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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.08.2014

Und morgen Mittag bin ich tot. Ab 15. August 2014 auf DVD
Dorothee Kröger

Ein Debütfilm, in dem hinter der Aussage "Nie wieder Wäsche aufhängen" der Entschluss zur Selbsttötung unter aktiver Beihilfe steht, zeigt die Schauspielerin Liv Lisa Fries als totkranke, schwer-...



... atmende "Muko"-Patientin.

"Durch das ganze Cortison fühl‘ ich mich ständig wie so´n Steak in der Pfanne"

22 Jahre alt, braune Locken und strahlende Augen, einen Atemschlauch im Gesicht und bereit zu frechen, schlagfertigen Sprüchen, aber nicht mehr bereit für das Leben: Das ist die an Mukoviszidose, "Muko", erkrankte Lea (Liv Lisa Fries). Seit ihrer Kindheit atmet die selbstbewusst auftretende junge Frau durch einen Schlauch, der im Rucksack mit 20 Litern Sauerstoff verbunden ein ständiger Begleiter ist. Jeder Treppengang ist ihr eine Qual und einen Kletterurlaub muss sie in die Phantasie verbannen.

Somit entschließt sie sich, eine Sterbehilfe in der Schweiz zur Hilfe nehmend, für den freien Tod. Von ihrem Vorhaben berichtet sie ihrer Familie zwei Tage vor ihrem Geburtstag, den sie als Todestag wählt. Ihre Schwester, Mutter und Großmutter reisen dafür aus Deutschland an. Auch die ehemalige Liebe Heiner und eine neue männliche Bekanntschaft mit gleichem Vorhaben machen die letzten Stunden zu einer Zeit, die Lea nicht absitzt, sondern vielmehr in Höhen und Tiefen reißt.

"Ich werde sterben Mama, kapier das endlich" - "Ich habe einen Kuchen gebacken. Der muss jetzt in den Kühlschrank.

Schwer vorstellbar, dass es sich bei diesen zwei Sätzen um einen Dialog und nicht um willkürlich collagierte Äußerungen handelt. Im Film liegt dazwischen ein schmerzerfüllter Blick, den die Mutter (Lena Stolze) ihrer Tochter zuwirft. Deren Reaktion, sich jetzt besser um den Geburtstagskuchen zu kümmern, stellt eine zentrale Thematik des Films dar: Wie gehen die drei Frauen, Schwester, Mutter und Großmutter mit Leas Vorhaben um? Das ethische Dilemma der aktiven Sterbehilfe stellt die Beziehungen der vier Frauen untereinander, jedoch auch jeder einzelnen zu sich selbst, auf eine Zerreißprobe. Vor allen die Mutter will bis zuletzt nicht an die Aussichtslosigkeit einer Heilung glauben. Eine weitere Frau, die Angestellte der Sterbehilfeorganisation, steht Lea zur Seite, versucht aber beständig, sie umzustimmen.
LeasVater verließ die Familie und ihr Bruder starb an derselben Krankheit, die sie nun durch einen "Cocktail" bezwingen will. Diesen Verlust erinnert sie häufig, macht gedankliche Reise in die Vergangenheit und schreibt Tagebuch. Gesammelte Fotos und Filme eröffnen im Film retrospektiv einen Blick auf Leas Kindheit. Zu sehen ist ein lachendes Mädchen, das sich mit ihrem Bruder im Schnee rollt oder Geburtstagskerzen auspustet. Kontrastreich wird deutlich, dass die junge Frau mit ihrem Bruder auch dieses Lachen, der Lebenswille verließ.

"Langsam zu ersticken finde ich ehrlich gesagt ziemlich zum Kotzen
"Und morgen Mittag bin ich tot" setzt einen filmischen, konkreten Impuls in der Debatte um aktive Sterbehilfe, beziehungsweise Beihilfe zur Selbsttötung. Thematisch zwar zentral, doch ohne ethische Bewertung, zeigt der Film eindrucksvoll, wie die Qual ihrer Krankheit Lea zunehmend in ihrem Entschluss bestärkt, diesem aber die Verzweiflung und Wut der Schwester und Mutter entgegenstehen.

Zu den Schauspielerinnen:

Die Berliner Schauspielerin Liv Lisa Fries ("Bis aufs Blut"), geboren am 31. August 1990, hatte ihre erste Filmrolle bereits mit 14 in dem Kinofilm "Elementarteilchen" - eigentlich. Denn am Ende tauchte sie dann doch nicht im Film auf, ihre Szene wurde herausgeschnitten. Danach ging es für sie aber Schlag auf Schlag. Jetzt ist die Nachwuchsschauspielerin in mehreren Filmen gleichzeitig zu erleben.

Lena Stolze, geboren am 8. August 1956 in Berlin, wurde mit ihrer Darstellung als Widerstandskämpferin Sophie Scholl in "Die weiße Rose" bekannt. Für ihre Leistungen als Darstellerin erhielt sie eine Vielzahl an Auszeichnungen, unter anderem den Bundesfilmpreis für "Die weiße Rose" (1983). Schauspielerin ist mit dem Dramaturgen Michael Eberth verheiratet. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt in Berlin.

Sophie Rogall, am 31. Mai 1983 in Deutschland geboren, wurde durch die Filme "Fickende Fische" (2002) und "Delphinsommer" (2004) bekannt.


AVIVA-Fazit:Frederik Steiners Debüt-Film zeigt eindrucksvolle Momente, wie zum Beispiel die verzweifelten Schläge, die die Mutter Leas Schwester verpasst und die schließlich in einer tränenumrahmten Umarmung enden. Auch während Leas letzten Schnitzelmahls mit ihrer Familie und Heiner entfalten sich von Zynismus und Traurigkeit durchdrungene Dialoge. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Thema der Sterbebeihilfe bleibt jedoch zu einseitig. Wünschenswert gewesen wären mehr Einblicke in die Dimensionen dieses sozialen Dilemmas.

Und morgen Mittag bin ich tot
Deutschland, 2013
Regie: Frederik Steiner
DarstellerInnen: Liv Lisa Fries, Sophie Rogall, Lena Stolze, Kerstin de Ahna, Johannes Zirner, Max Hegewald
Universum Spielfilm
FSK: Ab 12 Jahren freigegeben
Laufzeit: ca. 98 Min.
Sprachen: Deutsch, Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
DVD und Blu-ray-Start: 15. August 2014
www.universumfilm.de


Quelle:
www.ardmediathek.de Liv Lisa Fries im Stilbruch. Das Kulturmagazin, ARD

www.imdb.de

Kultur Beitrag vom 26.08.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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