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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 21.01.2010

Ein Sommer in New York - The Visitor
Kristina Tencic

Wer bei diesem Titel an eine seichte Liebeskomödie denkt, ist bei diesem Film falsch beraten, denn McCarthy zeichnet ein brillant kritisches Porträt der amerikanischen Gesellschaft nach 9/11.



Walter Vale führt ein ziemlich eintöniges Leben. Er lebt in einem besseren Vorort von Connecticut, lehrt seit zahllosen Jahren die gleichen Inhalte als Wirtschaftsprofessor an der Universität und seit seine Frau vor fünf Jahren gestorben ist, besteht seine einzige Aufgabe darin, zu ihrem Andenken das Klavierspielen zu erlernen. Darin ist er leider auch weder engagiert noch talentiert.

Als angeblicher Co-Autor eines Aufsatzes wird Walter (Richard Jenkins, der uns schon aus "Burn after Reading" bekannt ist und für diese Rolle seine erste Oscar-Nominierung inne hat) nach New York zu einer Konferenz beordert. Angekommen im Big Apple sucht er seine bereits über Jahre alleinstehende Wohnung auf, die zu seinem Erschrecken gar nicht so vereinsamt ist wie angenommen: Ein junges Paar wurde Opfer eines Immobilien-Kriminellen, der ihnen die leere Wohnung vermietete, und nistete sich dort fälschlicherweise ein. Der Syrier Tarek (Haaz Sleiman) und seine senegalesische Freundin packen sofort reumütig ihr spärliches Gut zusammen, doch der sonst so menschenscheue Professor gewährt ihnen mildtätig, eine weitere Nacht zu bleiben.

Gleichwohl bleibt es nicht bei der einen Nacht – Walter findet Gefallen an dem temperamentvollen und lebensbejahenden Paar und sie entdecken in den darauffolgenden Tagen in der Musik eine verbindende Leidenschaft. Als Walter an einem Abend von der langweiligen Konferenz heimkehrt, spielt Tarek seine Djembe-Trommeln und haucht seinem neugewonnenen Schüler Walter wieder Rhythmus ein. Gemeinsam spielen sie in einer afrikanischen Trommelgruppe im Central Park und man/frau beginnt Sympathie und Respekt für den schnöden Walter im Anzug zu entwickeln, der sich jedenfalls sichtbar wohlfühlt in der unkonventionellen Trommelrunde.

Auf dem Nachhauseweg wird Tarek in der U-Bahn von Zivilpolizisten kontrolliert und sofort mitgenommen. Walter versteht nicht gleich, doch an dem Schock, den diese Geschichte bei der Somalierin Zainab (Danai Gurira) auslöst, ahnt er, dass dies Folgen nach sich ziehen wird.

Tarek und Zainab leben wie geschätzte Millionen Menschen illegal in den USA. Durch ihre Unauffällig- und Eifrigkeit konnten sie bisher ihr Leben relativ unbeschwert im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bestreiten, doch findet sich Tarek nun in Abschiebehaft in einem Internierungszentrum in Queens wieder. Die Freiheitsstatue als Graffiti an der Wand wird hierbei zum Symbol für das Paradox jener Gesellschaft, die sich einst als freies Einwanderungsland feierte und stets stolz mit ihrer Vielfalt umging. Man/frau erfährt im Film, dass sich nach 9/11 die Aufenthaltsregelungen stark verschärft haben und Walter seinen neugewonnenen Freund in einer unscheinbaren Lagerhalle in einem Gewerbegebiet ausfindig macht. Die Freiheitsstatue wird zur Farce in einem Internierungslager, in dem die einzige Möglichkeit, frische Luft zu schnappen, aus einem Raum ohne Decke besteht und in dem die Insassen manchmal jahrelang in den pausenlos beleuchteten Zellen verharren müssen.

Da Zainab auch illegal ist, wird Walter in dieser schicksalhaften Konstellation zum einzigen, dem der Besuch des Häftlings gestattet ist. Und als auch noch Tareks Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn in seine Wohnung kommt, glaubt man kurz, dass es dem lebensmüden Professor vielleicht doch zu viel werden könnte und er sich aus dem Staub macht. Überraschenderweise läuft Walter jedoch mit der Präsenz der sanftmütigen Mutter, die dennoch wie eine Löwin für das Wohl ihres Sohnes kämpft, zu neuen Hochformen auf. Er schaltet einen Anwalt ein und tut alles dafür, bei Tareks Mutter Mouna zu bleiben und die Abschiebung Tareks zu verhindern. In diesem zweisamen Kampf kommt dann auch die Romantik zum Zuge und verleiht dem Film mit der großartigen Schauspielerin Hiam Abbas noch das gewisse Etwas.

"Ein Sommer in New York" (im Original trägt der Film den passenderen Titel "The Visitor") ist ein leises Anklopfen – man könnte auch sagen Antrommeln- gegen die ungerechten Verhältnisse nach 9/11, in einem Land, in dem das Gefühl der kollektiven Angst die Gesellschaft lähmt und vermeintlich blind macht für die Verbrechen (siehe Guantanamo), die im Namen der Sicherheit begangen werden. Der gut situierte Professor wird darin zur Verkörperung der Zivilcourage und des Mitgefühls und man/frau hört den Filmemacher Tom McCarthy förmlich rufen: schaut hin, wen ihr zu Kriminellen macht, schaut euch genau die Einzelschicksale an und fällt dann euer Urteil! Denn auch Walter versperrt sich nicht gegen sein Schicksal sondern nimmt es an und kommt schlussendlich erst dadurch wieder in den freudigen Takt des Lebens.

AVIVA-Tipp: "Ein Sommer in New York" ist ein bewegender und doch sanfter Appell zur Rückkehr der Menschlichkeit in einer Zeit, in der vom Melting Pot Amerika scheinbar nur Scherben übrig geblieben sind. Unbedingt ansehen, mitfühlen, mitleiden und eigene Schlüsse ziehen!

Zum Regisseur: Tom McCarthy hatte sich bereits als Schauspieler mit Filmen wie "Meine Braut, ihre Eltern und ich" (2000) und "Good Night, and Good Luck" (2005) u.a. einen Namen gemacht, als er mit "The Station Agent" (2003) zum hochgelobten Regisseur wurde. "Ein Sommer in New York" ist somit sein zweiter Independent-Film und hat für seinen Hauptdarsteller bereits eine Oscar-Nominierung erzielt.

Ein Sommer in New York – The Visitor
USA 2009
Regie und Drehbuch: Tom McCarthy
Darstellerinnen: Richard Jenkins, Haaz Sleiman, Hiam Abbass, Danai Gurira u.a.
Spielzeit: 81 Minuten
FSK: keine Altersbeschränkung
Kinostart: 14.01.2010
www.pandastorm.com/visitor

Kultur Beitrag vom 21.01.2010 Kristina Tencic 

   




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