Klassentreffen - Spotkanie Klasowe - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

DIE FLÜGEL DER MENSCHEN Happy End 120 BPM
Aviva-Berlin > Kultur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Kultur live
   Kino
   DVDs
   Veranstaltungen in Berlin
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 25.03.2010

Klassentreffen - Spotkanie Klasowe
Nadja Grintzewitsch

Zehn Frauen, die heute in Israel, Österreich oder Polen leben, erzählen ihre Lebensgeschichten und erinnern sich an ihre polnische Heimatstadt Lodz. Sie berichten von ihrer Schulzeit, von...



...jüdisch-deutsch-polnischen Identitäten und die Zeit der nationalsozialistischen Okkupation.

Sie wurden an unterschiedlichen Orten geboren, gehörten unterschiedlichen Religionen an und stammten aus verschiedenen sozialen Schichten. Der Titel "Klassentreffen" mag auf den ersten Blick verwirrend sein, denn die zehn interviewten Damen besuchten weder die gleiche Schule noch lernten sie sich auf andere Weise näher kennen. Auch bei den Videoaufzeichnungen begegneten sie sich nicht. Doch zwei Dinge haben die Frauen gemeinsam: Sie kamen in den Zwanziger Jahren zur Welt – und ihre Wege führten sie früher oder später, freiwillig oder unfreiwillig, nach Lodz.

Eine multikulturelle Großstadt

In den Zwanziger Jahren lebten rund 451.000 Menschen in der polnischen Industriestadt. Etwa 31 Prozent davon waren jüdischer Herkunft. Den steigenden Antisemitismus in Polen erlebten die interviewten Frauen auf unterschiedliche Weise, einige unter ihnen waren, weil nichtjüdisch, davon sogar überhaupt nicht betroffen. Sara Inka Honigman ging auf eine Schule, an der es samstags keinen Unterricht gab, dafür aber sonntags. Sie fühlte sich stets fest in der jüdisch-polnischen Identität verankert: "Ich habe immer gewusst, dass ich jüdisch bin, habe mich aber gleichzeitig als Bürgerin Polens verstanden", berichtet sie. Doch eines Tages, als sie auf der Straße mit einer Flasche Wasser unterwegs war, schlug ihr ein Mann die Flasche aus der Hand, beschimpfte sie als "dreckige Jüdin". "Da habe ich als Kind zum ersten Mal begriffen, dass es einen Unterschied gibt."

Lodz erlebten die Frauen, der sozialen Herkunft entsprechend, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Juta Bergman wurde 1934 mit ihrer Familie aus Breslau nach Polen ausgewiesen. Sie erinnert sich an eine Stadt voller rauchender Schornsteine und ArbeiterInnen, die frühmorgens auf dem Weg zu den Fabriken waren und erwähnt die große Armut, in der viele Lodzer Familien leben mussten. Wanda Folman dagegen, Tochter einer Rektorin und eines assimilierten jüdischen Landrates, beschreibt Lodz als "schön, reich, intellektuell und kulturell sehr fortgeschritten", erzählt vom Gemeinschaftsleben und den zahlreichen zionistischen Organisationen der Stadt.

Die deutsche Okkupationszeit

Am 8. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Lodz ein. Das Leben der EinwohnerInnen änderte sich schlagartig. Polen und Juden durften keine Radiogeräte mehr besitzen, alle öffentlichen polnischen und hebräischen Beschriftungen wurden beseitigt. Auch die "Nürnberger Rassegesetze", seit 1935 im Deutschen Reich gültig, wurden auf das so genannte "Generalgouvernement Polen" ausgeweitet: Eheschließungen sowie außerehelicher Verkehr zwischen JüdInnen und Deutschen waren fortan strengstens verboten.

Auch die polnischen und jüdischen Schulen mussten mit sofortiger Wirkung geschlossen werden. Schließlich riegelten die Besatzer im Februar 1940 einen kleinen Stadtteil ab, der zum Ghetto für die jüdische Bevölkerung umfunktioniert wurde. Dort wurden einige Schulen wieder geöffnet, jedoch auch teilweise illegaler Unterricht für SchülerInnen und StudentInnen organisiert. Meist waren über 40 Kinder in einer Klasse, wegen der Kälte dick in Mäntel und Handschuhe eingepackt. "Von da an haben wir gelernt, weil wir lernen wollten, nicht, weil wir lernen mussten", erklärt Sara Inka Honigman.

