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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.04.2010

Min Dit - Die Kinder von Divarbakir. Ein Film von Miraz Bezar
Nadja Grintzewitsch

Das Langfilmdebüt des Regisseurs beleuchtet das Leben zweier Straßenkinder vor dem Hintergrund des türkisch-kurdischen Bürgerkrieges. Es setzt sich mit einem gesellschaftlich hochbrisanten Thema...



...auseinander und gewann auf internationalen Filmfestspielen bereits mehrere Preise, unter anderem die Hamburger "Elfe" und den Sonderpreis der Jury in Antalya. Auf dem 15. Filmfestival Türkei/Deutschland 2010 in Nürnberg wurde der Film gleich zweimal ausgezeichnet: Hauptdarstellerin Þenay Orak erhielt den Förderpreis der Jury, "Min Dît – Die Kinder von Diyarbakir" gewann den Publikumspreis.

Gulîstan (Þenay Orak) und ihr kleiner Bruder Firat (Muhammed Al) leben mit ihren Eltern in Diyarbakir, in Südostanatolien. Zuhause sprechen sie kurdisch, in der Schule müssen sie türkisch lernen. Die Familie ist auf dem Rückweg von einer Hochzeit, als ihr Auto von türkischen Paramilitärs angehalten wird. Ohne jede Erklärung werden die Eltern vor den Augen der Kinder erschossen. Zurück bleiben Gulîstan und Firat, erstarrt, traumatisiert, und ihre wenige Monate alte Schwester, die in den Armen der toten Mutter zu schreien beginnt.

Die politisch aktive Tante Yekbun (Berîvan Eminoðlu), bei der die Geschwister zunächst unterkommen, verschwindet eines Tages spurlos. Auf sich allein gestellt, lernt die zehnjährige Gulîstan langsam, sich und ihren Bruder zu ernähren und das Baby richtig zu versorgen. Doch die Rechnungen für Wasser und Strom kann sie nicht bezahlen, nach und nach wird alles abgestellt. Stück für Stück verkaufen die Geschwister alle Habseligkeiten, die Betten, den Fernseher: Lebensmittel sind wichtiger.

Es sind Szenen, die ohne viel Sprache auskommen. Gulîstans verzweifelter Blick in den immer leerer werdenden Kühlschrank, wie sie in der ausgeräumten Wohnung barfuss das schreiende Baby hin und her trägt, um es zu beruhigen. Immer schwächer und apathischer wird es, bis es schließlich keinen Ton mehr von sich gibt.

Letzten Endes hat der Vermieter keine Nachsicht mehr mit den Waisenkindern. Er setzt sie mitsamt dem kümmerlichen Restbesitz vor die Tür. Die einzigen Gegenstände, die die Geschwister mit auf die Straße retten, sind eine Decke und eine Märchenkassette mit der Stimme ihrer Mutter. Doch Gulîstan und Firat sind nicht die einzigen minderjährigen Obdachlosen in der Umgebung.

Leben auf der Straße

Sie sind RamschverkäuferInnen, ObsthändlerInnen und TaschendiebInnen, die Kinder von Diyarbakir. Sie leben in verlassenen Ruinen, finden sich in Gemeinschaften zusammen und handeln nach eigenen Moralvorstellungen. So auch Zelal, Anführerin einer Bande von Jungen und Mädchen, die in den Straßen der Stadt Taschentücher, Feuerzeuge und anderen Kleinkram verkauft - nur keine Hehlerware, denn das bringe bloß Ärger, erklärt sie den Neuankömmlingen.
Firat findet sich schnell in der neuen Umgebung zurecht. Nur Gulîstan kann sich nicht an die Situation gewöhnen und erinnert mit ihren Taschentuchpäckchen, die sie an den Mann bzw. die Frau zu bringen versucht, ein wenig an das kleine Mädchen mit den Streichhölzern. Nur dass es statt Minustemperaturen die Kälte der Menschen ist, welche sie erfrieren lässt. Þenay Orak spielt diese Rolle, als wäre es ihre eigene, lässt einer/m mit ihrem dunklen, verzweifelten Blick Schauder über den Rücken laufen.

