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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 01.09.2009

Der Auftrag der Farbe. Die Expressionistin Ilse Heller-Lazard
Katharina Liese

Das Verborgene Museum in Berlin zeigt vom 30. September 2009 bis zum 31. Januar 2010 erstmals Werke der Malerin. Eine Auswahl ihrer rund 200 Gemälde wird gemeinsam mit Briefen, Dokumenten und...



...Fotografien ein Künstlerinnenleben rekonstruieren, wie es für die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beispielhaft war.

Bekannt sind die Montmartre-Szenen und Gurs-Zeichnungen der Rilke-Freundin Lou Albert-Lazard. Gänzlich unbekannt sind dagegen aber die expressionistischen Gemälde ihrer Schwester Ilse Lazard, die mit Lou von klein auf die Leidenschaft für die Malerei geteilt hat. Vor kurzem erst wurden ca. 200 Gemälde aus privatem Nachlass der Expressionistin Ilse Heller-Lazard (1884-1934) bekannt, von denen "Das Verborgene Museum" in Zusammenarbeit mit dem Kurator Matthias Heller, einem Nachfahren der Künstlerin, eine Auswahl präsentiert.

© Ilse Heller-Lazard um 1919. Fotografie: Nachlass Ernst Heller, Schweiz


Ilse Heller-Lazard gehört - wie ihre Schwester Lou Albert-Lazard - zu den wenigen Künstlerinnen im westlichen Europa, denen es wie z.B. Alice Bailly, Sophie Taeuber-Arp und Clara von Rappard in der Schweiz, Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Käthe Kollwitz in Deutschland, Gabriele Münter und Marianne Werefkin aus dem Kreis des Blauen Reiter und Marie Laurencin, Suzanne Valladon und Berthe Morison in Frankreich gelungen ist, sich mit dem Wunsch nach einer professionellen Ausbildung im Elternhaus und gegen die gesellschaftlichen Konventionen durchzusetzen.

Ilse Lazard wurde 1884 im deutsch-lothringischen Metz geboren. Sie wuchs im Hause des angesehenen jüdischen Bankiers Leopold Lazard und seiner jungen deutsch-amerikanischen Gattin Jenny Stein in der Obhut französischer und deutscher Gouvernanten auf. 1885 wurde die Schwester Louise, genannt Loulou, geboren. Beide waren von klein auf an Musik und Kunst interessiert und erhielten von 1904 bis 1906 in München ihren ersten Mal- und Zeichenunterricht.

Die entscheidenden Jahre ihrer Ausbildung erfuhr Ilse Lazard noch vor dem Ersten Weltkrieg: 1911 ging sie nach Dresden, wo mit der Gründung der Künstlergruppe "Brücke" seit 1905 die moderne Kunst Einzug gehalten hatte und ihr deutsch-lettischer Lehrer Johann Walter-Kurau (1869-1932) in seiner Auffassung stark vom Expressionismus der "Brücke" geprägt war. Johann Walter-Kurau war besonders bei den Künstlerinnen beliebt, weil diese damals noch nicht die Akademie besuchen durften. Er motivierte und ermutigte sie, den schwierigen Weg einer professionellen Malerin zu gehen. Wie Ilse Heller-Lazard haben auch Else Lohmann, die spätere Bauhäuslerin Margarete Schall, Luise Grimm und viele andere das Handwerk bei ihm gelernt.

© Ilse Heller-Lazard. Dame mit Hut, um 1915. Öl/Leinwand, 49x60cm. Nachlass Ernst Heller, Schweiz


1914 setzte Ilse Lazard ihr Studium in Berlin bei Lovis Corinth und an der Lewin-Funcke Schule fort, wo sie dem zehn Jahre jüngeren Schweizer Bildhauer Ernst Heller (1895-1972) begegnete. Heller unterstützte sie in allen ihren Belangen als Malerin. 1916 war sie an der Juryfreien Berliner Kunstausstellung beteiligt, 1919 an einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich - ein entscheidender Schritt in die Öffentlichkeit. KunstliebhaberInnen und -fördererInnen wurden auf sie aufmerksam und Erfolg stellte sich ein. Sie verkaufte einige ihrer Gemälde.

Mit Ernst Heller verband Ilse Lazard ein kompliziertes Liebesverhältnis, das 1918 zu einer von Eifersucht, Angst und Konkurrenz gezeichneten Künstler-Ehe führte. Sie wohnten und arbeiteten in einem Atelier im idyllisch gelegenen Eglisau am Rhein, nördlich von Zürich, nahe der deutschen Grenze. Hier entstanden interessante Landschaftsbilder. Von der Schweiz aus zog es beide auf den Spuren der klassischen Kunst in den mediterranen Süden, nach Rom, wo sie künstlerische Inspiration suchten.

