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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 25.02.2010

EastWestSideStory - Theater gegen Gewalt
Nadja Grintzewitsch

In einer beispiellosen zweijährigen Kooperation der Jugendstrafanstalt Plötzensee und der Justizvollzugsanstalt für Frauen (Lichtenberg) entstand diese Hip-Hop-Oper für Toleranz und Respekt.



Inszeniert und aufgeführt wurde sie von Berliner jugendlichen StraftäterInnen im Alter von 17 bis 24 Jahren.

Bereits 2003 entwickelte Schauspielerin Sabine Winterfeldt gemeinsam mit ihrer Schwester, der Psychotherapeutin Heidi Grätsch, ein Theaterprojekt in Kooperation mit der Jugendstrafanstalt Wriezen. Dabei entstand ein Stück auf der Textgrundlage von Schillers Räubern, das von den Jugendlichen neu interpretiert wurde und analog zum Original den Titel "Die Räuber von Wriezen" erhielt. Für ihr neues Projekt, das sowohl an Shakespeares "Romeo und Julia" als auch an die "Westsidestory" angelehnt ist, konnten die Initiatorinnen ihre gesammelten, durchweg positiven Erfahrungen nutzen. Dabei erhielten sie Unterstützung von zahlreichen engagierten Menschen - unter anderem SchauspieltrainerInnen, einer Bühnen- und Kostümbildnerin, Musikern - und vor allem von dem Regisseur Fritz Bleuler, der die künstlerische Leitung der EastWestSideStory übernahm.

© Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft e. V.


"Sich gegenseitig Aufmerksamkeit schenken war von Anfang an ein Problem", berichtet Winterfeldt über die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen, die sich anfangs nur schwer darauf einstellen konnten, die anderen ausreden zu lassen und in ihrer Rolle anzuerkennen. Inzwischen funktioniere die Gruppe aber und das gemeinsame Wirken beruhe auf einem respektvollen Miteinander. Es sei "auffällig, welche Talente in den Jugendlichen schlummern", so Winterfeldt weiter. Den Stoff hätten aber die meisten zuvor nicht gekannt, am ehesten noch den Film "Romeo und Julia" mit Leonardo DiCaprio.

"Die Liebe ist immer aktuell, es ist ja nicht so, dass sie irgendwann mal out wird." (so eine Darstellerin).

Persönliche Begegnungen zwischen den Theatergruppen der beiden Strafanstalten fanden durch die Haftbedingungen so gut wie nicht statt. Daher spielte der Austausch von Film- und Tonaufnahmen eine wichtige Rolle. Im Herbst 2009 entstand aus einzelnen Interviewsequenzen eine Kurzdokumentation, die in das Stück integriert wurde. Dabei beantworteten die Jugendlichen Fragen zum übergeordneten Thema Liebe und gaben kurze Statements zu vergangenen Beziehungen, Trennungen und der aktuellen Gefühlslage ab.
Selbst die härtesten Kerle äußerten sich plötzlich sanft, fast poetisch. Uneinigkeit herrscht nur darüber, wo denn nun genau die Liebe sitzt: "Im Bauch und im Kopf." "Im Herz natürlich!" Auf das Thema Zwangsheirat angesprochen, waren aber alle der gleichen Ansicht, ob Mann oder Frau, ob mit oder ohne Migrationshintergrund: "Wenn heiraten, dann nur aus Liebe!"

Hip Hop und Jugendslang

Erfahrungen mit Ausgrenzung haben sie alle gemacht, sei es aufgrund der Hautfarbe, der Religion oder dem "Ossi-Wessi-Konflikt". Letzterer spielt in dem Stück eine ganz zentrale Rolle. So ist Julia Capulet auf der "Eastside" aufgewachsen, also im Ostteil Berlins, während Romeo Montague und seine Familie eindeutig der "Westside" angehören – und somit einer völlig anderen Welt Julias. Hier erkennt man einige Motive aus Leonard Bernsteins Westsidestory wieder. "Das ist aber nicht alles, woraus das Stück besteht." erklärt eine der Schauspielerinnen vehement. "Das Wichtigste ist, dass wir von unseren eigenen Erfahrungen berichten und in unserer eigenen Sprache sprechen."

