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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.10.2008

Die Kunst des Sehens. Zum 100. Geburtstag von Gisèle Freund
Karolin Korthase

Simone de Beauvoir, J.P. Sartre, Frida Kahlo - Gisèle Freund hatte sie alle vor der Linse. Zwei Ausstellungen widmen sich im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie dem Werk der Fotografin.



Ein Blick, der sich ins Leere verliert, der entrückt, verträumt nach Innen geht.
Es scheint, als fühlte sich Virginia Woolf unbeobachtet, als Gisèle Freund jene Aufnahme im Jahre 1939 von ihr machte, die sich KennerInnen der amerikanischen Schriftstellerin ins Gedächtnis gebrannt hat. Das Gesicht der Woolf als Spiegel eines von Depression und Melancholie gezeichneten Menschen, der sich, die Außenwelt vergessend, für einen winzigen Moment der Schutzlosigkeit preisgibt.

Vom 29.10.08 bis zum 18.01.09 zeigt das Willy-Brandt-Haus 100 ihrer Arbeiten, die vor allem aus ihrem Porträtwerk stammen. Parallel dazu beginnt am 22.11.08 im Stadtmuseum Berlin die Ausstellung "Gisèle Freund. Wiedersehen mit Berlin 1957 - 1962", die bis zum 08.02.09 besucht werden kann.

Die Fotografin Gisèle Freund gehört zu den Größten ihres Metiers in der Fotografie des vergangenen Jahrhunderts. Viele ihrer Porträtaufnahmen erlangten trotz technischer Unvollkommenheit Weltruhm. Diese fehlende technische Versiertheit empfand sie jedoch nie als Manko. Wichtiger war es ihr, das Ungesagte, Ungeschönte, Ungeschminkte im Gesicht eines Menschen zu entdecken und auf Zelluloid zu bannen.

Ihre Methoden waren unkonventionell und revolutionär. Besonders SchriftstellerInnen hatten es ihr angetan. Ihren Lebenstraum selbst zu schreiben konnte sie nie verwirklichen, da sich die Jüdin nach der Flucht aus Deutschland im Jahre 1933, eines Sprach-Potpourris aus Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch bediente, aber zu ihrem eigenen Bedauern keine der Sprachen perfekt beherrschte.

Zu den von ihr Porträtierten gehörten James Joyce, Bernhard Shaw, Simone de Beauvoir und Andrè Breton, um nur einige Wenige zu nennen. Um einen Zugang zu der Gedankenwelt und Geisteshaltung der LiteratInnen zu erlangen, las sie akribisch und mit kritischem Blick deren Werke. Sie war geübt im Warten und Beobachten und nicht selten verwickelte sie die oft Unnahbaren und Öffentlichkeitsscheuen in anregende Gespräche und schon war er da, der besondere Moment: Wenn alle Masken fallen und ein Blick, ein Zug um den Mundwinkel herum, ein gekräuselter Nasenrücken das Wesentliche eines Menschen freigibt.

Niemand wird heute bestreiten, dass die Fotoarbeiten der Gisèle Freund Kunstwerke sind. Sie selbst jedoch lehnte diese Kategorisierung ab. Ihrer Meinung nach verdienten nur solche Fotos in den Olymp der Kunst aufgenommen zu werden, "die einen so berühren, dass man sie nicht vergisst". In vielen ihrer Arbeiten ist ihr das gelungen. Und manchmal ist es gerade die Unschärfe einer Aufnahme, wie in ihrem weltberühmten Bild des Schriftstellers Andrè Malraux, die eine Tiefenebene hinter dem Offensichtlichen erkennen lässt.

Ihr bewegtes, kafkaeskes Leben lädt zur Überzeichnung und Glorifizierung ein. Die Bohème in Frankreich, ihre Aufenthalte in Argentinien und Mexiko und ihre Verbindungen zur Frankfurter Schule, wo sie bei Horkheimer lernte und eine soziologisch-ästhetische Doktorarbeit über Fotografie schrieb, die zu einem Standardwerk in der Fotografieforschung avancierte.

Viele ihrer Kontakte und ihr späterer Erfolg wurden ihr sicherlich in die Wiege gelegt. Ihr Vater war Kunstsammler, ein Liebhaber der Romantik, der zahlreiche Originale, wie beispielsweise die "Kreidefelsen von Rügen" von Caspar David Friedrich besaß. Künstler, wie Max Liebermann gingen bei den Freunds ein und aus. Die Gräuel der Nazizeit, die Deportationen der Juden hat sie nur am Rande mitbekommen, denn sie floh unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers nach Paris. Dort fand sie schnell Anschluss an den Kreis um Adrienne Monnier, eine Buchhändlerin, mit der sie eine langjährige Liebesbeziehung hatte und die sie mit vielen französischen Intellektuellen bekannt machte sowie ihre Doktorarbeit ins Französische übersetzte. Ihre Dissertation (La photographie en France au XIXe siècle) war ein Meilenstein in der Erforschung der modernen Bildkultur. Gisèle Freund hatte im Gegensatz zu vielen ihrer künstlerisch begabten Zeitgenossen nie gravierende Probleme, von ihrer Leidenschaft zu leben und wurde Zeit ihres Lebens gefördert.

