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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.03.2010

Hochburg der Sünden - Ein Film von Thomas Lauterbach
Undine Zimmer

Theaterregisseur Volker Lösch hat Euripides Medea mit 17 türkischen Laiendarstellerinnen besetzt und in Stuttgart auf die Bühne gebracht. Der Film begleitet die Proben und die...



...intensiven Diskussionen hinter der Bühne. Die Auseinandersetzungen der Darstellerinnen mit ihren eigenen, zum Teil schmerzhaften Erfahrungen, macht die Frage, wie ist `die türkische Frau´ für die Beteiligten zu einem Prüfstein ihres eigenen Selbstverständnisses.

Die Figur der Medea von Euripides wurde in der Theater- und Filmgeschichte bereits in unterschiedlichsten Rollen dargestellt. Sie war schon immer Außenseiterin, Ausländerin, Exotin und sie war immer mächtig, geheimnisvoll, erotisch. Längst hat sich die feministische Literatur Medea als Vertreterin erwählt. In Volker Löschs Inszenierung wird Medea zur Vertreterin der türkischen Migrantinnen - einer vermeintlich homogenen Gruppe unserer Gesellschaft, die man so gut aus den Medien kennt. Wenn Medea Türkin wird, dann ist allen klar auf welchen medialen Diskussionen ihre Identität aufgebaut wird: Patriarchalische Familienstrukturen, Ehrenmorde, Zwangsheirat und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Die 17 Frauen, die Medea als "die türkische Frau" darstellen, sind jedoch selbstbewusste, moderne Türkinnen. Ihre Geschichten sind sehr unterschiedlich und werden in die Produktion miteingearbeitet.

Filmregisseur Thomas Lauterbach hat sich dafür entschieden vor allem einer der Frauen mit seiner Kamera zu folgen. Gewählt hat er Aysel, die einzige von den Frauen, die ein Kopftuch trägt. Sie hält sich streng an die Gesetze des Korans und scheint die einzige in der Gruppe zu sein, die keine gewaltsamen Erfahrungen gemacht hat. Umso schwerer fällt es ihr, die Kritik von den anderen Frauen an den Traditionen ihrer gemeinsamen Kultur und Religion zu akzeptieren. Aysel ist eine offene Person und lacht viel - auch über sich selbst, wenn sie sich durch die Arbeit an dem Stück an ihren moralischen Grenzen herausgefordert fühlt. Zu ihrer Gegenspielerin wird Annabella, eine emanzipierte, selbstbestimmte Frau, die mit Begeisterung die Ausdrucksmöglichkeiten zelebriert, die ihr die Bühne bietet. Oft ist sie die Wortführerin hinter der Bühne. Gleichzeitig weiß sie Aysels Verwirrung am besten zu verstehen und erklären.

Lauterbach begegnet seinen Medéen mit viel Sympathie und Einfühlungsvermögen. Er folgt ihnen in die Eisdiele, in die Kantine und nach dem Feierabend ziehen sie für ihn singend durch die Stadt. Vor seiner Kamera wird zwischen den Proben offen geredet und gestritten, auch wenn die Kamera nie ganz vergessen scheint. Als Lösch die Kamera einmal verbietet, um ein Gespräch mit einer der Darstellerinnen zu führen, nimmt Lauterbach das Bild dennoch von einem Monitor ab. Diese kleinen Szenen geben der Zuschauerin das Gefühl, dass sie Dinge zu sehen bekommt, die sonst verborgen bleiben.

Volker Lösch verlangt viel von seinen Darstellerinnen. Er verarbeitet ihre Erfahrungen in seiner Medea. Die Proben gleichen manchmal therapeutischen Sitzungen. Die Frauen sollen sich öffnen und preisgeben, was er anschließend in Texten benutzt und pointiert aneinander reiht. Sie bekommen Aufgaben, die sie erledigen müssen. "Flucht und sagt die schlimmsten Worte, die euch einfallen", fordert Lösch und freut sich: "Diese Flüche reichen für 500 Männer". Die Darstellerinnen sollen auch Texte verfassen, die persönliche Erfahrungen mit häuslicher Gewalt und Unterdrückung beschreiben. Später werden sie ihre eigenen Worte auf der Bühne im Chorus der Medea sprechen.

