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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 16.04.2009

Nathan Messias - Eine Bearbeitung von Lessings Nathan der Weise
Claire Horst

Unter der Leitung von Shermin Langhoff hat sich das Ballhaus Naunynstraße das so genannte postmigrantische Theater auf die Fahne geschrieben. Aus der Nische heraustreten will man und der...



... Kulturproduktion von Menschen nichtdeutscher Herkunft Raum geben.

Aufsehen erregte Langhoff im Jahr 2008 mit dem Festival "Dogland – junges postmigrantisches Theater". Damals schon kam mit "Schattenstimmen" ein Stück des Autorenduos Zaimoglu / Senkel zur Aufführung.

Mit der jüngsten Inszenierung widmet sich das Ballhaus einem Klassiker: Lessings "Nathan der Weise" ist die Grundlage für "Nathan Messias", das bis zum 29. April 2009 laufen wird. Wie so häufig bei Zaimoglu / Senkel ist der Ärger vorprogrammiert: Ihr "Nathan" geht über die Lessingsche Kritik an religiösem Fanatismus jeder Couleur hinaus. Abgerechnet wird nicht nur mit der von Lessing thematisierten religiösen Intoleranz und dem Glauben an die Überlegenheit der eigenen Religion. Dieser Nathan stellt jegliche Religion an den Pranger. Mit dem jüdischen Aufklärer Moses Mendelsohn, der für den alten "Nathan" Pate stand, hat er nichts mehr gemein.

Das Stück spielt in einem Jerusalem der nahen Zukunft. Die Bühne, um die sich die ZuschauerInnen auf unbequemen Campinghockern verteilen, vermittelt mit sandfarbenem Fußboden und tief gehängtem Fliegennetz den Eindruck einer gedrängten Wüstensiedlung. In dieser – je nach Temperament – kuscheligen oder klaustrophobischen Atmosphäre prallen unterschiedlichste Positionen aufeinander. Gleich in der ersten Sekunde steigt das Publikum in den Streit zwischen dem Bürgermeister Jerusalems und seiner Tochter ein – der Vater ist Jude, wenn auch säkular, seine Tochter Rebecca liebt den Moslem Jamal. Zudem ist da noch der christliche Mikael, der nicht zufällig an Lessings Tempelherrn erinnert.

Die Ausgangslage ist derer Lessings nicht unähnlich: auch bei ihm liegen drei Weltreligionen im Clinch, verstärkt durch emotionale Verstrickungen, Beleidigungen und Demütigungen, und an den "weisen" Nathan geht die Aufforderung, die beste unter ihnen zu bestimmen. Bei Lessing ist es Nathans Angst um seine Haut, nicht allein seine Weisheit, die ihn alle gleichwertig nennen lässt. Alle Gläubigen sollen sich bemühen, ihrer Mitwelt "angenehm" zu sein.

"Nathan Messias" lässt derartige Versöhnungsangebote komplett hinter sich. Es gibt keine Verbrüderungsszenen, keine plötzliche Entdeckung von Verwandtschaftsbeziehungen, keine Traumhochzeit am Ende des Stückes. Stattdessen erscheint Nathan als ein Fremder vor den Toren der Stadt. Er verkündet das Ende aller Zeiten und rechnet mit allen drei Religionen gnadenlos ab. Ihre Anhänger seien das Pack Gottes, Verblendete, ihre Prediger Schandpriester. Scharenweise laufen die Jerusalemer BürgerInnen ihm nach.

Der Bürgermeister, ein Machtmensch, sieht sich wie die Vertreter der Religionen vor die Wahl gestellt: Nathan vertreiben oder die Kontrolle über seine Stadt verlieren. Also schließt er mit Imam, Rabbi und Kardinal einen Pakt. Ohnehin nehmen diese Prediger sich nichts – folgerichtig werden alle von Adolfo Assor dargestellt, der auf klapprigen Stelzen durch den Raum eiert und mit hilflosen Gesten um Gehör fleht. Dass der Schauspieler zeitweilig mit seinen Textmassen kämpft, tut seiner Überzeugungskraft keinen Abbruch – leiern die Prediger doch auch nur Auswendiggelerntes herunter.

