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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 15.02.2014

An ihrer Stelle - Fill the Void. Ein Film von Rama Burshtein. DVD-Start: 14. Februar 2014
Madeleine Jeschke

In ihrem preisgekrönten Spielfilmdebut gewährt die Regisseurin und Autorin einen intimen Einblick in die Welt einer ultra-orthodoxen chassidischen Familie in Tel Aviv. Selbst Teil dieser Gemeinde,...



... erzählt sie aus der Perspektive der Insiderin eine Geschichte von Liebe, Heirat und Pflichtgefühl, in dessen Mittelpunkt die Selbstfindung einer jungen Frau steht.

Die Idee zu dem Film entstand zufällig auf der Hochzeit der Tochter einer Freundin. Diese stellte Burshtein ein junges Mädchen vor, die sich kürzlich mit dem Ehemann ihrer verstorbenen älteren Schwester verlobt hatte. "Mehr brauchte es nicht, um meine Phantasie in Gang zu setzen und die Geschichte von ´Fill the Void´ zu schreiben.", so die Regisseurin, die sich zu ihrer Vorliebe für Jane Austen bekennt. Diese Affinität spiegelt sich auch in ihrem Film wider: Eine in sich geschlossene Gemeinschaft mit strikten Regeln und Bräuchen, Liebe und Hochzeit als Hauptthema und im Mittelpunkt eine junge Heldin auf dem Weg zum Erwachsenwerden, die nicht ausbrechen will, sondern ihr Glück innerhalb ihrer Grenzen sucht.

Die Handlung des Films findet hauptsächlich innerhalb der Häuser der ProtagonistInnen statt. Durch die räumliche Begrenztheit entsteht eine intime Atmosphäre, die von meist statischen Kameraeinstellungen unterstützt wird. Oft erinnern nur Geräusche von außen, wie Krankenwagen oder Technomusik, daran, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Gezeigt wird das traditionelle, ritualisierte Leben der orthodox chassidischen Gemeinde, in der Frauen und Männer die meiste Zeit getrennt voneinander verbringen. Diese Trennung wird auch bildlich durch das authentisch gehaltene Kostümbild unterstützt, während die Männer in Schwarz gekleidet sind, tragen die Frauen hauptsächlich Weiß.

© Norma Productions / Asaf Sudry Familienbild – Hinten: Shira (Hadas Yaron), Yossi (Ido Samuel), Tante Hanna (Razia Israely), Esther (Renana Raz), Yochay (Yiftach Klein); Vorne: Rivka (Irit Sheleg), Aharon (Chaim Sharir)


Eine der wenigen Szenen außerhalb dieser Gemeinschaft spielt sich in der ersten Einstellung ab. In einem Supermarkt sehen sich Shira (Hadas Yaron) und ihre Mutter Rivka (Irit Sheleg) aufgeregt nach jemanden um. Sie wollen einen Blick auf Shiras potentiellen Bräutigam werfen.
In der orthodoxen chassidischen Gemeinde ist es Brauch, dass die Eltern zusammen mit einem Heiratsvermittler PartnerInnen vorschlagen, die Töchter und Söhne haben dann die Wahl und können dem Vorschlag zustimmen oder ihn ablehnen. Shira jedenfalls ist begeistert von ihrem ersten Eindruck.

Bevor jedoch die Verlobung stattfinden kann, trifft die Familie ein Schicksalsschlag. Während der Feierlichkeiten zum Purimfest stirbt Shiras ältere Schwester Esther (Renana Raz) bei der Geburt ihres ersten Kindes. Dieses tragische Ereignis erschüttert die ganze Familie und Esthers Mann Yochay (Yiftach Klein), der mit "Du bist meine Thora" seiner Frau noch am gleichen Abend eine Liebeserklärung gemacht hatte, muss sich nun allein um ein Neugeborenes kümmern.

© Norma Productions / Vered Adir. Shira (Hadas Yaron) mit ihrem Neffen, im Hintergrund ihre Mutter Rivka (Irit Sheleg).


Für Rivka ist Enkel Mordechai jetzt der Lebensmittelpunkt und hilft ihr, den Verlust der Tochter zu ertragen. Er könnte ihr jedoch genommen werden, denn die Gemeinschaft erwartet von Yochay, bald wieder zu heiraten und so wurde ihm bereits eine passende Partnerin vorgeschlagen. Rivka ist verzweifelt über diese Nachricht, sie sucht nach einem Ausweg und schlägt eine Heirat zwischen Yochay und Shira vor.