Und dabei tritt das kreative Potenzial der Jugendlichen deutlich zutage, angefangen bei der Musik. Gemeinsam mit professionellen Musikern wurden Rap-Passagen erarbeitet und in die EastWestSideStory eingebaut. Die Texte gehen unter die Haut. Es sind sehr persönliche Zeilen wie "Schalt den Kopf ein und hör zu: Wir sind nicht weniger wert als du" oder "Mama, es tut mir Leid, dass dein Sohn im Knast sitzt – danke Mama, dass du trotzdem stolz auf mich bist [...] Es gibt Millionen von Tränen, die du vergießt, weil du mich alle zwei Wochen für zwei Stunden siehst." So überzeugend vorgetragen, dass frau Gänsehaut bekommt. Die instrumentelle Livebegleitung (Musiker in Aufseheruniformen) weckt zusätzlich nostalgische Erinnerungen an die Band "No Limit", Urgestein des Berlin-Musicals "Linie 1".

© Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft e. V.


Die Clans der Capulets und Montagues werden zu Sprayern und gefährlichen Straßengangs, die Kampfszenen sind perfekt aufeinander abgestimmt und sehen erschreckend echt aus. Wunderbar die Dialoge zwischen den Liebenden. Romeos Bekenntnisse ("Wenn du willst, ziehe ich für dich sogar nach Oberschöneweide!") und Julias modernsprachliche Einschätzung der Dinge ("Du kennst meinen Cousin nicht, der ist ein superbrutales Schwein. Der würde dich glatt killen!") sorgen für anhaltende Lacher. Es ist eine äußerst moderne Adaption des Stoffes und die Jugendlichen tragen ihn mit Begeisterung und sehr lebendig vor. Einige Textstellen jedoch wurden zur Aufrechterhaltung der Romantik bewusst beibehalten, so beispielsweise Julias berühmter Monolog im Dritten Aufzug ("Komm Nacht [...] und gib mir meinen Romeo!").

Mit Vorurteilen aufräumen

Vor allem sollte den Jugendlichen innerhalb des Projektes die Möglichkeit gegeben werden, sich mit Gewalterfahrungen und falschen Rollenbildern intensiv auseinander zu setzen. Im Laufe der zwei Jahre veränderte sich für die SchauspielerInnen viel zum Positiven. Ein Insasse berichtet stolz vom Erwerb seines erweiterten Hauptschulabschlusses, eine andere, dass sie gelernt habe, mit Menschen zu kooperieren. Man habe vor allem viel über sich selbst gelernt. "Ich habe angefangen, Bücher zu lesen!" ruft ein Jugendlicher fröhlich und löst allgemeines Gelächter aus.
Die wesentliche Botschaft scheint jedenfalls angekommen zu sein. "Mann, sie wollen hören, dass du Vorurteile abgebaut hast!" erklärt einer der Häftlinge augenzwinkernd, als eine Reporterin nachhakt.
Dies ist nicht zuletzt dem großartigen Engagement aller ProjektmitarbeiterInnen zu verdanken, allen voran Sabine Winterfeldt und Heidi Grätsch.

Leider gab es nur wenige öffentliche Aufführungen der EastWestSideStory, welche unverzüglich ausverkauft waren. Aufgrund des hohen organisatorischen Aufwandes, alleine der Sicherheitskontrollen der BesucherInnen, waren zusätzliche Darbietungen schlichtweg nicht möglich.
Jedoch: Befragt, ob sie nach abgesessener Strafe denn in der gleichen Besetzung noch einmal auftreten würden, antworten die Jugendlichen geschlossen: "Auf jeden Fall!"
Frau darf also hoffen.

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.eastwestsidestory.de

Kultur Beitrag vom 25.02.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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