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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 21.04.2010

Here and there
Kristina Tencic

New York - Belgrad. Hier und da gibt es Freud und Leid, was in Hollywood-Filmen allerdings selten zum Vorschein kommt. Darko Lungolov beschreibt feinfühlig und authentisch eine Lebenswelt, in der...



... geographische und ideologische Grenzen verschwimmen und der schönste Ort der Welt ein Balkon in einer Plattenbausiedlung sein kann.

Eine verdreckte Singlewohnung am Morgen. Ein nicht mehr ganz junger Mann namens Robert (David Thornton) wacht auf und macht erst mal das Fenster zu, denn von draußen lärmen die Sirenen. Es ist eigentlich schon klar, wo wir uns befinden: in New York, der pulsierenden, schillernden Stadt, aus der die Träume sind...doch halt - Robert geht mit seiner Bad-Hair-Day-Frisur auf die Straße, es stöckeln keine Sex-and-the-City-Girls über den Gehweg und die Häuserwände hat man/frau auch schon farbiger gesehen.

Es ist das graue New York des Alltags, das hier gezeigt wird, und mittendrin nicht etwa der Selfmade-Man sondern der Loser Robert, ein seit Jahren nicht mehr musizierender Musiker, ein wahrhaft verhärmter und depressiver Trunkenbold. Als er seine Wohnung nicht ganz freiwillig verlassen muss, hilft ihm der Möbelpacker Branko (Branislav Trifunovic), ein junger Serbe, der ihm ein lukratives Angebot macht: Robert solle nach Belgrad reisen, dort seine Freundin heiraten und mit ihr gemeinsam nach Amerika kommen. Eine andere Chance haben die zwei Lieben nicht.

Die nächste graue und triste Gegend, ein Wohnblock, irgendwo in der serbischen Hauptstadt. Robert wird von seiner zukünftigen formalen Ehefrau bei Brankos Mutter (Mirjana Karanovic) einquartiert, die liebevolle und fürsorgliche Olga, die ihre Fürsorge aber leider an niemanden zu richten weiß als an ihre kümmerlichen Balkonpflanzen, zu denen sie singt und spricht. Derweil bekommt ihr Sohn Branko allerdings Probleme mit Kleinkriminellen in New York und die geplante Scheinehe steht auf der Kippe.

Obgleich tausende Kilometer voneinander entfernt, gelingt es dem Regisseur Darko Lungulov die Bilder so aneinander zu reihen, dass visuell beinahe die Grenzen verschwimmen zwischen diesen beiden Städten, die nur scheinbar nicht unterschiedlicher sein könnten. Hier die Weltstadt, da der ehemalige Kriegsschauplatz, hier die herausgeputzten Reichen, da die in Belgrad "überlebenden" und nicht "lebenden" Zurückgebliebenen, denn wer kann, der geht oder ist schon längst gegangen. Aber warum überhaupt "hier" und "dort" – könnte oder sollte man den Spieß nicht einmal umdrehen?

Darko Lungolov unternimmt genau diesen Versuch, indem er sich nicht den Klischees hingibt (zugegeben, bei dem cholerischen Bruder der Braut kann er es doch nicht ganz lassen), eben nicht in ein Klagelied auf Belgrad und in ein Loblied auf New York einstimmt, sondern beide Städte zu einer homogenen grauen urbanen Masse vereint. Einzig und allein dem individuellen Glück und Unglück wird hier Bedeutung beigemessen, und das versteckt sich manchmal auch auf einem Balkon, in einem heruntergekommenen Wohnblock, mitten in - irgendwo.

Die Aktualität des Films, der durch die 2010 erfolgte Abschaffung der Visa-Pflicht serbischer StaatsbürgerInnen für die EU eine neue Dimension erhält, kommt "here and there" unverhofft zugute. Der Öffnung der Grenzen folgte ein kleiner Exodus zehntausender SerbInnen, MontenegrinerInnen und MazedonierInnen gen Westen, Rückkehr ungewiss. Denn nun bleibt es den jungen Menschen nicht mehr vergönnt, neue Erfahrungen und reale Eindrücke über die Welt da draußen zu sammeln, über den Westen, der dem Vergleich mit der Fernsehröhre wohl nur selten Stand halten kann.

AVIVA-Tipp: Selten, viel zu selten kann man solch offene Zweifel an dem "richtigen" Wohnort erfahren, wie sie der Regisseur und Drehbuchautor Darko Lungolov, selbst ein Heimkehrer in die alte Heimat Serbien, mit viel ästhetischem Feingefühl und der brillanten Auswahl der SchauspielerInnen beschreibt. Er stellt somit eine sehr berechtigte Frage an hoffentlich genau das richtige, nämlich vollzählige Publikum.

Zum Regisseur: Darko Lungolov wurde 1991 in Belgrad, Serbien, geboren. 1991 emigrierte er nach New York und absolvierte ein Studium an der City College NY. 2003 ging er zurück in die Heimat. Sein erster Film "Escape" bekam große Aufmerksamkeit auf verschiedenen Filmfestivals. Auch "Here and there" war ein Publikumserfolg bei bisherigen Präsentationen auf Festivals und erhielt Preise etwa für die "Beste Schauspielerin" und "Besten Schauspieler".


Here and There
USA, Serbien, Deutschland 2009
Regie und Drehbuch: Darko Lungolov
Darstellerinnen: David Thornton, Mirjana Karanovic, Cyndi Lauper, Branislav Trifunovic u.a.
Spielzeit: 80 Minuten
FSK: Ohne
www. hereandtherethemovie.com

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Kultur Beitrag vom 21.04.2010 Kristina Tencic 

   




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