Aber was ist es eigentlich, was dieser Nathan verkündet? Womit begeistert er die Massen? Weiß er einen Ausweg aus dem ewigen Kampf der Religionen? Keine Spur. In einer flammenden Rede vertritt er das Ende aller Werte – die Religionen haben nichts zu bieten. Und im Gegensatz zu Lessings Nathan glaubt er auch nicht mehr an die Vernunft. Schon bei Lessing gab es den Funken einer Kritik an diesem Rationalismus – denn Nathan ist ja gläubiger Jude. Seine Ringparabel soll Frieden stiften – und dennoch hält er seine Religion für die beste. Der neue Nathan ist selbst ein Verkünder. In nichts besser als seine Vorgänger, predigt er eine neue Religion, lässt er Rebecca ein Glaubensbekenntnis sprechen. Eine Antwort auf Religionskriege, auf den heutigen Nahostkonflikt bietet das Stück nicht. Allein eine zutiefst pessimistische Deutung: Die Menschen können nicht anders.

Die bekannte Germanistin Ruth Klüger hat als besondere Leistung Lessings seine Frauendarstellung hervorgehoben. Sie sind wirkliche Persönlichkeiten: Im "Nathan" gibt es drei starke Frauen, die für unterschiedliche Weltanschauungen stehen, statt sich auf das klassische Trio von Mutter, Hure und heiliger Jungfrau zu beschränken. Leider verzichtet "Nathan Messias" auf diese Chance. Die drei Frauen werden verdampft zu einer einzigen – und diese Rebecca besteht aus reiner Emotion. Neben den Männern, die durchdrungen sind von (macht)politischen und religiösen Überzeugungen, steht sie für ein völkerverbindendes Verständnis, für die Liebe über Grenzen hinweg. Rebecca steht zwischen mehreren Männern, die sie liebt oder von denen sie geliebt wird: ihr Vater, Mikael, Jamal, Nathan. Nathan hängt sie an, da er ihr "gibt, was ihr noch kein Mann gegeben hat".

Damit verfallen die Autoren hinter Lessing zurück – sehr enttäuschend bei einer Inszenierung, die doch modernisieren will. Das Prinzip der Unvoreingenommenheit und Menschenliebe wird auf weibliche Herzensgüte und Einfachheit reduziert. Insgesamt ergibt das ein Bild vom Nahen Osten, in dem sich die Männer streiten wie kleine Jungs und die Frauen eigentlich nur wollen, dass sich alle vertragen. Diese Reduzierung ist schade – eine Modernisierung hätte nicht ein derart antiquiertes Frauenbild gebraucht.

Das Stück kommt genau zur rechten Zeit zur Pro Reli-Debatte. Doch weder VerfechterInnen konfessionellen Religionsunterrichts noch VertreterInnen von "Ethik" als Pflichtfach werden mit diesem "Nathan" glücklich. Zutiefst fatalistisch, weist "Nathan Messias" alle Heilsversprechen zurück. Es ist eine allgemeine Ratlosigkeit, in der sich das Volk von Jerusalem und die ZuschauerInnen befinden. Gegen Ideologien stehen immer wieder nur Ideologien.

AVIVA-Tipp "Nathan Messias" wird sicherlich äußerst kontroverse Debatten entfachen. Angegriffen fühlen kann sich beinahe jede/ r. Mit seiner kategorischen Ablehnung einfacher Antworten und seiner Weigerung, auch nur eine einzige Identifikationsfigur auf die Bühne zu stellen, fordert es die ZuschauerInnen zum Selberdenken auf. Den Text zum Stück würde man gerne nachlesen – die pamphletartigen Reden des Allroundpredigers, die Feuerreden Nathans, das Hin und Her zwischen Mikael und Jamal kommen einfach zu geballt daher.

Feridun Zaimoglu wurde als Autor von "Kanak Sprak" bekannt, in dem er jungen türkischen MigrantInnen eine Stimme gab. Er tritt für eine selbstbewusste Haltung von MigrantInnen und gegen jegliche Exotisierungsversuche ein. Günter Senkel hat, oft zusammen mit Zaimoglu, mehrere Drehbücher verfasst. Der Regisseur Neco Celik arbeitet als Medienpädagoge im Kreuzberger Jugendzentrum NaunynRitze und hat mehrere Filme gedreht und unter anderem am Hebbel-Theater Berlin Regie geführt.

Nathan Messias. Von Feridun Zaimoðlu und Günter Senkel
Regie: Neco Çelik
Mit Sanam Afrashteh, Adolfo Assor, Ýsmail Deniz, Murat Seven, Attila Oener, Uwe Preuss
Vorstellungen 18.-21. April, 27.-29. April 2009, 20 Uhr
Veranstaltungsort: Ballhaus Naunynstraße
Naunynstr. 27
10997 Berlin
Karten: 030 - 34 74 598 99
Weitere Informationen unter www.ballhausnaunynstrasse.de/





Kultur Beitrag vom 16.04.2009 Claire Horst 

   




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