Land der Wunder - Ein Film von Alice Rohrwacher. Kinostart 2. Oktober 2014 - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 27.09.2014

Land der Wunder - Ein Film von Alice Rohrwacher. Kinostart 2. Oktober 2014
Helga Egetenmeier

Als originellster Wettbewerbsfilm in Cannes 2014 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, führt Regisseurin und Drehbuchautorin Alice Rohrwacher in poetischen Bildern, verbunden mit...



... kurzen aggressiven Dialogen, zu einer abgelegen lebenden Bienenzüchterfamilie im ländlichen Umbrien.

Eigentlich sollte auf dem großen, alten Bauernhof eine glückliche Gemeinschaft wohnen, doch es will keine Harmonie aufkommen, vielleicht gab es sie auch noch nie. Die Familie steht kurz davor, ihre Lebensgrundlage zu verlieren, denn die Imkerei wirft nicht genügend ab, um die geforderten Investitionen einer neuen EU-Richtlinie umzusetzen.
Dazu kommt, dass der cholerische Vater seine vier Töchter verängstigt und die schweigsame Mutter nur selten, flüsternd oder französisch sprechend, interveniert.

Der Verlust des Hofes wäre jedoch auch eine Möglichkeit für die Töchter und ihre Mutter diesen arbeitsintensiven und freudlosen Ort verlassen zu können. Doch es ist ihr Zuhause, in dem es ebenfalls zärtliche Momente gibt, die selbst den tonangebenden Vater einschließen.

Die Älteste und große Schwester

Der Mittelpunkt der Familie ist die älteste Tochter Gelsomina. Von Kamera und Regie perfekt in Szene gesetzt und dabei wunderbar anzuschauen ist Maria Alexandra Lungu in ihrer ersten Filmrolle. Sie spielt ihre Figur der zwischen allen Familienmitgliedern stehenden ältesten Tochter und großen Schwester mit einer markantern Ruhe und dezent eingesetzter Mimik.

Vom Vater als Nachfolgerin in die Imkerei eingeführt, erhält sie bei seiner Abwesenheit die volle Verantwortung für die Honigproduktion. Diese Macht gegenüber ihren Schwestern belastet sie zugleich, da jeder kleine Fehler den väterlichen Zorn hervorrufen kann. Als er des Geldes wegen den straffälligen und schweigsamen Jugendlichen Martin zur Re-Integration aufnimmt, muss die Vierzehnjährige auch für ihn die Verantwortung übernehmen.

Blickwinkel und Orte

Die Kamera von Hélène Louvart verbirgt immer wieder und verführt dazu, weiter als den Bildausschnitt sehen zu wollen, und dann, langsam, erlaubt sie endlich den verdeutlichenden Blick. Eine Insel, eine Grotte, die Bienenkästen und immer wieder der einsam gelegene Hof, sind gefühlvoll eingefangen, die Bilder wirken weder laut noch gehetzt. Dennoch fehlt häufig die erklärende Weite, so dass Orte und Gesten unklar bleiben und ein beklemmendes Gefühl hinterlassen.

Gelsominas Kunststück, aus der Enge ihres Mundes eine Biene heraus spazieren zu lassen, kennt nur der ihr langsam vertraut gewordene Martin. Um bei dem TV-Spektakel "Land der Wunder" das Preisgeld für ihre Imkerei zu gewinnen, wendet Gelsomina ihren Bienentrick an. Fast möchte die ZuschauerIn zurückweichen und wird sich dabei erleichtert der Distanz durch die Kamera bewusst, doch die Biene scheint ungefährlich, krabbelt in Großaufnahme aus dem Mund und läuft über das Gesicht.

AVIVA-Tipp: Es gibt sie noch, die Filme, in denen Sprache nicht dominiert, sondern verstört und minimale Dialoge fast ein Eingreifen provozieren. Alice Rohrwacher wagt sich mit ihrer Hauptdarstellerin Maria Alexandra Lungu in eine märchenhafte Familiengeschichte, die patriarchale Sprachmacht gegen weibliche Sprachlosigkeit stellt und dennoch von der Sehnsucht nach einem schönen gemeinsamen Leben getragen wird. Keine einfache Kost und gerade deshalb bleibt sie nachhaltig.

Zur Regisseurin: Alice Rohrwacher wurde 1981 in Fiesole als Tochter eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter geboren und studierte in Turin und Lissabon. Sie wirkte 2005 als Drehbuchautorin, Kamerafrau und Cutterin bei dem Dokumentarfilm "Un piccolo spettacolo" von Pierpaolo Giarolo mit, 2006 realisierte sie ihren ersten Film als Regisseurin der Dokumentation "Checosamanca". Ihr Spielfilmdebüt "Für den Himmel bestimmt" wurde 2011 in Cannes gezeigt, sie erhielt dafür den italienischen "Nastro d´Argento" für die Beste Nachwuchsregie.

Zu den HauptdarstellerInnen:
Maria Alexandra Lungu
spielt bei "Land der Wunder" in ihrem ersten Film, vor zwei Jahren wurde sie als Elfjährige im Casting dafür ausgewählt.
Alba Rohrwacher, geboren 1979 in Florenz und Schwester der Regisseurin, studierte Schauspiel in Rom. Für "Tage und Wolken" erhielt sie 2008 den wichtigsten italienischen Filmpreis, den "Davidi di Donatello", als Beste Nebendarstellerin. Als Beste Hauptdarstellerin gewann sie ihn ein Jahr später für ihre Rolle in "Il Papa di Giovanna". Sie spielte 2009 an der Seite von Tilda Swinton in "I Am Love", 2010 war sie in "Was will ich mehr" auf der Berlinale zu sehen
Sam Louwyck, belgischer Schauspieler und Tänzer, 1966 in Brügge geboren, spielte u.a. in "Bullhead", der 2011 auf der Berlinale lief.

Zur Kamerafrau: Héléne Louvart schloss 1985 am Pariser Louis-Lumiere Collége ihre Ausbildung ab sie führte die Kamera, zusammen mit Jörg Widmer, bei Wim Wenders 3D-Film "Pina - tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren" und war bereits bei Alice Rohrwachers Film "Für den Himmel bestimmt" für die Kamera verantwortlich.

Auszeichnungen: Großer Preis der Jury im Wettbewerb von Cannes 2014, CineVision Award des Filmfests München 2014

Land der Wunder
Le meraviglie
Italien, Schweiz, Deutschland 2014
Regie und Drehbuch: Alice Rohrwacher
Kamera: Hélène Louvart
DarstellerInnen: Maria Alexandra Lungu, Sam Louwyck, Alba Rohrwacher, Sabine Timoteo, Agnese Graziani, Luis Huilca Logono, Eva Morrow, Monica Belucci, u.a.
Verleih: Delphi
Lauflänge: 110 Minuten
Kinostart: 2.10.2014

Weitere Informationen unter:
www.landderwunder.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Einsamkeit der Primzahlen - Ein Film mit Alba Rohrwacher

Pina - tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren


Kultur Beitrag vom 27.09.2014 Helga Egetenmeier 

   




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