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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.09.2013

Jalda und Anna - Erste Generation danach
Barbara Degen

Eine Wohnung in Berlin wird renoviert, die alten Tapeten heruntergerissen. Die neuen Bewohnerinnen arbeiten intensiv, entfernen Schicht um Schicht. Die beiden Frauen, Jalda Rebling und Anna Adam,..



... ein Frauenpaar, die sich ihre neue Wohnung einrichten wollen.

So beginnt der Film "Jalda und Anna" und nimmt damit leitmotivisch sein zentrales Thema vorweg: die Herausforderung an die Beiden, mit ihrer Vergangenheit und ihren jeweiligen Erinnerungen umzugehen und sie in ihren Alltag zu integrieren. Beide sind J├╝dinnen, deren M├╝tter in Auschwitz waren. Das gegenw├Ąrtige Lebensmotto der beiden Frauen stellt uns die Regisseurin und Kamerafrau Katinka Zeuner (Co-Regisseur Ben Laser) ebenfalls gleich am Anfang vor: "Es darf Spa├č machen, j├╝disch zu sein, wenn auch der Weg dazu sehr schwer ist". Im Laufe des Films nehmen wir an dem Leben der Beiden teil. Sie zeigen uns ihre Hochzeitfotos und erz├Ąhlen ├╝ber ihre j├╝dische Hochzeit, die ÔÇô wen wundert es ÔÇô ein wenig von den ├╝blichen j├╝dischen Hochzeitsritualen abweicht.

Beide haben eine alternative j├╝dische Gemeinde gegr├╝ndet, "Ohel Hachidusch ÔÇô Zelt der Erneuerung", die einerseits die j├╝dischen Rituale beachtet und wertsch├Ątzt, andererseits aber in einigen Punkten so ver├Ąndert, dass sie dem Anspruch auf Gleichberechtigung und Basisdemokratie gerechter wird. Jalda und Anna sind K├╝nstlerinnen. Jalda, Tochter einer bekannten S├Ąngerin und T├Ąnzerin in der DDR, Lin Jaldati, arbeitet als Kantorin und begleitet und untermalt den Film mit ihrer wunderbar ausdrucksvollen Stimme. Anna ist bildende K├╝nstlerin, Malerin, Buchillustratorin und Aktionsk├╝nstlerin. Wir erleben sie in ihrem Atelier und auf der Reise mit ihrem "Happy Hippie Jew Bus". Satire und Provokation geh├Ârt zu ihren k├╝nstlerischen Mitteln, mit denen sie Kinder- und Jugendliche und die oft in Abwehr oder in ritualisiertem Gedenken erstarrten Erwachsene auflockern und zu neuen Fragen anregen will. Ihr Programm "Feinkost Anna" definiert sie als Satire zur "Heilung der deutsch-j├╝dischen Krankheit".

Jalda hatte drei Kinder, als sich die beiden vor 16 Jahren kennen gelernt haben. Inzwischen sind die S├Âhne aus dem Haus und die Frauen haben nun Zeit f├╝r sich und ihre W├╝nsche. Sie f├╝hlen sich - zu ihrer eigenen ├ťberraschung wie es scheint - in Berlin wohl und zu Hause und leben einen Alltag, der von der "Schnittmenge" zwischen den jeweiligen Einzelinteressen und den W├╝nschen und Bed├╝rfnissen nach Gemeinsamkeit gepr├Ągt ist. Ihr hoch reflektierter Gegenwartsalltag ist von der Vergangenheit und den Erfahrungen mit der Shoah nicht zu trennen. Immer wieder werfen Beide die Frage auf, wie die Erinnerungen, insbesondere die ihrer M├╝tter, ihr Leben gepr├Ągt haben. Diese Erfahrungen spiegeln sich in ihren eigenen W├╝nschen wieder, z.B. depressive Stimmungen aus den Herkunftsfamilien in Freude umzuwandeln, in dem Trotz, die Verzweifelung und die Wut nicht ├╝berhand nehmen zu lassen, die Trauer f├╝r sich selbst und nicht nur durch die Gef├╝hle ihrer M├╝tter neu zu entdecken und in der Hartn├Ąckigkeit, mir der sie diese Ziele leben.
Der Film begleitet Jalda auf einer Reise nach Jerusalem und notiert ihre Bemerkung, da├č dort die Geschlechtertrennung in den letzten Jahren zugenommen hat. Jalda erz├Ąhlt auch von einer USA-Reise, die sie in eine tiefe Krise geworfen hat und ihren Weg, aus der Krise herauszufinden. Dass der Zusammenhalt der Frauen und ihr Austausch untereinander dabei eine zentrale Rolle spielt, wird in dem Film immer wieder sichtbar.
Zum Schluss kehrt der Film noch einmal zu der Ausgangsszene, der Renovierung der neuen Wohnung, zur├╝ck und schlie├čt den Kreis, der das Leben der Beiden und ihre Erfahrungen umschlie├čt. Es sind Hoffnungsbilder f├╝r einen neuen Anfang.

"Jalda und Anna" ist der erste l├Ąngere Dokumentarfilm der jungen Filmemacherin Katinka Zeuner. Sie hat das Paar zwei Jahre lang begleitet. Der Film zeichnet sich nicht nur durch Empathie, pr├Ązise Beobachtung und eine sorgf├Ąltige Umsetzung in Bilder aus. Es ist der Regisseurin gelungen, einen Film zu machen, der aus einer oft wie betoniert erscheinenden Sackgasse des Gedenkens und Erinnerns hinausf├╝hrt: Der vielfach formelhaften und oberfl├Ąchlichen Beschw├Ârung des Schreckens auf der einen und des Ignorierens und Verdr├Ąngens auf der anderen Seite. Der menschliche und differenzierte Blick des Films kann allen Beteiligten nicht hoch genug angerechnet werden. Zu Recht hat der Film einen ersten Preis gewonnnen, den William-Dieterle- Sonderpreis der Stadt Ludwigshafen.

AVIVA-Tipp: Ein farbenfrohes und begeisterndes Portrait zweier j├╝discher K├╝nstlerinnen aus Berlin.


Jalda und Anna ÔÇô Erste Generation danach
D 2012, mit Untertiteln engl./spanisch, 75 min
Regie und Kamera: Katinka Zeuner
Co-Regie: Ben Laser
Montage: Anna Theil
Bezugsadresse: Die DVD kann f├╝r 15 Euro zzgl. Versandkosten unter zeuner@globale-medienwerkstatt.debestellt werden.
Termine unter: www.globale-medienwerkstatt.de

www.jalda-und-anna.de

Trailer: www.youtube.com

Rezensentin: Barbara Degen, Haus der Frauengeschichte, Bonn
September 2013



Kultur Beitrag vom 04.09.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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