Lodz, inzwischen in "Litzmannstadt" umbenannt, wurde 1941 zum Sammel- und Durchgangslager für Zehntausende JüdInnen, Sinti und Roma, welche zu einem großen Teil aus Österreich stammten. So auch Hella Fixel und Grete Stern, zwei Jüdinnen und Burgtheaterverehrerinnen aus Wien.
Deportationen in das nahe gelegene Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof), später auch nach Auschwitz-Birkenau, begannen Ende desselben Jahres. Die endgültige Ghettoauflösung erfolgte im August 1944, knapp 70.000 BewohnerInnen wurden nach Auschwitz deportiert. Den Transport beschreibt Rachela Grynfeld, die als einzige aus ihrer Familie die Shoah überlebte, folgendermaßen: "Für die Notdurft wurde ein Eimer hingestellt, es gab winzige Fenster, mit Draht versperrt. Wir waren 100 Menschen pro Viehwaggon, ohne zu wissen, wohin. Bei der Ankunft befahl man uns: Raus, raus raus, raus!" Die letzten Worte spricht sie in der Sprache der Täter, auf Deutsch.

Das Ende der Naziherrschaft

Viele der damals jugendlichen Frauen wurden in Auschwitz zur Zwangsarbeit selektiert und sahen ihre Mütter, Väter oder Geschwister nie wieder. Sie erlebten die Befreiung an unterschiedlichen Orten.
Wanda Folman erzählt, wie sie von Auschwitz in ein Arbeitslager kam und von dort aus auf den so genannten "Todesmarsch" getrieben wurden. Die begleitenden SS-Wachtrupps erschossen viele der GefährtInnen am Wegesrand und ließen sie einfach liegen. Es gelang ihr schließlich, auf abenteuerliche Weise von dem Marsch zu fliehen. Wanda Folman berichtet dies in ihrer Wohnung in Israel, vor einem riesigen Fenster, im Hintergrund die sonnenbeschienenen Dächer von Haifa. Zufrieden schlussfolgert sie: "Also habe ich mich eigentlich selbst befreit!

Rachela Grynfeld arbeitete nach dem Krieg als Kindergärtnerin und zog gemeinsam mit ihrem Mann Lolek nach Holon in Israel. Jugendlichen von heute möchte sie vor allem eines mitteilen: "Dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Ob sie weiß, schwarz, rot oder gelb sind, ob sie lange oder kurze Nasen haben oder auch nach oben gebogene, ob sie blaue oder schwarze Augen haben. Alle Menschen sind gleich. Wichtig ist, dass sie Menschen sind, dass sie eine Seele und ein gutes Herz haben, Das ist wichtig. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

AVIVA-Tipp: Es sind die letzten Zeitzeuginnen unserer Epoche, die auf dieser DVD zu Wort kommen - und das ist es, was sie für künftige Generationen so unendlich wertvoll macht. Alle Interviews wurden zweisprachig aufgearbeitet, mit jeweils deutschen oder polnischen Untertiteln. Das beiliegende Booklet erhält ausführliche, sauber recherchierte Hintergrundinformationen zu Lodz und den Biografien der zehn Frauen. Nicht nur für den Geschichtsunterricht mit Schulklassen, sondern auch für interessierte Einzelpersonen bestens geeignet.

Weitere Infos finden Sie unter:

www.klassentreffen.eu



Klassentreffen – Spotkanie Klasowe
Label: CSM Production Wien
Erschienen im Verlag grenzen erzaehlen, Wien 2009
Sprache: Deutsch, Polnisch
Untertitel: Deutsch, Polnisch
Anzahl Disks: 1
VÖ: September 2009
Gesamtspieldauer: 60 Minuten



Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ina Weisse - Die Töchter der Weber. Geschichte einer glanzvollen Familie

Ich war Hitlerjunge Salomon. Von Sally Perel

Brave Old World - Songs of the Lodz Ghetto

Kultur Beitrag vom 25.03.2010 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken