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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 03.07.2009

It happened just before. Kurz davor ist es passiert. Auf DVD
Clarissa Lempp

Anja Salomonowitz dokumentiert das Phänomen Frauenhandel und setzt dabei bedacht und kunstvoll Mittel des szenischen Films ein, um eine wichtige Perspektive auf die Problematik zu ermöglichen.



Frauenhandel ist eine globale Erscheinung. Verschleppte Frauen sind auch "unter uns", hinter verschlossenen Einfamilienhaus-Türen, in Bordellen oder als Kinderfrau in der Stadtvilla. Anja Salomonowitz hat sich diesem Aspekt filmisch genähert. Mit Hilfe der österreichischen Frauenrechtsorganisation Lefö sammelte sie Protokolle betroffener Frauen. Diese Berichte lässt sie durch Menschen nacherzählen, die mit den Ereignissen und Orten in Berührung stehen könnten. Ein Taxifahrer aus Wien, der Barmann eines Bordells, die Konsulin, eine Nachbarin. Der Film eröffnet mit einer Szene aus der Dienstzeit eines Zollbeamten an einem kleinen Grenzübergang zur Tschechei. Er erzählt in der Ich-Form von falschen Versprechungen des Verlobten, die zu Drohungen übergehen, die unerlaubte Einreise nach Österreich. Verschuldung, Drogen, Gewalt, Scham, Angst vor der Polizei. Der alltägliche Horror einer illegalen Zwangsprostituierten.

Tatsächlich fühlt man sich durch die paradoxe Verfremdung zwischen Bild und Ton-Ebene an einen Horrorfilm erinnert, einer der perfiden, schleichenden Sorte, wie Shinig oder Hotel. Die hochidealisierte, zum Teil pompös, manchmal fast kitschig idyllisch anmutende Alltagsszenerie, wird durchbrochen von den rezitierten Erfahrungsberichten. Etwas Fremdes, Unheimliches überlagert das stilisierte Bild, die Erzählenden wirken wie besessen, die geschilderten Ereignisse schaffen sich Raum in der Vorstellung. Mit diesen drei Ebenen erfasst Salomonowitz das undurchlässige Wesen dieser menschenverachtenden Verstrickungen: ein fehlendes gesellschaftliches und behördliches Bewusstsein um die Zwangslage dieser Frauen, die gerade erst durch ihre Unsichtbarkeit entstehen kann.

"Kurz davor ist es passiert" ist der zweite große politische Dokumentarfilm den Anja Salomonowitz realisierte. Bereits für ihren letzten Film "Das wirst du nie verstehen/You will never understand this", über die Verwicklungen ihrer eigenen Familie mit den Ereignissen des zweiten Weltkriegs, erhielt sie internationale Anerkennung. "Kurz davor ist es passiert" erhielt auf der Viennale 06 den Wiener Film Preis und ist unter anderem für den Caligari-Preis des Internationalen Forum des Jungen Filmes nominiert. Auch die hervorragende und stilsichere Bildgestaltung von Jo Molitoris wurde durch den Kamerapreis der Diagonale07 ausgezeichnet.

Festivals & Preise (Auswahl): Viennale 2006 - Wiener Film Preis, Mar del Plata 2007 - Artistic Innovation Award, Diagonale 2007 – Preis für die beste Bildgestaltung, Preis der Wiener Filmjournalisten 2007, Caligari-Filmpreis Berlinale 2007

AVIVA-Tipp: Anja Salomonowitz stellt Fiktion und Dokumentation in ein spannendes Verhältnis. Damit gelingt ihr die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Medium und gleichzeitig ein ergreifender und präziser Bericht über die Situation illegaler Frauen in Zwangssituationen. Ein spannender Dokumentarfilm, der durch ein starkes Konzept und eine auffallende Bildgestaltung überzeugt. Ein kleines Kunstwerk, das unbedingt zu sehen ist.

Kurz davor ist es passiert/It happend just before
Dokumentar-Spielfilm/Österreich, 2006
Mit: Rainer Halbauer, Otto Pikal, Anna Sparer, Leopold Sobotka, Mag.Gertrud Tauchhammer
Drehbuch und Regie: Anja Salomonowitz
Konzeptionelle Beratung: Nora Sternfeld, Radostina Patulova
ProduzentInnen: Gabriele Kranzelbinder, Alexander Dumreicher-Ivanceanu
Kamera: Jo Molitoris
Schnitt: Fédéric Fichefet, Gregor Wille
Musik: Florian Richling und David Salomonowitz
72 min, 35mm, Farbe
DVD-Extras: Interview mit Anja Salomonowitz (A 2009, 15 min.), Fotogalerie, Unterrichtsmaterial, Trailer
Empf. VK: 19,90 Euro
EAN: 9783941540026/ISBN: 978-3-941540-02-6
Produktion: Amour Fou, Wien
Verleih Deutschland: Filmgalerie 451
Deutsch mit englischen Untertiteln
www.filmgalerie451.de

Weitere Infos zum Film finden Sie auf der Homepage der Regisseurin: www.anjasalomonowitz.com

Terre des femmes engagiert sich auch innerhalb Deutschlands für Opfer von Frauenhandel: www.frauenrechte.de

"Wir sind unter euch" lautet der Slogan der Gesellschaft für Legalisierung, die der Kriminalisierung von MigrantInnen entgegensetzt. Mehr dazu unter: www.rechtauflegalisierung.de

Die österreichische Frauenrechtsorganisation Lefö im Netz: www.lefoe.at



Kultur Beitrag vom 03.07.2009 Clarissa Lempp 

   




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