Die Entscheidung liegt allein bei der 18-jährigen, und damit trägt sie eine große Verantwortung, die durch den Druck der Mutter noch verstärkt wird. Shira ist bereit, ihren Schwager für das Wohl der Familie zu heiraten, gleichzeitig fühlt sie sich zusehends zu dem attraktiven, ernsthaften und oft rätselhaft wirkenden Mann hingezogen. Bei einem arrangierten Treffen zwischen den Beiden entsteht sogar ein Moment des Flirts. Dies verursacht einen noch tieferen Konflikt in Shira, denn sie empfindet die Zuneigung zu Yochay als Betrug an Esther. Auch das Erleben romantischer Gefühle ist neu für die junge Frau, die sie erst lernen muss zu verstehen.

Regisseurin Burshtein wertet an keiner Stelle, vielmehr konzentriert sie sich auf die Gefühlswelt der ProtagonistInnen, welche auch ihren Ausdruck auf nonverbaler Ebene findet. So zeigt Shira in ihrem Akkordeonspiel Gefühle, die sie nicht in Worte fassen kann. Für die Regisseurin sollte der wahre Ort des Films das Herz sein, was von Kameramann Asaf Sudry (Beaufort) durch sanfte Beleuchtung, weiche Farben und den leicht verschwommenen Fokus der Kamera umgesetzt wird. Gleichzeitig sieht Burshtein darin eine religiöse Bedeutung: "I was thinking that we don`t see the whole picture. We see fractions and the whole picture is a divine thing. As a human being we can`t understand the whole aspect of a picture."

Ihre eigene Religiosität ist in dem Film an jeder Stelle spürbar. Männer und Frauen sind immer angemessen gekleidet, es gibt keine physischen Berührungen zwischen ihnen und der Soundtrack besteht neben Shiras Musik aus den Gesängen der Männer zu Shabbat und zeitgenössischer orthodoxer Popmusik.
Gegenüber der New York Times gab Burshtein an, dass die Verbindung zu Purim bewusst gewählt wurde. In der jüdischen Liturgie wird zu Purim das Buch Esther gelesen, die biblische Geschichte von der Errettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora vor der Vernichtung durch Haman, dem höchsten Regierungsbeamten des Königs Xerxes I. Um die Verbindung des Films mit dieser Geschichte zu vertiefen, wurde die Halbwaise Mordechai genannt.

Wie die biblische Esther sind auch die Frauengestalten in Burshteins Film starke Charakter., die im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten ihr Schicksal selbst bestimmen. Dies zeigt sich in dem selbständigen Handeln von Rivka, in Shiras Direktheit gegenüber Yochay oder der ledigen Tante Hanna (Razia Israeli), die trotz ihrer Behinderung (ihr fehlen beide Arme) selbstbewusst ihre Meinung äußert.

© Norma Productions / Vered Adir v.l.n.r. Rivka (Irit Sheleg), Shira (Irit Sheleg), Frieda (Hila Feldman) und Tante Hanna (Razia Israely).


Dennoch verdeckt Hanna wie eine verheirate Frauen ihre Haare unter einem Turban, um Fragen zu vermeiden. Der Druck, der auf unverheirateten Frauen lastet, wird besonders durch Shiras Freundin Frieda (Hila Feldman) deutlich, die mit etwa dreißig Jahren noch nicht verheiratet ist und von der Gemeinde bemitleidet wird. Auch hier nimmt Burshtein nur die Rolle der Beobachterin ein.

Die Regisseurin wollte keinen politischen Film machen und in keinen religiös-säkularen Dialog treten. Sie sagt "Ich habe mich aus einem tiefen Schmerz heraus auf diese filmische Reise gemacht, da die ultraorthodoxe Gemeinde meiner Meinung nach keine eigene Stimme im kulturellen Dialog hat. Man könnte auch sagen, wir sind stumm." Burshtein, die im Erzählen von Geschichten über die ultraorthodoxe Welt ihre Leidenschaft und Stärke sieht, ist die erste orthodoxe Regisseurin, die einen Film über das Leben in dieser Gemeinschaft realisiert hat, der für ein säkulares Publikum bestimmt ist und trägt somit Beitrag zu einem kulturellen Dialog bei.