Diese herausgehobene gesellschaftliche Stellung und der selbstverständliche Kontakt und Umgang mit den Berühmtheiten ihrer Zeit ließ sie dennoch nicht die Bodenhaftung verlieren. Ein soziologischer, ethnographischer Blick blieb ihr zeitlebens eigen und bewahrte sie sicherlich auch vor Eitelkeiten und Selbstüberhöhung. Im Prozess der Herstellung eines Fotos war es ihr oberstes Anliegen, den Porträtierten keine vorgefertigte Idee eines Bildes aufzuzwingen, sondern hinter der Kamera zu verschwinden und ihre Anwesenheit als Fotografin vergessen zu lassen. Wie gut ihr das gelungen ist, bezeugt der Umstand, dass obwohl viele ihrer Fotografien im öffentlichen Gedächtnis präsent sind, nur Wenige ihren Namen kennen.

Das Willy-Brandt-Haus hat in Zusammenarbeit mit der Galerie Claire Fontaine aus Luxembourg eine dichte Auswahl aus ihrem Werk getroffen. Die Porträtaufnahmen bekannter Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts, viele auch in Farbe aufgenommen, werden durch Bildreportagen ergänzt, die Gisèle Freund in den 1930er Jahren für die Zeitschriften "Life" und "Time" in Europa und später in Südamerika machte. Zu sehen sind Arbeitslose in Nordengland (1935), Aufnahmen vom "1. Internationalen Schriftsteller-Kongress zur Verteidigung der Kultur" in Paris (1935) und die weltberühmt gewordene Serie über die argentinische Präsidentengattin Evita Perón (1950). Zu den meisten der Fotografien hat sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben, was das Anschauen und Erleben besonders reizvoll gestaltet und die Ausstellung zu einem Bildtagebuch und zu einem unvergleichlichen Zeitzeugnis macht.

Die am 22.11.08 beginnende Ausstellung "Gisèle Freund. Wiedersehen mit Berlin 1957 - 1962" im Stadtmuseum Berlin widmet sich hingegen einer anderen Schaffensperiode im Leben der Künstlerin. 1957 kehrte sie nach langer Abwesenheit in ihre Geburtsstadt zurück, die sie fluchtartig nach der Machtergreifung der Nazis 1933 verlassen hatte. Ihre Aufnahmen zeigen ein Berlin im Kalten Krieg, den Wiederaufbau der Stadt und die unterschiedliche Entwicklung in Ost und West.
Ergänzt werden die Exponate von zeitgenössischen Fotoarbeiten der Berliner Fotografen Harry Croner, Albert Kolbe, Gert Schütz und Bert Sass. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv Berlin entstanden.

Zur Künstlerin: Gisèle Freund wurde am 19. Dezember 1908 in Berlin geboren und wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Familie im Stadtteil Berlin-Schöneberg auf. Ihr Vater weckte als passionierter Kunstsammler früh ihr Interesse an den Künsten und schärfte ihren ästhetischen Blick. Nach einem Soziologie-Studium hielt sich Freund seit 1931 vorrangig in Frankreich auf, um nach den Anfängen der Fotografie zu forschen. Ihre Dissertation war ein Meilenstein in der Erforschung der modernen Bildkultur. Ihre zahlreichen Portraits von Schriftsteller/innen und ihre fotojournalistischen Reportagen machten sie als ´Die Frau mit der Kamera´ bekannt. Gisèle Freund starb am 31. März 2000 in Paris.

Veranstaltungsort: Willy-Brandt-Haus
Wilhelmstraße 140 / Stresemannstraße 28
10963 Berlin-Kreuzberg

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Personalausweis erforderlich
Ausstellungsdauer: 29.10.08 bis zum 18.01.09

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.willy-brandt-haus.de

Veranstaltungsort: Stadtmuseum Berlin
Poststr. 16
10178 Berlin - Mitte

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr, Donnerstag, 10 bis 18 Uhr, Eintritt 5 Euro, Ermäßigt 3 Euro
Ausstellungsdauer: 22.11.08 bis zum 08.02.09

Weitere Infos finden Sie unter:
www.stadtmuseum.de

Kultur Beitrag vom 28.10.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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