Es ist für die Darstellerinnen nicht immer einfach, zu unterscheiden wo die Grenzen zwischen Theater und Realität verlaufen. Was für manche wie eine Befreiung ist, ist für andere schmerzhafte Arbeit. Eine der Frauen verlässt die Truppe, weil sie die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit nicht mehr ertragen kann und sich vom Team nicht genug unterstützt fühlt. Tatsächlich, so scheint es im Film, lässt Lösch die Frauen mit ihren Erfahrungen und der persönlichen Auseinandersetzung mit Medea allein.

"Das Theater ist eine Hochburg der Sünden", sagt Aysel und lacht. Ihre Neugier am Theater wird auf eine harte Probe gestellt. Darf man als gläubige Muslimin auf der Bühne bleiben, wenn hinter einem wild rumgemacht wird? Darf man diese Flüche und schmutzigen Worte sagen? Die Zusammenarbeit bringt die Frauen einander näher und beschwört Auseinandersetzungen, wo an Grenzen gerüttelt wird. Aysel gerät mehr und mehr in Konflikt mit sich selbst. Sie fühlte sich immer sicher und behütet in den Grenzen ihres Glaubens, hat diese mit der Teilnahme an der Produktion jedoch schon überschritten. Sie lacht über ihre Situation und will doch dabei bleiben.

Letztendlich erfährt man im Film wenig über die gesamte Medea-Inszenierung und nichts über die Reaktionen des Publikums. Lauterbach beschränkt sich, was das Stück angeht, ganz auf die Vorsprechen zu den Proben und die Chor-Szenen, in denen die Frauen ihre "eigenen" Texte performen. Dadurch gewinnen die Diskussionen hinter der Bühne an Raum und werden ein eigener Kommentar zum medialen Diskus über "die türkische Frau". Die Darstellung der "türkischen Frau" wird hier einmal nicht nur von den Medien verhandelt, sondern mit und zwischen den Frauen selbst.

AVIVA-Tipp: "Hochburg der Sünden" ist ein intensives und anrührendes Portrait der 17 türkischen Laiendarstellerinnen. Lauterbach stellt nicht die Entstehung der Medea-Adaption, sondern die Frauen in den Vordergrund. Statt Germanys next Top-Models hört man hinter den Kulissen Frauen zu, die über ihre eigene Identität als Türkin diskutieren, sich streiten und versöhnen. Vorbei am Theatermacher und Provokateur Lösch, vorbei an den Feuilletonisten, gibt Lauterbach denen, die dargestellt werden sollen - nicht eine, sondern verschiedene Stimmen. Und diesen Stimmen sollte man zuhören, denn sie stellen höchst interessante Fragen.

Hochburg der Sünden
Deutschland 2008
Buch und Regie: Thomas Lauterbach
Darstellerinnen: Aysel Kilic, Annabella Akcal, Hülya Özkaner, Selda Vogelsang, Volker Lösch, Beate Seidel, Suzan Ögünc, Fatma Gülcan Genc, Leyla Ibaoglu, Ruhsar Aydogan, Yasmin Sen, Bernd Freytag, Lale Asasi, Aynur Sahin, Nuray Kahraman, Senay Yilamz, Sebnem Maier,Tülay Deniz, Jessica Foitzik, Serap Yadigar
Verleih: mindjazz-pictures
Lauflänge: 79 Minuten
Kinostart: 11. März 2010
www.mindjazz-pictures.de

Kultur Beitrag vom 10.03.2010 Undine Zimmer 

   




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