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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 28.11.2008

Ich gehe jetzt rein. Von Aysun Bademsoy
Karolin Korthase

"War´n langer Weg - die Freiheit", sagt Arzu, ehemals Spielerin von Agri Spor, einer Kreuzberger Frauenfußballmannschaft. Aysun Bademsoy hatte sie und andere Spielerinnen des türkischen Vereins ...



... filmisch begleitet und schließt mit "Ich gehe jetzt rein" ihre Langzeitdokumentation über die Frauen ab.

Nicht nur für Arzu Calkilic war es ein langer Weg in die Freiheit, sondern auch für die vier anderen Mädchen, die 1995 zusammen in der ersten türkischen Frauenfußballmannschaft Europas um den Aufstieg in die Verbandsliga kämpften. Damals begann die Filmemacherin Aysun Bademsoy ihre Triologie über die Kreuzberger Fußballerinnen mit dem Film "Mädchen am Ball" (1995). Es folgten zwei Jahre später "Nach dem Spiel" (1997) und 2008 dann der dritte und letzte Teil "Ich gehe jetzt rein".

Außer mit Safiye, damals eine der begabtesten Spielerinnen und inzwischen Trainerin, hatte die Regisseurin den Kontakt zu den Mädchen verloren und machte sich zehn Jahre nach dem zweiten Film auf die Suche nach ihnen. Vieles hat sich seitdem verändert in den Leben der inzwischen fast 30-jährigen Frauen. Die Zwillinge Nazan und Nalan sind verheiratet, haben je zwei Kinder und mussten erst überredet werden, sich erneut der Kamera zu stellen. Türkan ist alleinerziehend und wird von Bademsoy bei der verzweifelten Suche nach Arbeit gefilmt. Arzu, die in "Mädchen am Ball" und "Nach dem Spiel" am lebendigsten und kompromisslosesten wirkte, konnte erst nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht werden. Sie hatte viel durchgemacht und sich von allen am meisten verändert. Die Aufnahmen von Arzu, während sie Ausschnitte aus den ersten beiden Filmen sieht, gehören zu den berührendsten des Filmes.

Durch die Einblendung der Schlüsselszenen aus den vorangegangenen Filmen wird die Diskrepanz zwischen den Träumen der jungen Mädchen und der Realität, in der sie heute leben, offensichtlich. Safiyes Wunsch Profifußballerin zu werden, konnte sich nicht verwirklichen. Arzu erfüllte sich ihren Traum, endlich unabhängig von den Eltern zu leben, kämpft jedoch mit der Vergangenheit und mit Erlebnissen, die sie vor der Kamera zurückhält. Was indes die Biographien der Frauen eint, ist die Aussichtslosigkeit und die Resignation über die Möglichkeit beruflicher Weiterentwicklung. Alle Frauen halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und leise lässt sich zum Teil auch Reue spüren - über verpasste Chancen, unabgeschlossene Berufsausbildungen und abgebrochene Schuljahre. Die unerfüllt gebliebenen Träume und schmerzhaften Erinnerungen haben ihre Gesichter härter gemacht und bestimmter.

Die Regisseurin nähert sich den Frauen mit viel Respekt und Feingefühl. Todesfälle, zerrüttete Familienverhältnisse und schmerzhafte Scheidungen werden am Rande erwähnt, aber nicht konkretisiert. Bademsoy drängt die Frauen nicht, sich vor der Kamera zu entblößen, was auch nicht nötig ist, denn die Nahaufnahmen ihrer Gesichter legen genug Zeugnis ab von den Erfahrungen, Enttäuschungen und von ihrem Kampf um Freiheit und um Glück.

Neben diesen individuellen Entwicklungsgeschichten, die vor den Augen der ZuschauerInnen quasi in Zeitraffer aufgerollt werden, sind vor allem die Implikationen zur sozialen Lebenswelt der TürkInnen in Deutschland aufrüttelnd. Durch das Erzählen dieser ganz unterschiedlichen, aber zum Teil doch so identischen Frauenschicksale, gelingt es Bademsoy, ein Sozialporträt des türkischen Lebens in Deutschland fern der Kopftuchdebatte zu skizzieren. Bezeichnend dafür ist die schon erwähnte berufliche Aussichtslosigkeit der Frauen, die zum größten Teil auf eine über Jahrzehnte währende verfehlte Integrationspolitik der deutschen Regierung zurückzuführen ist, aber auch der unüberbrückbare Graben zwischen der türkischen und deutschen Kultur. Besonders aussagekräftig sind dabei die Szenen, in denen sich Nalans Ehemann zur Erziehung und zur Ehe äußert. Die Verstrickungen und Widersprüchlichkeiten, in denen er sich verfängt, die gutgemeinten Ansätze, in denen dann doch deutlich ein patriarchaisch geprägtes Kulturbild übermittelt wird, alarmieren und schockieren. Dass Nalan anderer Meinung ist, wird, aufgrund ihrer Zurückhaltung, nicht durch viele Worte, sondern durch unmissverständliche, unsichere, aber auch belustigte Blicke in die Kamera oder besser gesagt hinter die Kamera spürbar, ist aber dennoch wenig tröstlich. Obwohl die Frauen auf Nachfrage betonen, dass die dritte Generation der TürkInnen in Deutschland Dinge anders mache als die Alten, lassen diese Szenen ein Stück Realität auch in das Bewusstsein der gern mit Multi-Kulti-Visionen argumentierenden Deutschen wehen.

Dass Bademsoy nicht wertet, sondern nur dokunentiert und die Frauen erzählen lässt, gehört zu den absoluten Stärken ihres Films. Die aufgeworfenen Fragen zur Integration der dritten Generation, zu alten und neuen Rollenbildern werden von ihr nicht polarisierend beantwortet, sondern den ZuschauerInnen mit auf den Weg gegeben. Dabei dürften besonders die anfänglichen Worte von Türkan, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, in Erinnerung bleiben: "Ich muss mich türkisch fühlen, weil die Leute mich so behandeln, ... , wie eine Türkin, wie eine Ausländerin.

AVIVA-Tipp: "Ich gehe jetzt rein" ist ein behutsamer, sensibler und aufrüttelnder Film über das Älterwerden, soziale Realitäten, Auflehnung und über die Vorstellungen vom Glück.

Zur Regisseurin: Aysun Bademsoy wurde 1960 in Mersin, Türkei geboren und kam mit neun Jahren nach Deutschland. Nach einem Studium der Publizistik und Theaterwissenschaften konzentrierte sie sich aufs Filmemachen. Sie lebt und arbeitet in Berlin-Kreuzberg.

Ich gehe jetzt rein
Deutschland 2008
Buch und Regie: Aysun Bademsoy
Kamera: Nikola Wyrwich, Sophie Maintigneux
Mitwirkende: Safiye Kok, Arzu Calkilic, Nalan Keser, Nazan Yavas, Gabrielle Türkan Celik
73 Minuten
Keine Altersbeschränkung
Kinostart: 20. November 2008
www.peripherfilm.de

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Kultur Beitrag vom 28.11.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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