1927 kam es zu einem Einschnitt im Leben und in der Malerei. Ilse Heller-Lazard konnte es sich durch eine Erbschaft endlich leisten, in der ersehnten Kunstmetropole Paris ein Atelier zu nehmen. Anregung für alle Sinne waren die Salons, die Galerien und Museen, aber auch die Künstlerfeste in internationaler Atmosphäre. Hier erlebte Ilse Heller-Lazard das großstädtische Flair im Gegensatz zur Welt der italienischen Landschaft.

Am 10. Januar 1934 starb Ilse Heller-Lazard im Amerikanischen Krankenhaus in Paris-Neuilly an Brustkrebs.


Lesen Sie an dieser Stelle das Interview mit der Chefkuratorin und Geschäftsführerin Marion Beckers sowie mit der Leiterin Elisabeth Moortgat des Verborgenen Museums:

Am 30. September 2009 eröffnet die Ausstellung "Der Auftrag der Farbe. Die Expressionistin Ilse Heller-Lazard". Wie sind Sie auf die Künstlerin aufmerksam geworden?
Der Nachlassverwalter von Ilse Heller-Lazard und jetzige Kurator Matthias Heller ist an "Das Verborgene Museum" vor einigen Jahren herangetreten und hat Werke der Malerin vorgestellt. Der Qualität entsprechend, haben wir beschlossen, eine erste Ausstellung dieser gänzlich vergessenen Künstlerin zu veranstalten. Der Kurator hat das Leben recherchiert, ein Werkverzeichnis der Gemälde erstellt. Gemeinsam wurden eine Auswahl für die Ausstellung getroffen und die Termine festgesetzt. Und nun kann die erste Einzelausstellung von Ilse Heller-Lazard dem Publikum gezeigt werden.

Was ist das Besondere an Ilse Heller-Lazard?
Ilse Heller-Lazard, die von 1884 bis 1934 lebte, gehörte zu den Künstlerinnen im westlichen Europa um 1900, denen es gelungen war, die gesellschaftlichen Konventionen zu durchbrechen und sich eine Ausbildung zur Malerin zu verschaffen.
Ihre Gemälde können der lichten Variante des Expressionismus zugerechnet werden. Sie entfalten ihren Reiz aus der vom Gegenstand gelösten Farbgebung und dem Charme der mediterranen Motivwelten. Die für den Expressionismus typische Dominanz der Farbe über die Form macht die Modernität ihrer Malerei aus und verleiht ihren Gemälden bis heute ungebrochene Attraktivität.
Ilse Heller-Lazard hat auf individuelle Weise einen Beitrag zum Kunstgeschehen ihrer Zeit geleistet.

Welche Idee steckt hinter dem Verborgenen Museum und was möchten Sie damit erreichen?
Das Verborgene Museum wurde 1986 in Berlin mit der Zielsetzung gegründet, Lebenswerk und Lebensgeschichte von Künstlerinnen bekannt zu machen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Vergessenheit geraten sind. Es ist die weltweit einzige Einrichtung, die sich programmatisch um die öffentliche Präsentation und wissenschaftliche Aufarbeitung der Lebenswerke von Künstlerinnen zurückliegender Jahrhunderte bzw. nicht mehr aktiv tätiger Künstlerinnen kümmert.
In den vergangenen 23 Jahren hat "Das Verborgene Museum" durch Ausstellungen und Publikationen auf ca. 80 Lebenswerke öffentlich hingewiesen und durch wissenschaftliche Veröffentlichungen die Basis für die Einbeziehung in den akademischen Diskurs sowie für eine Wertschätzung auf dem Kunstmark gelegt.
Seit Bestehen des Vereins haben sich nationale und internationale Verbindungen mit Museen, Archiven und Hochschulen, mit Galeristen, Nachlassverwaltenden und dem Publikum zu einem Netzwerk entwickelt, das seinerseits wiederum dazu führt, vergessene und verstreute Nachlässe von Künstlerinnen zu Tage zu fördern.

Wie viele Ausstellungen pro Jahr werden im Verborgenen Museum gezeigt? Steht die nächste Ausstellung schon fest?
Es werden ca. drei bis vier Ausstellungen pro Jahr gezeigt. Im kommenden Jahr werden u.a. Ausstellungen zur Tänzerin Tatjana Barbakoff gezeigt, die 1899 in Lettland geboren wurde und 1944 in Auschwitz starb, sowie zum 100-jährigen Geburtstag der 2001 verstorbenen deutschen Fotografin Marianne Breslauer.

Der Auftrag der Farbe. Die Expressionistin Ilse Heller-Lazard
Das Verborgene Museum
Dokumentation der Kunst von Frauen e.V.

Schlüterstraße 70
10625 Berlin
Tel.: 030 - 313 36 56
www.dasverborgenemuseum.de

Kommende Ausstellungen

Frühjahr 2010:
Tatjana Barbakoff (1899-1944), Tänzerin und Muse

Sommer 2010:
Marianne Breslauer zum 100.Geburtstag
Cäcilie Davidis - Papierfiguren

Oktober - Dezember 2010:
Henriette Grindat (1923-1986), Das Licht und die Materie - Fotografien

Kultur Beitrag vom 01.09.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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