Schließlich trifft Gulîstan in den Straßen Diyarbakirs den Mörder ihrer Eltern wieder, dessen Gesicht sie nie vergessen hat. Es liegt nun in ihrer Hand, ob sie die Möglichkeit nutzt, blutig Rache zu nehmen – oder ob sie eine Möglichkeit findet, den Täter für alle Zeiten zu brandmarken, wie in dem Märchen vom Wolf mit der Glocke auf der Kassette.

Es ist vor allem die Detailgenauigkeit bestimmter Szenen, die frappiert. Die türkischen Schulbücher, welche die Geschwister vor der Haustür zurücklassen müssen, sind liebevoll in Garfield-Papier eingeschlagen: Erinnerung an eine heile Familienwelt, die in Scherben zerbrochen ist. Wenn Gulîstan auf der Straße Taschentücher darbietet, sieht man die unfreundlichen PassantInnen aus ihrer Perspektive, sie werden als gesichtslose Individuen dargestellt.

Regisseur Miraz Bezar wurde 1971 in Ankara geboren und studierte Regie an der Berliner Film- und Fernsehakademie. Für sein Langfilmdebüt "Min Dît" zog er für drei Jahre nach Diyarbakir, um sich inspirieren zu lassen und geeignete SchauspielerInnen zu finden. "Nicht etwa der Ausnahmezustand bestimmt das Straßenbild in Diyarbakir," beschreibt der Deutschkurde. "Es ist eine Stadt, in der sich die Menschen einen Alltag geschaffen haben, der ihre Narben und Traumata außen vor lässt. Für viele von ihnen ist es scheinbar zur Normalität geworden, mit den Folgen politischer Gewalt zu leben." Vor allem die Kinder würden ihre gegenwärtige Situation als auswegsloses Chaos ohne Chance auf Entwicklung erleben.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten. Miraz Bazir traf sich für seine Recherche mit MitarbeiterInnen von Menschenrechtsvereinen und Stadtteilinitiativen, bis er einer 20-jährigen Frau vorgestellt wurde, die ihm ihre bewegende Lebensgeschichte erzählte. Aus dieser Erzählung entstand schließlich das Drehbuch. Auch die Kinder sind durchweg LaiendarstellerInnen, die in sozial schwachen Stadtteilen gecastet wurden. Sie spielten sich selbst und trugen maßgeblich dazu bei, den Film authentisch zu gestalten: Das Drehbuch, ursprünglich auf Türkisch verfasst, ließ Miraz Bezar in die kurdische Sprache übersetzen. "Das Resultat war sehr weit von jenem Kurdisch entfernt, das die Kinder auf der Straße sprachen," erklärt der Regisseur. Durch Improvisation hätten die Kinder dann zu ihrer eigenen Ausdrucksform gefunden.

AVIVA-Tipp: "Min Dît – Die Kinder von Diyarbakir" spiegelt die Lebensrealität der kurdischen Gesellschaft wider, die von Diskriminierung und Ausgrenzung geprägt ist. Das Werk ist nicht nur ein Film, sondern ein Politikum. Während des kurdisch-türkischen Bürgerkrieges verschwanden über 18.000 regimekritische Menschen spurlos oder wurden von paramilitärischen Truppen ermordet, bis 1991 waren kurdischsprachige Medien verboten.

Min Dît - Die Kinder von Diyarbakir
Türkei, Deutschland 2009
Buch und Regie: Miraz Bezar
DarstellerInnen: Þenay Orak, Muhammed Al, Hakan Karsak, Suzan Ýlir, Berîvan Ayaz
Verleih: mîtosfilm
Dolby Digital und OmU (kurdisch und türkisch mit dt. Untertiteln)
Lauflänge: 102 Minuten
Kinostart: 22. April 2010

Weitere Infos im Netz unter:
www.mitosfilm.com
www.min-dit.com

Kultur Beitrag vom 23.04.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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