An ihrer Stelle - Fill the Void wurde auf diversen Filmfestivals ausgezeichnet, war der israelische Beitrag bei den Oscars 2013 in der Kategorie Bester Fremdsprachiger Film, gewann sieben Ophir Awards der israelischen Akademie für Film und Fernsehen und Yaron bekam 2012 die Coppa Volpi als Beste Hauptdarstellerin in Venedig.

AVIVA-Tipp: Rama Burshtein öffnet mit Fill the Void ein Fenster zu einer anderen, für die meisten ZuschauerInnen fremden Welt und lässt sie uns in wunderbarer Bildsprache aus der Nähe erleben. Im Vordergrund stehen die Gefühle - religiöse wie weltliche - welche besonders von Hadas Yaron in all ihren Nuancen dargestellt werden und mit der Geschichte von Liebe und Erwachsenwerden universellen Charakter erhalten.

Zur Autorin und Regisseurin: Rama Burshtein wurde 1967 in New York geboren und schloss 1994 die Sam Spiegel Film and Television School in Jerusalem ab. In diesen Jahren wurde Rama tief religiös und sie beschloss, dass Film ihre Ausdrucksform in der ultraorthodoxen Gemeinde sein würde. Sie schrieb, führte Regie und produzierte Filme für die orthodoxe Gemeinde, einige davon nur für Frauen. Zudem lehrt sie Regie und Scriptwriting an verschiedenen Hochschulen wie der Ma’ale Film School, Yad Benjamin Film School for Woman oder Ulpena Arts School, Jerusalem. Fill the Void ist ihr erster Spielfilm.

Zur Hauptdarstellerin: Hadas Yaron wurde 1990 in Israel geboren, studierte Schauspiel an der Tichon Eroni Alef Art School in Tel Aviv und wirkte 2006 als junge Talia in Daniel Syrkins Spielfilm "Out of Sight" mit. Die Rolle der Shira in "Fill the Void" ist ihre erste Hauptrolle in einem Spielfilm, für die sie 2012 bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde.

Zum Hauptdarsteller: Yiftach Klein wurde 1972 in Tel Aviv geboren und schloss 1997 seine Schauspielausbildung am Nissan Nativ Acting Studio ab. Er spielte diverse Hauptrollen am Theater und in israelischen Fernsehserien. Sein Einpersonenstück "At Noon" wurde auch international aufgeführt und gewann mehrere Preise. 2010 schrieb er das Buch zu "Flip Out" und führte ebenfalls Regie. Klein wirkte zudem in diversen Kinoproduktionen mit, u.a. "Noodle, Sea Salt", "The Police Man" und "Ideal Husband and Happy Ending".
(Quelle: NFP marketing & distribution)

An ihrer Stelle - Fill the Void
(OmT)
Drehbuch und Regie: Rama Burshtein
DarstellerInnen: Hadas Yaron, Yiftach Klein, Irit Sheleg, Chaim Sharir, Razia Israely, Hila Feldman, Renana Raz, Yael Tal, Michael David Weigl, Ido Samuel, Neta Moran, Melech Thaluvm.
Kamera: Asaf Sudry
Kostümbild: Chani Gurewitz
Schnitt: Sharon Elovic
Musik: Yitzhak Azulay
Ton: Moti Hefetz
Produzent: Assaf Amir
Spieldauer: 87 Minuten
Verleih: NFP marketing & distribution
Neben dem Hauptfilm sind folgende DVD Specials enthalten:
Kinotrailer
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Hebräisch mit deutschen Untertiteln
FSK: Hauptfilm ab 6 Jahren (Übernahme beantragt)
Erscheinungstermin: 14. Februar 2014

www.anihrerstelle-derfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Fill the Void - Interview with director Rama Burshtein and actress Irit Sheleg

Et Sheaava Nafshi - Keep Not Silent, Interview with the director Ilil Alexander

Weitere Quellen und Informationen:

Artikel in der New York Times vom 3 Mai 2013: An Unconventional Look at Orthodoxy "Fill the Void," Directed by Rama Burshtein

Interview mit Rama Burshtein im Filmmaker Magazine vom 23. Mai 2013


Kultur Beitrag vom 15.02.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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