Schauspielgrößen. Auch im Privatleben ist er Reiter und hat gute Kontakte zu Bewohnern Nazlet El-Sammans, was es erleicherte, diese für die Dreharbeiten zu gewinnen. Er war es auch, der Regisseur Nasrallah auf das Sterben der Pferde in der Gemeinde aufmerksam machte.

Nahed El Sebaï, jüngste Tochter eines Schauspieler_innenpaares, kam 2004 zum Film. Mit Yousry Nasrallah arbeitete sie bereits 2009 in "Scheherazade, Tell Me a Story" ("Ehky ya Scheherazade") zusammen.

Nach der Revolution
Buch und Regie: Yousry Nasrallah
Originaltitel: Baad el Mawkeaa/ After the Battle
Frankreich, Ägypten, 2012
Darsteller_innen: Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebai, Salah Abdallah, Pheadra, Abdallah Medhat, Momen Medhat
Produktionsfirma: Siècle Productions, Studio 37, New Century, Dollar Film, France 3 Cinéma
Lauflänge: 122 Minuten

Kinostart: 30.05.2013

Weitere Infos unter:
www.revolution-derfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

The Green Wave. Ein Film von Ali Samadi Ahadi

Cairo Time

Der Blaue Nil


Kultur Beitrag vom 28.04.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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